Читать книгу Be still - Katie Weber - Страница 15
Cage
ОглавлениеTränen voller Wut und Verzweiflung liefen über meine Wangen, etwas, was ich bisher nicht von mir kannte. Trotzdem war ich in diesem Augenblick nicht stark genug, um sie aufzuhalten und zu stoppen. Es ging einfach nicht, zu sehr wühlte mich das alles auf.
Ich verstand immer noch nichts, die Welt stand urplötzlich kopf und ich wusste nicht mehr, wo oben und unten war, wusste nicht mehr, was ich denken oder fühlen sollte. Einerseits war es die unfassbar große Wut auf Alexis, wie sie mir und auch Josie das antun konnte. Und dennoch waren da auch Gefühle, die ich nicht einordnen konnte, da ich mich darüber freute, dass es ausgerechnet Josie, dieser kleine, blonde Engel war, die meine Tochter sein sollte.
Ich mochte sie. Ich mochte sie vom ersten Moment an, ohne zu wissen, warum ich das tat. Normalerweise war ich nie so offensiv bei fremden Kindern, doch Josie machte es mir von Beginn an leicht, mit ihr umzugehen und sie in mein Herz zu schließen.
Sie war ... perfekt.
Sie war ein Engel, süß und irgendwie auch quirlig und frech. Doch genau das mochte ich an ihr. Sie erinnerte mich stark an Alexis. Und wenn ich ehrlich war, auch ein wenig an mich selbst.
Ihre Art war bezaubernd und mir war klar, dass sie mit Leichtigkeit alle Menschen um sich herum um ihren kleinen Finger wickeln würde. Doch so wie ich gesehen hatte, nutzte sie dies nicht aus. Auch wenn sie erst vier Jahre alt war, wusste sie, was sie durfte, was erlaubt war und was nicht. Alexis hatte sie offensichtlich auch ohne mich ganz gut erzogen. Das machte mich zwar stolz, aber auch unglaublich wütend.
Dabei wusste ich bis eben nicht mal, dass ich überhaupt Kinder wollte. Dass ich mich tatsächlich darüber freuen könnte zu wissen, dass es da jemanden gab, der zu mir gehörte, dem ich ein Vater sein durfte.
Scheiße nochmal, diese ganzen widersprüchlichen Gefühle verwirrten mich total.
Vor einigen Minuten war ich noch sicher gewesen, kein guter Dad sein zu können. Nicht jetzt, nicht in meiner jetzigen Situation. Ich hatte mich nicht bereit gefühlt und hatte auch sicherlich nicht gerade viele Gedanken daran verschwendet, weil ich ebenso sicher war, so schnell nicht die Gelegenheit dazu zu finden, es auszuprobieren und diesen Schritt zu wagen. Denn es gab einfach niemanden in meinem Leben, mit dem ich diesen Weg gerne gegangen wäre. Niemand aus meiner Gegenwart zumindest.
Doch mit Alexis ... Wenn es eine Frau in meinem Leben, aus meiner Vergangenheit gab, mit der ich mir so etwas überhaupt hätte jemals vorstellen können, dann war das mit ihr. Und jetzt war ausgerechnet sie diejenige, die mich belogen und mir all das genommen hatte – meine eigene Tochter.
Verflucht!
Wieso bloß hatte sie all die Jahre nichts gesagt? Wie konnte sie das alles nur geheim halten? Wer wusste überhaupt davon und was hatte sie ihren eigenen Eltern darüber erzählt? War ihnen bewusst, dass ausgerechnet ich Josies Vater war, oder hatten auch sie keine Ahnung davon?
Millionen von Fragen durchfuhren meinen Schädel und blieben in einer Art Kreisverkehr stecken. Ich schaffte es nicht, meinen Kopf auch nur eine Minute auszuschalten und zur Ruhe zu kommen, zu sehr beschäftigte mich das alles.
Zwar war ich aus Alexis‘ Wohnung geflüchtet, war gegangen und hatte sowohl meine Tochter als auch ihre Mutter alleingelassen, jedoch kam ich nicht weit. Unweit ihres Hauses blieb ich stehen, sank zu Boden und seitdem saß ich hier, konnte mich nicht vor- und nicht mehr zurückbewegen. Ich wusste nicht einmal, wohin ich überhaupt gehen sollte. Denn bevor ich nicht selbst mit all dem klar kam und die meisten Fragen beantwortet waren, konnte ich es niemandem erzählen. Ich wollte es nicht, es sollte niemand davon wissen, solange ich selbst noch nicht wusste, was ich nun tun sollte.
Allein saß ich hier in der Nähe des kleinen Sees, der an den Wald angrenzte, in der Hoffnung, meine Gedanken und Gefühle würden sich irgendwann ein wenig ordnen und sortieren, damit ich endlich wusste, was zu tun war. Ich wusste nicht, wie lange ich hier schon saß, wusste nicht, wie spät es war oder ob jemand bereits nach mir suchte, denn mein Handy hatte ich vorhin sowieso im Wagen liegen gelassen, wollte nicht gestört werden.
Ich verstand das alles nicht.
Was für einen Grund hatte Alexis mir meine Tochter wegzunehmen? Und vor allem und was mir persönlich sogar noch wichtiger war: Was hatte sie meiner Tochter erzählt, wo ihr Vater all die Jahre war und warum er nicht bei ihnen sein konnte? Hatte sie Josie erzählt, ich hätte die beiden verlassen? Oder wäre gar tot? Wie konnte sie ihre Tochter überhaupt darüber anlügen und was für eine Ausrede hatte sie ihr bloß erzählt?
Ich würde ihr niemals verzeihen, hätte sie Josie Märchengeschichten über ihren Vater – über mich – erzählt, die so gar nicht stimmten und mich in ein schlechtes Licht rückten. Nein, das würde ich ihr niemals verzeihen!
Doch wenn ich ehrlich war, wirkte Josie bisher nicht so, als würde sie schlecht über ihren Vater denken. Doch vielleicht bildete ich mir das alles nur ein.
»Cage!«, ertönte eine mir mittlerweile bekannte Kinderstimme und ich zuckte unweigerlich zusammen.
Das konnte nicht sein, das durfte jetzt bitte nicht passieren. Ich war noch lange nicht dazu bereit, Josie wieder vor die Augen zu treten, ich konnte es nicht, würde es nicht schaffen. Und doch hatte ich keine andere Wahl. Weglaufen war für mich keine Option, denn Josie sollte nicht sehen, wie ich sie verließ, wie ich sie einfach stehenließ und ging, daher blieb ich sitzen und wischte mir hektisch die Tränen aus dem Gesicht, schluckte meine Wut auf Alexis für einen Augenblick runter und machte mich darauf gefasst, meiner Tochter in die himmelblauen, wunderschönen Augen zu sehen und ihr ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern.
Verwundert kam Josie neben mir zum Stehen und hatte eine kleine Decke in ihren Händen, die sie mir entgegenhielt. »Mommy sagt, es ist schon kalt geworden«, erklärte sie mit einem kleinen Lächeln auf ihren Lippen, doch das Einzige, was mein Kopf mir in diesem Moment sagte, als ich den blonden Engel ansah, war, dass sie meine Tochter war, mein Kind, mein Leben.
»Was machst du hier?« Neugierig und gleichzeitig besorgt sahen mich ihre blauen Kulleraugen an und ich hörte, wie jemand bei uns beiden in der Nähe stehenblieb, sich jedoch nicht zu uns traute. Ich wusste, es war Alexis und ich war froh darüber, dass sie Josie und mir diese wenigen Minuten allein gab, dass sie sich nicht einmischte.
»Ich ... Ich wollte nur ein bisschen frische Luft schnappen«, sagte ich leise und versuchte zu lächeln, wollte meine Tochter nicht beunruhigen.
»Geht es dir denn nicht gut?«, klang sie nun doch besorgt und setzte sich in ihrem schönen Kleidchen einfach neben mich auf die Wiese. Verwöhnt war meine Kleine offensichtlich nicht.
»Doch, doch, es ist alles gut. Ich brauchte nur ein bisschen frische Luft.« Ich pikste sie leicht grinsend in die Seite, damit sie nicht das Gefühl hatte, dass es mir schlecht ging, und Josie kicherte leise.
Vorsichtig schlug ich die kleine Decke auf, die sie mir mitgebracht hatte und legte sie sorgsam um uns beide herum, denn erst jetzt bemerkte ich, dass es tatsächlich mittlerweile relativ abgekühlt war. Wie es schien, war ich tatsächlich länger hier draußen, als ich dachte und was ich ebenfalls erst jetzt bemerkte, war, dass Alexis offenbar ganz genau gewusst hatte, wohin mich meine Füße nach meiner Flucht tragen würden. Denn dieser Platz hier an dem kleinen See war schon immer etwas Besonderes für mich. Sie wusste das und erinnerte sich scheinbar noch sehr gut daran. Anders konnte ich mir nicht erklären, dass sie und Josie mich so schnell hier gefunden hatten.
»Mommy macht mir später mein Lieblingsessen«, prahlte die kleine Prinzessin stolz, grinste über das ganze Gesicht und ich wusste, was sie mir damit sagen wollte. »Möchtest du wieder mit uns essen? Mommy macht für uns bestimmt genug Nudeln.« Sie strahlte regelrecht und ich musste unweigerlich lachen.
»Pasta? Dein Lieblingsessen ist also Pasta, ja?«, fragte ich die Kleine ungläubig, konnte es immer noch nicht fassen, wie viel sie doch eigentlich von mir hatte. Zuerst die Sache mit dem Nutella und jetzt auch noch das.
Nickend grinste Josie mich an und drehte sich dann nach hinten, schaute ihre Mutter flehend an. »Darf Cage mit uns essen, Mommy? Bitte!« Es war seltsam, dass sie mich Cage nannte, jetzt, da ich wusste, dass sie meine Tochter war, doch sicher wäre es noch seltsamer gewesen, wenn sie mich Dad genannt hätte. Außerdem wusste Josie noch gar nichts von all dem. Und wenn ich ehrlich war, ich hatte absolut keine Ahnung, wie man einem Kind sagen sollte, dass ihr Vater urplötzlich wieder da war, dass es ihn tatsächlich gab und dass er für sie da sein wollte, ab sofort und ... Na ja, für immer.
»Natürlich darf er das«, hörte ich Alexis leise schluchzen. Auch wenn ich wusste, sie versuchte tapfer zu bleiben und Josie nichts von ihrem Gefühlschaos zu zeigen, konnte sie es vor mir nicht geheim halten. Und doch schaffte ich es nicht, mich umzudrehen und ihr in die Augen zu sehen. Der Schmerz saß tief. Die Wut war übergroß. Und daher wollte ich nichts riskieren, wollte Josie gegenüber nichts Falsches sagen, wenn ich Alexis ins Gesicht sehen würde.
Sie war die Mutter meiner Tochter, ja. Doch genau aus diesem Grund war es so unfassbar für mich, wie sie Josie und mir das alles antun konnte.
»Siehst du, du darfst!« Josie grinste mich an, freute sich offenbar darüber, dass ich heute Abend bei ihnen bleiben würde. Ich war heilfroh, dass die Kleine mich so gerne mochte und bei mir sein wollte. Etwas anderes hätte ich schlicht nicht ertragen, ich hätte Alexis zur Hölle gewünscht, wenn meine Tochter mich hassen oder meiden würde. Doch das tat sie nicht. Gott sei Dank tat Josie das nicht. Ganz im Gegenteil sogar. Sie hörte auf mich, vertraute mir bisher und das machte mich zugegeben schrecklich glücklich.
»Gut, dann machen wir das doch so«, begann ich leise, atmete tief durch und sah meine Tochter lächelnd an. »Ich fahre jetzt nochmal schnell zu mir nach Hause, ziehe mich um und dann komme ich später noch einmal zu euch und wir essen zusammen Pasta. Was hältst du davon?«
»Okay«, willigte der blonde Engel sofort ein und lachte.
Das Umziehen war eigentlich nur ein winziger Vorwand, um noch einmal etwas Abstand zu den beiden zu bekommen. Nicht, dass ich mich von meiner Tochter fernhalten wollte, aber ... Ich brauchte noch ein paar Minuten Zeit allein, denn ich hatte das alles immer noch nicht so recht begriffen. Auch wenn ich mich längst ein bisschen als Josies Vater fühlte. Ich wusste, ich konnte und durfte nicht so agieren, zumindest nicht so offensichtlich, denn Josie wusste von all dem nichts und ich wollte sie damit keinesfalls vor den Kopf stoßen, musste erst einmal mit Alexis über alles reden, musste meine Fragen beantwortet bekommen und mit ihr letztendlich eine Lösung finden, wie es jetzt weitergehen sollte. Denn auch wenn ich plötzlich Vater einer vierjährigen Tochter war und ich mich keineswegs dafür bereit fühlte, diese Rolle einzunehmen und auszufüllen, so wollte und würde ich Josie niemals im Stich lassen, ich würde sie nicht mehr verlassen, würde ihr nicht mehr von der Seite weichen und mein Bestes geben, ein würdiger und guter Dad zu sein, egal, wie unwirklich und surreal das alles noch für mich war.
Es war dennoch Tatsache und Fakt: Ich war Vater einer vierjährigen Tochter. Und auch wenn ich nicht wusste, wie ich das schaffen sollte und meine berufliche Situation aktuell nicht gerade die Beste war, so würde ich trotzdem nicht vor dieser Verantwortung davonlaufen und durfte keinesfalls versagen.
Entschlossen und mit diesen Gedanken stand ich langsam vom kalten Boden auf, nahm Josies kleine Hand in meine und hob sie hoch, damit sie sich nicht erkältete. Die Decke nahm ich in die andere Hand und sah meine Kleine musternd an. Sie war tatsächlich das Ebenbild von Alexis und mir. Unverkennbar gehörte sie zu uns und daher war ich mir sogar sicher, dass ein Vaterschaftstest unnötig war. Doch leider hatte ich keine Ahnung, ob es rechtlich aus irgendwelchen Gründen sein musste, um irgendetwas zu beweisen und Josie dann auch offiziell als meine Tochter anzuerkennen. Darüber musste ich mich unbedingt noch erkundigen. Doch in diesem Augenblick genoss ich tatsächlich die Nähe meiner kleinen Tochter, die Wärme ihrer winzig, kleinen Hand in meiner und ihr zuckersüßes Lächeln.
»Cage, ich bin mir nicht sicher, ob du jetzt wirklich fahren solltest«, durchbrach plötzlich Alexis‘ schrecklich leise Stimme den Moment und ich spürte sofort, wie die Wut erneut in mir hochkroch.
Mit zusammengepressten Lippen und leichtem Hass in meinem Blick sah ich zu der Mutter meiner Tochter, die krampfhaft versuchte ihre Tränen im Zaum zu halten und nicht erneut loszuweinen. Ich sah ihr an, dass sie sich unheimlich schämte, dass sie es bereute und dass es ihr leidtat. Doch das milderte meine Wut keinesfalls. Viel zu tief saß der Schmerz, viel zu sehr hatte sie mein Vertrauen missbraucht und gebrochen und ich wusste nicht, wie ich ihr je verzeihen könnte ...
»Keine Sorge, ich werde wiederkommen. Ich halte nämlich mein Wort und hau nicht einfach ab, wenn ...« Die Worte kamen unüberlegt über meine Lippen und ich stoppte sie, bevor ich noch etwas sagte, das meine Tochter nicht hören sollte.
»Das weiß ich, Cage«, wisperte Alexis reumütig, brachte mich damit allerdings fast aus der Fassung.
»Und warum zum Teu– ... Warum Alexis? Ich will von dir einen guten Grund dafür wissen. Nur einen Einzigen, einen, der das alles entschuldigt, hörst du«, flüsterte ich in ihre Richtung, damit Josie uns nicht hörte.
Alexis schluchzte leise. »Ich meinte doch nur damit, dass ich nicht will, dass du jetzt in diesem Zustand Auto fährst, Cage! Das ist gefährlich und ...«
»Sag du mir nicht, was ich tun oder lassen soll, Alexis! Dafür bist du gerade wirklich in der falschen Position, verdammt! Ich brauche noch ein paar Minuten allein, um damit klarzukommen, um es verstehen zu können. Oder denkst du, es wäre jetzt alles paletti und wunderbar, nur weil ich jetzt weiß, dass ich eine Tochter habe? Wie hast du dir das überhaupt vorgestellt? Wie soll ich mich der Kleinen gegenüber jetzt verhalten und wer bin ich überhaupt für sie?«, sprudelte es leise flüsternd nur so aus mir heraus.
Alexis wischte sich hastig die Tränen aus dem Gesicht und sah mich entschuldigend an. »Es tut mir leid, Cage. Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlen musst und dazu hast du jedes Recht der Welt. Ich weiß, du bist wütend auf mich und das ist okay für mich, denn es war ganz allein meine Schuld, mein Fehler ...«
Fehler? Und warum zum Teufel hatte sie es dann getan, warum hatte sie fünf Jahre lang geschwiegen, wenn es doch ein Fehler war?!
»Mommy, darf ich Cage ein paar von meinen Fruchtbärchis abgeben?«, durchbrach Josies Stimme meine Gedanken und Alexis‘ seltsame Entschuldigung. Noch bevor ihre Mutter antworten konnte, hielt mir die Kleine stolz lächelnd in ihrer kleinen Hand ein paar rote und grüne Gummibärchen entgegen und meine Wut auf Alexis verpuffte genauso schnell, wie sie gekommen war.
»Danke dir, jetzt werde ich wenigstens nicht verhungern auf dem Heimweg.« Ich grinste, als ich die Gummibärchen an mich nahm und meine Tochter damit nur noch mehr zum Strahlen brachte.
In diesem Moment wusste ich, was auch immer geschehen würde, ich würde alles dafür tun, diesen kleinen Engel zu beschützen und ihr alles bieten zu können, was sie brauchte. Ich würde ihr ein guter Dad sein, ganz egal, was es mich kostete.