Читать книгу Two Moments - Katie Weber - Страница 12
Oakley
ОглавлениеZimt. Das war es, woran Ivory mich immer erinnert hatte. Nicht nur wegen ihrer zimtbraunen Haare, sondern auch, weil sie nach Zimt roch. Schon immer. Und daran schien sich bis heute nichts geändert zu haben, worüber ich ausnahmsweise spürbar erleichtert war.
Mit bedauernder Miene musterte sie mich einige Sekunden, bevor sie wiederholt tief seufzte und die Lippen aufeinanderpresste. »Ich muss jetzt leider wirklich weiterarbeiten.« Ivy deutete zu den Gästen, die direkt an der großen geschwungenen Theke des Diners saßen und ihr mit dezenten Blicken bedeuteten, dass ihre Gläser leer waren und Ivy diese nachfüllen solle.
Alte Säufer! Den ganzen verdammten Tag lang machten sie doch ohnehin nichts anderes, als zu trinken. Und wenn sie damit erst einmal fertig waren und sich schwankend und torkelnd auf den Weg nach Hause machten, um ihr trauriges Leben und ihre ebenso traurige Ehe weiterzuleben, fühlten sie sich zumindest ein Stück weit besser. Größer. Stärker. Nur dass sie nichts davon waren.
Heuchler, meldete sich eine dunkle Stimme in meinem Kopf und ließ mich fast erschrocken zusammenzucken. Du bist doch längst kein bisschen besser, Kadett.
Traurigerweise stimmte es. Ich war nicht besser als diese Männer. Auch ich tat momentan alles dafür, um mein Leben, meine Realität, auszublenden und verdrängen zu können. Auch ich trank hin und wieder etwas zu viel. Ganz besonders dann, wenn ich mal wieder nicht schlafen konnte. Oder es nicht wollte. Aus Angst vor Albträumen, die so grausam und düster waren, dass ich mich regelmäßig schweißgebadet nach dem Erwachen übergeben musste. Albträume, die vielleicht gar keine waren, sondern nur eine vergangene Realität und bewusst verdrängte Erinnerungen spiegelten.
Dr. Warren, der auf Veteranen spezialisierte Psychologe der US-Army, sagte einmal zu mir, dass mein Geist mir ganz bewusst diese Erinnerungen an jenen Tag vorenthielt. Quasi wie ein Schutzmechanismus, um mich vor dem zu bewahren, was ich in meiner jetzigen Verfassung nicht imstande wäre auszuhalten. Zwar konnte ich mich an die meisten Begebenheiten bei diesem Einsatz mit meinen Kameraden noch erinnern, doch mein Gedächtnis wies einige Lücken auf, wenn es um gewisse Details und die genaue Abfolge des Ereignisses ging.
Ich wusste zum Beispiel nicht mehr genau, wieso nicht ich im vorderen Wagen gesessen hatte, der die erste Sprengfalle passierte. Denn normalerweise war es mein Team, mein Einsatzfahrzeug, mit dem ich regelmäßig unterwegs war. Doch anscheinend nicht an diesem Tag oder zu dieser bestimmten Zeit. Ich saß im dritten Wagen der Kolonne und hätte damit die perfekte Aussicht auf das ganze Unglück haben müssen. Doch auch diese expliziten Bilder schien mein Gedächtnis mit Absicht unter Verschluss zu halten. Ich erinnerte mich nicht mehr daran, wie es passierte – nur, dass es passierte. Und schon gar nicht erinnerte ich mich daran, wie ich meine gefallenen, aber teilweise auch schwer verletzten Kameraden, die damals längst zu meinen Freunden zählten, aus den brennenden Resten des Wracks gezogen und, so gut es ging, erste Hilfe und Beistand geleistet hatte.
Schnaubend schüttelte ich meine finsteren Gedanken ab und sah wieder in den mir altbekannten und wohlvertrauten grünblauen Fichtenwald, den ich in Ivorys Augen wiedererkannte und der mir so etwas wie Sicherheit und Wärme gab – ein Gefühl von ... Heimat.
»Kein Problem«, sagte ich dennoch kaltschnäuzig. Vermutlich, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass sie mich mit all den zermarternden Fragen in meinem Kopf einfach hier sitzen lassen wollte. Und dann auch noch allein mit einer ganzen Flasche Tequila. »Dann werde ich hier so lange sitzen und trinken, bis du endlich Zeit oder Feierabend hast. Und dann reden wir weiter.« Ich setzte mir ein gespieltes Lächeln auf, das wahrscheinlich mehr einer Grimasse glich. Doch Ivy störte sich nicht daran.
Stattdessen schnaubte sie ebenfalls und stemmte plötzlich die Hände in die Hüften. »Wenn du so lange trinkst, bis ich Feierabend habe, wirst du nicht mehr reden können, fürchte ich.«
Immerhin war sie noch immer so schlagfertig wie früher einmal. Zumindest, wenn ich es mal geschafft hatte, sie aus ihrem Schneckenhaus zu locken, und sie dazu provozierte, mir Paroli zu bieten. Ich wusste nämlich, sie konnte es, wenn sie wollte. Und, verflucht, sie wollte es damals wirklich häufig. Vermutlich vor allem deswegen, weil ich manchmal eine ziemlich große Fresse hatte und ebenso nicht selten über die Stränge geschlagen hatte. Oder einfach nur ein pubertäres Arschloch war – egal, ob ihr gegenüber oder Violet, meiner kleinen Schwester.
Mit einem spöttischen und diesmal echten Lächeln sah ich zu ihr auf. »Ich vertrage einiges, Kleines. Was glaubst du, macht man so den ganzen beschissen langen Tag in der Wüste, wenn man nichts zu tun hat und nur auf einen Einsatz wartet?«
Sie riss entgeistert die Augen auf. »Ihr habt dort Alkohol trinken dürfen, wenn ihr nicht im Einsatz wart?«
Mein Lächeln wurde automatisch eine Spur breiter. »Von dürfen war nicht die Rede.«
Mit gerunzelter Stirn und skeptischem Blick starrte sie mir entgegen. »Und woher hattet ihr dann den Stoff?«
»Von den Einheimischen abgekauft.« Ich zuckte mit den Schultern. »Selbst gebrannter teurer Fusel, von dem wir nie genau wussten, ob er uns auf der Stelle killte oder nur ins Koma beförderte. Beides nahmen wir gerne in Kauf, nur um der Langeweile zu entfliehen, die uns die Köpfe sprengte.« Und das war absolut die Wahrheit. Denn so sehr sich die meisten von uns darauf gefreut hatten und wahrlich stolz darauf waren, im Ausland stationiert zu sein und echte, teilweise knifflige Einsätze machen zu dürfen, so sehr unterschied sich unsere Wunschvorstellung von der Realität. Denn im Grunde bestand die meiste Zeit vor Ort aus Warten. Tage- und nächtelanges zermürbendes, ermüdendes Warten, das dich durchdrehen und verrückt werden ließ. Wir hatten nicht viele Möglichkeiten, um dem entkommen. Und eine davon war definitiv der Alkohol, von dem unsere Offiziere natürlich wussten und es trotz strengstem Verbot zuließen. Sie wussten, es gab für uns sonst kaum Alternativen, um uns zu beschäftigen.
Ivys Blick bohrte sich intensiv und tief in mich hinein, bevor ich das erste Glas Tequila hinunterstürzte, als wäre es Wasser. Die Zitronenscheiben, die sie ebenfalls an meinen Tisch gebracht hatte, schob ich beiseite. So etwas brauchte ich heutzutage nicht mehr. Das waren ohnehin nur Albernheiten aus vergangenen Zeiten.
Auch wenn ich mir einbildete, dass sie besorgt aussah, hoben sich Ivys Mundwinkel auf einmal zu einem wunderschönen Lächeln, das ich vermutlich genauso sehr vermisst hatte wie ihren unverkennbaren Duft nach Zimt. »Ich bin wirklich froh, dass du wieder da bist, Oak«, sagte sie erneut und etwas in mir erfüllte mich mit spürbarer Spannung wie nach einem leichten und schmerzfreien Stromschlag. »Auch wenn du mir schon immer den allerletzten Nerv geraubt hast – genau wie jetzt wieder.« Ihre Augen begannen ein klein wenig zu leuchten – ein bisschen so wie früher, als wir uns neckten. Und ein bisschen fühlte es sich für mich an wie ... nach Hause kommen.
Ich hatte keine Ahnung, wie spät es bereits war oder ob sich meine Eltern vielleicht längst Sorgen um mich machten, da ich vorhin ohne jedes Wort und ohne eine Benachrichtigung abgehauen war und mich seitdem auch nicht mehr bei ihnen gemeldet hatte. Womöglich hatten sie Angst, dass nun auch ihr Erstgeborener vom Erdboden verschluckt wurde. Vielleicht wäre das sogar besser für sie. Jedenfalls besser, als ihre Tochter, ihr kleines Küken, zu verlieren.
Ich hätte sowieso eigentlich längst tot sein müssen. Genau wie meine Freunde, die ich nur noch im genagelten Sarg zurück in unser Land, unsere Heimat, geleiten durfte. Ich hätte jetzt in einem dieser Särge liegen müssen, nicht sie. Doch stattdessen saß ich jetzt hier – in Tammys Diner in Wood Lake. Als wäre ich nie weg gewesen. Als hätte es die letzten Jahre nie gegeben. Als wäre die Welt um mich herum stehen geblieben oder die Erde hätte aufgehört, sich zu drehen.
Ich spürte die dunklen Gedanken, wie sie wieder einmal aus meinem tiefsten Inneren heraufkrochen, mich mit ihren eiskalten Klauen gefangen hielten, und wusste im selben Moment, dass ich zu viel getrunken hatte. Der Alkohol brannte angenehm und leicht schmerzvoll in meiner Kehle und gab mir ein Gefühl der Macht. Macht über meinen eigenen Körper, die niemand nach einer dreiviertel Flasche Tequila eigentlich verspüren sollte. Zumal sich meine Zunge längst so schwer anfühlte wie mein Kopf bereits den ganzen Tag. Dennoch schenkte ich mir ein weiteres Glas ein, als ich Ivys sorgenvollen, beinahe wütenden Blick aus der Ferne auffing.
Sie kassierte gerade an einem der Tische ab, die sich am anderen Ende des Diners befanden, doch sie ließ mich dabei keine Sekunde aus den Augen. Wie bereits den gesamten Abend schon. Hin und wieder rauschte sie kurz vorbei, um mich tadelnd anzusehen und mich zu fragen, ob ich denn nicht endlich genug habe und nach Hause gehen wolle. Doch ich hatte weder das eine, noch wollte ich das andere. Zumindest nicht, wenn sie mir weiterhin aus dem Weg ging, statt mit mir über Violet zu reden.
Was zum Teufel war bloß bei den beiden geschehen, dass meine Schwester kurz darauf spurlos verschwunden war und Ivy nicht einmal mehr an Violet denken wollte, geschweige denn bei der Suche nach meiner Schwester bereit war zu helfen? Ich zerbrach mir schon seit Stunden das Hirn darüber, doch ich fand keine plausible und schon gar keine sinnvolle Antwort darauf.
»Geh nach Hause, Oak«, hörte ich Ivory wiederholt sagen. Es war eine Bitte, die, ihrem Blick nach zu urteilen, genauso gut auch ein Befehl meines Offiziers hätte sein können.
»Ich gehe erst, wenn du mir ein paar Fragen zu Violet beantwortest oder versprichst, mir bei der Suche nach ihr zu helfen«, blieb ich hartnäckig und starrte sie herausfordernd an. Sofern es mir überhaupt gelang mit dem vielen Alkohol im Blut, welches dazu beitrug, dass ich langsam, aber sicher verschwommen sah.
»Ich kann dir nichts beantworten«, betete sie auch jetzt wieder wie eine Predigt herunter. »Ich weiß nicht, wo deine Schwester steckt oder wo sie sein könnte. Ich habe keine Ahnung, ob sie nur verschwunden oder abgehauen ist. Denn ich kannte Violet schlicht und ergreifend nicht mehr. Ich weiß also nicht, was in letzter Zeit bei ihr vorgefallen sein könnte oder ob sie jemanden kennengelernt hat, mit dem sie durchgebrannt ist ... Ich weiß es einfach nicht. Okay?« Verzweiflung schwang in ihrer Stimme.
Doch damit konnte ich mich in diesem Moment nicht befassen, denn ihre Worte trafen mich plötzlich wie ein Blitz und ich setzte mich ruckartig kerzengerade auf. »Mit jemandem durchgebrannt?«, wiederholte ich entsetzt. Verdammt, auf diesen Gedanken war ich selbst noch gar nicht gekommen.
Was, wenn Ivy recht hatte und meine kleine Schwester einfach nur aus freien Stücken mit jemandem zusammen abgehauen war? Um ein besseres, ein neues Leben anzufangen – irgendwo, wo es schöner war als hier. Denn für Violet war schließlich so gut wie jeder andere Ort schöner als Wood Lake. Sie wollte schon immer von hier fort, um eines Tages ihre Träume verwirklichen zu können, eine der begehrtesten Designerinnen des Landes zu werden. Was, wenn sie es jetzt einfach gewagt hatte? Doch würde sie wirklich ohne auch nur ein Wort oder wenigstens einen Abschiedsbrief, eine kurze Erklärung an Mom und Dad – oder wenigstens an mich – verschwinden? Früher hätte ich diese Frage ganz klar verneint. Doch jetzt?
Ich wusste es nicht. Anscheinend genauso wie Ivy hatte ich keine verfluchte Ahnung, wo Violet abgeblieben sein könnte oder ob es ihr gut ging – oder ob sie überhaupt noch am Leben war. Ich hatte keine Ahnung von ihrem Leben, seitdem ich bei der Army war, hatte nur selten mit ihr gesprochen. Und seit mehr als einem Jahr hatte ich auch nicht mehr danach gefragt, hatte mich nicht dafür interessiert, was es bei ihr Neues gab. Denn hätte ich das getan, hätte ich jetzt gewusst, was zwischen Violet und Ivory geschehen war.
»Meine Schicht ist in zehn Minuten zu Ende, dann fahre ich dich nach Hause«, sagte Ivy im selben Moment, als meine Gedanken wieder in einen unendlich finsteren Pfad abbiegen wollten. »Gib mir deine Autoschlüssel.« Auffordernd hielt sie die Hand auf und sah mich erwartungsvoll an.
»Du willst mich mit meinem eigenen Wagen nach Hause bringen?«, scherzte ich witzlos und mit mittlerweile bleierner Zunge. »Du weißt, nur ich kann das Biest bezwingen. Niemand sonst darf sich hinter das Lenkrad dieses hübschen Mädchens setzen.«
Ivys Augen funkelten für einen winzigen, kurzen Moment voller Schalk auf. »Dann hast du anscheinend vergessen, dass ich dieses Biest in der Vergangenheit schon einmal bezwungen habe.« Ihre Lippen verzogen sich zu einem zarten, verspielten Lächeln und zogen damit meinen Blick an.
Einige Sekunden starrte ich wie hypnotisiert auf Ivys schönen Mund und erinnerte mich in der Tat auf einmal an die Nacht von damals, in der sie, als erstes und letztes Mädchen, die Erlaubnis bekommen hatte, meinen Wagen fahren zu dürfen. Und genau wie jetzt und heute hatte ich auch damals schrecklich Mühe, der Versuchung zu widerstehen, diese einladenden und feuchten Lippen zu küssen.