Читать книгу Two Moments - Katie Weber - Страница 7
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Oakley
Es dauerte ein paar Tage, bis ich vollständig begriffen hatte, was in der Zeit in meiner Heimat und auch in meiner eigenen Familie geschehen war, während ich tausende Kilometer entfernt in einem fremden Land für die dort lebenden Menschen gekämpft hatte. Violet, meine kleine Schwester, war verschwunden. Von jetzt auf gleich war sie eines Tages weg und meine Eltern hatten es mir über Monate hinweg verschwiegen. Wäre ich nicht verwundet worden, wüsste ich vermutlich bis heute nicht, dass Violet fort war.
Vielleicht war es am Ende also doch so etwas wie Glück, dass ich vorzeitig entlassen worden war und nach Hause zurückkehren durfte. Vielleicht war es mein Schicksal, meine verdammte Aufgabe und Pflicht, nach meiner Schwester zu suchen, wenn es schon niemand anderes tat. Und vielleicht war das der einzige Grund, warum ausgerechnet ich noch am Leben war statt einer meiner Kameraden, die zusammen mit mir an diesem Tag bei diesem Einsatz gewesen waren. Doch das waren Fragen, über die ich in diesem Moment und in meiner Verfassung vermutlich besser nicht nachdenken sollte.
Mir war durchaus bewusst, welchen Ruf Veteranen hatten, die gerade frisch aus dem Kriegsgebiet zurück in ihre Heimat kehrten. Es war mir bewusst, weil auch ich zu denjenigen gehörte, die seit dem Tag ihres Unfalls Albträume und finstere Gedanken hatten. Ich konnte nichts dagegen tun. Sie waren einfach da. Die meiste Zeit des Tages verbrachte ich daher nur damit, sie beiseitezuschieben und zu verdrängen. Immer und immer wieder. Ob das jemals aufhören würde ...? Ich bezweifelte es.
Ich musste etwas tun. Ich konnte unmöglich hier in meinem alten Jugendzimmer sitzen und stundenlang an die Wand starren, während niemand wusste, wo meine kleine Schwester war. Ich konnte es nicht, weil ich dann mit meinen dunklen Gedanken allein wäre. Und zu was sie mich treiben könnten, das war es wohl, wovor ich am meisten Angst hatte.
Kurz entschlossen schnappte ich mir den Schlüssel zu meinem alten Pick-up, den ich mir damals noch während der Highschool so mühsam zusammengespart hatte und der noch immer in Dads Garage stand, als hätte er die letzten zwei Jahre nur darauf gewartet, dass ich wieder zu ihm zurückkam. Zwar hatte ich keinen blassen Schimmer, wohin ich fahren sollte, doch das war ohnehin erst einmal egal. Ich wollte einfach nur weg. Raus aus diesem Haus, in dem meine Eltern ihr Leben weiterlebten, als hätte es Violet nie gegeben und als hätten sie jede Hoffnung bereits vor Monaten verloren, sie jemals wiedersehen zu können. Ich ertrug es nicht länger.
Eine Weile fuhr ich planlos durch die Straßen meiner Heimat, in der ich früher unfassbar glücklich gewesen war. Ein zufriedener Junge, dessen Welt noch intakt und heil war. Ein Junge, der zwar oft und viel Blödsinn im Kopf hatte, doch trotzdem – oder vielleicht auch gerade deswegen – verdammt gerne zur Schule gegangen war. Die örtliche Highschool lag nur wenige Minuten mit dem Schulbus entfernt von unserem Haus, es gab ein kleines Kino mitten im Zentrum und sogar einen wunderschönen See, nach dem die Stadt benannt war und zu dem meine Freunde und ich damals im Sommer ständig gefahren waren, um uns die Mädchen aus unserem Jahrgang in Bikinis anzusehen und mit ihnen dort abends auch hin und wieder eine heimliche Party zu feiern.
Es war eine verflucht gute Zeit. Eine Zeit, von der nach nur knapp drei Jahren nichts mehr übrig schien. Weder hatte ich noch Kontakt zu meinen ehemaligen Freunden, noch erwartete mich hier irgendein Mädchen, das ich damals, als ich zur Armee gegangen war, zurückgelassen hatte. Die unbeschwerte, tolle Zeit war an dem Tag vorbei, an dem die Highschool für mich endete, in der Nacht nach dem Abschlussball, den ich vor langer Zeit bereits verdrängt hatte.
In der Ferne erkannte ich ein mir noch bekanntes Schild, das zu einem ziemlich alten und zeitweise auch heruntergekommenen Diner gehörte. Eines, in dem ich mich mit meinen damaligen Freunden häufiger einmal aufgehalten hatte, wenn alles andere in dieser Kleinstadt längst geschlossen war. Oder einfach nur, um an Alkohol heranzukommen. Denn weder die Besitzerin Tammy noch einer ihrer desinteressierten und unmotivierten Kellner hatte uns jemals nach unserem Ausweis gefragt. Zumal es ohnehin für jeden ersichtlich war, dass wir noch nicht einundzwanzig waren. Es hatte niemanden gekümmert. Uns am allerwenigsten.
Mit den Gedanken in der Vergangenheit schweifend bog ich von der Hauptstraße ab und hielt auf dem kleinen Parkplatz, der zum Diner gehörte. Keine Ahnung, weshalb ich ausgerechnet hier hielt. Ich hätte so viele Möglichkeiten gehabt, irgendwo hinzugehen und nach Violet zu suchen. Oder einfach nur einen klaren Kopf zu bekommen. Doch stattdessen landete ich jetzt hier.
Ich stieg aus und seufzte leise. Diese Spelunke sah von außen noch immer genauso aus wie früher. Und als ich nur einen Moment später das alte Diner betrat, fühlte es sich sogar genauso an wie gestern, als ich nach Hause kam. Als hätte sich nichts verändert und als wäre die Zeit, in der ich nicht hier gewesen war, einfach stehen geblieben.
Dieselben Tische, dieselben Stühle, sogar dieselben Menschen wie noch zu meinen Highschoolzeiten saßen an der Bar und tranken bereits am frühen Mittag ihr alltägliches Bier. Es roch penetrant nach altem Fett, Grillfleisch und in den Augen beißenden Zwiebeln – genau wie früher. Und hinter der Theke stand natürlich wie immer ...
Ich erstarrte einen kurzen Augenblick, als ich erkannte, dass es nicht Tammy war – die alte leicht grantige Dame, der dieser Laden gehörte. Stattdessen blickte ich auf eine schmale und zierliche Silhouette mit fein säuberlicher Schürze, die um einen viel zu jungen Nacken geschnürt war.
Das konnte tatsächlich niemals Tammy sein. Und das bedeutete, dass ich falschlag. Es hatte sich hier offensichtlich doch etwas verändert. Ganz gravierend sogar, wenn ich die lüsternen Blicke der alten Typen, die der jungen Kellnerin an der Theke gegenübersaßen und ihren Hintern abcheckten, richtig deutete.
Mein Mundwinkel zuckte von ganz allein, als ich nähertrat, um mir das arme Mädchen genauer anzusehen, das hier vermutlich für einen Hungerlohn arbeiten musste. Doch je näher ich kam, desto unsicherer wurde ich. Denn obwohl sie noch immer den Kopf gesenkt hielt, den Blick anscheinend konzentriert auf eine der aus der Kasse ausgespuckten Quittungen, sodass ich ihr Gesicht leider nicht erkennen konnte, reagierte mein Körper plötzlich mit Herzrasen.
Unkontrolliert schlug es immer schneller und mir beinahe bis zum Hals, als ich direkt neben einem der alten Männer vor der Theke stehen blieb und meinen Kopf schief legte, weil ich dachte, die junge Frau so besser erkennen zu können. Tat ich jedoch nicht. Stattdessen fiel mein Blick auf ihre hübschen, einladenden Lippen und auf das winzige Muttermal, das oberhalb ihres linken Mundwinkels zu erkennen war.
Mein Herz geriet ins Straucheln, als die Erkenntnis wie ein Blitz meine Gedanken durchzuckte und mich wissen ließ, wem ich hier gerade gegenüberstand. Ich wusste es, weil ich mich erinnerte. An dieses Muttermal, diese Lippen und an sie ...
»Ivy«, stolperte es überrascht aus meinem Mund.
Sie hob erschrocken den Kopf und sah zu mir auf. Ihr Blick wirkte zunächst irritiert. Bis sie mich offensichtlich erkannte und ihre Augen entsetzt und verwundert aufriss. »Oakley?«
In meinem Inneren grinste ich vor Freude, ein mir bekanntes Gesicht zu sehen – ganz besonders ihr Gesicht. Doch nach außen nickte ich nur stumm, versuchte gar nicht erst zu lächeln. Denn ich wusste, es würde mir nicht gelingen. Das tat es schon eine ganze Weile nicht mehr – seit diesem einen Tag in Afghanistan, an dem ich meine Freunde und Kameraden verloren hatte.
»Ich bin wieder zurück«, sagte ich stattdessen nur ausdruckslos und schämte mich dafür, dass sie mich in dieser Verfassung sah – zerstreut und vollkommen verzweifelt.
Ivys Augen waren noch immer vor Ungläubigkeit geweitet und ihre Lippen öffneten sich einen kleinen Spalt. Ich hörte sie leise und tief einatmen, bevor sie mich von oben bis unten einmal intensiv und prüfend musterte. Als würde sie mich nach etwas absuchen. Oder sichergehen wollen, dass ich gerade tatsächlich vor ihr stand. Lebendig und an einem Stück.
»Seit wann?«, fragte sie fast erstickt, als ihr Blick wieder meinen traf und ich bemerkte, dass sie einige Sekunden lang die Luft angehalten haben musste.
»Seit gestern«, erwiderte ich trocken und runzelte die Stirn. »Haben meine Eltern es nicht deinen gesagt? Oder ... dir?«
Sie schüttelte den Kopf, noch sichtlich unter Schock. »Ich hatte keine Ahnung, dass du überhaupt wieder zurückkommen würdest«, sagte sie hart schluckend und nestelte verunsichert mit den Fingern an ihrer Kellnerschürze.
Ivory Banks sah noch immer genau so aus, wie ich sie in Erinnerung hatte – und gleichzeitig vollkommen anders. Verändert. Älter. Und ihre Augen, die mich schon immer seltsamerweise an die für unsere Heimat so typischen Nadelbäume erinnerten – an grünblaue Fichten –, wirkten matt und glanzlos. Ganz im Gegensatz zu früher, als sie permanent mit den Sternen am Nachthimmel um die Wette funkelten und so viel Schalk und Stärke ausstrahlten, dass ich gar nicht anders konnte, als mich fasziniert und voller Bewunderung in ihnen zu verlieren.