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Ivory


Großer Gott, ich konnte nicht glauben, dass er gerade tatsächlich hier war. Wieder zurück, zurück in Wood Lake, dieser gottverdammten Kleinstadt an der Grenze von Iowa zu Wisconsin, wo es doch nichts gab außer Natur, erdrückende Existenzängste, Alkohol und verflucht viel Einsamkeit. Eine Mischung, die jährlich zu nicht allzu überraschend vielen Suiziden führte. Es gab hier absolut nichts, wofür es sich zu bleiben lohnte. Schon gar nichts, das jemanden dazu verleitete, wieder hierher zurückzukehren. Vor allem, wenn er vorher die halbe Welt bereist hatte und über zwei Jahre lang in Afghanistan stationiert gewesen war.

Oakley nach einer solch langen Zeit wieder vor mir stehen zu sehen entriss mir den Boden unter den Füßen. Mein Kopf drohte von den viel zu vielen umherschwirrenden Gedanken zu explodieren, während mein Herz mir am liebsten aus der Brust gesprungen wäre – geradewegs in Oakleys schützenden Hände. Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte es nicht mehr so schnell und pochend geschlagen, stets von einem letzten Funken Hoffnung zusammengehalten und davor bewahrt, endgültig auseinanderzubrechen.

Ich hatte nicht damit gerechnet, Oakley jemals wiederzusehen. Nicht nur, weil ich für ihn keinen Grund sah, wieder zurück nach Wood Lake zurückzukehren. Vor allem hatte ich jeden verdammten Tag Angst vor dieser einen Nachricht. Der einen Nachricht, die Familien zerstörte und alles unwiderruflich veränderte. Der einen Nachricht, von der ich mir beinahe sicher war, sie eines Tages hören oder lesen zu müssen. Der einen Nachricht, die mich innerlich nicht nur zerrissen, sondern vermutlich umgebracht hätte. Der einen Nachricht, die niemals kam.

Und jetzt war er hier. Zurück. Und auf den ersten Blick sogar völlig unversehrt.

Glühend heiße Tränen schossen mir in die Augen, als mir bewusst wurde, dass er sich in Sicherheit befand und ihm nichts geschehen war. Dass ich ihn wiedersehen durfte. Wenigstens ein letztes Mal, um ihm endlich zu sagen, dass ...

»Möchtest du etwas bestellen?«, murmelte ich, meine eigenen Gedanken unterbrechend, leicht außer Atem und senkte den Blick auf den kleinen Bestellblock, der vor mir auf der Theke lag. Ich wollte nicht, dass er sah, wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Er sollte nicht erkennen, was seine Wiederkehr für mich bedeutete und was sie in mir auslöste. Ich wollte ihn damit nicht überfordern. Und vielleicht wollte ich mich und mein Herz damit auch ein klein wenig schützen.

Oakley wirkte für einen Moment etwas irritiert, antworte zunächst nicht. Dafür spürte ich seinen Blick deutlich auf meiner Haut brennen. So wie früher schon häufig, wenn wir uns in einem Raum befanden und Violet, seine kleine Schwester und meine ehemalige beste Freundin, nicht in der Nähe war. Diese Zeiten schienen schon eine Ewigkeit her zu sein. Dabei wusste ich, es lagen eigentlich nur wenige Jahre dazwischen – und doch ein gefühlt ganzes Leben.

»Nein, danke«, erwiderte Oakley nach einer Weile, hörbar verwirrt. »Ich bin nur ein bisschen in der Gegend herumgefahren und dachte, ich schaue hier mal vorbei. Ich wusste nicht, dass du hier arbeitest«, sagte er und klang dabei beinahe entschuldigend.

Ich sah zu ihm auf, die heißen Tränen mühsam und schmerzvoll hinunterschluckend. »Woher auch?« Meine Frage klang härter, als sie sollte. Hörbar verbittert und verletzt. Dabei konnte er schließlich nichts dafür, dass ich mich in diesem Moment so fühlte, wie ich mich fühlte – völlig durcheinander und überfordert.

Oakley legte den Kopf leicht schief und musterte mich eingehend. »Na ja, im Normalfall hätte ich es vermutlich von Violet erfahren, aber ...« Er brach mitten im Satz ab, und ich ahnte, weshalb.

»Violet hätte dir rein gar nichts über mich erzählt, also keine Sorge. Du hast nichts verpasst«, antwortete ich leise schnaubend, während ich meine Gefühle, den Schmerz und gleichzeitig die befreiende Erleichterung, zu ignorieren und in den Griff zu bekommen versuchte.

»Wie meinst du das?«, fragte Oakley, noch verwirrter als zuvor. Er legte seine Stirn in leichte Falten, genau so, wie er es früher immer getan hatte, wenn er Mühe hatte, meinen wirren Gedanken zu folgen.

»Ich meine damit, dass deine Schwester und ich schon seit über einem Jahr nicht mehr miteinander gesprochen haben«, klärte ich ihn, möglicherweise ein wenig zu distanziert, darüber auf und hoffte, er verstand, was ich damit meinte, und stellte keine weiteren Fragen. Zumindest nicht zu Violet und mir. Denn das war ein Thema, über das ich nicht gerne sprach. Mit niemandem.

Doch seine Augenbrauen hoben sich überrascht, verständnislos, und zerschlugen meine Hoffnung, das Thema schnellstmöglich wieder begraben zu können. »Was soll das heißen ...?«

Verdammt! Er schien absolut keine Ahnung davon zu haben, was zwischen seiner Schwester und mir passiert war. Als hätte ihm niemand etwas darüber gesagt. Weder Violet damals, als sie noch hier gewesen war, noch seine Eltern. Vielleicht, weil keiner von ihnen es für relevant hielt. Zumindest nicht für ihn in seiner damaligen Situation mitten in einem Kriegsgebiet.

»Soll heißen, wir waren schon lange keine Freundinnen mehr«, erwiderte ich mit einer unbeabsichtigten Gleichgültigkeit, die selbst mich frösteln ließ. Dabei war mir weder Violet noch unsere Freundschaft gleichgültig. Doch es half mir, besser mit der Situation klarzukommen. Vor allem jetzt, nachdem sie spurlos verschwunden war.

Oakleys Augen weiteten sich fassungslos, als er mich voller Entsetzen ansah. »Was ist passiert? Ich meine ... zwischen euch.«

Tief seufzend bemühte ich mich, zu lächeln, auch wenn ich wusste, es würde mir nicht sonderlich gelingen. »Ich freue mich, dass du wieder da bist, Oak. Ehrlich ...«, sagte ich anschließend und schnappte mir demonstrativ den feuchten Lappen, mit dem ich die Tische abwischte. »Ich muss aber leider weiterarbeiten. Tammy ist da nicht unbedingt nachsichtig bei solchen Sachen. Schon gar nicht, wenn ich während der Schicht privat mit irgendjemandem quatsche. Tut mir leid.« Ich wollte mich gerade umdrehen und schnellstmöglich das Weite suchen – oder zumindest so viel Abstand wie nur möglich zwischen uns bringen. Doch Oakley hatte offensichtlich andere Pläne.

Mir den Weg abschneidend stellte er sich zwischen mich und den schmalen Gang, der mich zum Nebenraum des Diners führte, wo nicht nur ein alter Billardtisch stand, den vor allem die Gäste am Abend oder an den Wochenenden gerne nutzten, sondern auch ganz klischeehaft eine Dartscheibe an der Wand hing. Bei beiden hatte Oakley vor Jahren schon einen Rekord aufgestellt, den bis heute niemand in der Stadt hatte brechen können. Sein Name stand daher noch immer an erster Stelle auf der Tafel und hatte mich jeden verdammten Tag daran erinnert, dass er fort war.

»Ivy.« Oakleys Blick bohrte sich tief und schmerzerfüllt in mein Innerstes, während mein Herz beim Klang meines Namens aus seinem Mund regelrecht ins Stolpern geriet. »Ich hab es erst gestern nach meiner Rückkehr erfahren«, sagte er leise und ohne jede weitere Erklärung. Trotzdem – oder vielleicht auch gerade deswegen – wusste ich sofort, was er damit meinte. Seine Augen verrieten es, sein Blick – so verzweifelt und hilflos.

Ich konnte ihn nicht wegschicken oder ihm aus dem Weg gehen. Es war unmöglich. Ganz egal, welche Qual es für mich bedeutete. »Setz dich da drüben an den freien Tisch«, sagte ich deswegen, abermals tief seufzend, und deutete an einen der Plätze im hintersten Eck des Diners, wo er ungestört sein konnte. Ohne die neugierigen Blicke der anderen Gäste, die ihn bereits grimmig, aber interessiert musterten. »Ich bringe dir eine Flasche Tequila.«

Oakley nickte und folgte meiner Bitte, ohne zu protestieren und ohne jeglichen Kommentar.

Als ich kurz darauf an seinem Tisch ankam, die versprochene Flasche Tequila und ein kurzes Shotglas samt Zitronenscheiben in den Händen, starrte er wie paralysiert auf seine auf dem Tisch verschränkten Hände.

»Danke«, sagte er knapp, als er aus seinen Gedanken erwachte und registrierte, wie ich das kurze Shotglas mit dem Alkohol befüllte und die Flasche anschließend neben ihm abstellte. Mit flehendem Blick sah er zu mir auf. »Du hattest nicht zufällig doch noch Kontakt zu Violet, bevor sie verschwand, oder? Ich meine, trotz eurer Differenzen oder wegen was auch immer ihr euch gestritten habt.«

Differenzen oder Streit? Himmel, Oakley hatte ja keine Ahnung, was zwischen seiner Schwester und mir wirklich vorgefallen war. Doch wie sollte er auch? Als er damals nach seinem Highschoolabschluss zur Army ging und Violet und in gewisser Weise auch mich zurückließ, waren wir noch die besten Freundinnen, selten einen Tag voneinander getrennt und schon gar nicht zerstritten. Unsere Welt schien in Ordnung damals. Nein, sie schien nicht nur so, sie war es auch. Ganz im Gegensatz zu heute. Doch wenn ich mir Oakley jetzt so ansah, dann hatte ich das Gefühl, dass es nicht nur Violet und mir so erging ...

»Ich kann dir bei dieser Sache wirklich nicht weiterhelfen. Tut mir wirklich leid, Oak.« Mit zittrigen Händen strich ich mir die Schürze glatt, die mich beim Bedienen der Gäste vor Schmutz oder Flecken durch die Getränke und Speisen schützen sollte. Allerdings schützte sie mich in diesem Moment leider nicht vor Oakleys durchdringendem Blick, der regelrecht ein Loch in mein Innerstes brannte.

»Hör auf, dich ständig zu entschuldigen«, erwiderte er gröber als vermutlich geplant. »Es sei denn ... du weißt etwas über meine Schwester, das mir – uns allen – dabei helfen könnte, sie zu finden.« Sein glühender Blick bohrte sich immer tiefer in mich hinein und brachte damit meine Selbstsicherheit endgültig ins Straucheln.

Ich hatte schreckliche Mühe, stark zu bleiben und mir nichts von all dem Gefühlschaos, das seit seinem plötzlichen Auftauchen in meinem Inneren wie ein Wirbelsturm tobte, anmerken zu lassen. »Wie ich schon sagte«, krächzte ich mit halb gebrochener Stimme und schluckte leer. »Wir waren keine Freunde mehr, als Violet verschwand. Ich hab also absolut keinen Schimmer, wo deine Schwester abgeblieben sein könnte.« Und das entsprach leider sogar der vollen Wahrheit.

»Abgeblieben?« Oakley runzelte die Stirn. »Das klingt beinahe so, als würdest du glauben, sie wäre von allein verschwunden. Abgehauen oder so.«

»Es ist egal, was ich glaube«, erwiderte ich schulterzuckend und mit entschuldigendem Blick.

Er schüttelte den Kopf. »Für mich ist es das nicht. Mich interessiert durchaus, was du glaubst und was nicht. Denn ich bin nach wie vor sicher, dass du der Mensch bist, der Violet trotz allem am besten kannte. Du kannst sie besser einschätzen als die anderen. Besser sogar als ich.«

Erneut seufzte ich schwer und versuchte seinem intensiven Blick standzuhalten und nicht wie eine Marionette, deren Fäden man durchgeschnitten hatte, einzuknicken. »Und dennoch kann ich dir nicht helfen.«

»Kannst oder willst du nicht?«, forderte Oakley jetzt meine schwachen Nerven heraus.

Ich schwieg. Denn das war leichter, als ihm alles erklären zu müssen. Und leichter, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Wäre es anders, würde ich zusammenbrechen. Hier und jetzt, direkt vor seinen Augen und vor all den anderen Gästen, die uns nach wie vor neugierige Blicke zuwarfen. Und das war etwas, das ich auf keinen Fall geschehen lassen durfte.

»Was zur Hölle ist zwischen euch vorgefallen?«, fragte er plötzlich schrecklich leise. Als hätte er diesen Gedanken gar nicht aussprechen wollen.

Dennoch antwortete ich diesmal: »Zu viel. Reicht das als Antwort?«

Oakley starrte mich abschätzend und skeptisch an, bevor seine Mundwinkel überraschend, aber kurz zuckten. »So leicht schüttelst du mich nicht ab. Das solltest du wissen.«

Und ob ich das wusste. Ich erinnerte mich nur zu gut an den alten Oakley von damals, der nie mit etwas zufrieden war, bis er das bekam, was er wollte. Hartnäckig wie ein Rotweinfleck auf weißen Polstern und stur wie ein Esel, der oftmals viel zu sehr von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt war. Doch häufig eben auch vollkommen zu Recht.

Two Moments

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