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Kapitel 4

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Elijah

Es gibt viele Sachen, in denen ich wirklich schlecht bin – allen voran in sozialer Interaktion. Aber die Uni? An der Uni kann ich glänzen.

Ein tiefes Gefühl von Ruhe erfüllt mich, als ich den Campus am ersten Tag meines Doktoratsstudiums betrete. Es ist gänzlich anders als am ersten Tag meines Grundstudiums, als ich Verbindungsmitgliedern ausweichen musste und Kunststudenten, die mit Kreide Gemälde auf die Wege gemalt haben. Wenn ich damals nicht Theo gehabt hätte, hätte ich vermutlich jede Sekunde der vier Jahre in der Bibliothek verbracht oder mich in meinem Wohnheim versteckt. Das habe ich trotzdem getan, sofern es mir möglich war, aber er hat mich auch wöchentlich in Bars oder zu Campus-Events geschleppt.

Ein trauriger Schmerz flammt in meiner Brust auf. Ich hatte seit der Grundschule noch nie einen ersten Schultag ohne Theo. Er hat mich am ersten Tag der vierten Klasse unter seine Fittiche genommen und mich im Sportunterricht als Badmintonpartner gewählt, als alle anderen schnell Teams gebildet hatten und ich zurückblieb und mich wie der Außenseiter gefühlt habe, der ich immer zu sein schien. Ich wusste nichts darüber, wie es ist, einen Freund zu haben, aber Theo schien das nicht zu stören. Seit dreizehn Jahren sind wir unzertrennlich. Und jetzt ist er auf der anderen Seite des Landes.

In mir regt sich das Bedürfnis, ihn anzurufen und ihm zu sagen, wie dumm und nostalgisch ich mich fühle, weil ich ein Schuljahr ohne ihn beginne, aber wenn ich mich nicht beeile, werde ich zu spät zu meiner ersten Veranstaltung kommen.

Ich verdränge das Gefühl von Wehmut und eile zu meinem Seminar. Der Seminarraum ist sehr schön, eindeutig gut finanziert und es befinden sich gemütliche Stühle, großzügige Tische und ein hochmodernes Whiteboard vorne im Raum. Ich bin immer hin und her gerissen, ob ich mir einen Platz ganz vorne suchen soll, um den besten Blick zu haben und nicht abgelenkt zu werden, oder ob ich mich weiter nach hinten setzen soll, wo mich niemand bemerkt. Einen Moment lang verweile ich hinten und mein Magen rumort nervös, während ich meine Optionen abwäge.

»Ich mag deinen Blazer«, sagt jemand und mein Gesicht erwärmt sich. War das Sarkasmus? Schwer zu sagen. Mein Magen verknotet sich und ich klammere mich mit den Fingern am Riemen meiner Umhängetasche fest. In der sich all meine Lehrbücher und Notizblöcke befinden. »Hier ist noch ein Platz frei, wenn du möchtest«, bietet er mir an und ich schaue endlich in seine Richtung.

Er sieht nicht so aus, wie ich es erwartet habe. Er erinnert mich ein bisschen an Theo, mit seiner zierlichen Statur, blondem Haar, welches zu einem kleinen Irokesen frisiert ist, und einem freundlichen Lächeln auf den Lippen. Er trägt ein Shirt mit Bill Nye darauf, auf dem Science Rules steht. Er sieht aus wie sechzehn und für eine Minute frage ich mich, ob er hier überhaupt richtig ist.

Er deutet auf den leeren Platz neben ihm und ich rücke meine Tasche höher auf meine Schulter, ehe ich mich durch ein paar Stühle schlängle, um zu ihm zu gelangen.

»Hi. Ich bin Alex«, stellt er sich vor und hält mir seine Hand entgegen. Ich wische meine feuchten Handflächen an meiner Hose ab, bevor ich meine Hand ausstrecke, um seine zu schütteln.

»Elijah«, sage ich und lasse mich auf dem freien Platz nieder.

»Ich weiß, was du denkst«, sagt er wohlüberlegt und wirft mir einen ernsten Blick zu. »Und ja, ich bin immer so bezaubernd.«

Ein überraschtes Lachen kommt mir über die Lippen. Jepp, er ist quasi Theo in einem anderen Körper.

»Du Glücklicher«, scherze ich.

»Aber im Ernst, ich bin erst achtzehn. Ich hab die Highschool mit fünfzehn abgeschlossen, dann mein Grundstudium innerhalb von drei Jahren beendet und jetzt bin ich hier.«

»Oh, wow.« Also ist er ein Genie und er hat offensichtliche keine Defizite in sozialen Fähigkeiten oder Selbstbewusstsein. Ich habe von solchen Einhörnern gehört, aber bisher keins in freier Wildbahn gesehen.

»Bist du im Doktorandenprogramm für Luft- und Raumfahrttechnik?«, erkundigt er sich.

»Ja. Raketen«, antworte ich, während ich mir gedanklich selbst eine verpasse. Natürlich Raketen, du Idiot.

»Ich auch. Ich denke, wir werden in den nächsten Jahren viel voneinander sehen.«

»Ja«, stimme ich zu, nicke und zwinge mich zu lächeln. Er lächelt ein paar Sekunden lang zurück und ich frage mich, ob ich noch etwas sagen sollte. Sollte ich vorschlagen, dass wir mal zusammen abhängen sollten? Oder betreibt er einfach nur höfliche Konversation?

Ich werde vom Professor davor bewahrt, das herausfinden zu müssen, als dieser mit dem Seminar beginnt. Alle anderen werden still, um sich umfangreiche Notizen zu machen.

Als die Veranstaltung endet, schlägt Alex vor, dass wir gemeinsam zur nächsten gehen. Offensichtlich ist der Studiengang klein genug, dass alle mit unserem Hauptfach denselben Stundenplan haben. Ich denke, wir werden in den nächsten Jahren wirklich viel miteinander zu tun haben.

Während wir laufen, deutet er auf die Jungs, von denen er glaubt, dass sie süß sind, und erzählt von den Bars und Clubs in der Gegend, die er schon abgecheckt hat, ehe er nahtlos dazu übergeht, einige der Fakten über Strömungsdynamik, die wir heute gelernt haben, und das, was er schon im Lehrbuch darüber gelesen hat, zu analysieren. Letzteres ist natürlich eine Konversation, die ich sehr viel leichter führen kann, und ich entscheide, dass ich mir definitiv vorstellen kann, mich mit Alex anzufreunden. Schau einer an, ich habe offiziell meine Rekordanzahl an Freunden verdoppelt. Theo wäre so stolz auf mich.

Pax

Kaum, dass ich das Hotelzimmer betreten habe, ziehe ich mir die Anzugjacke aus und öffne die oberen paar Knöpfe meines Hemdes. Nachdem ich die Schuhe abgestreift habe, stöhne ich und stecke meine Zehen.

Das Hotelzimmer ist schrecklich austauschbar. Es könnte jedes Hotel in jeder Stadt sein. Ich weiß das, denn ich bin schon fast überall gewesen. Als ich den Job angenommen habe, habe ich mich aufs Reisen gefreut. Ich hab den größten Teil meines Lebens damit verbracht, im Mittleren Westen zu leben und bin zum Studium an die Universität von Illinois gegangen. Die Tatsache, dass dieser Job in Kalifornien war, hat ausgereicht, um mich anzulocken, aber der Gedanke daran, fast jede Woche an neue Orte zu fliegen und mit Leuten zu sprechen, die Multi-Milliarden-Dollar-Unternehmen führen, hat dafür gesorgt, dass ich ihn unbedingt wollte.

Ich liebe es so sehr, wie ich es damals geglaubt habe. Aber das macht diese generischen, langweiligen Hotelzimmer nicht erträglicher. Manchmal hilft es mir, in die nächstgelegene Bar zu gehen oder mir über eine Dating-App Gesellschaft zu suchen. Normalerweise hätte ich einen hübschen Kerl mit dem Gesicht nach unten und dem Arsch in der Höhe auf dem Bett, wodurch die Einrichtung nicht meine oberste Priorität wäre. Aber nicht heute. Heute Abend bin ich allein.

Ich ziehe die Möglichkeit ein paar Sekunden lang in Betracht, ziehe mein Handy hervor und lasse mich aufs Bett fallen. Aber aus irgendeinem Grund ist die Vorstellung weniger ansprechend als sonst. Was merkwürdig ist, denn die halbe Freude meiner wöchentlichen Reisen sind die unterschiedlichen One-Night-Stands in jeder Stadt.

Stattdessen bestelle ich beim Zimmerservice und schalte den Fernseher an, um durch die verschiedenen Filmoptionen zu zappen. Als ich den neuen Star Wars-Film sehe, klicke ich ihn an und nehme mein Handy. Ein Lächeln schleicht sich unwillkürlich auf meine Lippen.

Pax: Lichtschwerter ergeben überhaupt keinen Sinn.

Einstein: Stimmt, das tun sie nicht. Ich glaube, dass die Plasmastrahltheorie wahrscheinlich am realistischsten ist, aber selbst dabei gibt es größere Probleme.

Pax: Was ist mit Laserphotonen?

Einstein: Es wäre so heiß, dass es alle in der Nähe einäschern würde.

Pax: Hmm, da muss wohl jemand George Lucas anrufen und ihn fragen, was er sich gedacht hat.

Einstein: Guter Plan.

Pax: Wow. War das Sarkasmus? Ich wusste nicht, dass du dazu in der Lage bist, kleiner Nerd.

Einstein: War das alles nur ein Vorwand, um mich zu ärgern?

Bei jedem anderen hätte ich das ebenfalls als Witz aufgefasst. Etwas an Elijahs Schüchternheit, als wir uns getroffen haben, sagt mir jedoch, dass er wirklich so unsicher ist, wie die Nachricht klingt.

Pax: Überhaupt nicht, kleiner Nerd. Mir ist einfach langweilig.

Einstein: Oh.

Pax: Was machst du gerade?

Ich schiebe mir ein paar Kissen hinter den Kopf, um es mir bequem zu machen, während die Eröffnungszeilen von Die letzten Jedi im Hintergrund laufen. Ich beobachte die kleinen Punkte, die auf meinem Bildschirm hüpfen und mir anzeigen, dass Elijah am Tippen ist.

Einstein: Hausaufgaben.

Pax: Es ist deine erste Woche, wie kannst du schon Hausaufgaben haben?

Einstein: Dir ist bewusst, dass ich in einem Doktorandenprogramm und nicht in der Middleschool bin, oder?

Pax: Trotzdem. Na ja, besser du als ich.

Einstein: Deine Eltern sagen, dass du gut in der Schule warst. Sie haben immer damit angegeben, dass du an der Uni Bestnoten geschrieben hast.

Meine Finger schweben über dem Display meines Handys, denn seine Worte überraschen mich. Er ist nicht wie die Männer, mit denen ich normalerweise chatte, er kennt mich wirklich. Ein merkwürdiges Gefühl läuft mir über die Haut und ich kann mich nicht entscheiden, ob es angenehm ist oder nicht. Es bringt eine bestimmte Art Sicherheit mit sich, in der Lage zu sein, die Meinung anderer Leute über mich zu beeinflussen, genau die Person zu erschaffen, die ich sie sehen lassen will. Dass Elijah mich kennt, sorgt dafür, dass ich mich merkwürdig entblößt fühle.

Pax: Ich habe die Uni nicht gehasst, aber ich bin mehr als froh, beim Rest meines Lebens angekommen zu sein.

Einstein: Ich weiß noch nicht einmal, was ich machen werde, wenn ich meinen Abschluss habe. Mir wäre es lieber, es würde nie enden, weil das echte Leben beängstigend ist.

Pax: Du wirst irgendein großer, bekannter Raketenwissenschaftler sein, der für die NASA arbeitet.

Einstein: Sei leise, das ist furchteinflößend.

Ich lache leise und tippe eine Antwort, während die nichtssagende Leere des Raumes in den Hintergrund tritt.

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