Читать книгу Die Feuerwehrfrau, ihre Ärztin, deren Mutter und das ganze Dorf - Lo Jakob - Страница 10
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ОглавлениеMaxi schaffte es nicht einmal unter Aufbietung ihres ganzen Willens, sich aufzusetzen. Nicht einmal so langsam wie eine Schnecke und in Zeitlupe. Sie hatte das Gefühl, dass ein Felsbrocken auf ihrer Brust lag und ihr die Luft abschnürte.
So langsam machte sich eine leichte Panik in ihr breit und sie bereute ihre Entscheidung, die Schmerztablette abgelehnt zu haben, die Elli ihr in der Frühe hatte geben wollen. Sie hatte es zwar gestern Nacht selbst mit Ellis Hilfe kaum geschafft, sich auszuziehen, aber die letzten Stunden hatte sie sich gut gefühlt. Der Schmerz war erträglich gewesen. Kein Vergleich zu jetzt. Dazu kam, dass sie wirklich äußerst dringend pinkeln musste.
»Elli«, sagte sie so laut es ging, aber es kam nur ein heiseres Krächzen heraus, das ihre Schwester vermutlich gar nicht erreichen würde, denn wahrscheinlich war sie eine Etage tiefer.
Im Türrahmen tauchte aber tatsächlich eine Gestalt auf. Allerdings nicht ihre Schwester, sondern ihre Mutter. »Schmerztablette?«, fragte sie, als ob es eh klar wäre und sie auf nichts anderes gewartet hätte, als dass ihr ältestes Kind endlich zur Vernunft kam.
Aus lauter Bockigkeit wollte Maxi fast schon ablehnen, der Schmerz war aber zu groß für solch dumme Spielchen. »Zuerst eigentlich Klo, aber ich glaube, das schaff ich nicht ohne«, gab sie also zu, und ihr schmerzverzerrter Gesichtsausdruck musste wohl sämtliche Mutterinstinkte angesprochen haben, denn im Nu hatte sie eine Tablette vor dem Mund und ein Glas Wasser mit Strohhalm in der Hand.
»Kriegst du die so runter?«
Maxi grummelte bejahend und schluckte das Ding kurzerhand. Elli hatte sie gestern Nacht so hoch aufgebettet, dass sie zuversichtlich war, den riesigen Klumpen Schmerztablette ihre Speiseröhre hinunterquetschen zu können, ohne daran zu ersticken.
Ihre Mutter blieb auf der Bettkante sitzen, und gemeinsam warteten sie endlose Minuten. Maxi konnte gar nicht sagen, wie dankbar sie um die Gesellschaft war. Ihre Mutter konnte ebenso wie sie im richtigen Moment schweigen. Das war wunderbar. Sie hielt nur Maxis Hand und schaute sie immer wieder aufmunternd an.
Wer sie nicht kannte, machte immer wieder erstaunte Bemerkungen über ihre Ähnlichkeit. Bei ihrer Mutter überwog zwar so langsam das Grau in den dunklen Locken, und sie war insgesamt eine rundlichere, weichere Version, aber man konnte es nicht leugnen – sie sahen sich verdammt ähnlich. Außerdem hatte Ingrid Maxi mit sechzehn bekommen, der Altersunterschied war wirklich eher wie bei Geschwistern. Ingrid sah sogar mehr aus wie ihre Schwester als Elli. Die kam nach ihrem verstorbenen Vater. Ihr Bruder Robert, das Küken, war hingegen eine perfekte genetische Mischung.
Maxi lenkte sich mit lauter solchen Gedanken ab von den Schmerzen, dem Druck und der dazugehörigen Panik.
Nach gefühlten Ewigkeiten merkte sie, wie alles nachließ – die Schmerzen waren gedämpfter, und sie bekam auch wieder besser Luft. »Ich glaube, jetzt können wir es versuchen.«
Sie wünschte, sie hätte auf die Ärztin gestern Nacht gehört und sie nicht nur angeschmachtet. Jesus, Maria und Josef, war das eine Lehre. Eine sehr schmerzhafte. Sie würde in Zukunft pünktlich wie verordnet das Zeug brav schlucken, auch wenn sie kein Fan von Medikamenten war, deren Beipackzettel einmal um den Äquator reichte.
Ihre Mutter sagte kein Wort, sondern schritt zur Tat. Gemeinsam schafften sie es mit mehreren Anläufen, Maxi einigermaßen schmerzfrei zuerst zum Sitzen am Bettrand zu bringen, und danach war das Aufstehen gar nicht mehr so schwer.
Sie ging so schnell es eben ging zur Toilette – also seeehr langsam. In ihrem Hexenhäuschen gab es glücklicherweise keine großen Strecken zurückzulegen.
Ihre Mutter blieb kommentarlos draußen stehen. Maxi nahm sich fest vor, ihr keinen Anlass zu geben, zu ihrer Rettung ins Klo kommen zu müssen. Wobei es von Minute zu Minute dank der Tablette besser ging. Wieso war sie nur so idiotisch gewesen und hatte Heldin spielen müssen?
Maxi stellte sich Doktor Schnecks Reaktion auf diese Selbsterkenntnis vor. Sie würde vermutlich dieses faszinierende Lächeln auflegen und irgendetwas furchtbar Trockenes dazu sagen.
Warum ging ihr eigentlich diese Ärztin nicht mehr aus dem Kopf? Maxi schob das beiseite und machte sich an die praktischen Dinge des Lebens: auf die Kloschüssel zu kommen.
Sie war noch dabei, sich wieder anzuziehen, da hörte sie die Türklingel, und nur Sekunden später sprach ihre Mutter mit jemandem. »Komm rein. Sie ist auf dem Klo.«
Na toll, würde jetzt auch noch verkündet werden, was sie dort genau tat? Und wem sagte ihre Mutter das eigentlich?
»Immerhin das scheint ja zu funktionieren«, hörte sie Carolina antworten, und ihre Stimmung hellte sich sofort auf. Ihre Ex-Freundin war einer ihrer Lieblingsmenschen.
Elli machte sich ja immer darüber lustig, dass sie mit fast allen ihrer ehemaligen Beziehungen befreundet blieb und sich ihr Freundinnenkreis mehr oder weniger daraus zusammensetzte. Aber Maxi hatte dafür nur ein Schulterzucken übrig. Sie hatte die Frauen eben einfach gut ausgesucht. Grundsätzlich passten also alle zu ihr, nur halt nicht für eine dauerhafte Liebesbeziehung. Sie verstand Menschen nicht, die sich fast ausschließlich in Arschlöcher verliebten – männlich oder weiblich oder alles dazwischen.
Was hatte das denn für einen Sinn? Maxi mochte nette Menschen. In allen Lebenslagen. Auch im Bett. Elli lachte darüber immer nur. Sie war mehr die Art Hete, die auf ›Bad Boys‹ stand. Geheiratet hatte sie dann aber gar keinen Möchtegern-Gangster, sondern das genaue Gegenteil. Gerald war ein braver Finanzbeamter – solider und freundlicher ging gar nicht. Womit für Maxi alles gesagt war.
Ganz langsam schlich sie sich aus dem Klo. Ingrid und Carolina hatten es sich bereits an ihrem kleinen Tischchen gemütlich gemacht und plauderten. Sie kannten sich ja schon lange genug. Ihre Mutter war immer sehr aufgeschlossen gegenüber ihren vielfältigen Bekanntschaften und Freundschaften. Bei der Freiwilligen Feuerwehr war sie auch neulich dabei gewesen. Sehr zur Erheiterung ihrer Kameraden. Wer brachte denn schon seine Mutti zum abendlichen Bier mit? Nach drei Stunden hatte das dann aber keinen mehr gestört. Manchmal nervte sie das fast. Dass ihre Mutter überall so gut ankam. Sie konnte dann einen Funken Eifersucht fast nicht unterdrücken. Es war aber allemal besser als das Gegenteil.
Als sie angeschlichen kam, hörten die beiden auf zu reden und verfolgten gebannt, wie Maxi sich im gesteigerten Schneckentempo wieder zum Bett bewegte. Sie winkte ab, als ihre Mutter aufstehen wollte, um ihr zu helfen. Sie würde es allein schaffen.
»Gibst du jetzt also zu, dass dein Projekt Landleben gescheitert ist?« Carolina war wie immer direkt. Viel zu direkt für Maxis Gemütszustand und ihre gedämpft schmerzende Seite.
Sie antwortete einfach gar nicht und widmete sich vollständig der Aufgabe, wieder ins Bett zu kommen. Langsam und vorsichtig.
»Lass sie. Sie wird schon noch von allein draufkommen. Oder auch nicht.«
Diese Haltung schätzte Maxi so. Dieses Laisser-faire ihrer Mutter. Ihr Vater war eher aufbrausend gewesen, und deshalb waren sie in ihren Teenager-Jahren auch oft aneinandergeraten, aber Ingrid hatte immer ausgeglichen. Jetzt wünschte Maxi sich oft ihren Vater zurück, um mal so einen richtigen Streit vom Zaun zu brechen und sich danach wieder versöhnen zu können.
Carolina riss sie aus ihren abschweifenden Gedanken. Sie lief aufgeregt hin und her, ein echtes Unterfangen in ihrem superkleinen Häuschen und seinen Minizimmern. Wie immer war Carolina übermäßig dramatisch. »Was braucht es denn noch? Reicht ein Pferd nicht aus? Musst du auch noch bei einem echten Brand verletzt werden?«
Maxi sah sie als Antwort einfach an. Hochgezogene Augenbrauen inklusive. Sie musste es nicht aussprechen, Carolina wusste auch so, was sie dachte: Drama Queen. Oft genug hatte sie ihre Freundin schon so betitelt.
Carolinas selbstironisches Lächeln zeigte ihr, dass sie verstanden hatte. Sie legte entsprechend nach: »Oder sonst irgendwas passieren, was einem nur auf dem Land passieren kann?«
Ingrid schnaubte erheitert darüber. Carolinas Vorstellungen vom Landleben waren doch sehr eingeschränkt und kamen wohl großteils aus der Landlust oder Fernsehdokumentationen über die Ausbreitung von Zecken.
Maxi und sie grinsten sich an.
Dann setzte Carolina einen Babyflunsch auf und kullerte übertrieben mit ihren großen, ausdrucksstarken Augen. »Komm einfach wieder zurück«, sagte sie mit Kleinkindstimme.
Süß. Aber Maxi war immun dagegen. Sie konnte sich zwar noch an Zeiten erinnern – in der grauen Vorzeit ihrer Beziehung – zu denen das bei ihr funktioniert hatte wie antrainiert, aber das war lange vorbei. Es schmeichelte ihr trotzdem, dass Carolina zu solchen Mitteln griff, um sie in die Stadt zurückzulocken.
Das hieß aber nicht, dass sie sie nicht provozieren durfte. Und Carolinas eingleisige Denkweise – Stadt cool, Land doof – lud geradezu ein, das zu tun. »Wieso bist du überhaupt hier, wenn es hier so schrecklich ist? Ich bin mir sicher, in zwei, drei Wochen kann ich auch wieder in die Stadt kommen, und wir treffen uns dort. Du sollst ja nicht kontaminiert werden mit zu viel Landleben und Natur.« Maxi klimperte mit ihren Wimpern zurück.
Das trieb Carolina nur zu noch mehr Drama an. Mit wehendem Rock schritt sie in dem kleinen Zimmer des Hexenhäuschens hin und her. Ihre Fülle war nie ein Hinderungsgrund für perfekte Eleganz gewesen. Im Gegenteil. Carolina war die perfekte füllige Burlesque-Tänzerin. Die sie ja auch war. Wenn das Licht aus- und die Bühnenscheinwerfer angingen.
Das hier war wie eine Show. Ein kurzer Blick zu ihrer Mutter bestätigte das. Mit einem süffisanten Lächeln saß sie am Esstisch und besah sich Carolinas ›Auftritt‹.
»Ich will meine alte Freundin einfach wieder direkt vor Ort haben. Ist das zu viel verlangt?« Carolina blieb mit Schwung in einer Drehung verharren und starrte Maxi an. »Und du bist einfach kein Landmädchen. Was willst du überhaupt hier?« Sie machte eine weit ausholende Geste, die alles mit einschloss: das viel zu kleine Hexenhäuschen, in dem Maxi am Dorfrand wohnte, das Dorf an sich und die gesamte unbebaute Landschaft aus Feldern, Wäldern und sanften Hügeln drumherum. In Carolinas Adern floss Asphalt, ihre Knochen waren aus Beton und ihr Gehirn bestand aus der Straßenkarte einer Großstadt. Sie konnte nichts anderes denken und fühlen als Urbanität.
Für Maxis erste dreißig Jahre galt das so ein Stück weit auch, aber je älter sie wurde, desto mehr überwog die Sehnsucht nach Natur, nach dem reduzierten Leben auf dem Dorf. Sie war tatsächlich kein Landmädchen, aber sie konnte doch ein Wurzelweib werden. Oder so was.
Außerdem musste sie ja nicht ihr gesamtes Leben im Dorf verbringen. Sie hatte ein Auto, ein Motorrad, ja sogar ein Fahrrad. Sie war mobil. Die Hälfte der Zeit war sie sowieso nicht hier. Schon aus beruflichen Gründen und weil ihr gesamtes Umfeld sie zurück in die Stadt lockte.
»Ich will hier leben, und ich will hier vor allem schreiben.«
Das hatte sie schon oft als Argument gebracht, aber das machte es ja nicht weniger wahr. Deshalb hielt sie es Carolina wieder entgegen.
Erneut erntete sie nur einen entnervten Stoßseufzer – wie schon so oft. »Du kannst überall schreiben. Das ist doch das Gute daran, Schriftstellerin zu sein.« Carolina tänzelte hin und her.
»Das stimmt nicht. Ich kann eben nicht überall schreiben. Bei mir ist Lärm tödlich. Da fällt mir kein gescheiter Satz ein. In der Stadt ist es mir inzwischen zu laut geworden.«
Und das stimmte auch. Der Verkehrslärm trieb sie zur Verzweiflung. Natürlich hätte sie sich innerhalb der Stadt eine ruhigere Wohnung suchen können, aber das wäre nur ein Kompromiss gewesen.
»Das ist doch Quatsch«, verkündete Carolina voller Inbrunst. Und als ob sie die Unterstützung herbeigezaubert hätte, fing einer ihrer Nachbarn draußen an, mit der Motorsäge sein Holz zu bearbeiten. Oder was auch immer den Motorenlärm verursachte. »Siehst du!«, rief Carolina triumphierend über die Motorsäge hinweg.
»Ich bleibe hier. Fürs Erste. Und damit basta. Und zwar endgültig.«
Mit dieser Aussage verstummte auch die Maschine wieder, und es herrschte kurz verblüffte Stille im Hexenhäuschen.
»Wann musst du wieder zum Arzt?« Ingrid hatte wohl genug von der ewig gleichen Diskussion. Ihre Methode war es, Maxi ihren Willen zu lassen und darauf zu setzen, dass sie schon von allein zur Vernunft kam. Wie bei so vielen ihrer verrückten Ideen, die sie im Laufe der Jahre so an den Tag gelegt hatte.
Mit der Schriftstellerei war das auch so gewesen, nur dass das immer noch nicht vorbei war und vermutlich auch nie vorbei sein würde. Dafür verkauften sich ihre Bücher zu gut.
Aber das hatte Ingrid inzwischen auch eingesehen, nämlich dass Maxi keine wirklich gute Deutschlehrerin geworden wäre. Nach der Lektüre sämtlicher Bände ihrer Krimiserie war sie einer ihrer größten Fans. Sie fieberte auf jede Fortsetzung hin.
»Die Ärztin im Krankenhaus meinte, dass ich mich eigentlich nur auskurieren muss. Die wird das ja wohl am besten wissen.« Ein Bild von Doktor Schneck schoss ihr vors innere Auge. Die kurzen rotbraunen Haare, der schöne Mund, diese Augen, die in sie geblickt hatten, als ob sie Maxi kennen würden wie kaum ein anderer Mensch. Nicht zu vergessen diese Hände, die sie untersucht hatten und die trotz ihrer Zartheit so wissend, so zielsicher, so zupackend waren.
»Aber du musst doch da noch mal hin. Da muss doch eine Nachsorge stattfinden«, sagte Ingrid und sah dabei nachdenklich besorgt aus.
Maxi wollte schon protestieren, aber wenn sie es recht bedachte, wäre so eine Nachsorge bei Doktor Schneck doch genau das, was sie brauchte. Und sei es nur, um zu kontrollieren, dass die Ärztin im Tageslicht betrachtet und ohne Medikamentenhigh nicht so umwerfend aussah, wie Maxi das im Gedächtnis hatte. Denn falls sie in echt so war, wie ihr Erinnerungsvermögen das vorgaukelte, dann hatte Maxi ein Problem am Start. Welche Frau sollte jemals an Doktor Schneck herankommen? Denn mit Sicherheit war eine Frau wie die Ärztin schon seit Jahren in festen Händen, und Maxi könnte nur von Weitem bewundern, was sie nie haben konnte.
Trotzdem. Sie würde es gern wissen.
Es klingelte schon wieder an der Tür des Hexenhäuschens, und Maxi fragte sich, warum sie nicht eine Drehtür hatte einbauen lassen, so wie es hier zuging. Aber es lenkte sie immerhin so lange von Doktor Schneck ab, bis sie zur Nachsorge gehen konnte.