Читать книгу Die Feuerwehrfrau, ihre Ärztin, deren Mutter und das ganze Dorf - Lo Jakob - Страница 6

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Maxi zupfte an der nagelneuen Hose ihrer Feuerwehruniform herum, die leider noch furchtbar steif war. Mehr von der Uniform hatte sie auf die Schnelle nicht geschafft anzuziehen. Das dunkelblaue Standard-T-Shirt mit dem Logo zählte nicht. Die volle Montur war das, was Eindruck machte. Auch wenn das T-Shirt auf unauffällige Art ihren Oberkörper betonte, für dessen Optik sie jeden Abend ihre Klimmzüge und andere nicht gerade leichte Übungen machte. Sie war eitel, was das anging. Das gestand sie sich ein.

Allerdings war es hier draußen am Ortsrand von Weiler so furchtbar Sacknacht, dass es egal gewesen wäre, wenn sie nackt herumgelaufen wäre. Und weil sie schließlich die ausgebüxte Pferdeherde nicht noch mehr aufscheuchen durften, hatte Dieter, ihr Feuerwehrkommandant, die Devise ausgegeben, die Taschenlampen nur im Notfall einzusetzen.

Maxi stolperte also halbblind durch die Pampa und wartete immer noch darauf, dass sich ihre Augen langsam mal anpassten. In der Nähe waren überall ihre Kollegen unterwegs und filzten die Wiesen, Hecken und Wälder nach den verstreuten Tieren ab. Zwanzig Stück waren entkommen, und Maxi befürchtete, dass sie die ganze Nacht unterwegs sein würden, um sie zu finden und zurückzubringen. Von der Hofbesitzerin hatten sie dafür alle ein Halfter bekommen.

Dass sie noch nie einem Pferd so ein Ding übergestülpt hatte, hatte Maxi nicht verraten. Aber das konnte ja wohl kein Hexenwerk sein. Das machte der Mensch schließlich seit Jahrtausenden. Viel schwieriger war es, die Gäule aufzustöbern. Aber auch das machte der Mensch seit Jahrtausenden, wie sie erst neulich in einer Arte-Dokumentation über die Beziehung zwischen Mensch und Pferd gesehen hatte.

Maxi stolperte ein Stück weiter über die unebene Wiese.

Dieter wohnte ganz in der Nähe des Hofes. Er hatte sie alle zusammengetrommelt, als er die ersten Exemplare der Herde in seinem Garten stehen sah, seine Karotten auffressend. Es war Maxi reichlich egal, wer Dieters Wurzelgemüse verspeiste. Aber sie hatte auf ihren ersten Einsatz hingefiebert. Mit ein bisschen Feuer hätte der zwar schon sein dürfen, aber im Grunde taten es auch die Pferde.

Sie brannte darauf, sich zu beweisen. Die skeptischen – und ja, auch höhnischen – Bemerkungen ihrer besten Freundin und ihrer Verwandtschaft hingen ihr noch nach. Dass ausgerechnet sie aufs Land zog und dann auch noch in die Freiwillige Feuerwehr ging. Warum nicht gleich zu den Landfrauen. Die Wetten liefen schon, wann sie ihr Experiment aufgeben und mit eingezogenem Schwanz wieder in die Großstadt zurückkehren würde.

Darauf konnten die alten Unken lange warten. Maxi fühlte sich in Weiler sauwohl. Und wenn die erste Runde Besuche durch war, würden alle, und zwar restlos alle, auch anders darüber denken. Oder wenn sie ihre ersten Heldentaten zu berichten hatte.

Maxi tapste wildentschlossen weiter durch das feuchte Gras. Nur knapp vor sich machte sie eine Hecke aus. Immerhin war sie nicht komplett dämlich hineingestürzt. Als sie sie umrundete und dabei in einer Bodenwelle zum Straucheln kam, sah sie es. Intuitiv wusste sie, trotz stockfinsterer Nacht, dass sie es hatte.

Beinahe.

So gut wie.

Fast.

Eigentlich hörte sie es mehr, als dass sie es sah, aber trotzdem. Das leichte Schnauben, das Mahlen der Zähne beim Grasen, die Hufe im Gras beim langsamen Vorwärtslaufen.

Maxi würde jetzt gleich das Leitpferd einfangen, und dann würden die anderen zwanzig folgen. Oder so ähnlich. In der Theorie. So hatte es die Hofbesitzerin empfohlen.

Sie näherte sich mit ausgestrecktem Arm ganz langsam dem Tier. Es stand direkt hinter der Hecke, und es war purer Zufall, dass sie darauf gestoßen war. Bisher hatte es völlig unbeeindruckt gegrast, als sie sich über die Wiese schlich. Aber jetzt hob es alarmiert den Kopf. Im Gegensatz zu seinen Kumpels trug das Exemplar hier sogar schon ein Halfter um den Kopf. Kein Führstrick, aber man konnte nicht alles haben.

Maxi konnte ihr Glück kaum fassen. Sie müsste das Pferd nur am Halfter zu fassen kriegen. Ihre fünfzehn Kollegen von der Freiwilligen Feuerwehr Weiler hechteten währenddessen hinter den falschen Pferden her. Die Hofbesitzerin hatte es ihr zwar nur ganz kurz erklärt, aber diese Tatsache war hängengeblieben: Chef der Truppe war ein braunes Pferd mit einer auffälligen weißen Blässe, die sich bis über die Nüstern zog. Das konnte sie sogar in der stockdunklen Nacht erkennen. Das Pferd, das da jetzt vor ihr aufgeregt tänzelte, hatte genau solch eine Zeichnung.

Warum die Herde ausgebüxt war, wusste sie nicht, nur dass sie jetzt gleich wieder heimkehren würde. Und das neueste Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr würde damit in die Vereinsannalen eingehen. Ergo sie, Maxi Gnädig, ihres Zeichens seit genau zwei Monaten Feuerwehrfrau. Also ehrenamtliche Feuerwehrfrau.

Die Pferde würden heimkehren in ihren Stall oder was auch immer, ohne auf irgendeine Straße zu rennen, ohne Dieters Vorgarten zu zertrampeln, und vor allem, ohne dass sie weiter ihre Nacht verbringen musste, indem sie endlos hinter Vierbeinern herrannte. Sie war als Kind nie ein Pferdemädchen gewesen – City-Girl, das sie die meiste Zeit ihres Lebens war –, aber wie schwer konnte es schon sein, ein Pferd einzufangen? Nicht sehr schwer, wenn sie die zehn Zentimeter betrachtete, die ihre Hand nur noch vom Halfter trennten.

Eigentlich war es ganz romantisch, wie sie fand, in die Sommernacht hinauszurennen, während die Sterne am klaren Himmel blinkten. Es roch gut nach frischem Gras und feuchter Erde, und die Luft war so rein, wie Maxi sie wohl in ihrem ganzen Leben noch nicht geatmet hatte.

Ein leichter, angenehmer Geruch nach Pferd erinnerte sie daran, dass sie sich auf ihre Aufgabe konzentrieren musste, denn sonst ergriff das große Tier womöglich noch die Flucht. Es rollte komisch mit den Augen, sodass man in der Dunkelheit das Weiße drumherum erkennen konnte. Das war kein gutes Zeichen, oder?

Maxi beschloss, nicht länger zu zögern, sondern zuzugreifen. Beherzt.

Und das tat sie dann auch.

Nur dass das Pferd anderer Meinung war. Es versuchte, sofort wieder loszukommen. Aber wenn Maxi eines bei der Feuerwehr in der kurzen Zeit gelernt hatte, der Job war nichts für Weicheier. Wer vor jedem Regenwurm Panik bekam, hatte nichts in der Freiwilligen Feuerwehr verloren.

Sie hängte sich also mit aller Kraft, die sie hatte, an dieses Halfter und versuchte, das Tier in Richtung Weg und damit zum Hof zu ziehen. Die ersten Meter war sie die klare Gewinnerin dieses Zweikampfes, und innerlich triumphierte sie bereits. Aber dann steigerte das Pferd plötzlich seinen Widerstand. Bilder von wilden Mustangs und deren Zähmung schossen mit einem Schlag durch Maxis Kopf. Sie würde nicht loslassen. Auch wenn das Pferd den Spieß umgedreht hatte und jetzt sie durch die Gegend schleifte.

Maxi stieß einen heiseren Schrei aus vor lauter Wut und Entschlossenheit. Sie hörte daraufhin tatsächlich die Stimmen ihrer Kollegen rufen, die sich aus der Dunkelheit näherten. Aber für das Pferd war das wohl der letzte Schritt zur Vollpanik, und es befreite sich mit einem gewaltigen Bocksprung aus Maxis Klammergriff. Noch im Loslassen war Maxi fast erleichtert, aber noch während sie weggeschleudert wurde, trat das Pferd noch einmal aus. Beim ersten Mal war sie so nah gewesen, dass die ausschlagenden hinteren Hufe ihr nicht gefährlich wurden. Aber aus dem Augenwinkel sah sie es fast wie in Zeitlupe kommen. Trotz Dunkelheit, trotz der Schnelligkeit, mit der alles vonstattenging.

Das Pferd sprang aus lauter Angst hoch und schleuderte mehr so nebenbei seine Hinterläufe in ihre Richtung. Wie es schien, noch nicht einmal zielgerichtet auf sie, nur leider war sie nicht so reaktionsschnell wie ein Pferd. Und hatte dem auch nicht so viel Muskelmasse entgegenzusetzen. Sie versuchte noch, sich wegzudrehen und spannte jeden Muskel an. Aber der Tritt streifte ihre Rippen, und Maxi klappte schlagartig zusammen. Der sofortige Schmerz raubte ihr die Atemluft.

Sie lag auf dem Boden und wusste nicht so recht, warum, spürte aber das Hufgetrappel eines flüchtenden Pferdes. Dann menschliche Füße, die in ihre Richtung liefen. Mehrere. Sie starrte einen Moment von Schmerz geflutet die blinkenden Sterne an.

Als ihre Kollegen angerannt kamen, raffte sie sich gerade auf ins Stehen. Vornübergebeugt, auf die Knie gestützt, atemlos. Aufrichten ging nicht. Aber alles halb so schlimm. Das versuchte sie auch Harry und Dieter zu sagen, aber es kam nur ein heiseres Ächzen heraus. Sie hatte keine Luft zum Sprechen. Und der Schmerz schoss bei jeder kleinsten Bewegung durch ihren Brustkorb und schnürte ihr fast den letzten Rest Atemluft ab.

»Wir brauchen einen Krankenwagen«, sagte Dieter, und aus dem Augenwinkel sah sie ihn an seinem Handy herumfummeln.

Maxi winkte ab, aber auch das verursachte Schmerzen. »Geht schon«, brachte sie heraus.

»Ich glaube, du spinnst. Stell dich doch mal aufrecht hin, wenn es dir so prächtig geht.«

Maxi versuchte es. Sie versuchte es wirklich.

Schließlich winkte sie Dieter ihr Einverständnis. Wie sollte sie schließlich hier wegkommen, wenn sie nicht weiter hochkam als so? Sie stand einfach nur, stützte sich schwer auf ihre Knie und atmete. Um sie herum aufgeregtes Gerede, Kollegen kamen und gingen, die Minuten verstrichen. Immer wieder machte sie einen Ansatz, vollends aufrecht zu stehen, aber der Schmerz und die Atemlosigkeit verhinderten es jedes Mal.

Dieter blieb neben ihr stehen, gab Anweisungen und scheuchte die Kollegen. Inzwischen flackerten überall auch Taschenlampen um sie herum. In der Ferne hörte sie immer wieder Rufe und Hufgetrappel, aber was die Pferdeherde machte, war ihr im Moment völlig egal.

»Er tritt sonst nie aus«, sagte irgendwann die Hofbesitzerin neben ihr, und Maxi hätte fast losgeprustet vor Lachen. Das war wohl die Variante von Der tut nichts, der ist ganz lieb, die Hundebesitzer sagten, bevor Fiffi zubiss – abgewandelt für Pferdebesitzer.

Das Lachen blieb ihr aber im Hals stecken. Und sie würdigte diese Aussage auch keines Kommentares. Schließlich war sie der lebende Beweis, dass er – wie auch immer er hieß – sehr wohl austrat. Ihre Rippen taten entsprechend höllisch weh. So langsam kam auch eine einsetzende Angst dazu, dass eine oder zwei gebrochen sein könnten. Sehr viel länger wollte sie daher hier nicht mehr stehen, denn so langsam machte sich diese Angst breit und war auch nicht gerade ihrer Atmung zuträglich.

Schließlich hörte sie in der Ferne ein näherkommendes Martinshorn, und die Nacht irrlichterte in blauem Licht.

»Scheiße, wieso kommen die mit Blaulicht mitten in der Nacht?«, fragte Dieter rhetorisch, und Maxi konnte sich innerlich nur anschließen. Wie peinlich war das denn? Das ginge schneller im Dorf rum als ein Lauffeuer.

Aber als dann schließlich der Trupp des Notarztteams aus den zwei Fahrzeugen stieg und um sie herumschwärmte, war sie noch nie in ihrem Leben erleichterter gewesen. Die Schmerzspritze, die sie sofort verabreicht bekam und die sie geradezu abschoss, war ein Wunderding. Maxi schnitt im Drogenrausch nur am Rande mit, wie sie auf eine Liege verfrachtet und im Krankenwagen Richtung Universitätsklinikum gefahren wurde. Aber eigentlich dachte sie, sie wäre in einem Raumschiff unterwegs. Was für ein geiler Trip. Sie wollte nie wieder runterkommen.

Die Feuerwehrfrau, ihre Ärztin, deren Mutter und das ganze Dorf

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