Читать книгу Die Feuerwehrfrau, ihre Ärztin, deren Mutter und das ganze Dorf - Lo Jakob - Страница 7
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ОглавлениеWilla wollte gerade den Pausenraum verlassen und sich immer noch müde dem nächsten Fall annehmen, als Georg sie abfing.
»Wir kriegen eine Feuerwehrfrau rein, die vom Pferd getreten wurde. Verdacht auf Perforation der Lunge. Nimmst du die?« Er hatte Unterlagen in der Hand, die er ihr überreichen wollte.
Aber Willa zögerte. »Berufsfeuerwehr oder Freiwillige?«
Durften Frauen eigentlich in Deutschland inzwischen zur Berufsfeuerwehr? Sie wusste das gar nicht. Bei der Freiwilligen war es inzwischen angekommen, auch Frauen aufzunehmen. Das wusste sie von ihrer Mutter aus Weiler. Die fand das nämlich einen Skandal. Was hatten Frauen denn bei der Feuerwehr verloren? Fand ihre Mutter. Was typisch war.
»Ist doch egal«, sagte Georg, der schließlich nur die Patientin loswerden wollte, um sich dann wieder um das überfüllte Wartezimmer kümmern zu können.
»Oh nein«, wehrte Willa ab. »Wenn du die Freiwillige Feuerwehr so gut kennen würdest wie ich, würdest du das nicht sagen.«
Und das entsprach vollkommen der Wahrheit. Wie viele Feuerwehrfeste hatte sie in ihrer Kindheit und Jugend mit ihrer Familie besuchen müssen, wie viele Trinkgelage der Jungs von der Freiwilligen mitgekriegt – sie hatte alles, aber wirklich alles gesehen in dieser Hinsicht.
Georg runzelte unwirsch die Stirn. Er konnte ihren Gedankengängen offensichtlich nicht folgen. »Nimmst du sie jetzt oder nicht? Wirst du jetzt in deiner letzten Nacht komisch, Willa? Bloß weil die Frau von der Freiwilligen Feuerwehr ist?«
Er hatte natürlich recht. Sie war schließlich professionell. Sie würde die Feuerwehrfrau wie jeden anderen Patienten behandeln. Egal durch wie viel Unfähigkeit oder Alkohol oder beides sie sich selbst in diese Situation gebracht hatte. »Her mit der Feuerwehrfrau. Schlimmer als die afrikanische Großfamilie kann es nicht sein. Dann mach ich eben auch noch Freiwillige Feuerwehr. Die kommen bestimmt von der Gurkentruppe aus Weiler.«
Das letzte sagte sie nur so daher. Nur um ein bisschen mehr zu maulen über diese letzte Schicht. Weil es das Schlimmste war, was ihr gerade einfiel. Eine Steigerung der Freiwilligen Feuerwehr als solcher.
»Woher wusstest du das?«, fragte Georg erstaunt.
Willa musste spontan losprusten. »Oh mein Gott. Echt jetzt?« Was war heute nur los? Ihre letzte Schicht servierte es ihr so richtig fett, dass es schon fast ulkig wurde. So langsam. Und mit viel Galgenhumor betrachtet.
Georg sah sie seltsam an. Er dachte wohl, dass sie in ihrer letzten Schicht geistig nicht ganz zurechnungsfähig geworden war. »Ob die Feuerwehrfrau aus Weiler ist, weiß ich nicht, aber der Krankenwagen war nach Weiler beordert worden. Lass dich also überraschen.« Und damit verschwand er einfach und ließ sie zurück.
Willa stieß einen Stoßseufzer aus und bereitete sich mental auf die Ankunft der Freiwilligen Feuerwehr Weiler vor. Das Wort Gurkentruppe war dabei nie weit von ihren Gedanken entfernt. Es wunderte sie überhaupt nicht, dass es jemand von denen geschafft hatte, sich von einem Pferd treten zu lassen. Wie auch immer das vonstattengegangen war, Willa war sich sicher, dass es selbstverschuldet sein musste. Absolut sicher. Sie hoffte wirklich inständig, dass kein Alkohol beteiligt war. Lungenperforation und Alkohol. Eine äußerst unschöne Kombination.
Aber noch während sie sich diesen Gedanken hingab, hörte sie schon, wie das Notfallteam mit der Liege den Gang von der Krankenwageneinfahrt her angerollt kam.
Sie warf nur einen oberflächlichen Blick auf die Patientin, als sie an ihr vorbeigerollt wurde. Sie konzentrierte sich darauf, was der Kollege Notarzt über ihren Status zu berichten hatte. Währenddessen übernahm im Hintergrund ihr medizinisches Personal die Ankunft der Liege. Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass alles seinen üblichen Gang ging. Sie würde auch das hier schaffen. Noch dreieinhalb Stunden bis zur Freiheit.
Der Kollege verabschiedete sich sehr schnell, da ein neuer Einsatz reinkam.
Willa ordnete zuallererst Röntgenaufnahmen und Ultraschall an. Bevor sie nicht wusste, was Sache war, konnte sie gar nichts tun. Die Patientin war stabil, hatte ausreichend Schmerzmittel bekommen, so weit so gut. Und kein Alkohol weit und breit. Das war doch schon mal ein positives Zeichen.
Während die Untersuchungen liefen, übernahm sie zwei weitere Fälle von Georg und kam dann erst ins Behandlungszimmer, als die Patientin schon auf sie wartete. Zwischendrin hatte sie im Vorbeiflug die Kurzinfo erhalten, dass sowohl beim Röntgen als auch im Ultraschall völlige Entwarnung gegeben worden war. Nicht weiter tragisch also, dass sie nicht sofort zur Stelle war. Und sie wusste ja vom Kollegen, was er der Feuerwehrfrau für die Fahrt an Schmerzmitteln gegeben hatte. Absolut ausreichend für einige Stunden.
Jetzt also Freiwillige Feuerwehr Weiler. Willa wappnete sich für das Schlimmste. Zu ihrem Erstaunen fand sie einen leeren Behandlungsraum vor und nicht die versammelte Mannschaft wie erwartet. Lediglich zwei Frauen – die eine auf der Behandlungsliege, die andere daneben sitzend auf einem Stuhl. Schon wieder ein Punkt, der positiv zu bewerten war.
Ihre Nacht hellte sich gerade drastisch auf. Sie hatte nämlich fest damit gerechnet, wie bei der afrikanischen Großfamilie erst einmal für Ordnung sorgen zu müssen und ein gefühltes Volksfest auflösen. Nicht, dass die Horden aus aufgebrachten Feuerwehrleuten nicht womöglich noch Einzug halten konnten, aber es war wesentlich unwahrscheinlicher geworden. So schnell kämen die an Georg draußen nicht vorbei, und so schnell könnten sie auch ihr Behandlungszimmer nicht ausfindig machen. Bis dahin wäre sie hier wahrscheinlich schon durch.
»Hallo. Ich bin Doktor Schneck, die behandelnde Ärztin.«
Das war ihr Standardspruch zur Begrüßung für Patienten, die ansprechbar waren. Aber Willa gab grundsätzlich niemandem mehr die Hand. Das hatte sie sich schon vor langer Zeit abgewöhnt. Ungefähr im zweiten Semester Medizinstudium, und nicht erst mit der Corona-Pandemie. Die furchtbarsten Erreger wurden durchs Händeschütteln übertragen. Sie wusste zwar, dass viele Patienten das als wichtig erachteten und sich wohler fühlten, wenn der Arzt oder die Ärztin ihnen die Hand gab. Sie hatte erst vor Kurzem darüber wieder einen Artikel in einer Fachzeitung gelesen. Aber das neue Corona-Virus fühlte sich dabei eben auch pudelwohl. Um nur eine der Plagen, die das Krankenhaus heimsuchten, zu nennen.
Sie behielt also ihre Hand für sich. Unterlagen, die man mit sich herumschleppte, waren da immer zur Tarnung hilfreich. Die hielt sie auch jetzt wieder wie ein Schild vor sich.
»Maxi Gnädig. Die Feuerwehrfrau, die vom Pferd getreten wurde. Ich weiß – peinlich«, sagte die Patientin auf der Liege mit einem schiefen, selbstironischen Lächeln.
Erst jetzt sah Willa sie sich genauer an. Und fühlte sich, als ob sie der Schlag treffen würde.
Oder wie paralysiert.
Oder wie von Amors Pfeil durchbohrt.
Sie konnte ihren Blick gar nicht von der attraktiven Frau lösen, die irgendwas in ihr auslöste, das nichts mit rationaler Logik zu tun hatte.
Natürlich sah die Frau wirklich gut aus. Dunkle, lockige Haare bis knapp über die Ohren, die jetzt ziemlich wild aussahen. Ein schöner, geschwungener Mund, der sich vermutlich wunderbar weich zum Küssen eignete. Blaue Augen, die vor Intelligenz nur so sprühten, aber gerade auch eine Portion Schmerz in den kleinen Fältchen drumherum zum Ausdruck brachten. Eine edle Nase, wie sie einer griechischen Statue gut zu Gesicht stünde. Perfekt geformt für das insgesamt sehr edle Gesicht. Einfach extrem gutaussehend. Fast schon schön zu nennen. Selbst in dem kalten Licht des Behandlungsraums und nach einem nicht gerade zuträglichen Erlebnis mit einem Pferd.
Aber das war es gar nicht. Diese Attraktivität, diese Schönheit. Nicht nur. Es war viel mehr ein Gefühl, diese Maxi Gnädig zu kennen. Sie schon aus hundert früheren Leben zu kennen. Und ihr jedes Mal wieder mit Haut und Haar zu verfallen.
Willa glaubte als Medizinerin natürlich nicht an solch einen wissenschaftlich nicht nachgewiesenen Quatsch wie Wiedergeburt, aber genau das war das übermächtige Gefühl, das sie überkam. Vollkommen irrational. Dass sie sich am liebsten sofort dazu bekennen wollte, dass sie diese Frau für sich wollte, dass sie sich sicher war, die Eine gefunden zu haben. Es haute sie einfach um, und sie war machtlos dagegen.
Diese ganze Erkenntnis fand im Schlag einer Wimper statt. Mehr Zeit brauchte es gar nicht.
Die zweite Person im Raum rettete sie davor, einfach nur dazustehen und zu glotzen. »Elli Gnädig-Schmitz. Die Schwester«, sagte die Frau und sah dabei sehr ernst und besorgt aus.
Richtig, sie war ja hier, um eine medizinische Diagnose zu stellen. Willa schaffte es irgendwie, in den Raum zu nicken, ohne wie eine Bekloppte ihre neue Patientin weiter anzustarren. Ihr Herz hatte ungefragt einfach angefangen zu wummern, und sie merkte, dass sich ihre Wangen heiß anfühlten. Eine unleidige Angewohnheit, wenn Frauen ihr gut gefielen. Und diese Feuerwehrfrau namens Maxi Gnädig hier war die unangefochtene Nummer eins in ihrer Hitparade des Gefallens.
Es fiel ihr schwer, sich auf ihr medizinisches Fachwissen zu konzentrieren. Willa blätterte in den Ergebnissen der Untersuchungen, um sich zu sortieren und sich die Sachlage ins Gedächtnis zurückzurufen. Röntgenbilder – nichts gebrochen. Lunge intakt. Ultraschall – keine inneren Blutungen im Bauchraum. Die Feuerwehrfrau hatte mehr Glück als Verstand gehabt. Pferdetritte in die Rippen gingen selten so glimpflich ab. Was nicht heißen sollte, dass sie nicht Schmerzen kriegen würde, die einen Heiligen in die Knie zwingen würden.
Eine weitere wichtige Information bohrte sich in ihr Hirn. Die Patientin hatte eine Adresse in Weiler. Willas Herz wummerte bei dieser Tatsache fast noch mehr. Gerade sah sie sich einem Phänomen ausgesetzt, dessen Existenz sie für einen Mythos gehalten hatte: Liebe auf den ersten Blick.
Noch konfuser als vor dem Blick in die Unterlagen räusperte Willa sich und wappnete sich für erneuten Augenkontakt. Die beiden Frauen im Raum warteten auf ihr ärztliches Urteil. Neben der Schwester stand sogar eine gepackte Reisetasche. Wahrscheinlich rechneten sie mit der Aufnahme auf Station.
Das war doch mal ein Faktum, mit dem sie anfangen könnte, ohne sich lächerlich zu machen. »Die gute Nachricht ist, Sie werden nicht hierbleiben müssen, weil Ihre Rippen vollkommen intakt sind und auch sonst keine Organe betroffen sind.« Willa hielt das Röntgenbild hin und zeigte auf die Rippenbögen.
Zwei Paar Augen, die sich ähnelten, schauten gebannt darauf, auch wenn Willa vermutete, dass sie nicht so besonders viel erkennen konnten. Außer ein paar schattige Bögen, die man auch als medizinischer Laie als Rippen ausmachen konnte.
»Ich möchte Sie trotzdem noch kurz untersuchen und mir Ihre Atmung anschauen.«
Willa näherte sich der Liege, legte ihre Unterlagen beiseite und wappnete sich für den Körperkontakt mit dieser umwerfenden Frau. Sie zog sich einen Rollhocker heran und setzte sich unnötig langsam, um die Situation noch ein paar Sekunden länger hinauszuzögern.
Vielleicht verrannte sie sich völlig, vielleicht war diese Maxi Gnädig in Wirklichkeit total bescheuert – schließlich gehörte sie zur Gurkentruppe –, vielleicht würde Willa morgen schon ganz anders über diese Begegnung denken. Vielleicht, vielleicht.
Aber jetzt in diesem Moment war sie ein Nervenbündel, weil sie diese schöne Frau untersuchen musste.