Читать книгу Die Feuerwehrfrau, ihre Ärztin, deren Mutter und das ganze Dorf - Lo Jakob - Страница 9
5
ОглавлениеWilla betrat am nächsten Nachmittag den gepflasterten Weg, der zum Haus ihrer Eltern in der Ortsmitte von Weiler führte. Ihr Elternhaus lag wunderbar idyllisch neben der alten Kirche unter altem Baumbestand.
Als Kind hatte sie hier in der Straße mit dem Ball gespielt und war mit ihrem Roller rauf- und runtergefahren. Ihr älterer Bruder war immer eher unterwegs bei seinen Freunden gewesen oder in den diversen örtlichen Vereinen. Aber für sie war das schon damals nichts gewesen. Und sie konnte sich auch jetzt, da sie die neue Weilerer Hausärztin wurde, nicht vorstellen, wieder hier zu wohnen. Bei dem Gedanken allein bekam sie schon Beklemmungen. Wie gut, dass sie ihre Wohnung in der Stadt behielt, auch wenn das hieß, dass sie pendeln musste. Fünfundzwanzig Minuten Fahrt waren verkraftbar. Die hatte sie auch jetzt nach der furchtbaren Nachtschicht trotz Übermüdung geschafft.
Eigentlich hatte sie heute nur entspannen wollen, aber die Begegnung gestern mit der Feuerwehrfrau brachte sie hierher nach Weiler.
Sie hatte immer noch den Schlüssel zum Haus und öffnete die Tür mit einem lauten »Hallo« in den Flur.
Ihre Mutter schaute sofort aus der Küche, die ihr Reich war. »Wilhelmine, was machst du denn hier? Ich dachte, du kommst erst übermorgen. Jetzt hab ich überhaupt nichts hier, was ich dir anbieten kann. Dein Vater geht doch jeden Freitag in den Schützenverein, da koche ich nichts.« Über den Rand ihrer Lesebrille schaute sie sie mit einem leichten Vorwurf an. Einen Ausdruck, den sie relativ häufig im Zusammenhang mit ihrer Tochter zur Schau trug. Auch wenn es besser geworden war, seit Willa verkündet hatte, dass sie die Praxis im Ort übernahm. Aber das war vermutlich nur eine kurze Pause, die vielleicht in diesem Augenblick schon wieder vorüber war.
»Hallo, Mama. Das macht doch nichts. Ich hab mich ja auch nicht angemeldet.« Willa bemühte sich um einen freundlichen Tonfall. Bemühen war genau das, was sie mit ihrer Mutter immer machte. Wenn sie sich nicht bemühen würde, könnte sie vermutlich überhaupt keinen Kontakt zu ihr halten.
Ihre Mutter setzte die Brille rasch ab. »Ich geh noch schnell rüber zum Bäcker und hole ein paar süße Stückchen. Vielleicht will ja dein Bruder mit uns Kaffee trinken.«
Willa erstaunte es, dass ihre Mutter ihren Bruder erst im zweiten Satz erwähnte und nicht bereits im ersten, wie es normalerweise der Fall war. Es stellten sich ihr automatisch schon wieder die Nackenhaare auf.
Ihr Bruder war das goldene Kind. In den Augen ihrer Mutter konnte er nie etwas falsch machen. Seit jeher wurde er ihr als hehres Vorbild hingehalten. Schon ihr ganzes Leben lang. Ihr Verhältnis zu ihrem Bruder Wilhelm – ja, wie bitter, sogar ihr Name war ein Abklatsch von seinem – hatte das nicht gerade positiv beeinflusst. Natürlich war Wilhelm im Dorf geblieben, hatte hier heterosexuell geheiratet und Kinder gezeugt. Er war zwar inzwischen schon wieder geschieden, aber selbst das wurde ihm nicht angekreidet. Das lag, laut ihrer Mutter, nur an der schrecklichen Ex-Schwiegertochter, die alles in der Ehe falsch gemacht hatte, wenn sie solch einen Mann wie Wilhelm nicht hatte halten können.
Willas Sympathien lagen hingegen bei ihrer Ex-Schwägerin Larissa, mit der sie immer noch Kontakt hatte, was aber niemand aus ihrer Familie wissen durfte, weil sonst der dritte Weltkrieg ausgebrochen wäre.
»Ich wollte eigentlich nur kurz bleiben und dann in die Praxis rübergehen.«
Aber so schnell ließ sich Gertrud Schneck nicht von einem eingeschlagenen Kurs abbringen. »Einen Kaffee wirst du ja wohl mit uns trinken können. Wilhelm soll seinen Freund Bernd mitbringen. Den kennst du noch nicht. Ein sehr netter junger Mann.«
Und Bingo. Da waren sie bereits im Hausflur wieder bei einem Thema, das noch in jedem Gespräch irgendwie vorgekommen war: der Wunsch ihrer Mutter nach einem Schwiegersohn. Das war vollkommen abwegig, und trotzdem gab ihre Mutter nicht auf. Willa hatte noch nie etwas mit einem Mann gehabt, noch nicht einmal ansatzweise, sodass das die Hoffnungen ihrer Mutter irgendwie nähren könnte. Sie war so maximal homosexuell, wie es nur ging, aber das interessierte Gertrud Schneck nicht.
Als Willa mal gesagt hatte, dann solle eben ihr Bruder Wilhelm in zweiter Ehe einen Mann heiraten, kam das gar nicht gut an. Sie hatte schon alle Strategien gefahren: geduldiges Erklären bis zum Abwinken, wütende Retouren bis hin zur Aggression, schnippische Antworten, Gleichmütigkeit, Witz. Aktuell war sie beim Ignorieren angekommen. Das machte sie auch jetzt wieder so. »Ich habe einen Kaffee in meinem Thermosbecher dabei. Ich werde also gleich rüber in die Praxis gehen. Ich wollte nur kurz Hallo sagen.«
Und ein paar Infos aus ihrer Mutter herausquetschen, die grundsätzlich alles aus dem Dorf wusste. Da würde sie ja wohl auch wissen, was es mit der Feuerwehrfrau Maxi Gnädig auf sich hatte und wo sie zu finden war. Willa wusste zwar noch nicht, wie sie auf elegante Art mit ihr in Kontakt kommen konnte, aber das würde sich vielleicht noch zeigen.
Ihre Mutter zog erwartungsgemäß einen Flunsch, aber Willa ließ sich davon nicht beeinflussen. Hatte sie nicht mehr, seit sie fünfzehn war.
»Wenn du meinst«, sagte Gertrud Schneck reichlich pikiert, was Willa nur am Rande wahrnahm, da ihre Gedanken sich schon wieder nur um die Feuerwehrfrau drehten.
Eigentlich hatte sie noch gestern Nacht irgendwie das Gespräch auf Privates lenken wollen. Ihr war nur absolut nichts eingefallen. Im Gehen hatte sie nach Worten gesucht, hatte fallenlassen wollen, dass sie bald in Weiler praktizieren würde, dass man sich doch mal sehen könnte. Irgendwas.
Nur leider war das ihr Waterloo. Mit schönen Frauen das Gespräch beginnen. Willa war darin so mies, dass es schon peinlich war. Ihr versagte dabei grundsätzlich der Verstand, der Mut verließ sie komplett, und sie machte sich meist lächerlich, indem sie albernen Blödsinn daherredete und sich auch sonst wie ein Tölpel benahm.
Wie sie das also anstellen sollte, mit Maxi Gnädig in Kontakt zu treten, stand in den Sternen. Sie wusste nur, dass sie es wollte. Sehr dringend. Dringender als bei allen anderen Frauen in der Vergangenheit. Sie wusste auch, dass sie diesmal nicht einfach den Schwanz einziehen und sich damit zufriedengeben würde, aus einer Ecke heraus zu beobachten, wie andere das taten, was sie so sehr wollte und begehrte. Die Gelegenheit an sich vorbeiziehen lassen und sich dann mit dem begnügen, was ihr in den Schoß plumpste.
Das war vielleicht ein bisschen gemein gegenüber ihren Ex-Freundinnen, die alle sehr nette Frauen waren. Die drei, die sie vorzuweisen hatte. Aber es hatte ja nie gehalten. Willa war sich bewusst, dass das durchaus ihre Schuld war. Aber das lag eben auch daran, dass die Beziehungen immer nach dem gleichen Strickmuster funktioniert hatten. Ihre Exen hatten alle sie angesprochen, sie war sozusagen ausgesucht worden und hatte ›nur‹ die Gelegenheit ergriffen. Natürlich hatte sie jede ihrer Exen gemocht und auch irgendwie attraktiv gefunden. Sonst hätte sie sich das ja gar nicht vorstellen können. Aber es war immer eine Kopfentscheidung gewesen und keine aus dem Herzen heraus. Sie war nie verliebt gewesen. Nicht so richtig. So über beide Ohren, den Verstand vollkommen verlierend, blind vor Liebe.
Natürlich waren auch Gefühle im Spiel gewesen, sie war ja kein gefühlloser Roboter. Aber es war eben nie das ganz große Gefühl entstanden, wie sie sich das erhofft hatte. Das fehlende Etwas war dann auch immer der Grund für das Beziehungsende gewesen. Zumindest konnte sie das nach reichlich Introspektion so diagnostizieren.
Jetzt war da eine Frau, die ihr Herz schon in der ersten Minute hatte so hochschlagen lassen, wie es keine ihrer Exen jemals geschafft hatte. Sie würde den Teufel tun und nicht alles versuchen, was in ihrer Macht stand. Willa hoffte nur, dass das ausreichte, um irgendwo hinzukommen. Sei es nur herauszufinden, dass Maxi Gnädig im Tageslicht betrachtet nur eine Illusion war.
Aber falls nicht? Willa wagte kaum weiterzudenken, was das bedeuten könnte. Es gab so viele Was-wäre-Wenns. Was wäre, wenn Maxi Gnädig ihre Traumfrau wäre? Was wäre, wenn das umgekehrt nicht der Fall wäre? Was wäre, wenn sie sich komplett blamieren würde? Was wäre, wenn die Feuerwehrfrau sich noch nicht einmal an sie erinnern könnte? Was-wäre-wenn, was-wäre-wenn. Aber sie musste es trotzdem versuchen.
»Ach, noch eine kuriose Begebenheit«, sagte sie wie nebenbei, als ob es nicht um Informationen ginge, die vielleicht ihr ganzes weiteres Leben beeinflussen könnten.
»Ja?«, kam die begierige Aufforderung weiterzureden. Schwiegersohn in spe und Kaffee und alles sofort vergessen. Auf die Tratschsucht ihrer Mutter war einfach immer Verlass.
»Gestern Nacht muss es in Weiler einen Einsatz der Feuerwehr gegeben haben. Waren da irgendwo Pferde ausgebrochen?« Das klang hoffentlich sehr unverfänglich. Sie umschiffte Maxi Gnädig vollständig. Denn wenn eines klar war, ihre Mutter war wie ein Fuchs auf der Fährte einer Feldmaus, wenn es darum ging, Dinge zu erschnüffeln, die nicht für sie bestimmt waren. Willa musste also mit äußerster Vorsicht vorgehen.
»Das war Claudias kleine Herde. Die haben mal wieder den Elektrozaun niedergetrampelt. Dieter sollte es einfach lassen, seinen Vorgarten so liebevoll zu bepflanzen. Diese Frau ist einfach nicht dazu in der Lage, Pferde zu halten. Das ist doch ein Skandal.« Während sie sprach, wischte ihre Mutter mit einem aus ihrer Schürze hervorgeholten Tuch über den makellos sauberen kleinen Tisch im Eingangsbereich.
Willa zuckte die Schultern über die Aburteilung. »Das kommt eben manchmal vor.«
Gertruds Kopf schnellte hoch. »Das darf es aber nicht. Dann müssen die Viecher eben immer im Stall bleiben.«
Ihre Mutter mochte grundsätzlich keine Tiere. Das betraf nicht nur Pferde, sondern auch Hunde und Katzen. Kaninchen oder Meerschweinchen. Sie mochte nur Rinder. Und das nur als Wiener Schnitzel auf ihrem Teller.
Auch das ignorierte Willa aus strategischen Gründen. »Es wurde jemand dabei verletzt.« Ihr war klar, dass sie damit nur Öl ins Feuer goss, weil ihre Mutter die Pferdehalterin offensichtlich bereits auf dem Kieker hatte, aber Willa musste ja schließlich irgendwie aufs eigentliche Thema kommen.
»Mit Blaulicht sind die mitten in der Nacht durchs Dorf gefahren mit ihrem Krankenwagen. Stell dir das mal vor. Diese Unverschämtheit.« Das Tuch wurde unsanft zurückgestopft und bekam den ganzen Unmut ihrer Mutter zu spüren.
Willa unterdrückte auch hier wieder die Worte, die unmittelbar aus ihr heraussprudeln wollten und die sehr viel aggressiver ausgefallen wären. Sie schaffte eine sachliche Antwort. »Das ist ja wohl verkraftbar, wenn es um eine lebensbedrohliche Verletzung geht.«
Ihre Mutter winkte ab. »Ach was, lebensbedrohlich.« Sie verschwand beim Reden in die Küche und sprach über ihre Schulter hinweg weiter. »Die ist doch schon wieder zu Hause. Woher weißt du das alles? Und wieso interessiert dich das?«
Willa folgte ihr und sagte zu ihrem Rücken: »Weil ich in meiner letzten Schicht das Vergnügen hatte, die Feuerwehrfrau zu behandeln und das schon ein immenser Zufall war.«
Ihre Mutter drehte sich unvermittelt um und sah sie plötzlich sehr misstrauisch an. Das war wohl schon zu viel gewesen. Willa wurde schlagartig klar, dass Maxi Gnädig in Weiler mit Sicherheit so bekannt war wie ein bunter Hund. Wenn ihr Gaydar sie nicht komplett in die Irre geführt hatte, war das natürlich eines der Gesprächsthemen für den Dorfklatsch. Das Geschwätz fand vermutlich kein Ende. Eine Lesbe bei der örtlichen Feuerwehr.
Die jetzt auch noch von der zweiten Lesbe mit großem Tratschfaktor behandelt wurde. Der neuen Hausärztin des Dorfes.
Wie hatte sie nur so doof sein können zu denken, dass ihre Mutter nicht sofort Lunte wittern würde? Ihr Blick allein sagte alles: Misstrauen, Ablehnung, Widerwillen. Ihre Mutter war einfach so vorhersehbar in ihrer Homophobie.
»Halt dich bloß von der fern. Das ist eine ganz furchtbare Person.«
Dieses Mal gelang es Willa nicht, ihre Reaktion hinunterzuschlucken, und sie fiel sehr sarkastisch aus. »Wie kann denn das sein, wenn sie in der Feuerwehr ist?« Sie wusste, welch große Stücke ihre Mutter auf die Weilerer Feuerwehr hielt. Hätte Willa sich nach einem Mann aus der Freiwilligen erkundigt, Gertrud Schneck hätte Freudentänze aufgeführt.
»Da gehen die Frauen nur so ein und aus. Und arbeiten tut sie auch nichts. Ein ganzes Lotterleben führt diese Person. Eine Schande fürs Dorf.«
Wie Willa diese Aussage hasste. Eine Schande. Alles, was nicht in Gertrud Schnecks Weltbild passte, war eine Schande. Viel zu oft hatte dieser Ausdruck auch auf sie schon Anwendung gefunden.
»Wer sagt das?«, fragte Willa, obwohl sie die Antwort bereits wusste. Ihre Mutter sagte das. Ihre Mutter verurteilte Maxi Gnädig gnadenlos. »Eigentlich hatte ich einen soliden Eindruck.« Die pure Provokation. Mehr brauchte es nicht als die paar Worte.
Gertrud verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse. »Solide? Wie kann denn so eine solide sein!«
Und genau in diesem Moment bereute Willa ihre Entscheidung, die neue Dorfärztin zu werden, aufs Tiefste. Denn sie war ja auch so eine. Nur dass ihre Mutter das nie akzeptieren würde.