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Die Krankheit des Herzens
ОглавлениеWann fasste Cortéz den Plan, die Neue Welt nicht nur zu erforschen, sondern zu erobern und zu unterwerfen? Vielleicht von Beginn an, ganz sicher aber nach dieser ersten Begegnung mit den Azteken. Er weiß jetzt, dass die Hauptstadt des Reiches nicht weit entfernt ist, etwa 350 Kilometer jenseits der Berge. Er weiß, dass seine Waffen weit überlegen sind, und er weiß, dass noch viel mehr Gold auf ihn wartet. Was er jetzt braucht, ist rechtlicher Handlungsspielraum.
Zu diesem Zweck gründet Cortéz eine Stadt, Villa Franca, die erste spanische Niederlassung auf dem amerikanischen Festland, und lässt sich vom neuen Stadtrat zum Generalhauptmann ernennen. Damit ist er nicht mehr dem Gouverneur in Kuba, sondern direkt der spanischen Krone unterstellt. Praktisch heißt das, dass er erst einmal freie Hand hat in Mexiko.
Cortéz geht klug vor. Er knüpft Kontakte, holt sich Informationen und schafft sich Verbündete. Die Einheimischen an der Küste gehören zum kleinen Königreich Zempoala, das unter der Herrschaft der Azteken steht. Von ihnen erfährt er, dass die Zempoalaner nicht das einzige Volk sind, das sich vom Joch Mexikos befreien will. Vor allem das Volk der Tlaxcalaner will das, die Erzfeinde der Azteken. Cortéz' Strategie liegt auf der Hand: Eine Militärallianz mit den einheimischen Völkern würde ihm die zahlenmäßige Stärke verschaffen, die er braucht, um Mexiko anzugreifen.
Wieder hat Cortéz unglaubliches Glück. Er kommt zur richtigen Zeit. Die Azteken hatten im 15. Jahrhundert fast alle ihre Nachbarvölker unter ihre Herrschaft gezwungen. So war das Reich zwar schnell gewachsen, es wurde jedoch nicht konsolidiert. Die Unterworfenen werden nicht nur mit Steuern und Abgaben geschröpft, schlimmer noch, die herrschenden Priester verlangen Menschenopfer. Die Götter, so glauben die Azteken, seien nur dann wohl gesonnen, wenn ihnen das Wertvollste überhaupt dargeboten werde, das Blut des Lebens in der Form menschlicher Herzen. Zwang und Terror halten das Reich zusammen, unter der Oberfläche jedoch brodelt der Widerstand. Militärische Misserfolge, wirtschaftliche und soziale Probleme verschärfen die politische Lage.
Aber auch im Inneren fehlt es dem Reich der Azteken an Stärke. Es ist eine Prophezeiung, die Montezuma schlaflose Nächte bereitet. In der Kosmologie der Azteken gab es nicht einen allmächtigen Gott wie im Christentum, sondern viele Gottheiten, die – ähnlich wie bei den Griechen – launisch, streitbar, rachsüchtig und sogar grausam sein können. Einer dieser Götter war ‚Quetzalcoatl’. Einst herrschte er im Tal von Mexiko, doch dann wurde er vertrieben und verschwand übers Meer nach Osten. Er schwor, er werde eines Tages zurückkommen und die Herrschaft über sein Reich wieder übernehmen. Quetzalcoatl ist der Gott der Morgendämmerung, der „weiße Krieger des Tagesanbruchs“. Er hat eine blasse Haut und einen Bart, lehnt Menschenopfer ab und wird, so die Prophezeiung, von da zurückkommen, wo die Sonne aufgeht.
Die Übereinstimmungen mit den hellhäutigen, bärtigen Fremden aus dem Osten sind verblüffend. Und extrem beunruhigend. Als wäre das nicht genug, kommt noch ein weiterer Faktor hinzu, der Montezuma und seine Berater schaudern lässt. Das Jahr, in dem die Astrologen Quetzalcoatls Rückkehr erwarten, kommt im aztekischen Kalender nur alle 52 Jahre vor. 1519 ist ein solches Jahr. Uns erscheint es als ein unglaublicher Zufall. In der Weltsicht der Azteken jedoch geschah nichts zufällig. Sahen sie also in der Ankunft der Spanier die Erfüllung der Prophezeiung? Wir wissen es nicht – und sie selbst waren sich darüber auch nicht einig.
Cortéz hat ein klares Ziel vor Augen: die Hauptstadt Mexikos, Tenochtitlan, die sagenhafte Stadt im See, jenseits der Berge. Doch nicht alle seiner Männer wollen seinen Visionen folgen. Es kommt zum Aufstand. Cortéz handelt schnell und radikal. Er hängt nicht nur den Rädelsführer auf, er lässt alles Brauchbare von den Schiffen demontieren und – versenkt sie. Wieder der Zug eines Spielers, der extrem hoch pokert. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Cortéz schreibt in seinen Notizen: „Ich ließ meine Männer mit nichts anderem zurück als ihren eigenen Händen – und der Gewissheit, dass sie entweder dieses Land erobern werden oder sterben.“