Читать книгу Die Konquistadoren - Maike Wessel - Страница 9
Die sagenhafte Stadt Tenochtitlan
ОглавлениеEin Konquistador berichtet: „Der Anblick ließ uns Staunen. So viele Städte und Dörfer am Ufer und die riesige Stadt mitten im Wasser, zu der ein schnurgerader Dammweg führte. Aus dem Wasser erhoben sich große Gebäude und Tempel, alle aus Stein. Es erschien uns wie eine verzauberte, unwirkliche Vision. Tatsächlich fragten einige unserer Soldaten, ob dies alles nicht ein Traum sei. Es war so wunderbar, dass ich nicht weiß, wie ich es beschreiben soll, dieser erste Blick auf etwas, von dem niemand zuvor gehört hat, das niemand zuvor gesehen und von dem niemand zuvor geträumt hat.“
Auch Cortéz ist hingerissen. Die Stadt sei „das Schönste auf Erden“, schreibt er. Er will sie erobern, sie besitzen. Und ist dafür bereit, sie zu zerstören. Er lässt Kriegsmontur anlegen und marschiert mit seinen Männern – circa 400 sind es zusammen – auf die Stadt zu. Der Dammweg ist voll mit Menschen, die gebannt den Tross bestaunen, schwer beeindruckt vor allem von den schnaubenden Rössern und den hechelnden Hunden. Nach acht Kilometern erreichen die Spanier ein befestigtes Tor und eine Brücke, die sie schließlich auf die Hauptinsel führt. Dort kommt ihnen eine große Prozession entgegen: der König der Azteken und sein Hof. Der Moment ist gekommen, an dem die beiden Welten aufeinander treffen. Cortéz weiß, wer die Azteken sind. Wann aber werden die Azteken begreifen, mit welcher Absicht der Spanier kommt?
Montezuma begrüßt ihn nach dem diplomatischen Protokoll mit Blumen und legt ihm eine Kette aus Gold und Edelsteinen um den Hals. Dann werden die Spanier in ein großes, palastartiges Gebäude geführt. Noch mehr Geschenke werden gebracht, Gold, Silber, Federschmuck, kunstvoll gewebte Textilien. Eine Geste von Macht, Reichtum und Großzügigkeit. Montezuma setzt sich auf seinen Thron und spricht zu Cortéz: „Oh Herr, Du bist müde und erschöpft von der langen Reise. Jetzt bist Du wieder auf die Erde gekommen, zu deiner Stadt von Mexiko, über die ich an Deiner Stelle eine Zeit lang gewacht habe. Es hieß, du würdest zurückkehren, und das ist geschehen. Jetzt ziehe Dich in Deinen Palast zurück und ruhe Dich aus. Friede sei mit Dir...“
Geheimnisvolle Worte. Aber was bedeuten sie? War das die aztekische Sprache der Diplomatie oder Montezumas Ergebenheit in sein Schicksal? Wir wissen es nicht. Dieser Tag jedoch, der 8. November, ist im aztekischen Kalender der Tag Quetzalcoatls, und er steht für Raub, Gewalt und Täuschung. Und die Azteken wissen, dass nichts aus Zufall geschieht.
In den folgenden Tagen entdecken die Spanier eine fremde, geheimnisvolle Welt: fantastische Kunstwerke, Gemälde und Teppiche aus prachtvollem Federmosaik, Schnitzarbeiten aus duftendem Holz, fein ziselierte Geräte aus Schildpatt und wertvolle Goldschmiedearbeiten; raffinierten Komfort, Warmhaltebehälter für Speisen, Parfümzerstäuber, Dampfbäder, Betten mit Matratzen und Kissen, fein gewebte Decken und Mäntel, kunstvolle Möbel. Für die einfachen Soldaten aus Estremadura waren das alles Dinge, die sie noch nie gesehen hatten.
Fremde Speisen werden aufgetischt: Truthahn, Tauben und andere Vögel, unzählige Arten Fisch, exotische Früchte und so viele Sorten Brot, dass sie das einfache Backwerk aus der Heimat gar nicht vermissen. Die Spanier laufen durch die breiten Straßen der Stadt, entlang der Kanäle, auf denen Tausende von Kanus als Transportsystem dienen. Sie besuchen den riesigen Wochenmarkt, auf dem mehr als 20.000 Menschen täglich kaufen und verkaufen, und staunen mit offenen Mündern über die monumentalen Bauwerke, die glänzend geschmückten Paläste und weiß gekalkten Pyramiden.
Aber die Stadt zeigt auch ihre dunkle Seite. Die Spanier blicken in die in Stein gehauenen Gesichter fremder Gottheiten, für die Blutopfer dargebracht werden. Und der Geruch des Todes ist allgegenwärtig. In ihren Herzen fürchten sie, dass Cortéz, der Spieler, sie in die Vorhöfe der Hölle geführt hat.
Montezuma ist unsicher. Wer ist dieser Cortéz wirklich? Und wer ist sein Meister, der große König Karl jenseits des Meeres? Der Azteke macht einen Test. Er zeigt Cortéz voller Stolz den Tempel des Kriegsgottes. Vielleicht erkennen sich die beiden Götter? Auf der Spitze der Pyramide betritt Cortéz die Kammer, wo dem Gott geopfert wird. Hier wurde Tausenden von Gefangenen das Herz herausgeschnitten. Der Gestank ist so grauenerregend, dass Cortéz Mühe hat, sich zu beherrschen. Aus der Dunkelheit starren ihn die Augen der aztekischen Gottheiten an, in Form von glänzenden Edelsteinen.