Читать книгу Sommerfrost - Manuela Martini - Страница 5
EINS
ОглавлениеDa war es wieder. Das Brummen. Mehr ein Dröhnen. Wie von einem fernen Motor. Eins, zwei, drei, vier – aus. Eins, zwei, zählte sie, Pause, dann wieder das Dröhnen. Eins, zwei – aus. Sie wartete, zählte, kam diesmal bis vier, dann fing es wieder an. Jedes Mal, wenn sie sich in den Schlaf fallen lassen wollte, schreckte sie hoch, bis sie Angst hatte einzuschlafen. Angst davor, endlich in die Schwerelosigkeit des Schlafes zu sinken. Jedes Mal riss das Dröhnen sie wieder wie an einer Halteleine zurück, hinderte sie, endlich nur noch zu schweben. Sie wartete, lauschte, sie zog die Bettdecke weit über die Ohren, verkroch sich darunter, doch auch das half nichts. Woher kam es nur? Was war es?
Eine Wasserpumpe wahrscheinlich, meinte ihre Mutter, die das Geräusch aber noch nicht einmal hörte. Eigentlich hörte es niemand. Nur sie. Seit vier Tagen. Ich darf nicht hinhören, sagte sie sich. Versuchte es. Aber da war es schon wieder, das Dröhnen. Nein, es ging nicht. Watte, dachte sie, ich muss mir Watte in die Ohren stopfen.
Sie schlug die Decke zurück, tapste barfüßig über die kalten Fliesen durch den Flur, an der offenen Schlafzimmertür ihrer Mutter vorbei, die tief und gleichmäßig atmete. Warum kann sie schlafen?, dachte Lyra und merkte, wie sie wütend wurde. Ihre Mutter ließ sie abends allein, wenn sie eingeladen war, und amüsierte sich auf Partys, von denen sie jedoch behauptete, sie seien überhaupt nicht oder zumindest nicht annährend so amüsant, wie Lyra sich das vorstellte. Ihre Mutter ging spät ins Bett, fiel sofort in bleiernen Tiefschlaf und stand am Morgen schrecklich gut gelaunt in Lyras Zimmer und posaunte: »Guten Morgen! Ein neuer, wunderbarer Tag, Lyra!«
Lyra hingegen konnte nicht einschlafen, träumte oft verrücktes Zeug und am Morgen fühlte sie sich wie gerädert. Und nun auch noch dieses Dröhnen. Das Leben war so ungerecht!
Im Bad vermied sie es, Licht anzuknipsen, da sie sonst nur noch wacher würde, zupfte im Dunkeln aus dem Behälter neben dem Spiegel ein paar Wattefetzen von den Pads zum Abschminken und stopfte sie sich in die Ohren. Wie Odysseus und seine Männer, dachte sie, die den Gesang der Sirenen nicht hören durften, weil sie sonst verloren gewesen wären. Letzte Woche hatten sie in Geschichte einen Test geschrieben und Lyra hatte sämtliche Daten und die Regierungszeiten irgendwelcher dämlichen Könige völlig durcheinandergeworfen. Wozu brauchte man das überhaupt? Wozu musste sie solche Sachen lernen, die doch jeder Erwachsene längst vergessen hatte? Und was nutzte der Geschichtsunterricht, wenn man keine Erkenntnisse für das eigene Leben daraus ziehen konnte? Das brachte einem die Schule natürlich nicht bei … Oder hatten die Lehrer etwa Rezepte parat, wie sie mit einer Mutter zusammenleben sollte, die sich schrecklich gesund ernährte, jeden Tag ins Fitness-Studio rannte und nicht kapieren wollte, dass ihre Tochter das ziemlich bescheuert fand? Und wussten die Lehrer etwa, ob Lyra es gut oder schlecht finden sollte, dass ihre Mutter einen Freund hatte, bei dem sie mehrmals die Woche übernachtete und Lyra allein ließ? Nein, für solche Themen gab es kein Schulfach.
So schrecklich diese schlaflosen Stunden waren, sie eröffneten Lyra einen glasklaren Blick auf die Dinge ihres Lebens.
Doch diese Tatsache half ihr wenig, wenn sie in drei Stunden aufstehen und einen ganzen, langen Schultag durchhalten musste.
Lyra drehte den Wasserhahn auf und trank einen Schluck, als sie innehielt und den Kopf schüttelte. Sie hatte doch tatsächlich vergessen, dass ja seit heute Ferien waren. Wieso nur war sie so durcheinander? Das verdammte Dröhnen musste daran schuld sein.
Sie ging wieder zurück in ihr Zimmer, schlüpfte ins Bett, zog die Decke über die Ohren und lauschte. Nur dumpfe Stille. Kein Dröhnen. Lag es an der Watte oder hatte der Motor – oder was immer diese Geräusche erzeugte – seinen Geist aufgegeben? Nein, da war nichts mehr. Endlich. Endlich konnte sie in ihr weiches Kissen sinken und sich in die süße Schwerelosigkeit des Schlafes fallen lassen.
»Lyra! Lyra, sag mal, bist du taub?«
Sie öffnete ihre Augen. Es war schon hell und das Gesicht ihrer Mutter schwebte über ihr. Warum sprach sie so leise? Nach ein paar Sekunden erinnerte sich Lyra an die Watte in ihren Ohren und nahm sie heraus.
»Hast du Ohrenschmerzen?« Sofort nahm die Stimme ihrer Mutter einen besorgten Tonfall an. Das konnte Lyra überhaupt nicht ausstehen.
»Nein.«
»Ich sag dir immer, dass du deine Ohren nach dem Schwimmen abtrocknen sollst.«
»Ich hab keine Ohrenschmerzen!« Warum konnte ihre Mutter sich niemals mit ihren Erklärungen zufriedengeben? Hörte sie ihr überhaupt zu?
»Und außerdem hab ich Ferien!«, protestierte Lyra.
Ihre Mutter seufzte, als habe sie alle Schuld der Welt auf ihren Schultern zu tragen. Die Mitleidstour ist also wieder angesagt, dachte Lyra und blinzelte in die Sonne, die nun, als ihre Mutter die Vorhänge zurückzog, grell ins Zimmer fiel. Die Reise ins behaglich dunkle Traumland des Schlafs war endgültig vorüber.
»Warum weckst du mich? Ich habe Ferien!«
Ihre Mutter sah sie mit einem ihrer typischen, schrecklich ernsten Blicke an. »Du kennst doch Pia Hellmann.« Die Stimme ihrer Mutter klang plötzlich komisch.
Lyra zuckte die Schultern. »Ja, schon.«
Pia war in Lyras Parallelklasse, sie hatten nicht viel miteinander zu tun, trafen sich nur hin und wieder mal zufällig am Strand. Ihre Mutter setzte sich auf die Bettkante.
»Stell dir vor, Pia ist gestern nach der Schule nicht nach Hause gekommen. Pias Eltern haben deswegen gestern Abend bei den Köhlers abgesagt.«
Lyra schockierte weniger die Nachricht als die Gesichtsfarbe ihrer Mutter. Kreidebleich war sie geworden, mit einem Stich ins Gelbe, das von ihrer Sonnenbräune kam.
»Vielleicht hat sie einen Freund.« Lyra hasste es, morgens schon mit Problemen belästigt zu werden.
Pia würde schon wieder aufkreuzen. Und was ging sie eigentlich Pia an?
»Aber dann hätte sie doch ihren Eltern Bescheid gegeben!«, sagte ihre Mutter.
Lyra zuckte wieder die Schultern.
»Sei doch nicht so gleichgültig!«, brauste ihre Mutter auf.
Lyra unterdrückte gerade noch ein weiteres Schulterzucken und gähnte nur. »Heute ist mein erster Ferientag! Das hättest du mir auch später sagen können!«
Ihre Mutter überhörte die Bemerkung. »Versprich mir, Herzchen, dass du nie wegbleiben würdest, ohne mich zu verständigen!« Sie hatte Lyras Hände in ihre genommen. Wie theatralisch ihre Mutter sein konnte.
Lyra zog ihre Hand weg, murmelte: »Ja, klar.«
Ihre Mutter sah sie weiter besorgt an und schüttelte den Kopf.
»Ich meine es wirklich ernst, Lyra!«
»Ja, klar.« Lyra schlug schwungvoll die Decke zurück. Jetzt konnte sie sowieso nicht mehr schlafen. Um elf wollte sie mit Bea, Patrick und Oliver am Strand sein. »Ich muss ins Bad.«
»Lyra! Du musst mir immer die Wahrheit sagen! Das musst du mir versprechen! Hörst du?«, rief ihre Mutter ihr nach.
Sie führt sich wirklich albern auf!, dachte Lyra. »Jaaaaa! Versprochen!«, rief sie zurück und schloss geräuschvoll die Badtür. Pia würde schon wieder aufkreuzen. Davon abgesehen, kannte sie sie ja kaum und Lyra hatte genug eigene Probleme. Der Stress in der Schule, die Tatsache, dass ihre beste Freundin Bea alle Jungs um den Finger wickeln konnte, während sie sich immer nur wie eine Zuschauerin vorkam. Und Oliver, der offenbar Bea interessanter fand als sie. Was interessierte sie schon Pia Hellmann! Bestimmt würde ihr Pia heute am Strand über den Weg laufen. Dass ihre Mutter so leicht in Panik zu versetzen war!
»Und denk dran, dass heute Pablo kommt!«, hörte sie ihre Mutter noch rufen, bevor die Tür ins Schloss fiel.
Pablo, ihr Englischlehrer – den hatte sie ganz vergessen! Wieso konnte er nicht auch einfach Ferien machen? Er hatte an ihrer Schule, der Deutschen Schule in Marbella, früher Spanisch und Englisch unterrichtet. Seitdem er pensioniert war, gab er Nachhilfeunterricht. Er wusste genau, wie der Lehrplan aussah und was man lernen musste. Das war das Positive. Das Negative war, dass Pablo ziemlich streng und äußerst ungeduldig war und für vergessene Hausaufgaben keinerlei Verständnis aufbrachte. Doch jetzt wollte Lyra erst mal nicht an den Nachmittag denken.
Sie duschte, zog ihren Bikini an, darüber ein enges Top und ihren kurzen Rock. Die Haare brauchte sie bei der Hitze nicht zu fönen. Sie konnte sich gar nicht mehr vorstellen, in Deutschland zu leben, wo es oft miese Sommer und nasskalte Winter gab. Und einen Strand gab es dort schon mal gar nicht. Ein Glück, dass ihre Mutter sich vor zehn Jahren entschieden hatte, nach Südspanien an die Costa del Sol zu ziehen.
Lyras Blick fiel auf die Uhr. Halb elf schon! Sie eilte in ihr Zimmer, um in die Strandtasche noch Handy und iPod zu werfen, als eine vertraute Melodie an ihre Ohren drang. Eine Flöte – vier aufsteigende Töne, dann ein Triller am Ende. Es war der Scherenschleifer. Jede Woche zog er durch das Gassengewirr der Altstadt. Lyra ging zum Fenster und blickte vom ersten Stock hinunter auf die Straße. Hier wohnten sie, seitdem sie hier waren, mitten in der spanischen Altstadt von Marbella, in einer engen Gasse, in einem restaurierten Stadthaus mit Dachterrasse.
Er sieht aus wie ein Hippie, sagte Lyras Mutter immer abfällig, wenn sie den Scherenschleifer sah. Hippies waren für sie alle, die Rastalocken, Sandalen und ausgewaschene, lässige Klamotten trugen. Manchmal dachte Lyra, dass ihre Mutter es eigentlich bedauerte, zur echten Hippie-Zeit in den Siebzigern zu jung gewesen zu sein – und jetzt mit vierzig zu alt dafür war.
Der Scherenschleifer stellte gerade sein Moped mit der Schleifmaschine auf dem Gepäckträger unter Lyras Fenster ab und blies wieder auf der Flöte. Die Tür des Nachbarhauses öffnete sich und die dicke Marta kam heraus, bewaffnet mit zwei langen, blitzenden Messern, die sie ihm entgegenstreckte. Er setzte den Motor des Mopeds in Gang und schärfte an der sich auf dem Gepäckträger drehenden Schleifscheibe die Klingen.
Zweimal schon wollte Lyra ihm die Küchenmesser bringen, doch jedes Mal hatte es ihre Mutter verboten. »Unsere Messer sind scharf genug, Lyra.«
»Was hast du nur gegen ihn?«, hatte Lyra gefragt.
»Ach, nichts. Er erinnert mich nur irgendwie an den Rattenfänger von Hameln.«
Lyra musste an diese schaurige Geschichte denken, als sie zu dem Scherenschleifer hinabschaute. An all die Kinder, die dem Flötenmann damals aus der Stadt hinaus gefolgt waren und niemals wieder zurückkehrten … In dem Moment sah der Scherenschleifer zu ihr hinauf. Die Sonne hatte seine Haut dunkelbraun gebrannt und seine Augen waren hell und blitzend. Sie spürte einen kalten Schauer über ihren Körper laufen. Schnell wandte sie sich vom Fenster ab, holte ihre Tasche und beeilte sich, zum Strand zu kommen.