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DREI

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Der Heimweg führte Lyra an gut besetzten Cafés und Restaurants vorbei. Der Gedanke an Pia und den Scherenschleifer ließ sie nicht los. Sie fühlte sich, als würde sie vor einer verschlossenen Tür stehen, von der sie wusste, dass in dem Raum dahinter ein Geheimnis oder eine schreckliche Wahrheit lauerte. Nur hatte sie keine Ahnung, was für eine Wahrheit das sein konnte.

Blödsinn, Lyra, sagte sie sich, wahrscheinlich liegt es an der Flötenmelodie, die hat so was Schauerliches. In diesem Moment blieb sie mit ihren Flip-Flops irgendwo hängen und stolperte. Es ging blitzschnell, sie war schon im Fallen, als sie ein fester Griff am Handgelenk vor einem schmerzhaften Sturz bewahrte.

»Hoppla!« Ein Mann hielt ihren Arm fest und lächelte sie an.

»Perdón!«, brachte sie hervor und sah den Mann dankbar an. Er war gerade noch rechtzeitig von seinem Stuhl an dem kleinen Tisch aufgesprungen, um ihr zu helfen. Jetzt erst fiel ihr auf, dass er Hoppla gesagt hatte – ein deutsches Wort.

»Danke«, sagte sie also. Wie peinlich die Situation war!

»Ah, du sprichst Deutsch! Darf ich Du sagen?«

Wer war er? Ein Tourist? Er trug ein weißes Poloshirt mit hochgestelltem Kragen, tarnfarbene Bermudas und war sonnengebräunt.

»So alt bin ich nun ja auch wieder nicht«, antwortete sie.

Er strahlte sie an. »Nein! Ich heiße Leander.«

Sie betrachtete ihn näher. Ein bisschen ähnelte er Oliver, mit seinem blonden, längeren Haar und der Sonnenbrille darauf.

Aber er sah viel besser und viel erwachsener aus. Bea wäre ganz schön neidisch …

»Ich heiße Lyra. Ich weiß auch nicht, ich bin über irgendwas gestolpert!« Sie sah sich um, konnte aber weder einen Stein noch eine lose Bodenplatte oder irgendetwas anderes Verdächtiges finden.

Er winkte ab. »Passiert halt mal. Darf ich dich auf ein Getränk einladen?«

Am liebsten hätte sie Ja gesagt. Warum musste Pablo ausgerechnet heute kommen? »Ich muss leider …«, fing sie an.

Er ließ sie gar nicht ausreden. »Zehn Minuten?«

Wie er sie anlächelte! Zehn Minuten? Ja, das schaffte sie locker! »Okay.« Sie nickte und lächelte zurück. Lächle nicht so viel, sagte sie sich. Er muss ja nicht gleich merken, dass du ihn gut findest!

Er schob ihr den Stuhl zurecht. Sie fühlte sich wie eine richtige Frau. Oliver oder Patrick hätten so was niemals getan! Wenn Bea sie jetzt sehen könnte!

»Was möchtest du trinken?«, fragte er.

»Eine Cola.«

Leander bestellte beim Kellner zwei Colas. Sein Spanisch hörte sich etwas unbeholfen an. Machte er hier Urlaub?

»Machst du hier Ferien?«, fragte er sie in diesem Moment.

Die blonden Haare auf seinen Armen schimmerten golden, stellte Lyra fest. »Äh … nein, ich wohne hier und du?«

»Ich wohne auch hier, ich bin erst vor Kurzem hierhergezogen. Aber – du kommst mir irgendwie bekannt vor.« Er rückte ein wenig zurück und betrachtete sie.

»Ach ja?«, sie versuchte, lässig zu klingen, aber sie hatte das Gefühl, einen knallroten Kopf zu haben. Sollte sie ihm sagen, dass er ihr auch bekannt vorkam, dass er ein bisschen aussah wie Brad Pitt in einem der Filme, in denen er längeres Haar trug ...?

»Ja!« Er nickte, sah sie noch eine Weile versonnen an und lächelte dann wieder. »Was macht man hier so in seiner Freizeit? Du hast doch jetzt Ferien, oder?«, fragte er und ließ einen Eiswürfel aus dem Glas in seinen Mund gleiten. Er hatte ein niedliches Grübchen am Kinn.

»Kommt drauf an. Ich gehe gern an den Strand.« Obwohl sie großen Durst hatte, konnte sie an ihrer Cola vor Aufregung nur nippen.

»Ja, der Strand!« Er streckte seine Beine aus und drehte sein Gesicht in die Sonne. »Das gefällt mir hier. Ich gehe auch gern an den Strand, wenn ich Zeit habe.«

»Arbeitest du hier?«, fragte sie.

»Ja, in einem Restaurant.«

»Bist du Koch?«

»Erraten!«

Wie Jamie Oliver, fiel ihr ein, dieser englische Koch, den ihre Mutter so süß fand. Sie räusperte sich, wusste nicht, ob sie es wagen konnte, diese Frage zu stellen. Doch dann tat sie es doch:

»Bist du allein hierhergekommen?«

Er lachte. Lyra hätte sich ohrfeigen können vor. Wie peinlich!

»Entschuldigung«, murmelte sie. Sie hätte sich gar nicht einladen lassen sollen. Wer weiß, was er jetzt von ihr dachte.

Er wurde ernst. »Nein, ich habe nicht über deine Frage gelacht, sondern weil ich eigentlich mit meiner Freundin hier nach Spanien kommen wollte und dann hat sie mit mir Schluss gemacht.«

»Oh.« Nun hatte sie auch noch seinen wunden Punkt getroffen. Bravo, Lyra! Mal wieder voll ins Fettnäpfchen getreten!

»Na ja.« Er sah wieder in die Sonne. »Es war besser so. Wir haben nicht zusammengepasst.«

Lyra trank einen Schluck Cola und wartete darauf, dass er weitersprach, aber er schien weit weg mit seinen Gedanken. Und sie war daran schuld, weil sie ihn an seine gescheiterte Beziehung erinnert hatte.

»Ich muss los.« Lyra stand auf. Sie hatte zwar noch etwas Zeit, aber sie hatte das Gefühl, dass es besser war zu gehen.

Jetzt erst nahm er sie wieder wahr. »Aber deine Cola!«

Sie schüttelte den Kopf.»Ich hab keine Zeit mehr.«

»Schade. Vielleicht sehen wir uns ja mal am Strand?«

»Ja, vielleicht.« Lyra versuchte, sich die Freude nicht anmerken zu lassen. »Und danke für die Cola.«

»Gern geschehen.«

Eine Sekunde lang überlegte sie, ihn nach seiner Handynummer zu fragen, aber als er nicht nach ihrer fragte, ließ sie es sein. Auf gar keinen Fall wollte sie noch aufdringlicher sein. Ihr Sturz war schon peinlich genug und dann auch noch die Erinnerung an seine Freundin.

»In welchem Restaurant arbeitest du eigentlich?«, platzte es dann doch noch aus ihr heraus.

Verwirrt sah er sie an. Wahrscheinlich war er in Gedanken gerade wieder bei seiner Freundin. »Was?«

»Das Restaurant, wie heißt es, vielleicht kenne ich es ja?«

»Oh, es ist ein schwedisches Restaurant, ich weiß nicht, ob du dort hingehen würdest. Beddinge, es heißt Beddinge.«

»Nee, kenn ich wirklich nicht«, musste sie zugeben. Aber er lächelte wieder. Gut gemacht, Lyra, sagte sie zu sich. Leander ist wieder besserer Stimmung und ich weiß, wo er arbeitet. Ihre Wangen glühten nicht nur von der Hitze, als sie im Eiltempo nach Hause ging.

Als sie die Tür aufschließen wollte, wunderte sie sich, dass sie offen war. Ihre Mutter war also doch zu Hause.

»Schon da?«, fragte Lyra und warf ihre Strandtasche auf die Couch.

Ihre Mutter stand in ihren Fitness-Klamotten in der Küche und stopfte gerade eine Banane in den Mixer. »Du sollst doch die sandige Strandtasche nicht auf die Couch legen!«

Lyra tat, als hätte sie es nicht gehört. Jetzt ging das wieder los, das ewige Rumgenörgel ihrer Mutter.

»Zwei Kunden haben ihren Termin verschoben. Und da war ich noch kurz im Fitness-Studio. Aber sag mal, was hast du diesmal für nervige Musik draufgespielt!« Ihre Mutter deutete ärgerlich zum iPod auf dem Tisch.

»Wieso?« Lyra versuchte einen unschuldigen Augenaufschlag.

»Du weißt genau, dass ich dieses Geschrei grauenhaft finde!«

Lyra zog eine Grimasse. Richtig, sie hatte ihrer Mutter absichtlich Tokio Hotel heruntergeladen, die mochte ihre Mutter nämlich überhaupt nicht.

»Wirklich? Na gut, nächstes Mal kriegst du Julio Iglesias oder wie hieß der noch, der mit der Brille – Heino?«, sagte Lyra. Ihre Großmutter hatte eine Uraltplatte von ihm.

»Ich wünsche dir auch mal so eine Tochter, wie du es bist, Lyra! Die dich dann mit dem alten Brad Pitt aufzieht! Hast du was Neues von Pia gehört?«

Der Mixer dröhnte so laut, dass Lyra schreien musste: »Nein!« Gab es vielleicht noch ein anderes Thema als Pia? Da kam irgendjemand einmal nicht nach Hause und schon interessierten sich alle für ihn!, dachte Lyra und merkte, wie ihre Laune von Minute zu Minute schlechter wurde. Und dann musste sie ausgerechnet heute auch noch Nachhilfe haben.

»Ich hab dir was mit gemixt«, rief ihre Mutter aus der Küche.

»War kaum zu überhören«, murrte Lyra. Ihr Blick ging zur Küchentheke, auf der ein großer Becher milchig grüner Flüssigkeit stand. »Bääh, Avocado …«

»Ich weiß nicht, was du plötzlich gegen Avocados hast. Die hast du doch immer gemocht? Avocados sind squalenreich – und außerdem redet man nicht so übers Essen!«, wies ihre Mutter sie zurecht.

»Ich hab keinen Hunger – und kannst du nicht mal was Normales machen? Hamburger oder Pommes?«, stöhnte Lyra.

»Aber Lyra, andere wären froh, wenn sie …«

Lyra hörte nicht mehr zu, nahm ihre Strandtasche von der Couch, die dort tatsächlich einen kleinen Sandhaufen hinterlassen hatte, und ging nach oben. Der Gesundheitstick ihrer Mutter ging ihr so was von auf die Nerven! Warum mussten ihr alle die Ferien vermiesen? Ihr blöder Nachhilfelehrer würde in zehn Minuten da sein und dann hatte sie auch noch die Begegnung mit Leander vermasselt – sonst hätte er sie doch bestimmt nach ihrer Telefonnummer gefragt. Der Tag war verdorben.

Sie stellte sich rasch unter die Dusche, zog ein Sommerkleid an und wollte gerade in ihrem Zimmer den Ordner mit den Englischübungen aus dem Regal nehmen, als ihre Mutter von unten rief: »Lyra! Komm doch mal!«

Sie tat einfach, als habe sie nichts gehört. Sollte ihre Mutter doch hochkommen. Warum sollte Lyra immer sofort springen? »Lyra!« Ihre Mutter stand im Türrahmen mit dem Telefon in der Hand. »Pablo kommt heute nicht. Seine Frau hat gerade angerufen. Er hat wohl einen Virus aufgeschnappt. Ihm ist schwindlig und er hat Fieber.«

»Super!«, rief Lyra erfreut und ihre Mutter sah sie tadelnd an. »Ist es denn was Schlimmes?«, fragte sie mit gespielt besorgter Miene.

»Der Arzt ist noch da. Er hat Pablo verboten, den Unterricht zu halten.«

Typisch Pablo! Lyra stöhnte innerlich, wenn sie an seine eiserne Selbstdisziplin dachte, die er auch von all seinen Schülern erwartete.

Ihre Mutter seufzte. »Tja, wir werden wohl einen Ersatz finden müssen.«

Mist!, dachte Lyra. »Vielleicht sollten wir noch warten, was der Arzt rät«, sagte sie und hoffte auf wenigstens zwei freie Wochen. Der Blick ihrer Mutter verriet, dass sie Lyra durchschaute. »Ich weiß nicht, ob wir uns das leisten können, so lange kein Englisch zu lernen, Lyra?«

Wenn ihre Mutter in der Wir-Form sprach, meinte sie es meistens ziemlich ernst.

»Ist doch noch ewig Zeit. Die Ferien haben ja gerade erst angefangen«, erwiderte Lyra und setzte ein zuversichtliches Lächeln auf.

»Wir werden sehen«, sagte ihre Mutter und wandte sich zum Gehen.

Lyra schnitt hinter dem Rücken ihrer Mutter eine Grimasse. Sie hatte es satt, wie ein Kind behandelt zu werden. Da fiel ihr plötzlich wieder Leander ein. Leander – was für ein poetischer Name. Und vielleicht hatte sie sich ja doch nicht so ungeschickt angestellt. Aber sie würde niemandem davon erzählen. Diese Begegnung gehörte ihr ganz allein – und Leander…

Unten klingelte das Telefon. Hoffentlich war das nicht Pablo, der ganz plötzlich wie durch ein Wunder geheilt war!

»Ja? Nein, wirklich nicht!«, hörte sie ihre Mutter sagen. »Wenn wir irgendwas tun können …«

Wer war das? Klang nicht nach Pablo. Erleichtert stieg Lyra die Treppe hinunter. Endlich legte ihre Mutter auf. Lyra sah sie neugierig an.

»Pia ist immer noch nicht zu Hause«, sagte ihre Mutter bestürzt. Lyra war sich so sicher gewesen, dass Pia heute wieder auftauchen würde. Doch allmählich machte sich auch bei ihr ein unangenehmes Gefühl breit.

»Mach dir keine Sorgen, Mama, was soll denn schon passiert sein?«, versuchte sie ihre Mutter zu trösten. Im selben Moment merkte sie, dass das genau der falsche Satz gewesen war.

Ihre Mutter sah sie ernst an. »Es kann eine ganze Menge passieren da draußen, Lyra.«

Wie hatte sie nur so etwas Dummes sagen können?

»Ja, ich weiß«, sagte Lyra leise und schlang die Arme um den Hals ihrer Mutter. Eine Weile standen sie so da, ohne zu reden. Aber Lyra wusste, dass sie beide an das dachten, was vor zehn Jahren geschehen war. An die Katastrophe, die damals über sie hereingebrochen war und die ihr ganzes Leben verändert hatte.

Nach einem schweigsamen Abendessen war Lyra früh zu Bett gegangen. Lange lag sie wach, lauschte in die Dunkelheit und wartete auf das Dröhnen, aber es kam nicht. Endlich schlief sie ein. Doch plötzlich schlich sich ein Gesang in ihre Träume.

»Schlaf, meine Lyrali, schlaf ein, du musst keine Angst haben, schlaf ein, Lyrali, schlaf ein ...«

Sie kannte den Gesang. Sie kannte die Stimme. Irgendwoher.

Sommerfrost

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