Читать книгу Sommerfrost - Manuela Martini - Страница 8
VIER
ОглавлениеAls Lyra spät am nächsten Morgen aufwachte, schien sie noch immer das Lied zu hören. Woher kannte sie es nur? Es hatte so nah geklungen, gar nicht wie in einem Traum. Lyra blinzelte. Die Sonnenstrahlen, die durch die Vorhangritze fielen, verscheuchten ihre trüben Gedanken. Es war ihr zweiter Ferientag! Und Pablo war krank! Lyras Stimmung hellte sich schlagartig auf. Sie ging hinunter in die Küche, um einen Orangensaft zu trinken und ein paar Cornflakes zu essen. Da sah sie den Zettel auf der Küchentheke.
Komm doch um zwei ins Büro, dann gehen wir was essen, Mama
Lyra wusste nicht recht, ob sie dazu Lust hatte. Aber wenn ihre Mutter schon mal was mit ihr machen wollte, sollte sie sie nicht vor den Kopf stoßen.
Sie aß ihre Cornflakes und wollte die Schüssel in die Spülmaschine stellen, doch darin stand noch das saubere Geschirr. Lyra hatte nicht die geringste Lust, sie auszuräumen. Sie stellte die Schüssel einfach in die Spüle, obwohl sie wusste, dass ihre Mutter das überhaupt nicht mochte. Im Sommer waren sofort die Ameisen da, wenn etwas Süßes herumstand. Egal, dachte sie, rannte in ihr Zimmer, holte ihre Badesachen und verließ das Haus.
Schon jetzt um halb elf war es brütend heiß. Sie lief durch die Gassen der Altstadt in Richtung Strand. Vielleicht sehe ich ja Leander wieder, dachte sie und schlenderte, Ausschau nach ihm haltend, an den Touristen und Einheimischen vorbei, die in den Cafés der Altstadt saßen oder bereits ihren Geschäften nachgingen.
Auf einmal hatte sie das merkwürdige Gefühl, beobachtet zu werden. Sie blieb vor einem Schaufenster stehen und tat so, als betrachte sie die Auslage des Schmuckladens. Sie konnte förmlich die Blicke spüren, die sich in ihren Rücken bohrten. Aus den Augenwinkeln heraus und im spiegelnden Fensterglas versuchte sie, jemand Verdächtiges zu entdecken.
Der Scherenschleifer kam ihr in den Sinn. Aber er wäre ihr ganz bestimmt aufgefallen. Und wieso sollte er sie beobachten? Trotzdem, die Geschichte mit dem Rattenfänger von Hameln ging ihr nicht aus dem Kopf. Lyra, du spinnst, sagte sie sich und ging weiter. Nein, da war niemand. Sie hatte sich das nur eingebildet. Gedankenversunken bahnte sie sich ihren Weg durch die Menschenmenge, als ein großer Schatten vor ihr auftauchte. Erschrocken sah sie auf.
Die dicke Marta aus ihrer Straße hatte sich vor ihr aufgebaut. Sie musste aus dem Wäschegeschäft gekommen sein, denn sie trug auf ihrem Arm in Folie verpackte Kleider. Ihre Schweinsäuglein funkelten Lyra böse an.
»Sag deiner Mutter, sie soll ihr Auto nicht gegenüber von meiner Garage parken. Beim nächsten Mal rufe ich den Abschleppdienst!« Martas Doppelkinn wabbelte, ihre Haut war rot und fleckig, wie immer, wenn sie sich ärgerte, und sie ärgerte sich über fast alles. Irgendwann fällt sie bei einem Streit tot um, prophezeite ihre Mutter jedes Mal.
Lyra zuckte die Schultern. Sie war in der richtigen Stimmung, sich mit der Nachbarin anzulegen. »Gegenüber ist aber kein Parkverbot. Tut mir leid.« Sie lächelte besonders freundlich und ließ Marta einfach stehen.
»Wartet nur ab, ich rufe den Abschleppdienst! Sag das deiner Mutter! Sie soll gefälligst ihren Wagen woanders parken!«, rief ihr Marta noch drohend hinterher.
»Halt die Klappe, fette Qualle!«, murmelte Lyra und war froh, dass ihre Mutter das nicht hören konnte.
Bevor Lyra auf die Strandpromenade bog, drehte sie sich noch einmal um. Außer Martas dickem Hinterteil war nichts Auffälliges zu sehen. Das mit dem Verfolger muss ich mir eingebildet haben, dachte sie und lief schnell weiter.
Glitzernd breitete sich das Meer vor ihr aus, der Strand lockte mit seinem feinen Sand. Ein wunderbarer Ferientag wartete auf sie. Und den wollte sie genießen.
Lyras Freunde lagen am selben Platz wie gestern.
»Pia ist immer noch nicht wieder aufgetaucht«, sagte Bea, während sie sich mit Sonnenschutzmittel einsprühte. »Meine Mutter ist schon ganz hysterisch.«
»Meine auch!«, stimmte Lyra zu. »He, rutsch doch mal«, sagte sie und stieß Patrick an. Patrick brummte zwar, rutschte dann aber etwas zur Seite, sodass sie sich zwischen ihn und Oliver legen konnte. Sie drehte sich auf ihrem Handtuch auf den Bauch und sah zu den Cafés auf der Promenade. War das dahinten am Postkartenstand nicht Leander? Der Typ sah ihm wirklich ähnlich.
»Wen hast du denn in Augenschein genommen?« Patrick sah in dieselbe Richtung wie sie. »Den da, der sich gerade umdreht?«
»Quatsch.«
Doch, genau den, hätte sie sagen wollen. Es war Leander. Er suchte eine Postkarte aus. Sicher wollte er seiner Exfreundin eine schicken, um ihr zu zeigen, wie schön es hier war. Vielleicht hoffte er ja, dass sie dann zu ihm zurückkäme.
Am liebsten wäre sie jetzt zu ihm hingegangen und hätte ganz lässig Hallo gesagt. Aber das war unmöglich! Ihre Freunde würden sie sicherlich beobachten und vor Aufregung wäre sie bestimmt wieder gestolpert oder hätte sich verhaspelt.
»Wär eh zu alt für dich!«, sagte Patrick und setzte sich auf.
»Kommst du mit ins Wasser?«
»Später!«, antwortete Lyra.
»Warum gehen Mädchen eigentlich immer so ungern ins Wasser?«, wandte sich Patrick an Oliver.
»Keine Ahnung, frag sie doch selber«, gab Oliver träge zur Antwort.
»Und?« Patrick sah erst Lyra und dann Bea an.
Bea zuckte die Schultern. »Blöde Frage. Keine Ahnung. Ich hab mich gerade eingecremt.«
»Das Zeug ist doch wasserfest«, entgegnete Patrick.
»Wir gehen nicht gern mit euch zusammen baden, weil ihr immer total kindisch seid«, sagte Lyra. »Entweder schmeißt ihr uns ins Wasser, spritzt uns nass oder taucht uns unter. Das ist einfach supernervig. Sonst noch Fragen?«
Patricks Lächeln verschwand.
»Da hast du’s gehört«, sagte Oliver und grinste. »Endlich mal eine klare Ansage – ich hasse Leute, die immer nur um den heißen Brei reden.«
Lyra hatte das Gefühl rot zu werden. Das war zwar nicht besonders charmant formuliert, aber aus Olivers Mund klang es anerkennend. Vielleicht gab es für sie ja doch noch eine Chance bei ihm?
»Seht mal!« Patrick deutete aufs Meer. Ein Wasserskiläufer flog über die Wellen. »Nächstes Wochenende könnten wir nach Tarifa zum Surfen fahren. Wie wär’s?«
Patricks Eltern besaßen eine Ferienwohnung direkt am Atlantik. Lyra dachte an die weiten feinsandigen Strände und die vielen coolen Strandbars. Aber ihre Mutter erlaubte bestimmt nicht, dass sie mit Patrick und seinen Eltern dorthin fuhr. Obwohl sich ihre Mutter sonst immer total modern gab, war sie in manchen Dingen ziemlich ängstlich.
»Meine Eltern sind bestimmt froh, wenn sie mich mal los sind!«, sagte Bea.
Oliver nickte zustimmend.
»Ich darf bestimmt nicht«, stöhnte Lyra.
»Bist du sicher?«, fragte Patrick.
Lyra seufzte. »Leider ziemlich sicher. Sie hat immer Angst, dass etwas passieren könnte.«
»Durch die Sache mit Pia ist meine Mutter auch ängstlicher geworden«, pflichtete ihr Bea bei. »Ich muss auch dauernd an Pia denken. Warum unternimmt denn die Polizei nichts?«
»Natürlich unternimmt die was«, sagte Oliver. »Die sagen nur nichts.«
»Und warum nicht?«
»Das weißt du doch! Um die Ermittlungen nicht zu gefährden!«, erwiderte Oliver und gähnte.
»Hey, hört mal, ich hab da eine Idee!«, sagte Bea plötzlich aufgeregt.
»Da bin ich aber gespannt!« Patrick gähnte auch.
Bea ignorierte Patricks gelangweilten Tonfall und redete begeistert weiter. »Also, heute ist Freitag. Ich weiß, dass er heute seine Runde in unserem Viertel macht.«
Lyra sah die anderen beiden an, die fragend die Augenbrauen hoben.
»Wen meinst du?«, fragte Patrick und kratzte sich am Kopf.
»Den Scherenschleifer natürlich!« Dabei verdrehte Bea die Augen und verkrampfte ihre Finger, dass sie aussahen wie Krallen.
»Du tust ja gerade so, als ob er ein Monster wäre!« Lyra ärgerte sich. Ihr gefiel es nicht, dass Bea den Scherenschleifer als Verdächtigen abstempelte – obwohl sie zugeben musste, dass sie ihn selbst etwas unheimlich fand.
Bea warf ihr Haar zurück und sagte schnippisch: »Und? Ist er ja vielleicht auch.«
Patrick machte eine wegwerfende Handbewegung und stand auf. »Gehen wir ins Wasser?«
Oliver schob seine Sonnenbrille aufs Haar und aalte sich genüsslich auf seinem Handtuch. »Später.«
»Und du, Lyra?« Patrick stemmte die Arme in die schmalen Hüften und sah auf sie herunter.
Lyra schüttelte den Kopf. »Nachher.«
»Ihr seid wirklich langweilig!«, sagte Patrick und wollte zum Wasser.
»Und wenn wir ihn einfach beschatten?«, fragte Bea.
Patrick drehte sich um. »Wen?«
»Na den Scherenschleifer natürlich!«, antwortete Bea mit genervtem Unterton. »Wenn die Polizei schon nichts tut…«
»Das ist doch völliger Quatsch, Bea! Der Scherenschleifer hat null damit zu tun. Und außerdem sind wir zu alt, um Detektiv zu spielen!«, erwiderte Patrick.
»Aber vielleicht weiß er was über Pia? Sicher hat ihn noch niemand gefragt«, beharrte Bea.
»Und warum bleiben wir nicht einfach hier in der Sonne liegen? Die Polizei wird schließlich dafür bezahlt, dass sie ihren Job macht«, sagte Oliver, der noch immer mit geschlossenen Augen auf dem Handtuch lag.
»Mich würde es brennend interessieren, wie so ein Scherenschleifer lebt. Ist doch ein ziemlich verstaubter Beruf, oder?«, sagte Bea Haare schüttelnd.
»Schon, aber was wollen wir eigentlich rauskriegen?« Lyra musste sich eingestehen, dass sie der Scherenschleifer auch interessierte. Er hatte etwas Unheimliches, das sie neugierig machte. »Na ja, was er tagsüber so macht, wo er wohnt, mit wem er so abhängt.« Langsam schien Patrick doch Geschmack an der Sache zu finden.
»Und wie stellt ihr euch das vor?«, fragte Oliver und reckte sich.
»Wir verfolgen ihn einfach! Das dürfte nicht so schwer sein. Hauptsache, wir fallen nicht auf«, schlug Bea vor.
Patrick nickte. »Ja, das könnte klappen. Wir wechseln uns einfach ab. Bea, du könntest den alten Kinderwagen meiner Schwester schieben, dann kommt an der nächsten Ecke Oliver mit seinem Mofa vorbei, dann Lyra mit... mit einem Eis und so weiter.«
Bea stöhnte. »Muss ich ausgerechnet einen Kinderwagen durch die Gegend schieben? Das ist doch voll albern!«
»Komm schon Bea, es war schließlich deine Idee!«, sagte Patrick.
Bea schüttelte ihre blonde Mähne. »Von mir aus. Aber nur, wenn Oliver mitmacht.«
Alle Augen richteten sich auf ihn.
»Wenn ihr unbedingt einen auf Räuber und Gendarm machen wollt – bitte. Aber beschwert euch nachher nicht, dass ihr eure Ferien mit irgendwelchen kindischen Spielen vergeudet habt!«
»Nein!« Bea war auf einmal wieder bester Laune. »Oliver, wir könnten auch als Pärchen auftreten, das wäre bestimmt unauffälliger als das mit dem Kinderwagen!«
Oliver grinste und Bea strahlte ihn an.
Dass Bea immer das bekommt, was sie haben will, dachte Lyra.
Als sie sich wieder auf den Bauch drehte und zur Strandpromenade sah, war Leander verschwunden. Na ja, vielleicht war er es auch gar nicht gewesen. Sie würde ihm sicher wieder begegnen. Er mochte den Strand und die Ferien hatten gerade erst begonnen. Sie würde jeden Tag hier liegen.
Lyra schloss die Augen und stellte sich vor, wie es wäre, Leander das nächste Mal zu treffen …
Sie musste dabei eingedöst sein, denn um halb zwei piepste ihr Handy und erinnerte sie an das Treffen mit ihrer Mutter. Lustlos machte sie sich auf den Weg zum Mittagessen.