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FÜNF

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Lyra sah ihre Mutter durch die große Schaufensterscheibe des Immobilienbüros an ihrem Schreibtisch sitzen. Lyra drückte die Glastür auf. Klimatisierte Luft schlug ihr entgegen, sicher zehn Grad kälter als die Temperatur draußen.

»Du kommst genau richtig!« Ihre Mutter zog den Lippenstift nach, warf ihn in ihre Handtasche und stand auf. »Gerade ist mein letzter Kunde gegangen. Wir können also sofort los!«

Ihre Mutter kannte fast alle Laden- und Restaurantbesitzer in der Altstadt, sie nickte und grüßte nach allen Seiten. »Magst du hier rein?«, fragte sie Lyra und meinte ein kleines italienisches Restaurant. Blühende Büsche standen zwischen den weiß gedeckten Tischen.

»Von mir aus«, sagte Lyra und wusste, dass sie begeisterter klingen sollte. Sie konnte es sich nicht erklären, warum sie oft einfach keine Lust auf die Dinge hatte, die ihrer Mutter Spaß machten. Essen gehen zum Beispiel.

»Das heißt also toll, richtig?«, sagte ihre Mutter, die glücklicherweise ihren Tonfall einfach ignorierte.

»Hola Senõra«, begrüßte sie der italienische Kellner mit der bodenlangen Schürze. »Und Senõrita«, fügte er mit einem Blick auf Lyra hinzu. »Was darf ich den schönen Damen heute servieren?«

Lyra musste sich zurückhalten, nicht ein genervtes Stöhnen von sich zu geben, während ihre Mutter geschmeichelt lächelte.

Lyra bestellte eine Pizza mit Salami und ihre Mutter einen großen Salat mit Thunfisch.

»Ach, Frau Grammer!«

»Frau Hellmann!«, rief Lyras Mutter ein wenig erschrocken.

Lyra fuhr herum. Pias Mutter! Eine Frau mit aufgespritzten Lippen und blonder Wuschelfrisur. Lyra hatte sie noch nie in Jeans oder Strandbekleidung gesehen. Heute war Frau Hellmann ganz in Weiß und Gold gekleidet und auf ihrer goldenen Gürtelschnalle prangte ein nicht zu übersehendes D&G. Ihr Gesicht zuckte nervös und unter ihren Augen hingen sorgenvolle dunkle Schatten.

Sofort überfiel Lyra ein schlechtes Gewissen. Sie saß hier seelenruhig mit ihrer Mutter beim Essen, während Pia vielleicht in der Hand irgendwelcher Entführer war oder sie wer weiß wo steckte.

»Wollen Sie sich zu uns setzen?«, bot Lyras Mutter sogleich an. Frau Hellmann zögerte, sah Lyra unschlüssig an und sagte dann:

»Ja gern, ganz kurz.«

»Gibt es etwas Neues von Pia?«, fragte Lyras Mutter.

»Nein.« Frau Hellmann seufzte und faltete ihre beringten Hände auf der Tischdecke – als würde sie beten. Tut sie vielleicht auch, dachte Lyra und nippte an ihrer Cola light.

»Wir hoffen, dass …« Frau Hellmann brach ab, als habe sie plötzlich alle Wörter vergessen.

»Ist noch niemand aufgetaucht, der Pia gesehen hat?«, wollte Lyras Mutter wissen.

Frau Hellmann schüttelte den Kopf. »Pia war so ... so unzugänglich in letzter Zeit.« Ihr Gesicht nahm einen entsetzten Ausdruck an. »Jetzt habe ich schon in der Vergangenheitsform geredet! Als ob sie tot wäre!«

Der Kellner brachte die Pizza und den Salat und wünschte einen guten Appetit.

»Pia kommt sicher wieder. Es tut mir so leid. Das muss schrecklich sein, was Sie gerade durchmachen«, sagte Lyras Mutter.

Frau Hellmanns Mundwinkel zuckten nervös und sie sah Lyra forschend an. »Weißt du, ob sie Drogen genommen hat?«

»Ich?« Lyra schüttelte den Kopf. Pia war weder in ihrer Klasse, noch waren sie eng befreundet. Pia fuhr öfter heimlich in den Klub nach Puerto Banús, ja, das wusste sie. Und sie wusste auch, dass dort Drogen genommen wurden. Aber das würde sie Frau Hellmann ja nicht auf die Nase binden müssen. Lyra zuckte also die Schultern und betrachtete ihre Pizza. »Nein, weiß ich nicht. Ich glaube nicht.«

Frau Hellmanns Stimme nahm einen verzweifelten Tonfall an.

»Hast du denn eine Ahnung, wo Pia stecken könnte? Wo sie hingegangen sein könnte?«

Was sollte sie antworten? Wir wollen den Scherenschleifer beschatten?

Die Idee kam ihr inzwischen richtig kindisch vor.

»Lyra, überleg doch noch mal!« Ihre Mutter sah sie eindringlich an.

War es nicht besser, die Wahrheit zu sagen?

Lyra zuckte die Schultern und stocherte in ihrer Pizza herum.

»Ich weiß nicht. Aber jemand hat was von diesem Scherenschleifer erzählt.«

»Der, der sein Moped durch die Gassen schiebt?« Frau Hellmann sah Lyra ungläubig an. »Den soll Pia kennen? Mit so einem ist sie nicht befreundet!«, rief sie entrüstet. »Pia hat doch gar keinen Freund! Sie ist ja erst fünfzehn!«

»Na ja, Frau Hellmann«, schaltete sich Lyras Mutter ein, »das ist doch genau das Alter, in dem sie den ersten Freund haben.« Sie warf Lyra einen prüfenden Blick zu. »Oder etwa nicht, Lyra?«

Das ist eine Falle, dachte Lyra. Sie will wissen, ob ich einen habe. Nein, sie hatte keinen, obwohl ihr genau in diesem Moment Leander einfiel. Betont uninteressiert antwortete Lyra: »Kann sein«, und schob sich ein Stück Pizza in den Mund. Mit vollem Mund sollte man ja nicht reden …

»Aber was ist nun mit diesem Scherenschleifer?«, bohrte Frau Hellman weiter. Lyra schluckte und zuckte dann unbehaglich die Schultern. »Sie haben miteinander geredet, das ist alles.« Hoffentlich stand Pias Mutter jetzt gleich auf und ging.

»Das kann nicht sein! Pia hat sich von solchen Leuten immer ferngehalten!«, entgegnete Frau Hellmann und lachte spitz auf. Sie war völlig fertig mit den Nerven. »Sie ist doch einen ganz anderen Umgang gewöhnt! Jedes Wochenende sind wir im Golfklub und …«

Kein Wunder, dass Pia mal ausbricht, dachte Lyra und hörte nicht mehr zu.

»Mein Mann und ich sind völlig am Ende«, murmelte Frau Hellmann.

»Nun denken Sie nicht ans Schlimmste, Frau Hellmann, es gibt ja Hoffnung. Vielleicht kommt sie heute nach Hause!« Lyra war ein bisschen stolz auf ihre Mutter, die so tröstende Worte fand.

Doch Frau Hellmann sah das offenbar ganz anders. »Sie haben gut reden, Frau Grammer! Ihre Tochter sitzt ja neben Ihnen!« Sie warf Lyra einen giftigen Blick zu. Ihre goldene Gürtelschnalle funkelte, als sie von ihrem Stuhl aufsprang. »Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit!«

Weg war sie.

Lyras Mutter sah Frau Hellmann nach und seufzte. »Ach, sie ist ganz außer sich, die Arme. Ich will gar nicht daran denken, welche Ängste sie gerade ausstehen muss …« Gedankenverloren spießte sie ein Salatblatt auf.

Aus einer der Gassen in der Nähe des Restaurants war die Melodie des Scherenschleifers zu hören. In Lyras Kehle bildete sich ein Klumpen. Angewidert schob sie ihren Pizzateller von sich.

Wenn der Scherenschleifer etwas mit Pias Verschwinden zu tun hatte, dann würden sie und ihre Freunde das herausfinden. Der Rattenfänger von Hameln ... Lyra spürte, wie trotz der brütenden Mittagshitze eine eisige Kälte ihren Körper durchzog.

Sommerfrost

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