Читать книгу Mao und das Vermächtnis von Atlantis - Mario Klotz - Страница 14
Die Vorhersagen der Hexe
ОглавлениеBän wollte seine Frage an Mao wiederholen, doch ein lauter Schrei unterbrach ihn und lenkte die ganze Aufmerksamkeit der Gäste auf sich.
Es war die Stimme des Wirts, der wütend und außer sich brüllte: „Machst du das mit Absicht?!? Das kann es doch nicht geben! Willst du mich umbringen?“
In der Goldenen Schnecke herrschte nun Totenstille. Alle starrten gespannt auf die Tür, durch die das Toben des Wirtes drang und die nun geöffnet wurde. Auch Mao und seine Freunde beobachteten neugierig das Geschehen. Worüber ärgerte sich Wip so sehr?
Doch nicht wie erwartet, kam der Wirt durch die Tür, sondern einer seiner Knechte.
Er war kreidebleich im Gesicht und zitterte am ganzen Körper. So schnell ihn seine Beine trugen, eilte er mit gesenktem Kopf hinter den Tresen, riss eine weitere Tür auf und hastete die Treppe, die zum Vorschein kam, nach oben. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, bis die Tür langsam zu schwang und die Sicht auf den Jungen verbarg.
So, als ob das ein Zeichen war, unterhielten sich nun alle gleichzeitig darüber, was da los war. Die Gäste sprachen durcheinander und der Lärmpegel wuchs ins Unermessliche. Auch Bän, Mao, Jak und der unsympathische Aro unterhielten sich darüber, was gerade passiert war.
Doch auch sie konnten nur Vermutungen anstellen und als Aro eine weitere seiner irren Theorien, warum Wip den Knecht so anbrüllte, aussprechen wollte, unterbrach ihn Mao und fragte: „Warum ist der Wirt eigentlich so nervös?“
Darauf verfiel Aro in ein gekünsteltes Lachen und antwortete spöttisch und belehrend: „Mein Schwager und nervös. Da täuscht du dich aber sehr. Er hat Nerven wie ein Elefant. Vielleicht ist er etwas gereizt, aber unsicher? Nein, sicher nicht!“
Mao wurde skeptisch und dachte: „Hab ich mich getäuscht? Nein, auf keinen Fall! Irgendetwas stimmt mit ihm nicht.“
Als der Wirt die Gaststube betrat, beschloss der Junge, den Mann weiter zu beobachten.
Je länger er Wip aus dem Augenwinkel musterte, desto sicherer wurde der Junge, dass er noch nervöser war, als zuvor. Was war nur mit ihm los?
Bevor Mao die Gelegenheit hatte, sich darüber Gedanken zu machen, hakte Bän nochmal nach: „Waš ich vorhin fragen wollte: Du weißt nicht wie meine Mutter den Berg genannt hatte, der šich im Tal der Rošen befindet?“
Mao rechnete nicht mit einer solchen Frage und war kurz überrumpelt. Er wusste genau, was sein Freund meinte und konnte sich gut an die Situation erinnern, in der Juo es erwähnte, doch dem Jungen fiel es in der Eile nicht ein.
„Ich hab dir doch erklärt, dass es der Gipfel des Todes ist.“, wiederholte Aro in seiner rechthaberischen Art.
„Nein, šo hat šie ihn nicht genannt, daš weiß ich genau.“, beharrte Bän und überlegte fieberhaft: „Meine Mutter hat ihn anders genannt.“
Auch Mao zerbrach sich seinen Kopf darüber. Eigentlich war es ihm egal, doch er wollte Aro unter die Nase reiben, dass er nicht so gewieft war, wie er sich gab.
„Ich hab eš!“, rief Bän erfreut: “Meine Mutter nannte ihn, Berg der vier Jahrešzeiten!“
„Richtig, das habe ich auch schon einmal gehört. Doch das ist bereits ewig her. Der Berg wird schon lange nicht mehr so genannt.“, mischte sich Jak ein.
„Hab ich noch nie gehört! Das hat sie sich wohl selbst ausgedacht.“, sprach der unsympathische Mann abfällig. Es war genau so, wie Mao es sich bereits dachte. Aro würde nie zugeben, dass er etwas nicht wusste.
Plötzlich spielte sich etwas unbewusst in Maos Gedanken ab, mit dem er nicht gerechnet hatte.
Wörter aus seiner Erinnerung wurden hervorgerufen, die er gehört oder gelesen hatte. Sie drehten sich vor seinem inneren Auge und griffen ineinander, nachdem Bän den alten Namen des Berges erwähnt hatte. Es war, als hätte sein Freund einen Dominostein angestoßen und einen Gedanken nach dem anderen freigesetzt.
Ein Klicken setzte ein und Bilder erschienen vor Maos geistigen Auge, die ihm die Lösung eines Rätsels zeigten.
Wenn es stimmte, was er sich soeben zusammenreimte, war es genial. Kein Wunder, dass sie nicht schon eher auf diesen Einfall gekommen waren - es war fast brillant!
Und hätte Bän nicht zufällig den Namen gewusst und ausgesprochen, wäre er wohl nie auf die Lösung gekommen. Doch er behielt seine Idee erst mal für sich und ließ sich nichts anmerken. Er wusste, dass sie einen großen Schritt weiter waren. Endlich hatte eine Lösung des Rätsels gefunden, was die Begebenheit von Lee betraf.
Während seiner Erleuchtung starrte der Junge vor sich ins Leere. Nun erkannte er aus den Augenwinkeln eine Person die hinter dem Tresen den Raum betrat. Maos Blick wanderte zu ihr und er bemerkte, dass sie ihm unbekannt war. Es handelte sich um eine Frau mittleren Alters. Sie sah jedoch älter aus, da sie mager und entkräftet wirkte. Beim Gehen musste sie sich auf einem Gehstock abstützen. Ihr blondes Haar war bereits teilweise ergraut und ihr einst schönes Gesicht von dicken Falten durchfurcht.
„Wer ist sie?“, erkundigte sich Mao. „Das ist Una, die Wirtsfrau und somit logischerweise meine Schwester.“, erklärte Aro.
Langsam humpelte sie auf ihren Tisch zu. „Guten Abend!“, begrüßte sie die Gäste und fragte freundlich: „Ich habe Sie noch nie hier bemerkt, sind Sie zum ersten Mal unsere Gäste?“, und lächelte die Runde höflich an.
„Ja, so ist es!“, antwortete Jak kurz.
„Ich hoffe, Ihnen gefällt Ihr Aufenthalt bei uns?“, hakte sie zuvorkommend nach.
„Durchaus!“, bestätigte Jak ebenfalls freundlich und bot an: „Wollen Sie sich nicht zu uns setzen? Ihr Bruder würde sich sicher darüber freuen. Er hat schon so viel Nettes über Sie erwähnt!“
„Ach ja, hat er das?“, wunderte sich die Wirtin und lächelte etwas verlegen zu ihrem Bruder.
„Ja natürlich, Schwesterherz!“, bekräftigte Aro hastig, sprang auf und brachte einen Stuhl für Una. Als sich die Wirtsfrau dankend setzte, entschuldigte sich ihr Bruder und verschwand darauf.
Während Una ihr Wort an Jak richtete, passierte Bän ein kleines Missgeschick. Er stieß mit seinem Fuß an dem Gehstock der Frau, der gegen den Tisch gelehnt war, an und ohne dass es Una bemerkte, kippte dieser zur Seite.
Schnell lehnte sich Mao nach vorne und hob ihn auf. Als er Bäns ängstlichen Gesichtsausdruck bemerkte, der sich wohl sorgte, dass der Gehstock beschädigt wurde, warf Mao einen Blick darauf. Dabei bewunderte er die wunderschöne geschnitzte Schlange die mit roter Farbe überzogen war und den Griff formte. Auch Bän beugte sich vor und begutachtete ihn. Mit einem lauten, erleichterten Seufzer stellte er fest, dass der Gehstock intakt war und keinen Kratzer abbekommen hatte.
Erst jetzt bemerkte die Wirtin, dass sich die beiden für ihren Stock interessierten und bat: „Bitte seien Sie vorsichtig! Das ist nicht nur mein Gehstock, sondern zugleich auch mein Glücksbringer. Sie müssen wissen, dass ich ihn nie aus den Augen lasse, da er schon viel großes Unheil von mir abgehalten hat.“
„Jaja, bei dem Gehstock kennt sie keine Gnade, sonst ist sie allerdings ganz zahm, meine kleine Schwester.“, machte sich Aro, der eben zurückgekommen war und die letzten Worte aufgeschnappt hatte, über sie lustig. Die Frau schien etwas beleidigt zu sein und erhob sich wieder. Trotzdem blieb Una höflich, wünschte ihnen einen wunderschönen Abend und wandte sich dem nächsten Tisch zu.
Laut und schwungvoll wurde die Eingangstür aufgerissen. Mao drehte sich neugierig um und versuchte zu erkennen, wer die Gaststube betreten hatte.
Erst als die Gestalt einen Schritt in den Raum setzte und Licht auf sie fiel, erkannte er, dass es sich um einen königlichen Wächter handelte.
„Bitte, kommen sie mit mir!“, bat er Wip und verließ das Wirtshaus so schnell, wie er es betreten hatte.
Verwundert beobachteten einige der Gäste die Vorkommnisse, andere ließen sich durch den kleinen Zwischenfall nicht stören.
Wenig später kehrte der Wirt zurück und bat alle Gäste um seine Aufmerksamkeit: „Soeben ist mir mitgeteilt worden, dass sich Plünderer in der Gegend herumtreiben. Deshalb habe ich sofort das Tor verschlossen, so ist das Eindringen für sie unmöglich und wir können beruhigt schlafen. Allerdings kann somit auch niemand unser Domizil verlassen. Ich hoffe das ist im Sinne aller!“
Da keiner Protest einlegte, sondern alle froh waren geschützt zu sein, nickte Wip dankend und die Gespräche wurden fortgesetzt.
Allerdings nicht lange, da sich ein weiterer Zwischenfall ereignete, bei dem sich bei allen die Haare sträubten.
Die alte Frau – mit der Warze auf der Nase und den verfilzten Haaren, die bis eben vor sich hin murmelte - sprang unerwartet auf und kreischte, dass sich alle die Ohren zuhielten.
Erschrocken drehten sich die Gäste zu der mysteriösen „Hexe“ um. Da die Kerze auf ihrem Tisch nicht brannte, stand sie in der halbdunklen Ecke und streckte ihre verkrüppelten Finger in die Luft.
Völlig außer sich begann sie mit schauriger Stimme zu verkünden: „Es kommt! Das Böse hat die Hölle verlassen und befindet sich unter uns. Es wird etwas Schreckliches geschehen! Unheil überkommt uns und jemand wird sterben.
Grauen, Schrecken und der Tod erwarten uns. Hütet euch vor dem Teufel und seinen Dämonen, sie werden bald zuschlagen und einen unter uns treffen.“
Als sie die letzten Worte ausgesprochen hatte, begann sie schauderhaft zu lachen, bis sie letztendlich erschöpft zusammenbrach und hart auf den Tisch aufschlug. Dabei geriet der Becher, der sich darauf befand, zu wanken und zerschellte laut auf dem Boden.
Es herrschte bedrückende Stille. Was war mit dieser Verrückten los? Was sollte diese Anspielung auf den Tod?
Keiner der Freunde konnte es fassen. Ein unheimliches Gefühl, gefolgt von kalten Schauern, breitete sich während dem Ereignis aus.
Der Wirt und seine Tochter eilten zu der regungslosen Frau und untersuchten sie.
Es dauerte einen langen Moment bis sie die Augen wieder aufschlug.
„Sie ist sehr erschöpft!“, erklärte Wip den Gästen und trug sie mit Hilfe von Ela aus dem Raum.
„Waš mar wit ihr loš? Waš dollte šiešeš Theater?“, fragte Bän seine Freunde und die Angst in seiner Stimme war dabei nicht zu überhören. Vor lauter Aufregung hatte er einige Anfangsbuchstaben verdreht.
„Ich würde nicht darüber scherzen, sonst trifft es am Ende noch dich!“, warnte Aro den Jungen, dessen Gesichtsfarbe nun wechselte. Kreidebleich starrte Bän den älteren Mann mit der großen Nase an. „Wie meinšt du daš?“, wollte er erfahren.
Ano blickte ihn an und hauchte: „Dieses Ereignis hat sich schon einmal zugetragen. Auch damals folgte der Tod!“