Читать книгу Mao und das Vermächtnis von Atlantis - Mario Klotz - Страница 16
Der Unfall
ОглавлениеFür Mao war an Schlaf nicht mehr zu denken. Seine Gefühle und Gedanken drehten sich schneller als die Erde um sich selbst.
Grüblerisch stand er beim Fenster, das in den Innenhof lag und starrte auf die Sterne und den Vollmond.
Nach langer Zeit war Ruhe im Wirtshaus eingekehrt und auch die letzten Gäste begaben sich auf ihre Zimmer.
Seine Gedanken drehten sich nur um Ros. Sie hatte er nicht aus dem Wirtshaus kommen sehen. Verzweifelt blieb er beim Fenster stehen und seine Augen erhoben sich abermals zu den Sternen.
Er wusste es nicht genau, wie lange er bereits da stand und ins Nichts starrte, als im Zimmer gegenüber eine Kerze den Raum erhellte. Zuerst erkannte er nur einen Schatten, doch als sich Ela umdrehte, konnte er ihr Gesicht erkennen.
Da es in seinem Zimmer stockdunkel war, bemerkte sie ihn nicht. Ohne es zu wollen, starrte er zu ihr rüber und erkannte, dass auch ihr Gesicht von Tränen überströmt war.
Es dauerte nicht lange und das Mädchen blies die Kerze aus, sodass die Dunkelheit den Raum wieder in Finsternis tauchte. Mao war nicht in der Lage, genauer darüber nachzudenken. Seine Gedanken waren mit Ros und ihrem Verehrer überwuchert.
Der Junge hatte alle Zeit vergessen und konnte sich nicht durchringen, zu Bett zu gehen. Bewegungslos stand er beim Fenster und genoss das Licht, das von weit entfernt auf ihn herunter strahlte.
Es war, als würde er das Licht im Dunklen suchen, das ihm den Schmerz und Kummer von seiner Seele nehmen könnte.
Durch Zufall senkte sich sein Blickfeld zum Innenhof. ‚Was war das?‘, schoss es ihm durch den Kopf und die Erinnerung der Hexe tauchte mit einer Gänsehaut in seinen Gedanken auf.
Er war sich sicher, eben einen Schatten im Innenhof umherschleichen gesehen zu haben. Doch wer sollte um diese Zeit im Dunklen umherirren?
Das Interesse des Jungen war geweckt und gespannt blickte er auf den Hof und ließ ihn nicht mehr aus den Augen. Fieberhaft suchte er den Schatten. Würde es ihm gelingen zu erkennen, um wen es sich handelte?
Irgendwie hoffte er, dass es nicht Ros war. Sonst würde seine Fantasie mit ihm durchgehen und das hätte er im Moment nicht verkraftet.
Doch es blieb ruhig. Er hatte die Hoffnung aufgegeben, jemanden erkennen zu können.
Seine Gedanken kreisten erneut um Ros. Ob es wohl tatsächlich sie gewesen war. Vielleicht auch noch mit ihrem Geliebten? Dabei stellte er sich vor, wie sie ihn gerade auf den Mund küsste und seine Hände über ihren wohlgeformten Köper streiften. Bei diesem Gedanken schnürte sich seine Kehle zu.
Wie gern wäre er nun an ihrer Seite. Am liebsten Arm in Arm und auf die Sterne blickend. So versank er in seine kühnsten Träume.
Schmerzend erwachte er wieder in die Realität, während er traurig dachte: ‚Vergiss Ros, sie hat einen anderen als Freund!‘
Unerwartet tauchte der Schatten wieder auf. Mao beobachtete wie er an der Hauswand entlang schlich und präzise versuchte, nicht in das Mondlicht zu geraten, sondern weiter im Schutz der Dunkelheit verborgen zu bleiben.
Voller Neugier rätselte er, um wen es sich handeln könnte. Es wirkte, als wäre es ein Mann und das ließ ihn erstmals aufatmen.
‚Bitte nicht Ros!‘ betete der Junge verzweifelt. Sein Magen verkrampfte von Neuem und eisige Kälte durchströmte seinen Körper.
Der Schatten hatte nun keine andere Wahl und musste für den Bruchteil eines Momentes ins verräterische Licht schreiten.
Mao konnte es kaum glauben, es handelte sich um den Mann, den der Wirt bei ihrer Ankunft hinausgeworfen hatte. Er hatte sein Gesicht sofort wieder erkannt.
‚Wie hieß er doch gleich?‘, fragte sich der Junge selbst, bevor es ihm wieder einfiel: ‚Ach ja, Sig hieß er! Aber was suchte er hier und wie kam er hier herein? Das Tor ist doch verschlossen!‘
Doch Mao ging der Sache nicht auf den Grund. Der Mann tauchte rasch im Schatten unter, verschwand hinter einer Tür und ließ sich nicht mehr blicken.
Dafür öffnete sich im selben Moment die Tür vom Wirtshaus und Gin - der Knecht, den der Wirt angebrüllt hatte - kam heraus.
‚Nanu, hier geht’s aber rund!‘, dachte sich der Junge und überlegte: ‚Wie war das noch? Der Wirt beschuldigte ihn, dass er eines Tages von ihm getötet werden würde. Das war auch so ein seltsames Ereignis. Ich bin froh, wenn wir morgen diese seltsame Gegend verlassen.‘
Er beobachtete den Knecht, wie er umständlich mit drei Kisten hantierte. Im Gegensatz zu dem anderen Mann war es ihm völlig egal, dass er beobachtet werden konnte. Er schwankte, wie wenn er zu viel getrunken hätte, durch den Innenhof, ließ laut scheppernd eine Kiste in den Brunnen fallen und verschwand über eine Treppe, die in ein Kellerteil des Hauses führte. Ob er in den Raum ging oder nicht, konnte Mao nicht erkennen, da die Sicht zur Tür vom Abgang verdeckt wurde.
‚Seltsamer Vogel, dieser Gin!‘, dachte Mao.
Wenig später wackelte der junge Mann zurück, wankte wieder durch den Innenhof, schloss lautstark die Tür des Wirtshauses ab und blieb darin.
Mao glaubte zu träumen, als er nun den Wirt bemerkte, wie er aus einer Seitentür schlich. Der dicke Mann war eher darauf bedacht, nicht gesehen zu werden, doch so geschickt wie Sig war er auch nicht. Er schlich ebenfalls die Treppe runter, wie Gin zuvor.
Was ist denn hier los, wunderte sich Mao.
Der Mann war nicht lange unten im Keller, da hörte Mao einen lauten Knall, der die Wände kurz aber heftig beben ließ und der Aufgang vom Keller wurde von einem rötlichflackernden Licht erhellt.
‚Feuer!‘, schoss es Mao durch den Kopf.
Noch bevor er reagieren konnte, hörte er eine Frau laut schreien. Er versuchte herauszufinden, woher der Schrei kam und entdeckte rechts neben ihm ein Fenster, das vom Feuer erhellt wurde und in dem eine geschockte Frau zu erkennen war.
Sie musste direkten Blickkontakt zu der Tür im Keller haben. Mao eilte sofort los, die Treppe hinunter.
Durch den Knall waren viele Gäste wach geworden und blickten neugierig umher.
Mao rannte so schnell er konnte und erreichte den Treppenabsatz als Erstes. Wie er schon richtig vermutet hatte, brannte die Tür des Kellers lichterloh.
„Hilfe!“, brüllte der Junge aus Leibeskräften, schnappte sich am Brunnen einen Eimer voll Wasser, doch musste einsehen, dass das Löschen nur wenig Sinn ergab.
„Nein, der Wirt, ich habe gesehen, wie er in den Keller gegangen ist. Wir müssen ihn herausholen. Schnell!“, japste die Frau, die er vorhin am Fenster schreien hörte und die nun völlig aufgebracht neben ihm stand.
„Nein, es ist zu spät!“, teilte ihr Mao die schreckliche Nachricht mit.
„Das . . . das ist . . . ist ja . . . furchtbar!“, stotterte die Frau geschockt.
Auch andere Gäste tauchten auf und kamen nun näher und beäugten neugierig, was geschehen war.
Das Feuer hatte die Tür unter der Kraft der Hitze in Asche zerlegt. Gierig flackerten die großen Flammen aus dem Türrahmen um sich. Schwarzer Rauch stieg in einem dicken, dichten Schwall, gen Himmel. Gegen die Gewalt des Feuers hatten sie keine Chance dem Mann darin noch zu helfen.
Mao hatte die Frau gebeten, nicht zu erwähnen, dass der Wirt im Keller war.
Der Junge übernahm das Kommando und teilte alle Helfer ihren Aufgaben zu. Nicht nur Jak, Bän, Aro und viele andere Gäste packten mit an, sondern auch die Aristokraten folgten dem Befehl von Mao.
Mit vereinten Kräften reichten sie Kübel voll Wasser zur Brandstelle, damit die Flammen nicht weiter vordringen konnten.
Auch die umherirrenden Krieger hatten den Knall gehört und sich erkundigt, was geschehen war, nachdem das Tor geöffnet worden war.
Mao bekam währenddessen nicht mit, dass die Frau, die ebenfalls alles beobachtet hatte, das grauenhafte „Geheimnis“ nicht länger für sich behalten konnte und vertraute einem der königlichen Krieger an, dass der Wirt von den Flammen getötet worden war.
Dieser schickte einen Reiter los, der einen königlichen Inspektor informieren sollte.
Es dauerte bis in die Morgenstunden, bis die restlichen Flammen endlich gelöscht waren. Zu dem Raum im Keller konnte jedoch niemand vordringen, der Rauch war zu dick und lüftete sich nur mäßig. Die Helfer hatten zumindest die anliegenden Räume davor bewahrt, dass die züngelnden Flammen auch auf sie übergriffen.
Erschöpft zogen sich die Helfer zurück in ihre Zimmer. Auch Mao spürte die Müdigkeit und wollte mit seinen Freunden nach schreiten. Doch da hörte er Elas Stimme. Aufgeregt erkundigte sie sich bei ihrer niedergeschmetterten Mutter: „Hast du Vater wo gesehen? Ich suche ihn schon eine Ewigkeit, doch ich habe ihn nirgends gefunden!“
„Nein, ich habe ihn nicht gesehen, als ich durch den Knall wach wurde, war er bereits nicht mehr im Bett.“, antwortete die Wirtin verdutzt und erklärte: „Als ich daraufhin das Feuer entdeckt habe, dachte ich nicht mehr an ihn. Ich war der Meinung, er hilft bei den Löscharbeiten.“
„Ich habe gerade ihr Gespräch mitgehört.“, mischte sich Mao ein und sprach mit viel Gefühl und sanfter Stimme: „Sie müssen jetzt stark sein, denn ich muss Ihnen jetzt etwas sehr Trauriges mitteilen.“
„Was! Was … reden Sie da?“, unterbrach ihn die Wirtin stockend.
Mao fiel es so schwer, wie noch nie etwas in seinem Leben zuvor. Nun wusste er, wie sich sein Onkel gefühlt haben musste, als er ihm die Nachricht vom Tod seines Vaters überbracht hatte.
Da er bemerkte, wie die beiden Frauen immer nervöser wurden, sprach er mitfühlend weiter: „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir annehmen müssen, dass sich Ihr Mann im Keller befand, als das Feuer ausbrach. Es schmerzt schrecklich Ihnen das erzählen zu müssen, aber ich befürchte, er ist wohl im Feuer ums Leben gekommen.“
Geistesabwesend blickten die beiden Frauen völlig verstört auf den Boden. Plötzlich begann die Wirtin laut zu kreischen: „Das glaub ich nicht, ich muss es sehen!“, und wollte in den Keller laufen.
Nur zu zweit gelang es Mao und Jak sie aufzuhalten: „Das geht nicht! Der Rauch in dem Raum ist noch viel zu dicht. Sie könnten ebenfalls darin ersticken. Es ist zu gefährlich!“, redeten die beiden auf sie ein.
Erst als ihre Tochter sie in den Arm nahm, gab die Frau nach, klammerte sich verzweifelt an Ela und begann heftig zu weinen. Schluchzend tröstete diese ihre Mutter und brachte sie ins Haus.
Aro begleitete sie ebenfalls fassungslos, versprach aber Mao, sich um die beiden zu kümmern und bedankte sich bei allen für die Hilfe.
Die drei Männer marschierten traurig und schweigend nach oben. Als Mao über die Treppe stieg, durchfuhr ein schmerzvoller Stich seinen Körper. Ros stand vor ihm. Er hatte sie bis eben nicht bemerkt. Erleichtert stellte er fest, dass sie alleine war.
Das Mädchen blickte ihn an und sprach: „Schrecklich was da passiert ist. Ich fand es aber toll, wie du das Kommando übernommen hast und vor allem, wie du den beiden Frauen die traurige Nachricht beigebracht hast. Sehr mitfühlend, ich bin fast sprachlos und das will was heißen!“, und schenkte ihm ein kurzes Lächeln, während sie sich durch ihr roten Haare strich.
Mao erwiderte das Lächeln kurz und sie wischte ihm den Ruß von der Wange. Als er bei seinem Zimmer angelangt war, blieb er kurz stehen und beobachtete sie noch ein kleines Weilchen und verschwand endgültig in seinem Zimmer, wo er müde ins Bett fiel und sofort einschlief.