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Konservieren für die Ewigkeit

Isabell Langkau

Eilig schlitterte er durch den frischgefallenen Schnee nach Hause. Der Bürgersteig war rutschig, noch hatte niemand gestreut und das war schön. Der Schnee strahlte reinweiß und unberührt, verwandelte alles in eine unwirklich traumschöne Landschaft. Die Holzzäune an den Gärten trugen kleine weiße Mützen, die Dächer blitzten weiß und hell, Bäume und Sträucher duckten sich unter der Schneelast, und aus dem tiefgrauen Himmel schneite es unaufhörlich in dicken Flocken, die sanft zur Erde schwebten. So stellte er sich den Heiligabend vor, eine stimmungsvolle Wetterlage wie aus einem Bilderbuch. Besser ging’s nicht.

Gut gelaunt schlenkerte er die Aktentasche und konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Schon als er den Schlüssel im Schloss umdrehte, duftete ihm die Gans im Ofen entgegen und es roch nach schwerem, süßem Weihnachtspudding. Sein Sohn hatte rote Bäckchen vor Aufregung und flitzte in seiner Wollstrumpfhose vom Kinderzimmer in die Küche, von der Küche ins Wohnzimmer und jetzt in die Diele, um ihn stürmisch zu begrüßen. »Papa, der Baum, der Baum!«, rief Frederik und schaute ihn mit großen Augen erwartungsvoll an. »Ja, ich weiß Sohnemann, das machen wir jetzt zusammen.« Seine Frau werkelte in der Küche und begoss gerade die Gans mit heißem Bratenfett. »Hm, wie das duftet.« Er schloss die Augen und sie gab ihm einen Kuss zur Begrüßung. »Etwas gedulden müsst ihr euch noch, ihr habt knapp drei Stunden, um den Baum fertig zu machen.«

Das sollte reichen, um den Baum im Ständer aufzustellen und ihn anschließend zu schmücken. Mit Wollmützen und Handschuhen gingen Vater und Sohn in den Garten zum Schuppen und holten den Baum, der in einem Netz in der Ecke lehnte. Er klemmte sich den Weihnachtsbaumständer unter den Arm, fasste die Tanne am Stamm und Frederik trug feierlich die Spitze. Im Wohnzimmer angekommen, steckte er den Baum in den Ständer und zog ihn fest, Frederik hielt ihn nach besten Kräften gerade. Dann rief er seine Frau und bat um Wasser. Merle kam mit einem Eimer warmen Wassers. »Warum kriegt der Baum Wasser, Mama?«, fragte Frederik. »Nun, er muss trinken, er braucht Wasser, damit er länger lebt und nicht vertrocknet hier in der warmen Wohnung«, antwortete sie ihm. Dann schnitten sie das Netz auf und die Tanne entfaltete ihre schönen dichten Zweige, es duftete ganz wunderbar nach Wald. Zusammen mit seinem Vater zog er die Lichterkette in den Baum, dann hingen sie Holzfiguren, selbstgemachte Strohsterne, Zuckerkringel und rote Kugeln an die Zweige und zum Schluss hob er Frederik hoch und der durfte den großen roten Stern auf die Spitze stecken. Jetzt war der Baum fertig.

Frederik musste nun das Wohnzimmer verlassen, denn jetzt wurden die Geschenke und die Süßigkeitenteller unter den Baum gestellt. Das geschah wie in jedem Jahr hinter einer verschlossenen Tür und er durfte erst zur Bescherung mit dem Klingeln des Glöckchens wieder ins Zimmer. »Frederik, schau doch mal beim Opa vorbei, vielleicht erzählt er dir eine Geschichte und die Wartezeit wird dir nicht so lang«, schlug seine Mutter vor. Das war eine gute Idee, fand Frederik, er liebte es, wenn der Opa ihm eine Geschichte erzählte oder vorlas, und überhaupt war er gerne oben unterm Dach im Reich seines Großvaters, da gab es immer etwas zu entdecken, auch wenn er stets ermahnt wurde, nichts anzufassen. Erwartungsvoll stieg er die alte Holztreppe nach oben und klopfte vorsichtig an die Tür. »Herein mit dir«, tönte es von innen und der Großvater legte seine Zeitung beiseite, denn längst hatte er schon seinen Enkel erwartet und auch den Teller mit den Weihnachtsplätzchen schon mal auf den Tisch gestellt. So vertrieb man sich die Zeit eben besser, besonders mit einer Tasse Tee. »Willst du eine Geschichte hören oder sollen wir was spielen?«, fragte der alte Herr. Doch Frederik war schon nach nebenan ins Studierzimmer gelaufen und schaute sich dort in dem Sammelsurium aus Büchern und Gläsern mit seltsamen, furchterregenden Inhalten um. Alles hier war so geheimnisvoll und seltsam, gruselig. Da schwammen Insekten, kleine Tiere, Eier und Embryonen leblos in ihren Behältern, konserviert für die Ewigkeit. Schon streckte er seine kleine Hand nach einem Glas aus, aus dem ihn ein Wesen mit zwei Augen anstarrte.

»Nicht anfassen, Frederik!«, klang es da auch schon hinter ihm. »Es könnte herunterfallen, dann ist es kaputt«, mahnte der Großvater. Er war Biologe gewesen und hatte bis zu seiner Pensionierung am Zoologischen Institut gearbeitet. Von seiner eigenen kleinen Sammlung mochte er sich aber nicht trennen und brachte von seinen Wanderungen und Urlaubsreisen immer etwas Interessantes mit, was er daheim näher studierte.

So reichten die Regale vom Boden bis zur Decke, waren voller gesammelter Objekte und Zeugnisse eines lebenslangen Interesses an der Natur und ihren Wesen. »Warum sind die Tiere in Wasser? Sind sie nicht tot, müssen sie auch trinken?«, fragte Frederik. Keine Frage, das Kind war aufgeweckt. Der Großvater lachte. »Nein, sie müssen nicht trinken und das sieht zwar aus wie Wasser, aber es ist Alkohol. Das konserviert sie.« »Was ist konserviert?«, wollte Frederik wissen, denn er konnte den Zusammenhang nicht begreifen. »Ah, konservieren heißt, etwas haltbar machen für eine lange Zeit. Das geht zum Beispiel mit Alkohol, dann halten die Objekte und verfallen nicht. Man hält also ein bisschen die Zeit an, sozusagen«, erklärte er seinem Enkel. »Sie bleiben dann so wie sie sind und du hast sehr lange etwas davon. Du kennst auch Konserven, oder? Bestimmt hast du bei deiner Mama in der Küche schon gesehen, dass sie eine Konservendose aufgemacht hat, zum Beispiel mit Ananasstückchen drin oder mit Tomaten?« Frederik nickte heftig, das kannte er und da naschte er auch immer ein Stückchen süße Ananas oder eine Mandarine. »Damit man sie immer anschauen kann, liegen sie in Gläsern und nicht in Konservendosen und sie schwimmen in Alkohol.« Das hatte Frederik nun verstanden, doch jetzt wollte er noch viel lieber süßen Früchtetee und von den Plätzchen naschen. Und natürlich eine schöne Geschichte hören, damit die Zeit bis zu den Geschenken schneller vorbei ging.

Der Großvater holte das dicke Märchenbuch hervor und las ihm die Geschichte von der Eiskönigin und dem kalten Herzen vor. Noch bevor sie das Ende erreichten, klingelte von unten das Glöckchen und das war wie Musik und da war kein Halten mehr. Frederik flog die Treppe herunter und der Großvater hinter ihm her, mehr aus Appetit auf die gebratene Gans als aus Sehnsucht nach Geschenken. Wie sich das im Alter relativiert, dachte er bei sich, da setzt man so profane Prioritäten wie Essen, das ist schon witzig.

Nach dem schönen Weihnachtsessen war Bescherung und Frederik durfte seine Geschenke auspacken und damit spielen. Besonders die Ritterburg hatte er sich sehnlichst gewünscht. Die Erwachsenen saßen noch beim Kaffee beisammen und erzählten von vergangenen Weihnachten und verglichen früher mit heute, als der Großvater zum Baum hinüber zeigte. »Euer Sohn liegt unterm Baum, man sieht nur nach seine Füße, haben sich die Ritter im Wald verirrt, Frederik?«, lachte er.

Frederik robbte zurück, in der Hand eine Flasche mit einem alten Etikett. Der Großvater verfärbte sich und wurde blass, er rang nach Luft. Sein Vater sprang auf, »um Himmels Willen, Frederik, was hast du gemacht?« Er nahm ihm die Flasche ab, auf deren Etikett LAPHROAIG 1815 stand, darin schimmerte noch ein goldfarbener Rest des fast 200 Jahre alten Whiskys, der sich seit vier Generationen im Besitz der Familie befand. Eine unvergleichliche Note nach Torf und Rauch der schottischen Insel Islay entsprang der Flasche, diesem außergewöhnlichen Single Malt. Es war im Jahr 1840, als sich ihr Vorfahr mit einer botanischen Expedition auf den Weg gemacht hatte nach Schottland zu dieser kleinen vom Sturm gepeitschten Insel Islay vor der Westküste, die südlichste Insel der Inneren Hebriden. Hier war er eines Tages, während ein verheerender Sturm wütete, und die Ausrüstung der Expedition fast vollständig zerstört wurde, mit den Männern in die abgelegene Destillerie geflüchtet. Die damaligen Besitzer hatten sie, die Deutschen, herzlich aufgenommen und ihnen Zuflucht gewährt, sie hatten sich ihrerseits revanchiert mit ihrem technischen Knowhow und tatkräftig in den folgenden Tagen bei der Whisky-Herstellung mit angepackt und den schweren Torf abgestochen. So war eine Freundschaft entstanden zwischen den Brüdern Donald und Alexander Johnston und ihrer Familie, die noch viele Jahrzehnte Bestand haben sollte. Zum Abschied erhielten die Männer als Dank jeder eine Flasche vom besten LAPHROAIG Single Malt. Was wohl mehr als Wegzehrung gedacht war, nahm sein Vorfahr mit nach Hause, als Andenken an eine warmherzige, tatkräftige Gastfreundschaft auf der kleinen, rauen schottischen Insel. Von Generation zu Generation war die Flasche vom Vater an den Sohn weitergegeben worden mit dieser Familiengeschichte. So sollte auch Frederik sie eines Tages bekommen.

»Ich habe den Weihnachtsbaum damit gegossen, ich will, dass er ewig hält und nie mehr weggeht. Es ist Alkohol und der konserviert – für immer!«, rief Frederik den Tränen nah und so sehr wünschte er sich, dass Weihnachten nie mehr aufhören sollte.

Die Mutter nahm Frederik in den Arm, »Weihnachten kommt doch jedes Jahr wieder und es ist nur schön, wenn man sich darauf freuen kann und im Sommer spielst du doch mit deinen Freunden viel lieber draußen und die Ferien verbringen wir am Meer, da passt doch der Weihnachtsbaum so gar nicht hin.«

Großvater und Vater blickten sich an, die Bestürzung und der erste Schreck waren einem Schmunzeln gewichen. »Die Geschichte bleibt uns auch so erhalten in der Familie, wir behalten einfach die leere Flasche als Andenken. Und den Rest, hm, nun ja, lasst uns wenigstens den genießen!« Mit diesen Worten nahm der Vater drei Gläser aus der Vitrine und goldgelb entfaltete sich darin der edle Tropfen. Er roch herrlich nach Torf und Rauch und war wunderbar weich wie das Wasser des Kilbride Streams, mit dem er hergestellt wurde.

Der Whisky machte dieses Weihnachtsfest zu etwas ganz Besonderem. Und noch viele Jahre später wurde an jedem Weihnachtsfest herzlich gelacht über Frederiks Versuch, den Weihnachtsbaum ›haltbar‹ zu machen, es wurde Tradition in der Familie. Dabei gehörte dann ein Glas guten Whiskys zum Abschluss jeden Weihnachtsfestes in Gedenken an die wunderbare Gastfreundschaft der Schotten in einem wilden Sturm auf Islay fortan dazu.

Single Malt Weihnacht

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