Читать книгу Tage wie diese - Maureen Johnson - Страница 9
ОглавлениеKAPITEL VIER
Keine Situation kann schlimm genug sein, dass vierzehn durchgeknallte Cheerleader sie nicht noch schlimmer machen könnten.
Es dauerte ungefähr drei Minuten, bis das bescheidene Waffelhaus sich in die neue Anwaltskanzlei von Amber, Amber, Amber & Madison verwandelt hatte. Sie schlugen ihr Lager in der uns gegenüberliegenden Ecke auf. Einige von ihnen nickten mir eine Art von Oh-gut-du-lebst-ja-noch-Gruß zu, aber überwiegend zeigten sie nicht das geringste Interesse an uns anderen.
Was nicht heißen soll, dass sie kein Interesse an sich selbst hatten.
Don-Keun war wie ausgewechselt. In dem Moment, in dem sie auftauchten, verschwand er für eine Sekunde. Aus irgendwelchen hinteren Bereichen der Waffelhaus-Küche hörte man gedämpfte ekstatische Schreie, dann kam er wieder und auf seinem Gesicht lag ein Strahlen, das man gemeinhin mit einer religiösen Offenbarung in Verbindung bringt. Sein bloßer Anblick machte mich müde. Zwei weitere Typen folgten ihm wie ehrfürchtige Messdiener.
»Was kann ich für euch tun, meine Damen?«, rief Don-Keun glücklich.
»Können wir hier Handstand üben?«, fragte Amber eins. Ich nahm an, dass es ihrem Basket-Toss-Handgelenk schon besser ging. Hart im Nehmen, diese Cheerleader. Zäh und bescheuert. Wer kämpft sich schon durch einen Schneesturm, um in einem Waffelhaus Handstand zu üben? Ich war nur hier, weil ich sie nicht länger hatte ertragen können.
»Meine Damen«, sagte Don-Keun, »ihr könnt alles tun, was ihr möchtet.«
Amber eins gefiel seine Antwort.
»Könntest du dann vielleicht den Boden aufwischen? Nur dieses Stück hier? Nur damit wir uns die Hände nicht schmutzig machen? Und könntest du Hilfestellung leisten?«
Auf dem Weg zum Putzschrank hätte er sich beinah die Knöchel gebrochen.
Stuart hatte alles beobachtet, ohne einen Ton zu sagen. Er sah zwar nicht so hingerissen aus wie Don-Keun und seine Freunde, aber die Sache hatte auch auf ihn eindeutig Eindruck gemacht. Er legte den Kopf schief, so als müsste er eine richtig schwere Matheaufgabe lösen.
»Hier ist ja ganz schön was los«, sagte er.
»Ja«, sagte ich, »das kann man wohl sagen. Gibt es hier noch irgendwas anderes, wo man hingehen kann? Ein Starbucks oder so?«
Er zuckte zusammen, als ich Starbucks erwähnte. Vielleicht konnte er Ketten nicht ausstehen, was allerdings seltsam wäre für jemanden, der bei Target arbeitete.
»Die haben zu«, sagte er. »Fast alles ist zu. Höchstens das Herzog. Die könnten vielleicht geöffnet haben, aber das ist eher so eine Art Minimarkt. Es ist Heiligabend und bei diesem Sturm …«
An der Art, wie ich sanft mit dem Kopf auf den Tisch schlug, musste Stuart meine Verzweiflung gespürt haben.
»Ich geh nach Hause«, sagte er und legte seine Hand wie ein Kissen auf den Tisch, um mich davon abzuhalten, mir wehzutun. »Warum kommst du nicht mit? Wenigstens entkommt man so dem Schnee. Meine Mom würde es mir nie verzeihen, wenn ich dich nicht fragen würde, ob du einen Unterschlupf brauchst.«
Ich dachte über sein Angebot nach. Mein kalter, stecken gebliebener Zug stand auf der anderen Straßenseite. Mein augenblicklicher Aufenthaltsort war ein Waffelhaus voller Cheerleader inklusive einem Typen in Alufolie. Meine Eltern waren Gäste des Staates, Hunderte von Meilen weit weg. Und über uns tobte der heftigste Schneesturm seit fünfzig Jahren. Ja, ich brauchte einen Unterschlupf.
Trotzdem war es schwer, den Gedanken »böser fremder Mann« beiseitezuschieben … obwohl es wohl eher der fremde Mann zu sein schien, der sich gerade in Gefahr begab. Heute Abend war ich die Verrückte. Ich hätte mich nicht mit nach Hause genommen.
»Hier«, sagte er, »ein kleiner Identitätsnachweis. Mein offizieller Target-Mitarbeiter-Ausweis. Bei Target nehmen sie nicht jeden. Und hier ist mein Führerschein … Bitte guck nicht auf den Haarschnitt. Name, Adresse, Sozialversicherungsnummer, steht alles drauf.«
Er zog die Karten aus seiner Brieftasche, wie um seinen Scherz zu vervollständigen. Dabei erhaschte ich einen Blick auf ein Foto von ihm und einem Mädchen, das offensichtlich bei einer Schulabschlussfeier aufgenommen worden war. Das beruhigte mich. Er war ein ganz normaler Typ mit einer Freundin. Er hatte sogar einen Nachnamen – Weintraub.
»Wie weit ist es?«, fragte ich.
»Etwa eine halbe Meile in die Richtung«, sagte er und zeigte ins Nichts – formlose weiße Klumpen, die ebenso gut Häuser wie Bäume sein konnten oder lebensgroße Godzilla-Figuren.
»Eine halbe Meile?«
»Na ja, eine halbe Meile, wenn wir den kurzen Weg nehmen. Oder etwas über eine Meile für den langen Weg. Ich hätte vorhin auch einfach weitergehen können, aber hier war geöffnet und ich wollte mich aufwärmen.«
»Bist du sicher, dass deine Familie nichts dagegen hat?«
»Meine Mom würde mich mit dem Gartenschlauch erschlagen, wenn ich jemandem an Heiligabend keine Hilfe anbieten würde.«
Don-Keun sprang mit dem Wischmopp in der Hand über den Tresen und hätte sich dabei beinah aufgespießt. Er fing an, um Amber eins’ Füße herum den Boden zu wischen. Draußen hatte Jeb es inzwischen in die Telefonzelle geschafft. Er steckte tief in seinem eigenen Drama. Ich war allein.
»Okay«, sagte ich. »Ich komme mit.«
Ich glaube, außer dem Silberfolienmann bekam niemand mit, dass wir aufstanden und gingen. Er hatte den Cheerleadern vollkommen desinteressiert den Rücken zugewandt und salutierte, als wir auf die Tür zugingen.
»Du brauchst eine Mütze«, sagte Stuart, als wir den eisigen Eingangsbereich betraten.
»Ich hab keine Mütze. Ich wollte nach Florida.«
»Ich hab auch keine Mütze. Aber ich hab das hier …«
Er hielt die Plastiktüten hoch und demonstrierte, wie man sie zur Mütze machen konnte, indem er sich eine um den Kopf schlang und sie feststeckte, sodass sie aussah wie ein gemütlicher, oben aufgeblasener, seltsamer Turban. Amber und Amber und Amber hätten sich vermutlich geweigert, eine Tüte auf dem Kopf zu tragen … und ich legte großen Wert darauf zu beweisen, dass ich anders war. Also schlang ich sie brav um meinen Kopf.
»Du solltest dir auch welche um die Hände wickeln«, sagte er und gab mir noch ein paar Tüten. »Ich weiß allerdings nicht, was wir mit deinen Beinen machen. Sie müssen doch kalt sein.«
Das waren sie auch, aber aus irgendeinem Grund wollte ich nicht, dass er dachte, ich könnte damit nicht umgehen.
»Nein«, log ich. »Diese Strumpfhose ist wirklich dick. Und die Stiefel … die halten was aus. Aber ich nehme die für die Hände.«
Er zog eine Augenbraue hoch. »Bist du sicher?«
»Hundertpro.« Keine Ahnung, warum ich das sagte. Es kam mir nur so vor, als würde ich eine Schwäche zugeben, wenn ich die Wahrheit sagte.
Stuart musste sich fest gegen die Tür stemmen, um sie gegen den Sturm und den immer höher liegenden Schnee zu öffnen. Ich wusste nicht, dass Schnee »strömen« konnte. Ich kannte Schneegestöber und stetig fallenden Schnee, der ein paar Zentimeter hoch liegen blieb, aber dieser hier war nass und schwer und die Flocken waren so groß wie ein Vierteldollar. Innerhalb von ein paar Sekunden war ich durchnässt. Ich zögerte am Fuß der Treppe und Stuart schaute mich prüfend an.
»Sicher?«, fragte er noch einmal.
Ich wusste, dass ich entweder hier und jetzt umkehren oder mich fürs Weitergehen entscheiden musste.
Ich warf einen raschen Blick zurück und sah, wie die drei Madisons mitten im Restaurant eine Handstandpyramide machten.
»Ja«, erwiderte ich. »Lass uns gehen.«