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Kapitel 4

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Veränderungen

Die Sonne stand schon hoch über den Palmenhainen von Men-nefer, als Haremhab endlich aufwachte. Er setzte sich auf die Bettkante und rieb sich die müden Augen.

Es war seltsam, eigentlich fühlte er sich bereits wach, aber er musste noch schlafen. Das konnte doch alles nicht wahr sein: Noch gestern war er ein Zwangsrekrut, der von seinem Vater an die Armee verkauft worden war und der eine heruntergekommene Baracke hatte herrichten müssen, von der er annahm, dass sie in nächster Zeit sein Zuhause darstellen würde. Und heute, nur einen Tag später, befand er sich in einem luxuriösen Schlafgemach im Hause des zukünftigen Pharaos Thutmosis. Der falkengestaltige Gott Horus beschenkte ihn wahrhaft mit Glück.

Er sah sich in dem Zimmer um. Die Wände waren mit wunderschönen bunten Zeichnungen geschmückt und es bot mehr Platz als das Haus, das sein Vater in Hut-nisut für sie gebaut hatte.

Durch das Licht, das durch die kleinen Fenster unter der Decke flutete, war der gesamte Raum mit einem goldenen Glanz überzogen. Das Bett, die kleinen Truhen, der große, unten spitz zulaufende Tonkrug auf dem Gefäßständer, die Darstellungen an den Wänden – alles, was er sah, erzeugte in ihm ein tiefes Gefühl des Glücks und der Dankbarkeit. Er würde sich des Vertrauens, dass Thutmosis und Kija ihm entgegenbrachten, für würdig erweisen, mit großem Eifer lernen und Thutmosis dienen. Sein neues Leben hatte begonnen.

Und dann überfiel ihn schlagartig das dringende Gefühl, sich unverzüglich des gestrigen Abendmahls entledigen zu müssen.

Er musste einen Weg in den Garten finden – und zwar sehr schnell.

Haremhab verließ sein Zimmer und stand direkt in der Großen Halle. Glücklicherweise war Kija nicht zu sehen – so rasch es seine Wunde zuließ, durchquerte er den Raum, in dem sie noch gestern gegessen hatten, lief schnurstracks durch die Vorhalle, durchquerte den kleinen Vorraum und hastete, mehrere Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter in den Garten. Nach einigen quälenden Minuten fieberhaften Suchens hatte er eine Stelle gefunden, die ihm in seiner drängenden Not geeignet erschien. Erleichtert hockte er sich hinter ein paar Büsche, tat was zu tun war und reinigte sich mit einem großen Blatt, rupfte anschließend entspannt pfeifend einige Blumen und warf sie auf den zu tarnenden Berg.

In diesem Augenblick fühlte er eine schmerzhafte Berührung an seinem Ohr. Langsam drehte er sich um. Hinter ihm stand ein großer braungebrannter Mann mit lederartiger Haut. Dieser hielt sein Ohr mit seiner rechten Hand fest umklammert.

„Du streunender Hund“, beschimpfte ihn der Ledermann.„Ich schufte den ganzen Tag, um aus dem Boden Leben hervorzubringen – und du reißt meine Blumen aus, um dies hier zu bedecken!“ Er zeigte vorwurfsvoll auf den kleinen Hügel.

„Zu Hause in Hut-nisut haben wir immer Tiermist benutzt, um unsere Felder zu düngen...“, setzte Haremhab zum chancenlosen Versuch einer Ausrede an.

„Das ist doch etwas ganz anderes, du widerlicher Eindringling! Na warte, dich werde ich der nebet-per, der Hausherrin, übergeben, die sorgt dafür, dass du eine Tracht Peitschenhiebe bekommst, aber vorher werde ich dich lehren, was Schmerz bedeutet!“

Der große Mann holte zu einem mächtigen Schlag aus und der von Hieben verfolgte Haremhab zuckte in Voraussicht auf die bevorstehende Tortur zusammen.

„Lass ihn sofort los!“, zerschnitt die scharfe Stimme Kijas die Ruhe vor dem Satz Prügel. Der Ledermann hielt mit erhobener Hand in der Bewegung inne und lockerte schleunigst den kneifenden Griff an Haremhabs Ohr.

„Was geht hier vor?“, fragte Kija kalt.

„Oh Herrin“, empörte sich der erschreckte Gärtner,„dieser erbärmliche Wurm ist – ich weiß nicht wie – in Euren Garten eingedrungen und... nun, ja, hat sich im Gebüsch erleichtert!“

Ein Lächeln huschte über die Mundwinkel der Prinzessin, das sich schnell zu ihrem hellen und glockenklaren Lachen entfaltete.

„Ist schon gut“, sagte sie versöhnlich zu ihrem Angestellten, als sie sich wieder gefangen hatte.„Das ist Haremhab, ein Freund der Familie. Er wohnt seit gestern bei uns. Es ist meine Schuld, dass das hier passieren konnte. Er ist nicht aus Men-nefer und mit den Gepflogenheiten in dieser Stadt noch nicht vertraut. Sei ihm nicht böse!“

„Das konnte ich nicht wissen, Herrin!“

„Da hast du Recht“, gab Kija zu und streckte Haremhab ihre Hand entgegen. Dieser tapste betreten aus dem Gebüsch und ging mit ihr zum Haus zurück.

„Bevor du frühstücken kannst und wir uns die Stadt ansehen“, sagte Kija auf dem Weg zum Haus,„ist es nötig, dass du dein neues Zuhause kennenlernst, damit du den Gärtner nicht ein zweites Mal verärgerst!“ Sie lächelte amüsiert.

Sie stiegen die flachen Stufen zum Eingang hinauf. Am obersten Absatz blieb Kija stehen und drehte Haremhab herum.

„Das ist also der Garten“, erklärte sie.„Er verläuft um das ganze Haus und ist von einer wellenförmigen Mauer umgeben – als Schutz vor eben diesen Eindringlingen, von denen der Gärtner einen in dir vermutet hat. Die Mauer ist so hoch, dass sie eigentlich niemand erklimmen können sollte, aber man weiß nie.“ Sie zeigte auf zwei Durchlässe im Mauerwerk.„Das sind die Eingangstore ins Gelände. Jedes Tor wird von zwei Wächtern bewacht. Zusätzlich patrouillieren vier Wächter um das Grundstück und vier weitere hier im Garten. Und dann sind da natürlich noch die Gänse, Gänse sind hervorragende Wächter – ihnen entgeht nichts! Außerdem befinden sich Tauben und Enten und ein Kornsilo im hinteren Teil des Gartens.“

Nun lenkte Kija die Aufmerksamkeit des Jungen auf den Haupteingang.

„Hinter dieser Tür ist das Zimmer des Hauswächters. Er passt auf, dass niemand ins Haus kommt, der hier nichts verloren hat. Du kennst ihn ja bereits vom Sehen.“

Sie öffnete die Tür.

„Guten Morgen Herrin, guten Morgen junger Mann!“, grüßte der Wächter höflich und Kija nickte gönnerhaft.

„Das ist Hetep“, fuhr sie mit ihrer Erklärung fort.„Thutmosis hat ihn noch gestern angewiesen, dass du ab jetzt freien Zugang zum Haus haben sollst.“

Der Raum war klein und quadratisch, besaß aber eine Säule in der Mitte. Sie wandten sich nach links und betraten durch eine Tür die quergelagerte pompöse Eingangshalle des Hauses, die von vier Säulen gestützt wurde. An der linken Schmalseite fanden sich zwei Wächterunterkünfte. Durch drei Eingänge konnte von dieser Halle aus der Wohnraum des Hauses erreicht werden. Zwei Säulen stützten diesen riesigen quadratischen Raum. Das war das Herzstück des Gebäudes. Von hier aus gingen alle anderen Räumlichkeiten ab. Haremhab zählte sechs Türen.

Kija ging auf die direkt vom Eingang links befindliche Tür zu.„Hier führt eine Treppe auf das Dach“, erklärte sie.

An derselben Wand, jedoch fast in der anderen Ecke, öffnete die Prinzessin die Tür.

„Das ist der Wohnbereich von Thutmosis ’ jüngerem Bruder, Prinz Amenophis!“

Sie sahen durch eine kleine, quere, längliche Vorhalle direkt auf eine weitere verschlossene Tür.

„Dahinter befindet sich Amenophis ’ Schafraum und davon abgehend links das Ankleidezimmer und rechts der Waschraum“, flüsterte Kija.

„Warum flüsterst du“, wollte Haremhab in ebenfalls gedämpftem Tonfall wissen.

„Amenophis schläft noch. Er fühlt sich in letzter Zeit nicht wohl, deshalb hat er gestern auch nicht mit uns gegessen“, wisperte sie.

Kija schloss die Tür zu Amenophis ’ Wohntrakt und führte den Jungen zu einem Durchgang an der Wand, die der Eingangshalle gegenüberlag. Auch hier öffnete sie die Tür. Diesmal traten beide in eine quergelagerte Vorhalle ein, von der vier Räume abzweigten.

„Das ist der Bereich für Thutmosis und mich“, erklärte Kija nun in normaler Lautstärke weiter. Direkt rechts befand sich ein großer Raum mit einer Nische, in der sich das hochgelagerte Bett des Thutmosis stand. An der Längsseite der Halle öffneten sich die Eingänge zu einem großzügig gestalteten Ankleidezimmer und links daneben zu einem Raum, dessen Funktion sich Haremhab nicht recht erklären konnte.

„Das ist Thutmosis ’ Waschraum“, sagte Kija. Dieses Wort hatte sie schon in Amenophis ’ Trakt benutzt, aber Haremhab konnte sich nichts darunter vorstellen. Es war ein verhältnismäßig kleiner Raum, der in einer Ecke des Bodens mit einer Öffnung nach draußen versehen war, die von Ziegeln eingefasst wurde.

„In dieses Gefäß“, Kija deutete schmunzelnd auf den einen Behälter,„gehört das, was du soeben im Garten erledigt hast.“ Das Gefäß war klein und befand sich unter einem Aufbau, der an einen Stuhl ohne Sitzfläche erinnerte.

„Und aus diesem Krug nimmst du Wasser und wäschst dich über der Öffnung im Boden“, erläuterte Kija mit anschaulichen Handbewegungen.„Auf diese Weise gelangt das Wasser, das von dir abtropft, nach draußen und verbleibt nicht im Haus.“

Haremhab senkte beschämt den Blick.

„Die Toilettenstühle werden zweimal am Tag von unseren Bediensteten entleert“, fuhr Kija fort.

„In meinem Zimmer habe ich einen solchen Stuhl nicht entdecken können“, sagte Haremhab entschuldigend.

„Du hast nur nicht richtig nachgesehen“, versicherte die Prinzessin nachsichtig.

Sie verließen das Reinigungszimmer und betraten eine zweite kleine Halle, die von der linken Schmalseite der vorigen abzweigte.

„Das ist mein Bereich“, sagte Kija. Von der gegenüberliegenden Längsseite der Halle ging links ihr Zimmer der Körperreinigung und rechts ihr Schlafzimmer ab, in dem wieder das Bett hochgelagert in einer Nische unter einem Fenster stand. Von der rechten Schmalseite der Halle führte ein Durchgang in Kijas Ankleidezimmer.

Wunderschöne Gewänder hingen dort und der Raum war durchweht von frischem Duft.

Sie verließen den Bereich der Hausherren und befanden sich wieder im riesigen quadratischen Wohnraum. Dort führte ihn Kija an die Wand, die der mit dem Treppenaufgang zum Dach und dem Trakt des Amenophis gegenüberlag. Hier befanden sich ebenfalls zwei Türen.

Kija deutete auf die linke:„Das sind unsere beiden Besucherunterkünfte, eine davon bewohnst du.“

Sie ging auf Haremhabs Zimmer zu und öffnete die Tür. Im Vergleich zu den Räumen der Hausbesitzer war es winzig, aber dennoch das größte, in dem er jemals allein geschlafen hatte.

Zielstrebig durchquerte Kija den Raum und öffnete an der gegenüberliegen Wand eine zweite Tür, die Haremhab übersehen hatte.

„Das ist dein Waschraum!“ Kija wies mit einer Hand in den geöffneten Raum. Haremhab folgte ihrer stummen Anweisung und trat ein. Dieser war kleiner als die anderen Waschräume, besaß aber das gleiche Inventar: Eine Öffnung in der Bodenecke, ein Wassergefäß... und einen Toilettenstuhl.

Haremhab war stolz – sein eigener Waschraum! Er konnte es kaum erwarten, diesen eigenartigen Stuhl auszuprobieren, aber das würde wohl noch eine Weile dauern …

„Komm“, forderte Kija den Jungen auf,„jetzt frühstückst Du erst mal und dann zeige ich dir die Stadt, zu deren Bewohnern du von nun an gehörst.“

*

Nach einem ausgedehnten wab-ra, einer„Reinigung des Mundes “, wie die erste Mahlzeit des Tages bezeichnet wurde, schlenderte Haremhab in seinem neuen Lendenschurz aus hellem Leinen durch die Straßen und zum Teil sehr engen Gassen von Mennefer. Die Prinzessin reiste ihrem Stand entsprechend in einer Sänfte, die von vier Trägern bewegt wurde. Nehsi und ein weiterer Leibwächter begleiteten sie. Die Menschen grüßten die Prinzessin in ehrfürchtiger Haltung. Und man erwies auch Haremhab eine gewisse Art Respekt, weil er in Kijas Begleitung war.

In den verwinkelten Straßen herrschte ein lebhaftes Treiben, wie es der Junge nie zuvor erlebt hatte. Er war völlig überwältigt von den Düften und Farben, dem Rufen und Schreien. Händler boten ihre Waren feil: Gewürze, Fleisch, Brot, Backwaren, Tiere, aber auch Priester und Ärzte boten ihre Dienste an und es gab Bierstuben – in den Straßen von Men-nefer gab es nichts, das es nicht gab. Außerdem schienen in Men-nefer die schönsten Mädchen Ägyptens zu wohnen. Mit zarten Schminkstrichen, die ihre ohnehin schon eindrucksvollen Augen noch mehr betonten, diese vergrößerten und einfach unwiderstehlich machten, mit duftigen Parfüms, die den Jungen seiner Sinne beraubten, und mit Kleidern, die sich so fein und wallend um ihre Körper schmiegten, dass sich sanft ihre Formen abzeichneten, liefen sie durch die Straßen der Stadt.

Kija führte ihn kenntnisreich herum.

„Vor mehr als 2000 Jahren war Men-nefer die erste Hauptstadt Ägyptens“, erklärte sie Haremhab.„Damals hieß sie noch Inebuhedj, eine Anspielung auf die damals strahlend weiß getünchte Umfassungsmauer. Viele Jahrhunderte später wuchs Inebu-hedj mit der Pyramidenstadt des Königs Meri-Ra, dem ersten Herrscher mit Namen Pepi, zusammen und wurde fortan Men-nefer-Pepi, ‚Bleibend ist die Vollkommenheit des Pepi ‘, genannt. Und weil es die weiße Umfassungsmauer nur noch in Resten gibt und der Name ‚Bleibend ist die Vollkommenheit ‘ gut zu der Stadt passt, nannte man sie bald ganz offiziell Men-nefer.“

Die Reste dieser ehemaligen Schutzmauer waren noch zu sehen, obwohl sie inzwischen längst durch eine Anlage von viel größerem Umfang ersetzt worden war. Und selbst diese reichte nun nicht mehr aus, um alle Häuser zu beherbergen, so dass die Stadt schon weit vor den Toren begann.

„Sieh mal! Das ist Qebech, er verkauft die allerbesten Süßigkeiten im gesamten Umkreis“, sagte Kija, die Anweisung gegeben hatte, anzuhalten und aus der Sänfte gestiegen war.

„Seid gegrüßt, königliche Hoheit!“, der alte Qebech hockte im Hauseingang und machte nun Anstalten, sich mühsam zu erheben.

„Sei gegrüßt Qebech und behalte Platz!“

„Nein, nein“, widersprach der Alte.„Ich will Euch drinnen die beste Ware kosten lassen – dazu muss ich aufstehen!“

Im Inneren des Geschäfts war es dunkel und kühl und irgendwie hatte der Alte es geschafft, die Fliegen, die das Süße lieben, aus seinem Haus zu verbannen. Auf langen Tischen befanden sich unter luftigen Leinentüchern herrliche Naschereien. Viele Früchte hatte der alte Mann für seine Köstlichkeiten verarbeitet und andere süße Sachen, die Haremhab allesamt nicht kannte.

„Darf ich deinen Namen erfahren?“, fragte Qebech.

„Haremhab.“

„Ein schöner und seltener Name – ‚Horus ist im Fest ‘. Wie bist du zu diesem Namen gekommen?“

„Während meiner Geburt beobachtete mein Vater einen Falken, der im Flug über unserem Haus stehen blieb, dort lange verweilte und Laute ausstieß, die mein Vater für Jubel hielt. Mein Vater verstand dies als ein Zeichen dafür, dass sich die Erscheinung des Horus unserer Stadt Hut-nisut über meine Geburt freuen würde und erinnerte durch den Namen, den er mir gab, an dieses Zeichen.“ Haremhab spürte auf einmal starkes Heimweh.

„Der Falke ist das heilige Tier des Gottes Horus. Er verkörpert sich im regierenden Pharao – und Horus freute sich bei deiner Geburt. Das ist alles sehr bedeutsam!“ Qebech hielt kurz inne.„Ich glaube an Zeichen – wie jeder gute Ägypter. Dein Zeichen ist sehr tiefgründig und dein Name gut gewählt. Horus freute sich, weil du noch wichtig für ihn werden wirst!“

„Nun“, schaltete Kija sich in die Unterhaltung ein,„gestern bereits hat der lebende Horus, Pharao Amenophis Neb-Maat-Ra, er möge leben, heil und gesund sein, allen Grund gehabt, sich zu freuen, denn dieser tapfere junge Mann hat die Ehre seiner Schwiegertochter verteidigt!“

„Ich habe davon gehört“, sagte Qebech.„Ganz Men-nefer hat davon gehört“, verbesserte er sich.

„Was wird nun mit ihm geschehen?“ Qebech schien weniger darauf aus zu sein, etwas zu verkaufen, als ein Schwätzchen zu halten.

„Als Belohnung für seine mutige Tat wünscht Haremhab lesen und schreiben zu lernen.“

„Ein sehr bedeutsamer Wunsch“, der Alte sah den Jungen anerkennend an.

„Und, werdet Ihr ihm diesen Wunsch erfüllen?“, fragte er an Kija gewandt.

„Thutmosis wird mit seinem Vater, dem Pharao Amenophis – er lebe, sei heil und gesund –, beraten und dieser wird sicher klug entscheiden!“

„Er ist ein weiser Mann“, bestätigte Qebech,„er wird den richtigen Weg wählen.“

„Was möchtest du haben?“, fragte Kija schließlich und Qebech zog die Tücher nacheinander fort.

„Eigentlich wäre mir eine Feige am liebsten“, gestand der Junge mit einem traurigen Blick auf die feinsten und verführerischsten Naschereien, die Men-nefer zu bieten hatte.

„Weißt du“, begann Qebech,„Feigen sind eine Zutat, die wir für Süßigkeiten verarbeiten – aber wir verkaufen sie nicht...“

„Dann möchte ich hiervon“, sagte Haremhab nach einer Weile schließlich entschieden und zeigte auf etwas, das wie kandierte Datteln aussah.

Nachdem sie den kühlen und abgedunkelten Raum verlassen hatten und wieder auf der Straße waren, empfanden sie die Helligkeit und Wärme der ägyptischen Sonne noch intensiver als zuvor.

Kija zeigte Haremhab alles, was für ihn interessant sein könnte, und sie erklärte ihm viel von der Geschichte der ersten Hauptstadt Ägyptens, die der frühe König Aha der Legende nach in grauer Vorzeit gegründet haben sollte. Die bunten, lauten und vielfältigen Eindrücke, die in Men-nefer auf Haremhab einstürzten, überlagerten schon bald sein Heimweh und ließen es ihn zumindest für den Augenblick vergessen.

Etwas außerhalb der Stadt lag der Tempel des Gottes Ptah, dem Gott der Handwerker. Hinter seinen mächtigen Mauern verrichtete Kronprinz Thutmosis seinen Dienst als Hohepriester. Sie betrachteten das Heiligtum aus einiger Entfernung und Haremhab war von den gewaltigen Ausmaßen des Baus beeindruckt. Dieser war über und über mit Schriftzeichen bedeckt – Zeichen, deren Sinn er schon bald würde verstehen können!

„Gemeinsam mit dem Tempel des Ra im nördlichen Iunu und dem des Amun in Ipet-sut im Süden ist der Ptah-Tempel das bedeutendste kultische Zentrum des gesamten Reiches“, erklärte Kija, selbst ehrfürchtig staunend.

„Hier wohnt Ptah“, resümierte Haremhab mit unendlicher Bewunderung.

Es war spät in der Nacht, als Haremhab erschöpft, gut gesättigt und zufrieden in einen tiefen Schlaf sank. Vorher musste er noch die Eindrücke verarbeiten, die ihn an diesem Tag überflutet hatten – in der ständigen Angst, nicht zu träumen und im Militärlager aufzuwachen. Die Stadt, die Menschen, die Geschäfte und die Mädchen kreisten noch in seinen Gedanken.

„Morgen sehen wir uns das Umland von Men-nefer an“, hatte ihm Kija die Pläne für den nächsten Tag angekündigt. Er würde die Pyramiden der lange verstorbenen Könige Ägyptens sehen.

Sein Herz schlug so schnell, als wollte es ihm aus der Brust entwischen. Und dieses schnell pochende Herz war es auch, das Haremhab erst sehr, sehr spät einschlafen ließ.

Sie brachten die nächsten Tage damit zu, die drei großen aus dem Wüstensand ragenden Pyramiden der alten Könige Chufu, Cha-ef-Ra und Men-kau-Ra, den Sphinx und noch weitere Pyramidenanlagen der Umgebung zu besuchen. Haremhab lernte viel über die Pharaonen der vergangenen Jahrtausende und die Geschichte seines Landes.

In manchen Nächten lag Haremhab wach und konnte keinen Schlaf finden. Das waren die Nächte, in denen ihn das Heimweh plagte. Dann dachte er an seine Eltern und seine Geschwister und er vermisste sie sehr. Diese Gedanken kamen niemals wieder tagsüber, sondern nur des Nachts, mit der Zeit lernte er, sie zu zerstreuen, indem er sich daran erinnerte, dass sein Vater ihn wie einen Sklaven verkauft hatte. Dann begann sich eine andere Art von Traurigkeit seines Herzens zu bemächtigen, mit der er jedoch besser umgehen konnte.

*

Seine Wunde verheilte gut und so verging die Zeit bis zu seinen ersten Unterrichtsstunden sehr rasch. Bald schon zog er in ein zum kap gehörendes Gebäude, in dem er ein kleines Zimmer bewohnte, das er mit Maja, einem gleichaltrigen Jungen aus Waset, teilte. Der Junge erzählte gerne und so wusste Haremhab bald viel über ihn und seine Familie. Maja war der Sohn eines Richters, Iuy, seine Mutter Weret war schon verstorben, und sein Vater hatte erneut geheiratet. Die neue Frau hieß Henut-Iunu und Maja verstand sich trotz aller Erwartungen sehr gut mit ihr.

Maja war nett und fleißig und sehr bald freundeten sich die beiden Jungen an. Während Haremhab von einer Karriere als Offizier, als gebildeter und hochrangiger Soldat, träumte, stellte sich Maja seine Zukunft in der Verwaltung vor – für Haremhab eine grausige und viel zu trockene Vorstellung.

Vormittags fand ihre militärische Ausbildung statt. Sie lernten, Feinde auch ohne Waffen unschädlich zu machen, trainierten mit verschiedenen Waffen des Nahkampfes, übten mit Dolchen und Speeren, aber auch mit verschiedenen Bogentypen, die es ihnen erlaubten, Feinde aus größerer Entfernung als der eigenen Armlänge zu bekämpfen. Vor allem Haremhab fand Gefallen daran, eine gewisse Macht zu besitzen und nicht länger der Willkür anderer Menschen ausgesetzt zu sein.

Am Nachmittag saßen sie gemeinsam mit anderen Kindern, meist Söhnen hochrangiger Beamter, in einem offenen, von Palmen umsäumten Hof, erhielten Unterricht im Lesen und Schreiben und Haremhab lernte, wie sich die Worte aus Hieroglyphen zusammensetzten, erkannte, wie mehrere dieser Worte Sätze bildeten, und dass diese alles aussagen konnten, was er wollte.

Kurz vor dem Abendessen trainierte Haremhab hin und wieder mit Kijas Leibwächter Nehsi, der ihn sehr ins Herz geschlossen hatte. Die Zeit zwischen Abendessen und Schlafen verbrachte er damit, sich die genauen Schreibungen schwieriger Worte und die komplexen grammatikalischen Konstruktionen einzuprägen.

Obwohl Haremhab nur allzu oft an die Grenzen seines grammatikalischen Bewusstseins herangeführt wurde und die Enttäuschung über seine noch ungeschickten Finger, die die Binse noch nicht so zu führen verstanden, wie er es gerne wollte, ihn ungeduldig werden ließ, waren seine Lehrer sehr zufrieden mit ihrem fleißigen Schüler. Und auch Thutmosis und Kija, die ihn gelegentlich einluden, waren außerordentlich erfreut über die Entwicklung ihres Zöglings.

Die Toten kehren wieder mit dem Wind

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