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Kapitel 6

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Begegnungen

Nach der Fütterung des Löwen lustwandelte Thutmosis mit dem betagten Amenophis, Sohn des Hapu, durch die weitläufigen Gartenanlagen des Palastes. Haremhab folgte ihnen in gebührendem Abstand. Der alte Mann kannte den Thronfolger sehr gut, denn er war einst für die Erziehung der Söhne von Neb-Maat-Ra zuständig gewesen. Sie unterhielten sich über die Jahre, die seit Thutmosis ’ Kindheit vergangenen waren, über gemeinsame Bekannte und – über Prinz Amenophis.

„Er ist schwieriger geworden“, gestand Thutmosis.

„Das dachte ich mir. Er war bereits von Dämonen des Geistes gequält, als er noch in Waset weilte.“

„Das ist es nicht allein“, erklärte Thutmosis.„Eifersucht plagt sein Gemüt.“

„Eifersucht? Worauf?“

„Auf mich, edler Amenophis. Er wirft mir vor, die Aufmerksamkeit unseres Vaters alleine auf mich gezogen zu haben.“

„Nun, Ihr seid der Kronprinz, der Mann, der einmal die schwierige Aufgabe desjenigen übernehmen wird, der Ägypten sicher durch den Strom der Zeit führen soll.“

In Gedanken versunken, spazierten die beiden Männer eine Weile schweigend weiter.

„Wie gehen deine Arbeiten voran, Amenophis, Sohn des Hapu?“, brach Thutmosis schließlich die Stille.

„Ich kann nicht klagen, Prinz. Das Königsgrab ist fast fertig und auch der Tempel der Millionen Jahre steht kurz vor dem baulichen Abschluss. Es ist die größte Anlage, die sich ein König jemals erbauen ließ, sogar noch größer als das Heiligtum des Amun von Ipet-sut auf dem gegenüberliegenden Nilufer im derzeitigen Baustadium.“

„Ein besonderer Tempel für einen außergewöhnlichen König“, betonte Thutmosis.

„In der Tat.“

„Amenophis, erlaubt es deine Zeit, mir die Arbeiten am Tempel zu zeigen?“, wollte Thutmosis wissen.

„Es wäre mir eine Ehre, Prinz.“

Thutmosis blieb stehen, drehte sich zu Haremhab um und bedeutete ihm, ihnen zu folgen.

„Du wirst etwas Einmaliges sehen“, rief er ihm zu,„die Arbeit eines Genies!“

Amenophis lächelte geschmeichelt.

*

Haremhab war überwältigt. Niemals zuvor hatte er zwei derart gewaltige Statuen gesehen. Zwei über fünfzig Ellen hohe Sitzfiguren des Amenophis Neb-Maat-Ra flankierten den Eingang zu dem Tempel, in dem dieser nach seinem Tod verehrt werden sollte. Die Steinmetze saßen auf hohen Gerüsten an nahezu jeder Wand des Tempels und waren damit beschäftigt, vorgezeichnete Hieroglyphen und Bilder in die Wände zu meißeln. Andere Künstler versahen die bereits fertig herausgeschlagenen Darstellungen mit kräftig leuchtenden Farben. Die fertigen Bereiche zeigten Darstellungen von unvorstellbarer Schönheit und Vollendung. Überall war der König zu sehen. Er opferte Göttern, führte Kriege auf Streitwagen und räucherte der Barke des Gottes Amun.

Das Heiligtum lag an einer prachtvollen Allee, die von beiden Seiten von liegenden Figuren des schakalgestaltigen Gottes Anubis, dem Beschützer der Toten, flankiert wurde. Zwischen den Tierfiguren waren sattgrüne Sykomoren gepflanzt worden, die angenehmen Schatten spendeten.

Thutmosis schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

„Welche Pracht!“, rief er aus.„Das ist der herrlichste Tempel, der je am Westufer von Waset errichtet worden ist! Ich bin überwältigt von seiner Schönheit.“

„Es ist nicht allein meine Arbeit, Herr, ich benutzte der Tradition entsprechend die Pläne schon vorhandener Anlagen, und hier arbeiten die fähigsten Handwerker des Landes“, antwortete der Baumeister bescheiden, aber es war ihm anzusehen, wie sehr er das Lob genoss.

„Aber diese Größe“, staunte der Prinz.„Niemals wurde in dieser Größe gebaut. Wenn ich einst den regierenden Horus abgelöst haben werde, die Götter mögen veranlassen, dass es dazu noch lange nicht kommt, möchte ich, dass du mir ein ähnliches Bauwerk errichtest!“

„Ich fürchte, Herr“, Amenophis sah zu Boden,„dass mir eine derartig lange Lebenszeit, nicht gewährt werden wird.“

Thutmosis legte eine Hand auf die Schulter seines Erziehers.„Glaub mir, Amenophis, Anubis wird sich noch sehr viel Zeit nehmen, bevor er dich mit sich nimmt.“

Die Sonne stand schon tief nahe dem Wüstengebirge und tauchte die Umgebung um Haremhab in gleißendes, goldenes Licht. Die Schatten wurden länger und die Luft herrlich mild.

Thutmosis und Haremhab dankten dem Baumeister für die Erlaubnis, den Tempel sehen zu dürfen und gingen zu Fuß den Weg zurück zum Palast. Sie kamen an den Stallungen des Königs vorbei und plötzlich blieb Thutmosis stehen.

„Eje!“, rief er abrupt.„Ich möchte sehen, ob wir meinen Onkel Eje bei der Arbeit antreffen. Er ist der Vorsteher der königlichen Pferde und der Streitwagentruppe. So viele Jahre habe ich ihn nicht mehr gesehen.“ Verschwörerisch trat Thutmosis nahe zu Haremhab und flüsterte ihm ins Ohr:

„Vielleicht interessiert meinen unverheirateten Freund, dass Eje zwei wunderschöne Töchter in seinem Alter hat.“

Haremhab warf ihm einen scheelen Blick zu.

Als die beiden jungen Männer das monumentale, weiß getünchte Eingangsportal der Stallungen passierten, wurden sie ehrfurchtsvoll von den beiden Wachen gegrüßt. Sie betraten eine labyrinthartige Anlage, die mit langen Gebäudereihen versehen war, in denen die edelsten Pferde des Reiches an mächtigen Steinen angebunden standen. Die Luft war angefüllt mit dem angenehmen Geruch der Tiere, vermischt mit dem milden Aroma des Strohs. Zielstrebig bahnte sich Thutmosis seinen Weg durch die Stallungen, um zu Ejes Dienstgebäude zu gelangen. Die aufgebrachte Stimme eines Mannes war bereits von weitem zu vernehmen.

„... und doch hast du wieder feuchtes Gras gefüttert, obwohl ich dir bereits gesagt habe, dass das Lieblingspferd Seiner Majestät, er lebe, sei heil und gesund, einen empfindlichen Magen hat!“

Eje war aufgebracht und führte seine scharfe Rede gegen einen eingeschüchtert wirkenden jungen Mann, der ein Pferd am Zügel hielt, dessen Leibeshöhle unnatürlich aufgebläht wirkte.

„Schau es dir an!“, schimpfte der Vorsteher der Stallungen,„dieses Pferd leidet, es hat Schmerzen! Bring es zurück und gib ihm drei Tage lang ausschließlich Gerste!“

Eje trat zornig aus dem dunklen Stall heraus. Haremhab schätzte ihn auf etwa 40 Jahre. Seine hagere Brust war von einem kostbaren Halskragen bedeckt, sein dünnes Leinengewand warf beim Gehen zarte Falten. Als er die Gestalt seines Neffen wahrnahm, bekamen seine harten Züge etwas Versöhnliches. Er blieb stehen und die beiden Männer umarmten sich herzlich.

„Bei Amun! Thutmosis! Dich habe ich eine Ewigkeit nicht gesehen!“, rief er erfreut.„Aus dir ist wahrhaft ein Mann geworden, ein würdiger Nachfolger für unseren großen Pharao!“

Nachdem sie ihr unerwartetes Wiedersehen genossen hatten, stellte Thutmosis seinen Begleiter vor.

„Dieser junge Mann ist mein Leibwächter Haremhab!“, sagte der Prinz.„Aber eigentlich ist er mehr ein sehr guter Freund, der mich begleitet und mein Leben schützt.“

„Seid gegrüßt, ehrwürdiger Eje.“

„Seid auch Ihr gegrüßt, junger Haremhab“, sagte der Vorsteher der königlichen Streitwagentruppe und der Angesprochene lächelte. Die beiden Männer waren sich sofort sympathisch.

„Ein Stall ist nicht der geeignete Ort für eine Unterhaltung – selbst wenn es der königliche ist“, sagte Eje mit einem Augenzwinkern zu Thutmosis.„Ich möchte dich und Haremhab einladen, mir heute Abend in meinem Haus die Ehre zu erweisen, mit mir und meiner Familie zu speisen, wenn es eure Zeit erlaubt.“

Thutmosis und Haremhab wechselten einen schnellen Blick.

„Wir nehmen deine Einladung sehr gerne an“, antwortete der Thronfolger.

*

In Men-nefer neigte sich ein heißer Tag seinem Ende zu, Amenophis saß unter einem leinenen Sonnendach und trank Wein aus einem Alabasterkelch, als Kija zu ihm trat und ihm eine Schriftrolle überreichte.

„Diese Depesche wurde soeben von einem Boten überbracht, sie trägt das königliche Siegel.“

Amenophis schluckte schwer. Er schloss die Augen und verbarg sie hinter seiner Hand. Die Schriftrolle ließ er zu Boden fallen.

„Ich will es nicht lesen“, sagte er weinerlich.„Ich weiß auch so, dass mein Vater tot ist. Ich fühle es. Der göttliche Falke hat Ägypten verlassen und ist zu den Göttern emporgestiegen. Ich will es nicht lesen.“

„Der Bote hat nichts dergleichen erwähnt“, beruhigte ihn Kija

„Der Bote weiß es nicht“, nölte Amenophis.„Aber ich weiß es, denn ich bin sein Sohn!“

Kija bückte sich und hob die Rolle auf. Ohne auf ihren Schwager zu achten, brach sie das Siegel mit der Königskartusche und rollte das Papyrusblatt auf.

Hastig überflog sie die Zeilen.

„Soll ich ihn dir vorlesen, Amenophis?“

Der Angesprochene schüttelte den hängenden Kopf.

„Der Inhalt wird dich beruhigen, er ist von deinem Vater persönlich verfasst.“

Amenophis richtete sich auf.„Ein letzter Brief an mich?“

„Hör zu:

Jahr 34, dritter Monat der Sommerjahreszeit, Tag 10 unter der Majestät des Königs von Ober- und Unterägypten Amenophis, er lebe, sei heil und gesund. Dieser spricht zu seinem Sohn, dem Prinzen Amenophis: Mein Sohn, ich möchte dich wissen lassen, dass Sachmet mir gnädig war, meine Gesundheit verbessert und mein Leben verlängert hat. Mir geht es wieder ausgesprochen gut. Das bevorstehende Opet-Fest wird zu meiner weiteren Genesung beitragen. Meine Majestät wünscht, dass du, mein Sohn, an diesem Fest teilnehmen wirst und zu mir an den Palast, an den Ort deiner Geburt reist, um dieses Fest mit deiner Familie zu begehen. Zögere nicht mit deiner Abreise, denn wenn du diese Zeilen lesen wirst, wird das Opet-Fest nur noch drei Wochen entfernt sein.

In großer Freude auf dich, mein Sohn, und Kija erwartet dich dein Vater, der König von Ober- und Unterägypten, Amenophis. Geschrieben und gesiegelt in dessen persönlichen Gegenwart.‘“

Amenophis stand auf und nahm das Schriftstück an sich. Mit eigenen Augen wollte er lesen, was dort geschrieben stand. Nachdem er festgestellt hatte, dass sich der Text des Briefes mit dem von Kija Vorgetragenem deckte, rollte er es zusammen und presste es an sein Herz. Er schloss die Augen und holte erleichtert Luft.

„Mein Vater lebt!“ Danach gab er der Dienerschaft mit neuem Elan umgehend Anweisungen, das Reisegepäck zusammenzustellen und sich zur Abreise am nächsten Morgen bereit zu machen.

„Wir werden zur Residenz reisen“, flüsterte er freudig.

*

Die Sterne schimmerten über Waset als Thutmosis und Haremhab das Haus von Eje erreichten. Die Luft war erfüllt vom Duft Tausender Blüten und der Musik, die Hunderte von Grillen in die Stille der Nacht hineinzirpten. Ejes Anwesen lag inmitten eines malerischen Gartens. Ein Diener führte die beiden über den von Fackeln beschienenen Weg des Grundstücks. Das unermüdliche Quaken unzähliger Frösche verriet Haremhab, dass sich irgendwo in der Dunkelheit ein großer Teich befand.

„Sein Haus ist ja größer als deines in Men-nefer“, flüsterte Haremhab mit gespielter Entrüstung, Thutmosis grinste nur.

Am Eingang des Haupthauses stand Eje schon in der Tür und wartete auf seine Gäste. Zur Überraschung aller Anwesenden ging der Gastgeber nicht zuerst auf seinen Neffen, sondern direkt auf Haremhab zu und umarmte ihn wie einen langjährigen Freund, obwohl sie sich an diesem Tag erst zum zweiten Mal in ihrem Leben begegneten.

Danach begrüßte er auch seinen Neffen herzlich und bat sie, in sein Haus einzutreten. Der Weg führte sie von einer prunkvollen Eingangshalle mit prächtigen Malereien an den Wänden und von farbenfroh dekorierten Säulen gestützt in eine große Empfangshalle, in der mehrere Tische aufgestellt worden waren, die allerlei köstliche Dinge trugen. Es roch nach gebratenen Enten und gegrilltem Fleisch. Kleine Lampen erhellten den Raum und der Wind spielte in den Vorhängen aus feinem Stoff.

Diener waren eilig damit beschäftigt, noch weitere Speisen auf die Tische zu stellen. Etwas abseits, im Halbdunkel des Raumes, standen drei Frauen, die den Bediensteten Anweisungen gaben und die Ankunft der Gäste offensichtlich nicht bemerkt hatten. Eje klatschte in die Hände, dass es an den Wänden widerhallte.

„Tij, Nofretete, Mut-nedjemet, unsere Gäste sind eingetroffen! Kommt, sie zu begrüßen!“

Die Angesprochenen sahen zu Eje und kamen direkt auf die Gruppe zu. Haremhab erkannte eine ältere Frau, die offensichtlich die Ehefrau Ejes war und zwei sehr junge, liebreizende Geschöpfe, eine davon in seinem Alter, die andere nur wenige Jahre jünger. Diese schienen die Töchter des Gastgebers zu sein. Mit jedem Schritt, den die Frauen näher auf Haremhab zukamen, war die Schönheit, besonders der beiden Jüngeren, immer deutlicher zu erkennen. Haremhab blinzelte nervös und verkrampfte sich ungewollt. Thutmosis knuffte ihn, für die anderen nicht sichtbar, in die Seite. Als Haremhab ihn ansah, zwinkerte er ihm zu. Haremhab übersah diese Geste und wandte sich den näherkommenden Damen zu.

„Das ist meine nebet-per, die Herrin des Hauses, meine Frau Tij“, stellte Eje die ältere der drei vor, als sie sie endlich erreicht hatten. Haremhab verbeugte sich leicht.

„Und das sind meine Töchter“, fuhr der Gastgeber fort,„Nofretete und das Nesthäkchen Mut-nedjemet.“

Während sich Haremhab erneut verbeugte, ließ er seinen Blick unauffällig an den schlanken Gestalten der jungen Frauen herabwandern. Die beiden geheimnisvollen Augenpaare wurden durch elegante Schminkstriche geziert, die edlen Körper waren in einen durchschimmernden, kostbaren, plissierten Leinenstoff gehüllt, durch den sich deutlich die ausgesprochen femininen Formen abzeichneten, ohne jedoch zu viel zu verraten, und sie waren von einem geheimnisvollen Duft umgeben. Als seine Augen an den feinen Fußfesseln Nofretetes haften blieben, hörte er Thutmosis sagen:„Aus den beiden frechen Mädchen sind anmutige Damen geworden.“ Haremhab richtete sich auf und sah in die leicht erröteten Gesichter der verlegen kichernden jungen Frauen. Der einzige Makel, den Haremhab an der älteren Tochter feststellen konnte, war ihr auffallend stark ausladender Hinterkopf, den sie unter einer raffinierten Frisur zu kaschieren suchte.

Die Hausherrin Tij war eine zierliche und feine Dame mit langen, duftenden Haaren. Sie war Ejes zweite Frau, wie Thutmosis auf dem Weg erläutert hatte. Nachdem seine erste Frau bei der Geburt der Nofretete gestorben war, war es Tij, die sie als Amme aufgezogen und ihrem Mann seine weiteren drei Kinder geboren hatte.

Eje hatte noch zwei Söhne, die jedoch nur kurz zu den Gästen stießen: Nacht-Min, ein blasierter und arroganter junger Mann, etwa so alt wie Haremhab, diesem aber von der ersten Begegnung an höchst unsympathisch, und Nai, der fast noch ein Kind war. Nais Erscheinung war von einer schweren Krankheit geprägt, die ihn dazu zwang, unkontrollierte Bewegungen auszuführen, unartikulierte Laute auszustoßen und sich auf den Boden zu werfen.„Es ist etwas in seinem Kopf“, erklärte Eje.„Die Ärzte wollen seinen Schädel öffnen, um die Dämonen herauszulassen. Aber ich traue ihnen nicht – zu oft endet eine solche Operation mit dem Tod!“ Thutmosis ’ Angebot, Djedi, den ausgewiesenen Spezialisten auf diesem Gebiet, der soeben in Waset weilte, einen Blick auf den kranken Jungen werfen zu lassen, lehnte Eje dankend, aber bestimmt ab.

Nai kam nur kurz heraus, um die Gäste seines Vaters zu begrüßen, fühlte sich aber nicht wohl und verbrachte den Abend in den privaten Gemächern des Hauses. Nacht-Min war mit einem Mädchen verabredet und aß ebenfalls nicht mit ihnen – was Haremhab keinesfalls bedauerte.

Nachdem man allerlei Freundlichkeiten ausgetauscht hatte, bat Eje zu Tisch. Ihm war nicht entgangen, welchen Eindruck seine Töchter auf den jungen, unverheirateten Gast gemacht hatten. Irgendwann am Abend schnitt er bewusst dieses Thema an.

„Die Herkunft eines Menschen zählt bei einem König wie unserem, er möge leben, heil und gesund sein, gar nichts. Nur die Leistung eines Menschen ist wichtig.“ Dabei sah er Haremhab eindringlich an.

„Schau dich hier um, Haremhab, betrachte den Luxus, in dem ich lebe. Sieh meine wertvolle Kleidung, meinen unbezahlbaren Schmuck, meine zahlreiche Dienerschaft, mein großes Anwesen. Was glaubst du, wie ich das alles finanziere?“

„Nun, Ihr seid der Vorsteher der königlichen Pferde, ein Günstling des Königs und noch dazu mit ihm verwandt...“

„Nein, Haremhab“, unterbrach ihn Eje,„es ist zwar alles richtig, was du sagst, aber wie wurde ich zu dem, der ich bin?“

„Ihr scheint aus einer reichen und vornehmen Familie zu stammen, einer altehrwürdigen Adelsfamilie, die seit Generationen dem Königshaus dient.“

Eje schüttelte den Kopf.„Meine Familie war nicht seit Generationen so reich und angesehen, wie du es vermutest, junger Freund“, gestand Eje.„Teje, meine Schwester, hatte das Glück, durch ihre Schönheit und Klugheit das Interesse des Königs zu wecken. Und Amenophis war es vollkommen egal, woher sie stammte.“

Eje nahm genüsslich einen Schluck Wein aus seinem Becher und ließ sich absichtlich sehr viel Zeit dabei. Er wollte, dass sich seine Worte wie Samenkörner auf einem Acker im Kopf von Haremhab niederlassen und keimen konnten.

„Wir entstammen ursprünglich keiner adeligen Familie, mein lieber Haremhab, ebenso wenig wie du. Meine Vorfahren kommen aus der Provinz, aus der Stadt Ipu, wo mein Vater Juja Priester im Tempel des Min und der Oberste Verwalter der Viehbestände war. Besäße ich jedoch weder Talent noch Ehrgeiz, hätte Amenophis mich nicht emporkommen lassen. Er war ja lediglich an meiner Schwester interessiert! Aber ich konnte seit meiner frühesten Jugend gut mit Pferden umgehen. Besser als jeder andere. Zu mir haben diese Tiere gesprochen und sie tun es noch. Das trug meine Schwester Teje ihrem Gemahl, unserem König, er möge leben, heil und gesund sein, zu, und Amenophis interessierte sich sehr für meine Fähigkeiten. Für ihn zählt die berufliche Neigung und das Können eines Mannes tausendmal mehr als dessen Herkunft.“

Eje sah dem jungen Mann direkt in die Augen.„Du kannst alles erreichen, wenn du Fähigkeiten besitzt. Und deine Gabe, Haremhab, scheint der Mut und der rechte Sinn für die Maat zu sein, wie man hört.“

An Thutmosis gewandt, sprach Eje nun vergleichsweise streng.

„Haremhab wird als Leibwächter vertrocknen wie eine Pflanze in der Wüste, Sohn meiner Schwester. Seine kämpferischen Fähigkeiten haben sich herumgesprochen. In der Armee wird er Großes erreichen und er wird deinen Ruhm, wenn du einst König sein wirst, als General deutlicher mehren können, als als unbedeutender Leibwächter, dessen wahre Talente immer verborgen bleiben werden. Jemand muss mit dem König über Haremhabs Eignungen sprechen. Willst du es tun oder soll ich zu deinem Vater gehen, Thutmosis?“

Der Prinz überlegte einige Augenblicke und sagte dann:„Lass uns gemeinsam für Haremhab bei meinem Vater vorsprechen.“

Eje und Thutmosis hatten das Thema gewechselt und sprachen nun über die Aufgaben des Thronfolgers in Men-nefer.

Haremhab schwieg und musste das, was sein Gastgeber gesagt hatte, erst einmal verarbeiten. Ein Satz jedoch hallte in seinem Kopf wider und brachte sein Herz dazu, schneller zu schlagen, jedes Mal, wenn er ihn sich in Erinnerung rief: Du kannst alles erreichen!

Die Worte arbeiteten in ihm, denn er spürte, dass sie die reine Wahrheit beinhalteten. Was sollte dagegen sprechen, dass er eine großartige Karriere vor sich hatte und vielleicht eines Tages als Thutmosis ’ General feindliche Länder für ihn bezwingen würde? Er konnte lesen und schreiben, er hatte Mut, er konnte kämpfen – er hatte Fähigkeiten!

Eje beobachtete alle Reaktionen von Haremhab im Detail, und er konnte sehen, dass sich in den Augen des jungen Mannes etwas verändert hatte. Das Samenkorn auf dem Acker Haremhabs war auf fruchtbaren Boden gefallen …

*

Es war schon später Nachmittag, als das Schiff aus Men-nefer mit Prinz Amenophis und seiner Schwägerin Kija nach einer erschöpfenden Reise im Hafenbecken des Palastes von Waset anlegte. Amenophis freute sich sehr, seine Heimatstadt wiederzusehen: den Palast, in dem er groß geworden war und die majestätischen Erhebungen des Westgebirges, hinter denen seine Vorfahren bestattet lagen.

Sein Blick verfinsterte sich allerdings, als er auf die andere Seite des Nils sah. Das goldene Licht der untergehenden Sonne wurde dort von den mit djam beschlagenen Obeliskenspitzen der alten, dem Amun-Ra geweihten Tempelstadt von Ipet-sut reflektiert.

Die Priester dieses Tempels sind eine besonders hinterlistige Gemeinschaft, dachte er. Es geht ihnen nicht um den Dienst an ihrem Gott, sondern um die Mehrung ihrer eigenen Macht. Vorsicht war geboten, denn ihr Einfluss wuchs stetig.

Die Vorgänger seines Vaters hatten ihre großen militärischen Siege auf das Eingreifen des Amun-Ra zurückgeführt und sich im Gegenzug durch großzügige Schenkungen an den Tempel kenntlich gezeigt. Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte das Vermögen der Priester an Ackerland, Edelmetallen, Vieh und Sklaven rapide zugenommen. Die Gefahr, die von diesen Männern ausging, zielte direkt auf das Königtum. Diese Tatsache war allgemein bekannt, doch kein Pharao wagte, etwas dagegen zu unternehmen.

Diener eilten herbei, um dem zweitältesten Sohn des Königs und seiner Schwägerin aus dem Schiff zu helfen, ihr Gepäck aufzunehmen und sie zum König zu geleiten, der sie mit seiner Großen Königlichen Gemahlin im Empfangssaal bereits erwartete.

Freudig eilte Prinz Amenophis durch die geöffnete Flügeltür, als er plötzlich in der Bewegung innehielt und sein Lächeln gefror: Thutmosis war auch dort. Gönnte er dem Bruder nicht einmal die intime Begrüßung mit seinem Vater?

Der König stand auf und öffnete die Arme.„Mein Sohn“, sagte er herzlich,„ich freue mich, dass du meinem Ruf Folge geleistet und deinen Weg zurück nach Waset gefunden hast!“

Sie umarmten sich, aber der Prinz spürte nicht die väterliche Wärme und Liebe, nach der ihm so verlangte. Schließlich räusperte er sich und sagte förmlich:„Ich freue mich, Euch wieder in so guter Verfassung anzutreffen, Vater.“ Beide lösten sich aus der Umarmung.

Dann ging er auf seine Mutter zu, die ihre Freude würdevoll zu verbergen wusste. Seinen Bruder bedachte er mit einem knappen Kopfnicken.

*

Das Gespräch zwischen Eje, Thutmosis und dem König verlief sehr zugunsten des abwesenden Haremhab. Der alte Amenophis hörte sich aufmerksam und interessiert an, was sein Schwager und sein Sohn über den jungen Leibwächter des Thronfolgers berichteten, der ein Musterschüler des kap gewesen war, wie der König von seinen Quellen in Men-nefer erfahren hatte. Deshalb stimmte er zu, dass der Mann eine Gelegenheit verdiente, sich militärisch zu beweisen. Pharao Amenophis sprach über die Gefahr, die an der nord-westlichen Grenze Ägyptens immer wieder von nomadisierenden Stämmen der Tjehenu ausging und vor denen Kundschafter schon seit langer Zeit warnten. Es hatte in der jüngsten Vergangenheit verheerende Hungerkatastrophen in ihrem Land gegeben und alles schien darauf hinzudeuten, dass der Augenblick des Übergriffs auf ägyptischen Boden unmittelbar bevorstand.

Der Pharao riet seinem Sohn Thutmosis, dem Vorsteher der Truppen, zu einem schnellen militärischen Eingreifen von Mennefer aus, das er persönlich leiten und in dem Haremhab eine wichtige Funktion innehaben sollte, und zwar direkt nach dem Opet-Fest.

„Wenn er unter der Bürde der Verantwortung zusammenbricht, haben wir uns in ihm getäuscht“, sagte der König.„Aber das denke ich nicht.“

Die Toten kehren wieder mit dem Wind

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