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Kapitel 5

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Waset

Sieben Jahre waren vergangen, man schrieb das 34. Regierungsjahr unter Pharao Amenophis Neb-Maat-Ra – er möge leben, sei heil und gesund in Ewigkeit.

Für Haremhab war die harte Ausbildung des kap beendet und er gehörte nun, nachdem Thutmosis ihn zu seinem persönlichen Leibwächter ernannt hatte, zur königlichen Garde. Er wohnte wieder im Palast des Kronprinzen – zur ständigen Verfügbarkeit des Thronfolgers.

Sein Wunsch war ihm erfüllt worden – er hatte Lesen und Schreiben gelernt und sich zudem eine sehr leserliche und ausdrucksstarke Handschrift angeeignet, deren äußerliche Korrektheit mit der inhaltlichen stets in großer Harmonie stand. Er kannte die Werke der großen Weisen, hatte ihre Lehren, ebenso wie die erhaltenen Kriegsberichte der längst verstorbenen Pharaonen, genauestens studiert, indem er die Texte solange kopierte, bis ihm jedes einzelne Wort in Hand und Herz eingegangen war. Auch kannte er nun die Geschichte seines Landes und die wichtigsten Bereiche von Religion und Verwaltung.

Schwimmen, Ringen und das Lenken eines Streitwagens waren Bestandteile des körperlichen Unterrichts gewesen. Ferner Bogenschießen, der Umgang mit dem Messer und mit Speeren, aber den größten Teil der militärischen Ausbildung stellten Übungen im Nahkampf ohne Waffen dar. Haremhab war nun in der Lage, auf 32 verschiedene Weisen zu töten – und zwar allein mit bloßen Händen. Er war aufgrund seiner Reaktionsschnelligkeit und seiner raubtierartigen Gewandtheit eine lebensbedrohliche Gefahr für jeden, der seinen Herrn Thutmosis, den Kronprinz Ägyptens, angreifen wollte.

Aber nicht nur der Kronprinz Thutmosis interessierte sich für Haremhabs Dienste. Die häufige und anstrengende Bewegung im Freien verlieh seiner Haut, die sich fest über die sehnigen Muskeln spannte, einen bronzefarbenen Schimmer, zudem war Haremhab ein eloquenter Gesprächspartner in sämtlichen Bereichen des kulturellen Geschehens geworden und … zählte zu den begehrtesten Junggesellen Men-nefers.

Die Frauen verdrehten die Köpfe, wenn er in der Stadt an ihnen vorüberging. Sie flüsterten sich zu, glucksten wie kleine Hühner und kicherten albern, wenn er ihre Blicke erwiderte oder wenn er manche von ihnen mit einem leichten Zwinkern bedachte. Man tuschelte und fragte sich, wann er wohl endlich um die Hand eines der Mädchen anhalten würde... und vor allen Dingen fragte man sich, um die Hand welchen Mädchens er wohl anhalten würde...! Aber Haremhab wollte über die Ehe noch nichts wissen, denn er hatte die zarte Liebe noch nicht entdeckt. Um ehrlich zu sein, ärgerte ihn das Thema sogar ein bisschen – was ging es denn die Leute an, wann er sich verliebte!

Eines Abends besuchte Haremhab seinen Freund Maja, der im Tempel des Gottes Ptah Dienst tat. In dessen Haus studierte er die Schriften, die sein Freund gesammelt hatte, um sie von seinen Schülern kopieren zu lassen. Da sein Verdienst als niederer Schreiber in der Tempelverwaltung nicht überwältigend war, gab Maja nach der Arbeit zuweilen noch Schreibunterricht.

Sie tranken sättigendes Bier und Haremhab neckte den Freund mit den alten Lehren des Cheti, der sich im ersten Teil seiner Schrift über andere Berufe als den des Schreibers ausließ und diese negativ darstellte, um seinen eigenen Stand leuchtend zu glorifizieren.

„Pass genau auf: ‚Ein Schreiber auf irgendeinem Posten des Staates, der leidet dort keine Not!‘“, las Haremhab vor.

„Pah!“, war die spöttische Antwort des Freundes.

„Beschwere dich nicht, Maja! Oder willst du lieber ein Töpfer sein? Höre zu, was Cheti dazu meint: ‚Der Töpfer ist unter der Erde, obwohl er noch lebt. Er wühlt sich in den Sumpfboden mehr als ein Schwein, um seine Töpfe brennen zu können. Seine Kleidung ist steif von Dung, sein Gürtel nur ein Fetzen. Die heiße Luft bläst ihm ins Gesicht, die geradewegs aus seinem Ofen kommt. Er hat sich einen Stampfer an seine Füße gebunden, der Stößel daran ist er selber. Er durchwühlt den Hof eines jeden Hauses, zerstört die öffentlichen Plätze...‘“ Haremhab zog ein angewidertes Gesicht.„Das ist es doch nicht wirklich, was du willst!?“, scherzte er.

„Ich kenne Töpfer, die weitaus bessergestellt sind als ich“, erwiderte Maja spitz.„Die können eine mehrköpfige Familie ohne große Probleme mühelos ernähren. Ich dagegen schaffe es kaum, mich allein durchzubringen! Über Merit will ich kein Wort verlieren, aber seitdem Cheti diese Lehre vor fast 700 Jahren verfasst hat, hat sich einiges in Ägypten verändert, mein Freund!“

Merit war das Mädchen, das Maja seit über zwei Jahren liebte, und die Tatsache, dass er es sich nicht leisten konnte, sie zu heiraten, bereitete ihm den größten Verdruss.

„Du wirst nicht immer an einer unteren Position in der Tempelverwaltung haften bleiben, Maja“, tröstete ihn Haremhab, nun ernst geworden.„Du wirst irgendwann befördert werden und aufsteigen. Vielleicht wirst du ja auch nicht immer im Tempel des Ptah in Men-nefer bleiben müssen, sondern dein Glück woanders finden! Und du wirst Merit heiraten können!“

Haremhab genoss den Abend bei Maja, aber die Zeit verging schnell über den Papyrusrollen und dem Bier, und er empfand wenig Freude bei dem Gedanken daran, sich bald von all dem trennen zu müssen. Er stöhnte missmutig, als sich der Inhalt seines dritten Bierkruges dem Ende nahte und die Zeit des Heimweges immer näher rückte.

„Hab Dank für das Bier“, sagte er schließlich widerwillig und trat wieder auf die lehmigen Gassen der Stadt, die schon in tiefer Finsternis lag. Aus vereinzelten Fenstern schien noch schummriges Licht, doch die Mehrzahl der Bürger von Men-nefer schlief schon.

Die Wachen am Eingang grüßten ihn, als er gedankenversunken in die Residenz des Prinzen trat. Er erreichte die Große Halle und traf Thutmosis und Kija in niedergeschlagener Stimmung an. Beide saßen auf dem Boden, Kija hatte ihr Gesicht in den Händen vergraben, Thutmosis hielt sie im Arm.

„Was ist passiert?“, fragte Haremhab besorgt, denn im Laufe der Jahre waren ihm seine ehemaligen Gönner zu guten Freunden geworden. Langsam entblößte Kija ihr Gesicht und er sah an ihrer verschmierten Augenschminke, dass sie stark geweint hatte.„Der Pharao ist sehr krank“, erklärte sie tonlos.„Die besten Ärzte Ägyptens kümmern sich um ihn, aber kein einziger vermag ihm zu helfen.“

„An welcher Krankheit leidet Seine Majestät?“, erkundigte sich der junge Leibwächter besorgt.

„Keiner kennt ihren Namen“, Thutmosis sprach erstickt,„niemand weiß, woher sie kommt. Wenn sich sein Zustand in einigen Wochen nicht gebessert hat, werden wir an den Hof nach Waset reisen müssen. Die löwenköpfige Göttin Sachmet hat ihre Krankheitsdämonen auf meinen Vater gehetzt und will sie nicht wieder zurückrufen!“

„Man sagt, der Alte hätte 400 Granitstatuen der Sachmet in Auftrag gegeben“, die unerwartete Stimme kam aus einer dunklen Ecke des Raumes. Der Sprecher trat nun ins Licht, es war Prinz Amenophis.

„Es heißt, damit wolle er die erzürnte Sachmet beschwichtigen “, fuhr er fort. Alle Anwesenden blickten nun zu ihm, während er mit entschiedenem Kopfschütteln und einer abfälligen Handbewegung fortfuhr:„So ein Blödsinn, er soll in Würde alt werden und auch in Würde sterben. Jeder von uns hat seine Last zu tragen und er soll sich mit seiner abfinden!“

Haremhab verbeugte sich und wollte sich langsam und wortlos zurückziehen, da die Unterhaltung der beiden Brüder familiär und persönlich zu werden begann. Doch Thutmosis hob eine Hand und bedeutete ihm zu bleiben.

Der Kronprinz sah seinen jüngeren Bruder verständnislos und mit offensichtlichem Entsetzen an.„Wie kannst Du so kaltherzig sein?“, flüsterte er durch den dämmrigen Raum.„Hast du vergessen, was wir, seine Kinder, ihm zu verdanken haben?“

„Zu verdanken? Diesem selbstsüchtigen, selbstverliebten Mann? Ich habe Mutter mehr zu verdanken als ihm, den Vater, den ich kaum gesehen habe. Wenn er für einen von uns da gewesen ist, dann doch wohl nur für dich, du Lieblings -Sohn!“ Amenophis wandte sich brüsk um, stapfte trotzig aus der Großen Halle und schlug einen Flügel der Tür donnernd zu.

„Ich denke, es ist nun wirklich besser, Euch allein zu lassen“, räusperte sich Haremhab.

Thutmosis reagierte nicht sofort. Er schwieg einige Zeit, dann richtete er seinen Blick auf Haremhab und verkündete entschlossen:„Morgen früh werden wir zu meinem Vater an den Königshof nach Waset aufbrechen!“

Haremhab nickte stumm.

„Nur du und ich“, fügte Thutmosis hinzu.„Wir werden Mennefer ohne großes Aufsehen bei Morgengrauen verlassen. Amenophis wird nichts erfahren.“ An seine Frau gewandt fragte er:„Wirst du es schaffen, hier einige Zeit allein die Verantwortung zu übernehmen?“

„Natürlich“, versicherte Kija.

„Sag dem Kapitän der Barken Bescheid, Haremhab. Er soll seine Mannschaft und das Schiff bis morgen früh bereithalten!“

Haremhab nickte, verbeugte sich und verließ das Haus, um zum Hafen zu gehen.

Der Sternenhimmel über Men-nefer funkelte wie eine schwarze Decke voll winzig kleiner Tautropfen. Das ruhig auf- und abschaukelnde Wasser im Hafenbecken Men-nefers reflektierte die leuchtenden Funken des Firmaments, alles war still, nur die Grillen zirpten geräuschvoll in den Büschen und Gräsern und es roch nach Jasmin.

Der Kapitän der Prinzenbarke war ein brummiger, leicht übergewichtiger Mann, der auf den Namen Nefer-bau-Ptah hörte. Haremhab fand ihn in einer etwas baufälligen Lehmhütte, wo der Kapitän gemeinsam mit einem Mann der Schiffsbesatzung bei dämmrigem Flackerlicht in eine Partie Senet vertieft war. Weder er noch sein Gegner bemerkten Haremhab, der plötzlich im Rahmen der offen stehenden Tür erschien und mit einem Blick auf das Spielbrett sofort erkannte, dass es mit Nefer-bau-Ptahs Glück nicht zum Besten bestellt war.

„Na, hoffentlich klappt es mit der Liebe besser – wenn es schon im Spiel so schlecht um dich steht, Kapitän Nefer-bau-Ptah!“, sagte er in die Stille des Raumes, die zuvor nur vom Werfen der Wurfhölzer und dem leisen Klappern der Spielsteine unterbrochen worden war.

Der Angesprochene fuhr zu Haremhab herum, während der ihm im Spiel überlegene Mann feixte.

„Ihr habt es nötig von Liebe zu sprechen, Haremhab“, polterte der Kapitän.„Ganz Men-nefer ist besorgt um die sich bei Euch nicht einstellen wollenden Bedürfnisse, eine Frau zu nehmen!“

Nun schmunzelte auch Haremhab.„Das Bedürfnis an sich kenne ich wohl“, sagte er trocken,„nur fehlt bislang die passende Frau!“

Nun lachten beide Männer und Nefer-bau-Ptah stand auf, fasste Haremhab an der Schulter und lud ihn ein, sich zu setzen.

Während Haremhab sich niedersinken ließ, fragte der Kapitän:„Was kann ich für Euch tun?“

„Prinz Thutmosis wünscht, bei Morgengrauen zu einer Reise aufzubrechen!“

„Wohin?“

„Waset.“

Nefer-bau-Ptah pfiff überrascht.

„Wie viele Reisende?“

„Nur der Prinz und ich. Es geht an den Königshof zu seinem Vater.“

„Ja..., ich habe von seiner Krankheit gehört – böse Sache...“

„Aus diesem Grund will Thutmosis morgen aufbrechen...“

„Lediglich Prinz Thutmosis und Ihr? Nicht Prinz Amenophis oder Prinzessin Kija?“

„Nein, nur wir beide.“

„Nun gut“, meinte der Kapitän und fuhr nur einen Lidschlag später seinen siegreichen Gegenspieler lautstark an:„Was sitzt du hier noch auf deinem faulen Hintern herum? Hast du nicht gehört? Wir brauchen zwanzig Ruderer und zwei Steuermänner für morgen früh. Wir laufen bei Sonnenaufgang aus. Bis dahin muss das Schiff flott sein! Los, eil dich und rufe die Mannschaft zusammen!“

Schnell und ohne ein weiteres Wort sprang der Angesprochene eilfertig auf und verließ hastig den Raum.

Genüsslich lächelnd wandte Nefer-bau-Ptah sich wieder Haremhab zu.„Das wäre erledigt“, sagte er.„Doch nun würde mich interessieren, wie es mit dem Liebesglück von Men-nefers begehrtestem Junggesellen wirklich aussieht...“

Vielsagend hielt er die Wurfhölzer vor Haremhabs Gesicht.

„Ich nehme die roten Steine“, nahm dieser die Herausforderung an.

Die beiden Männer saßen sich über einem kleinen länglichen Holzbrett gegenüber, dessen Fläche in drei Reihen zu je zehn Feldern aufgeteilt war. Diese Felder symbolisierten eine mythische Reise, dabei waren die Kästchen 15 und 26 bis 30 besonders gekennzeichnet – sie gewährleisteten entweder einen sicheren Aufenthalt oder bedeuteten ein Zurücksetzen. Bis zum Erreichen des Feldes war man seinem Gegner ständig ausgeliefert, der die eigenen Steine bis zum Erreichen des Feldes 26 herauswerfen durfte. Nefer-bau-Ptah hatte für jeden fünf dieser Steine aufgebaut – das bedeutete eine lange Partie.

Die Anzahl der mit den Steinen pro Runde zu bewältigenden Schritte wurden mithilfe von vier auf zwei Seiten abgeflachten Holzstäbchen ermittelt, von denen jeweils eine Seite rot bemalt war. Diese Hölzer wurden geworfen und die Anzahl der oben liegenden Seiten gezählt, denn diese bestimmten, wie weit ein Stein bewegt werden durfte.

Mit Haremhabs Konzentration war es nicht zum Besten bestellt. Allzu oft ließ er die Chance für einen guten Zug verstreichen, weil er ihn nicht erkannte.

Schließlich brachte Nefer-bau-Ptah alle seine fünf Steine ins Ziel, während es Haremhab nicht vergönnt war, auch nur einen einzigen die gesamte Strecke über das Spielbrett führen zu können.

Der Kapitän lachte selbstgefällig.„Erzählt mir nichts davon, dass Euch die Frau zu Euren Bedürfnissen fehlt!“ Er freute sich so sehr über seinen eigenen Witz, dass sein Kopf rot wurde wie die untergehende Sonne und er sich derb auf die Schenkel schlagen musste, um mit der Heiterkeit fertig zu werden, die ihn schüttelte.

„Wer ist es“, prustete er,„der Euch so vereinnahmt und Eure ganze Konzentration für sich beansprucht, dass Ihr mir beim Senet-Spiel chancenlos ausgeliefert seid? Wie ist ihr Name? Ich will ihr danken!“

Haremhab lächelte nur, klopfte seinem übermächtigen, aber in die falsche Richtung denkenden Spielgegner auf die Schulter und erhob sich.

„Wir sehen uns morgen bei Sonnenaufgang“, sagte er im Türrahmen Nefer-bau-Ptah zugewandt, der noch immer lachte und seinen Sieg genoss.

*

Haremhab erwachte lange vor Sonnenaufgang in seinem kleinen Zimmer im Palast des Kronprinzen. Nachdem er sich schnell angekleidet hatte, suchte er Prinz Thutmosis in dessen Gemächern auf und bemerkte, dass dieser sehr in Eile war.

„Lass uns schnell aufbrechen, ich will nicht, dass Amenophis etwas von unserer Abreise erfährt“, flüsterte er.„Wer seinen leiblichen Vater mit soviel Missachtung straft, hat es nicht verdient sein Krankenlager zu besuchen.“

Haremhab nickte verunsichert.

Sie verließen das Haus wie Diebe, geräuschlos und in fast völliger Dunkelheit. Zwei Diener trugen das Gepäck des Kronprinzen und das Haremhabs.

Als sie den Hafen erreichten, wartete das Schiff bereits auf seine Passagiere. Schon während der Nacht hatte ein kleineres und wendigeres Boot den Hafen von Nacht Men-nefer verlassen. In ihm reiste der Herold des Kronprinzen, der dessen Kommen an allen zuvor festgelegten Stationen und beim König selbst, im Palast von Waset, ankündigen würde.

Am Kai stand der Arzt Djedi, der Haremhab vor sieben Jahren behandelt hatte, mit seinem Träger. Thutmosis setzte seine ganze Hoffnung auf den Oberarzt und Priester der Sachmet, der nun seinen Vater, den König des Landes, heilen sollte.

Djedi war eine wirkliche Kapazität auf dem weiten Gebiet der Heilung. Er hatte sich in Men-nefer einen guten Namen gemacht, der bis an das Ohr des Kronprinzen gedrungen war, als dieser sich in der Stadt niederließ. Besondere Leistungen erbrachte er im Bereich der Schädelöffnung. Er hatte diese Methode bedeutend verfeinert und weiterentwickelt und verfügte über eine deutlich höhere Anzahl an überlebenden Patienten als seine Kollegen. Djedi war wahrhaftig ein Liebling der Sachmet.

„Wenn er keine Medizin kennt“, sagte Thutmosis,„ist das Leben meines Vaters verloren!“

Die drei Passagiere betraten das Schiff über einen kleinen Steg. Die Besatzung war äußerst zuvorkommend und in großer Ehrfurcht vor den hochgestellten Reisenden.

Die Taue wurden gelöst und das Schiff lautlos vom Hafenbecken in Richtung Fluss getreidelt, wo die Ruderer ihre Arbeit aufnahmen. Das Segel wurde schnell geöffnet und der morgendliche Nordwind fing sich darin, blähte es auf und beschleunigte die Fahrt.

In der langen Zeit, die sich Thutmosis und Haremhab kannten, war der Prinz bereits einige Male zur Residenz im Süden gefahren, um seinen Vater zu besuchen, aber für Haremhab war es das erste Mal, dass er eine Schiffsreise unternahm – noch dazu würde er in einigen Tagen den Palast und den König selbst sehen können.

Die Reise nach Waset dauerte sehr lange. Nachts hielten sie an größeren Siedlungen, um ihre Vorräte aufzufüllen und zu schlafen. Haremhab langweilte sich oft und die Zeit schien ihm unendlich. Thutmosis wünschte, meistens allein in der einzigen Kabine an Deck zu verbringen, wo er betrübt seinen sorgenvollen Gedanken um seinen Vater nachhing. Djedi war damit beschäftigt, die Inhalte von seinen mit winzigen Zeichen eng beschriebenen Papyrusrollen, die er im Laufe seines Lebens auf der Grundlage eigener Studien verfasst hatte, aufzufrischen und sich so auf alle erdenklichen Möglichkeiten vorzubereiten, vor die ihn seine bevorstehende Begegnung mit dem Pharao stellen mochte. Haremhab spielte hin und wieder eine Partie Senet mit Kapitän Nefer-bau-Ptah, aber weil er angesichts der Tatsache, in absehbarer Zeit dem lebenden Gott Amenophis Neb-Maat-Ra zu begegnen, zu nervös war, verlor er die meisten Runden unter freudigem Gelächter des Schiffsführers. Ansonsten verlief die Fahrt so bleiern wie der stellenweise träge in die entgegengesetzte Richtung fließende Strom. Die Reisenden sprachen nicht viel, aber die Besatzung redete unermüdlich. Die Ruderführer waren einfache Leute, die Themen ihrer Gespräche stets vulgär und der Geruch ihrer Körper streng. Nach einer Weile starrten ihre ehemals weißen Schurze vor Dreck und hellbraune Verkrustungen bezeichneten in unregelmäßigen Wellenformen die Grenzen einzelner Schweißränder, die sich mit den Resten der Speisen vermischten, die sie seit Anbeginn der Reise zu sich genommen hatten. Außerdem wischten sie regelmäßig ihre Hände an ihnen ab, was die schleichende Verfärbung stark begünstigte. Die Enge an Bord erlebte Haremhab immer dann als besonders bedrückend, wenn er zwischen den Ruderern sitzen musste, die kurz zuvor von ihren Kollegen abgelöst worden waren und nun die Pause genossen. Ihre schwitzenden Körper strömten viel Wärme und derartige Ausdünstungen aus, dass er oft glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Zudem furzten sie so ungeniert wie seine Ziegen in Hut-nisut. Aber immerhin brachte ihn jede Bewegung ihrer Ruder näher zum König von Ober- und Unterägypten, dem lebenden Gott.

Am 12. Tag ihrer Reise meldete Nefer-bau-Ptah, dass sie sich bereits im Gebiet von Waset befanden und innerhalb der nächsten Stunde im Hafenbecken des Palastes anlegen würden.

Thutmosis blühte sichtlich auf. Beim Anblick einer besonders hohen Bergspitze meinte er:„Hier bin ich geboren“, und deutete mit dem Finger auf den Gipfel,„und hinter diesem Berg werde ich einmal begraben werden.“

Haremhab zog beide Augenbrauen hoch.„Liegt dahinter das...?“

„Ja“, unterbrach ihn Thutmosis schwärmerisch.„Dahinter befindet sich das sechet-aat, das ‚Große Feld ‘, der Friedhof meiner Vorfahren, das geheimnisumgebende Tal der Pharaonen. Hier sind alle Könige meiner Familie beigesetzt, und hier werden auch meine Nachfahren bestattet sein.“ Plötzlich verfiel Thutmosis wieder in seine Traurigkeit, die Haremhab schon während der gesamten Reise voller Sorge beobachtet hatte.

„Darf ich fragen, woran Ihr denkt?“ Haremhab hörte sich die Worte sagen, obwohl er glaubte, die Antwort bereits erahnen zu können.

„Mein Vater wird der nächste sein, der den langen Weg gen Westen antreten wird.“

„Aber das muss noch nicht jetzt sein“, versuchte Haremhab ihn zu trösten. Der Blick auf die kolossale Palastanlage, die nun vor ihnen auftauchte, riss Thutmosis aus seiner Mattigkeit. Seine Augen begannen zu glänzen und fiebriges Heimweh erwachte plötzlich in ihm.

Als sie das Hafenbecken des Palastes erreichten, erschienen Leute, die beim Befestigen des Bootes halfen. Im Hintergrund standen Männer, die das ankommende Schiff und dessen Besatzung aufmerksam beäugten. Ihre leuchtenden Schurze reflektierten das Licht der Sonne. Es waren die Wachen des Palastes. Die Passagiere verließen das Schiff, froh, endlich wieder dauerhaft festen Boden unter den Füßen zu spüren. Haremhab war erschlagen von der gigantischen Größe der Palaststadt. Alle Mauern erstrahlten weiß und allein die Ansicht von außen war das Beeindruckendste, was er jemals gesehen hatte. Dieses also war der würdige Wohnsitz des Königs von Ober- und Unterägypten, des Gebieters des Landes am Nil.

Die Diener nahmen die Gepäckstücke auf und folgten ihren Herren schwer beladen in den Palast.

*

Amenophis erwachte am Morgen der Abreise erst sehr spät. Er trat in die Große Halle und fand Kija alleine vor.

„Wo ist Thutmosis?“, wollte er wissen.

„Er ist mit Haremhab und Djedi zur Residenz nach Waset aufgebrochen “, antwortete sie ruhig.

Eine Mischung aus Zorn und Unsicherheit huschte über Amenophis ’ Gesicht.„Thutmosis hat mit keinem Wort erwähnt, dass er zu Vater reisen will“, sagte er schneidend. Dann verringerte Amenophis mit schnellen Schritten die Distanz zwischen Kija und sich, bis er ganz nah vor ihr stand. Mit beiden Händen packte er unsanft ihren Nacken.

„Du hattest Kenntnis von seinen Plänen! Thutmosis besucht unseren sterbenden Vater, und lässt mich hier zurück wie ein lästiges Insekt. Aber ER IST AUCH MEIN VATER, auch wenn ich nur der Zweitgeborene bin!“ Mit einer heftigen Bewegung ließ er von Kija ab, rannte durch die Halle und stürmte in seinen Trakt des Hauses. An der Tür seines Kammerherrn hielt er inne und trat ein.

„Tutu“, flüsterte Amenophis,„ich erwarte Dich in meinen Gemächern. Sofort! Sorge dafür, dass wir ungestört sind.“

Tutu war Ausländer und stammte aus Retjenu, er war ein fleißiger und loyaler Mann und einer der wenigen, die es geschafft hatten, das vollständige Vertrauen des launischen Prinzen zu erlangen.

Nach kurzer Zeit klopfte es an Amenophis ’ Tür.„Ja!“, blaffte Amenophis. Vorsichtig trat Tutu ein.„Setz dich!“, befahl Amenophis.„Es gibt Wichtiges zu besprechen. Ich muss auf deine bewährte Treue und Verschwiegenheit zurückgreifen.“

*

Die Wachen geleiteten Prinz Thutmosis, den Oberarzt Djedi und Haremhab durch die von großen Papyrusbündelsäulen umgebenen Hallen des Palastes, bis sie vor dem Audienzsaal zu stehen kamen. Thutmosis trat alleine ein. Die Fußböden und Wände waren mit herrlichen Landschaften und lebensecht wirkenden Tieren bemalt. Hier und da flogen Enten aus einer Marschlandschaft auf und in allen Winkeln des Raumes war die außergewöhnliche Aura des Mannes zu spüren, der von hier aus das mächtige Ägypten regierte.

Im Audienzsaal saß die Königin allein neben einem leeren Thron. Ihr war die Ankunft ihres ältesten Sohnes bereits durch Thutmosis ’ Herold gemeldet worden.

„Mein Sohn“, begrüßte ihn Königin Teje erleichtert und stand auf, um ihn zu umarmen.„Gut, dass du kommst, um deinem Vater beizustehen. Aber sag, wo ist dein Bruder Amenophis?“

Verlegen sah sich Thutmosis im Audienzsaal um.

„Wir hatten...“, er zögerte,„Differenzen.“ Noch bevor seine Mutter weitere Fragen stellen konnte, deren ehrliche Beantwortung Thutmosis unangenehm geworden wäre, wechselte er das Thema.

„Ich habe Djedi, den Oberarzt und Priester der Sachmet aus Men-nefer, in meinem Gefolge. Ich möchte, dass Vater sich von ihm untersuchen lässt.“

„Ich habe von seinen Fähigkeiten gehört“, sagte Teje.„Sein Ruf, sogar Operationen am Gehirn lebender Menschen vornehmen zu können und so selbst todbringende Krankheiten zu heilen, ist ihm bis nach Waset vorausgeeilt. Wo ist er? Ich wünsche, dass er mir vorgestellt wird.“

„Er wartet vor dem Audienzsaal.“

Teje klatschte in die Hände, worauf sich die Tür auftat.

„Lasse den Oberarzt Djedi eintreten!“

Nach einem langen Gespräch verließ die Königin gemeinsam mit ihrem Sohn und dem Arzt das Thronzimmer, um sie in den Garten zu führen, wo Amenophis Neb-Maat-Ra derzeit weilte. Vor dem Saal stolperte sie fast über Haremhab, der sich, als die Türen geöffnet wurden, augenblicklich zu Boden geworfen hatte.„Wer ist denn das?“, erkundigte sich Teje überrascht.

„Das ist mein Leibwächter Haremhab. Der König erlaubte seine Ausbildung im kap.“

Teje gestattete ihm, aufzustehen und sie in den Garten zu begleiten.

Die Königin strahlte eine Strenge aus, die keinen Widerspruch duldete, aber gleichzeitig hatte diese Frau etwas sehr Weiches und Gütiges. Sie führte sie persönlich durch die Säle an den hinteren privaten Gemächern vorbei, in den ausgedehnten Palastgarten. Hier waren alle Pflanzen Ägyptens vertreten und alle Farben, die es im Land zu sehen gab. Sykomoren, Palmen und Lotusblumen gruppierten sich um einen Teich, der die Gartenlandschaft dominierte. Aus dem Teich wuchsen Papyruspflanzen und Seerosen. Haremhabs Handflächen waren schweißnass, denn er fühlte die unmittelbare Gegenwart einer lebendigen Gottheit. Und plötzlich sah er im Schatten einer kleinen Gruppe Dattelpalmen die königliche Laube, die sich zum See hin öffnete.

Sie näherten sich dem König von hinten. Unauffällige Bedienstete zu beiden Seiten des Pavillons hoben und senkten in langsamen und gleichmäßigen Bewegungen große Fächer aus Straußenfedern.

„Majestät, ich melde die Große Königliche Gemahlin Teje und Euren ältesten Königssohn, den Horus im Nest, den Hohepriester des Ptah im Tempel von Men-nefer und Vorsteher der Truppen, Thutmosis, mit zwei Begleitern“, kündigte seine Wache ihm an.

Auf eine Handbewegung des Königs hin hielten die Fächerträger in ihrer Arbeit inne.

Der König von Ober- und Unterägypten stand auf und trat aus dem Schatten des Pavillons. Sein unbedeckter Schädel war kahlrasiert, auf seinen Schultern ruhte ein breiter, kostbarer Halskragen und sein Körper war in das allerfeinste und luftigste Leinen gehüllt, das Haremhab jemals gesehen hatte. Goldene Armbänder schmückten seine Handgelenke und kunstvoll gefertigte Sandalen umgaben seine Füße. Haremhabs Mund war ausgetrocknet, als er sich im gleichen Moment wie Djedi zu Boden warf.

„Er ist schrecklich dünn geworden“, hörte er Thutmosis erschüttert seiner Mutter zuraunen, die stumm nickte, sich jedoch in majestätisch aufrechter Haltung ihre Sorge nicht anmerken ließ.

„Sei gegrüßt, ehrwürdiger Neb-Maat-Ra, den es mir vergönnt ist, meinen Vater zu nennen“, rief Thutmosis aus, ging zu ihm und umarmte ihn.

Der Pharao war so schwach, dass er kaum das Gleichgewicht halten konnte, als sein kräftiger Sohn die Arme um ihn legte.

„Mein Sohn“, antwortete der König mit schwacher Stimme,„es tut gut, dich zu sehen!“

Die Umarmung machte den Anschein, als halte Thutmosis seinen Vater fest, damit dieser nicht zu Boden stürzte.

Haremhab war dem Regenten nun so nahe, dass er die Rührung in den Augen des Herrschers hätte sehen können – wenn er den Mut gehabt hätte, aufzublicken.

„Es tut so gut“, wiederholte Amenophis. Eine Zeitlang standen Vater und Sohn reglos da und hielten einander fest. Schließlich löste sich Thutmosis sanft von ihm und sprach:

„Wir haben in Men-nefer Kenntnis von deiner Krankheit erhalten und ich habe den besten Arzt der Stadt in meinem Gefolge. Seine Name ist Djedi.“

„Erhebe dich, Djedi“, Amenophis ’ Stimme war heiser.

Der Arzt stand auf und hielt den Blick gesenkt.

„Wer ist der andere Mann in deiner Begleitung?“

„Das ist mein Leibwächter, Haremhab.“

„Erhebe auch du dich, Haremhab.“

Der Angesprochene hatte keine Kraft zu schlucken, er hatte keine Kraft zu denken, geschweige denn, zu sprechen. Der mächtigste Mann Ägyptens kannte nun seinen Namen.

*

Tutu verließ die Gemächer des Prinzen Amenophis erst nach einer geraumen Zeit. Das Gespräch war sehr ernst gewesen und Tutu hatte keine guten Gefühle bei den Ideen und Plänen, die sich im Herzen des Prinzen befanden. Er hoffte inständig, bis zur Rückkehr von Thutmosis würde noch viel Zeit vergehen.

Amenophis hatte sich auf sein Bett gelegt. Seine Beine schmerzten und er fühlte sich müde. Er war sich Tutus Erschütterung über sein Vorhaben bewusst, aber der Prinz war sich dennoch sicher, dass der Kammerherr wie immer zu ihm halten würde.

In der Einsamkeit gab er sich seinen düsteren Gedanken hin. Thutmosis, der von seinem Vater so geliebte und bevorzugte Sohn, war auf dem Weg zu ihrem sterbenden Vater und hatte ihn nicht einmal über sein Vorhaben unterrichtet. Am liebsten wäre der Prinz sofort hinterhergereist, aber eine solch lange Fahrt war beschwerlich für ihn. Der Schiffsführer erwartete Anweisungen und spontane, klare Entscheidungen, die Amenophis nicht ohne Weiteres in der Lage war zu treffen. Solange Kija ihn nicht begleiten und sich um alles Wesentliche kümmern würde, war er dazu verdammt, in Men-nefer auszuharren und die Botschaften abzuwarten, die aus Waset eintreffen würden. Amenophis befürchtete, dass der König bald sterben würde, und nun versagte ihm sein älterer Bruder, über den schon immer die Liebe und die Aufmerksamkeit ihres Vater verschwenderisch wie Wasser beim Waschen gegossen worden war, während er, Prinz Amenophis, sich mit Tropfen zufrieden geben musste, die an Thutmosis abperlten, auch noch die letzte Gelegenheit, einmal im Leben anerkennende Worte aus dem Mund des Vaters zu hören, den er, Amenophis, trotz allem so sehr liebte und verehrte.

*

Dem jungen Leibwächter war eine Kammer ganz in der Nähe der Unterkünfte des Kronprinzen zugewiesen worden. Dorthin hatte ihn Thutmosis bis zur Zeit des Abendmahls, zu welchem er das Privileg hatte, eingeladen zu sein, entlassen.

Haremhab ließ sich auf sein Lager sinken und schloss die Augen. Er konnte kaum begreifen, dass er soeben dem lebenden Gott, dem Herrscher der Beiden Länder, vorgestellt worden war und nun Gast in dessen Palast war. Über diesen Gedanken fiel er erschöpft von der langen Fahrt und den Aufregungen des Tages in einen unruhigen Schlaf.

Währenddessen hatte sich auch der König in die Dunkelheit seines Schlafgemachs zurückgezogen. Er lag ausgestreckt und erschöpft auf seinem Bett, als es an der Tür klopfte. Die Wache meldete seinen Sohn Thutmosis in Begleitung des Arztes Djedi. Ein Kopfnicken des Pharaos gewährte den beiden Einlass.

„Vater“, begann Thutmosis,„ich halte es für nötig, dass dich der Arzt aus Men-nefer untersucht.“

Wortlos richtete sich Amenophis Neb-Maat-Ra auf. Er saß nun im Schein des einzigen Lichtstrahls, den das kleine Fenster unterhalb der Decke in den Raum warf. Sein Gesicht war faltig und erschöpft und wirkte spröde wie verwelktes Laub.

„Was soll ich tun, Arzt?“, sagte der Herrscher tonlos.

„Es reicht zunächst, Eure Majestät, wenn Ihr mir einmal selbst beschreibt, wie sich Euer Leiden äußert.“

Der König begann zu erklären, dass ihm sein Kiefer ernste Probleme bereite. Das Kauen, Essen, Schlucken und sogar das Sprechen würden ihm schwer fallen. Nach einer geraumen Zeit, in der der Arzt seinem Patienten zugehört und einige Stellen seines Körpers betastet hatte, verabschiedete sich der Arzt und zog sich zurück, um ein Heilmittel zu finden. Thutmosis begleitete ihn hinaus.

„Ist er zu heilen?“, wollte er wissen. Djedi schaute besorgt.„Sicher kann ich ein Mittel zubereiten, das ihm Linderung verschaffen wird, aber ich kenne die Ursache seiner Krankheit nicht, was die Behandlung und somit seine Genesung erschwert.“

„Bedeutet es...?“

„Noch nicht.“ Djedi schüttelte den Kopf.

Kurze Zeit später ließ sich der Arzt mit dem Boot zum Ostufer der Stadt übersetzen, besorgte in den betriebsamen Straßen von Waset alle nötigen frischen Kräuter, Öl, Fett, Honig, Pflanzenfasern und Leinenstoff zum Auspolstern, kehrte zurück in den Palast und begann, ein Mittel herzustellen.

Als es Abend geworden war, trat Djedi mit Thutmosis erneut ins Schlafgemach des Königs. Er erklärte seine Diagnose:

„Einer mit vielen Wunden an beiden Seiten des Kiefers, die tief sind und die Zahnräume befallen haben. Rohes Fleisch ist allerorts zu erkennen, neser -Erreger haben sich darin gebildet und die rit- Flüssigkeit wird in großen Mengen abgesondert. Eine Krankheit, die ich behandeln werde.“

Nun bestrich er den Mundinnenraum mit einer Mischung aus Öl und Honig und polsterte die Wunden mit Leinenbällchen aus.

„Dies wird Eure Schmerzen lindern, Majestät.“

Djedi wiederholte die Prozedur täglich und bereits nach wenigen Tagen hatte sich der Zustand des Königs deutlich verbessert. Doch während der Herrscher seine Kräfte von Tag zu Tag mehr zurückerlangte, schien Djedi trotz des augenscheinlichen Erfolges seiner Behandlung immer besorgter zu werden.

Eines Tages sprach Haremhab Djedi auf sein Befinden an. Er sorgte sich um den alten Mann, der ihm vor vielen Jahren seine große Wunde am Brustkorb behandelt hatte. Jedes Mal, wenn er die feine Narbe sah, wurde er an Djedis Ärztekunst erinnert.

„Djedi, ich kann nicht verstehen, dass Euch die zunehmende Genesung des Königs nicht in Jubel verfallen lässt. Erfreut Euch Euer Erfolg denn gar nicht?“

Djedis Augen bedachten den Fragenden mit einem traurigen Blick.

„Junger Freund“, begann er müde,„wenn es doch nur eine Genesung wäre! Ich kann nur seine Fassade wiederherstellen und ich weiß nicht, wie lange. Den Grund seiner Erkrankung vermag ich nicht zu deuten. Ich habe die Bibliotheken des Tempels des Amun konsultiert, ich habe meine eigenen Aufzeichnungen befragt, doch ich fand nichts, was mit der Krankheit des Königs zu vergleichen wäre. Es kann kein Heilmittel gefunden werden, weil seine Krankheit noch nicht bekannt ist.“

„Aber es geht ihm doch besser...“

„Ja, denn die Mittel, die ich ihm gebe, sind Mittel zur Stärkung. Sie verbessern seinen körperlichen Zustand, bekämpfen aber nicht die Ursache der Krankheit, verstehst du?“ Haremhab nickte unsicher.

„Aus irgendeinem Grund will die Göttin Sachmet ihre Krankheitsdämonen einfach nicht aus dem Palast zurückrufen... Ich werde Seiner Majestät vorschlagen, eine weitere Statue für Sachmet zu errichten“, fuhr Djedi fort.

„Hat er nicht bereits eine errichtet?“, wollte Haremhab wissen.

„Ich weiß es nicht“, sagte Djedi.„Thutmosis sagte mir, er habe bereits vor vielen Wochen eine Expedition zu den Steinbrüchen bei den ersten Stromschnellen südlich von Abu geschickt, um schwarzen Granit zu besorgen. Vielleicht ist er für eine oder mehrere Statuen bestimmt.“

Djedi zog sich in seine Kammer zurück und schloss die Tür sorgfältig zu. Auf seinem niedrigen Tisch stand ein kleiner Holzschrein, dem er sich nun ehrfürchtig näherte. Er kniete nieder und entzündete ein Räuchergefäß. Behutsam ließ er einige Tropfen Weihrauch in die Flamme gleiten. Schnell füllte sich der Raum mit wohlriechenden Duftschwaden. Schwer lagen sie im Zimmer und selbst der starke einzelne Lichtstrahl, der durch ein Fenster in der Decke in den Raum fiel, konnte sie nicht zerteilen.„Heil dir, Sachmet“, sprach er, als er den Schrein öffnete. Langsam offenbarten die Türen, was im Innern des Schreins verborgen war. Ehrfurcht gebietend richtete die Statuette einer Löwin mit dem Körper einer stehenden Frau ihren Blick auf den Arzt, der sich sogleich vor ihr auf den Bauch legte.

„Heil dir Sachmet“, wiederholte der Arzt.„Ohne deine Hilfe ist das Leben des Königs verloren. Ich flehe dich an, Herrin, rufe deine Dämonen zurück, ich kann sie nicht bekämpfen.“

Djedi wusste nicht, wie lange er auf dem Boden gelegen und flehende Gebete zu Sachmet gesprochen hatte, er wusste nicht, ob sie seine Worte erhört hatte. Er erinnerte sich nur, dass er sich irgendwann mühsam erhoben hatte, um den Schrein zu schließen, und während sich die Türen vor dem Antlitz der Göttin schlossen, sah er ihre Augen voll unversöhnlichem Zorn aufblitzen und er erschauderte. Voller Kummer und ohne Hoffnung schloss er den Schrein.

*

Das Knurren, Fauchen und Brüllen des hungrigen Löwen betäubte die Ohren der Männer und Frauen, die der Fütterung in sicherem Abstand beiwohnten. Das Tier zerrte unruhig und wild an dem starken Tau, mit dem es an einen Mast gebunden war. Die große Raubkatze befand sich inmitten des Tierparks des Palastes, in dem der Pharao Vögel und Pflanzen aus fremden Ländern hielt. Als Sinnbild der königlichen Kraft wohnte hier auch das Lieblingstier des Herrschers: Maj, der Löwe. Seitdem die Raubkatze das blutige Stück Fleisch in der Hand des Königs entdeckt hatte, waren die exotischen Vögel in ihren Volieren verstummt. Es war das erste Mal seit Monaten, dass der Pharao den Löwen wieder persönlich fütterte und viele am Hofe wollten sich dieses Schauspiel nicht entgehen lassen, denn lange hatte sich der dritte Amenophis zu schwach für diese Aufgabe gefühlt. Nun freuten sich die Menschen des Hofstaates über die offensichtliche Genesung ihres Königs. Alle sahen in dieser Fütterung nicht nur das Sättigen eines Tieres, sondern ein Zeichen der Hoffnung und jeder wollte daran Teil haben.

Auch Haremhab durfte anwesend sein. Er stand neben Thutmosis und dem engsten Vertrauten und Namensvetter des Königs, Amenophis, Sohn des Hapu.

Die Luft war erfüllt vom blutigen Geruch des Fleisches, der die Fliegen in Scharen anzog. Das mächtige Tier konnte den Augenblick nicht erwarten, in dem es seine Zähne in die schwere Beute schlagen konnte.

„Zieht nicht seinen Zorn auf Euch, Majestät“, riet Amenophis.„Werft es ihm schnell hin. Die Gärtner sagten mir, er habe seit Tagen nichts zu fressen bekommen. Ich fürchte, dass er sich losreißt.“

„Du hast Recht“, stimmte der König zu.„Erlösen wir ihn von seiner unbefriedigten Gier!“

Endlich war der König Maj so nahe, dass ihm der Löwe das Fleisch aus der Hand reißen konnte, welches er sofort gierig verschlang. Ein Raunen wogte durch die Menge der Anwesenden, gefolgt von begeistertem Beifall für den Mut des Königs.

*

Im Haus des Kronprinzen in Men-nefer war der zweitälteste Königssohn, Amenophis, außer sich vor Sorge und Wut. Seit Wochen war sein Bruder in Waset und hatte ihm seitdem keine Botschaft übermittelt. Er wusste weder, wie es seinem Vater erging, noch ob dieser überhaupt noch am Leben war. Erfüllt von unbändiger Wut stand er im Empfangssaal des Hauses und hielt einen Krug Wein in der Hand.

„Geliebte Schwägerin“, setzte er mit künstlicher Freundlichkeit an.„Es übersteigt schon den Begriff Unverschämtheit, was sich dein Gemahl mir gegenüber herausnimmt. Wie einen Dienstboten lässt er mich hier unwissend zurück.“ Ihre Reaktion abwartend, nahm er langsam einen Schluck Wein.

„Auch ich bin in Sorge, Amenophis“, versuchte Kija den Zornigen zu beruhigen.

„Es ist aber nicht dein Vater!“ Mit diesen Worten schleuderte Amenophis seinen Weinkrug durch den Raum, der an der gegenüberliegenden Wand zerschmetterte und dessen Inhalt wie Blut an ihr herabrann. Kija empfand plötzlich Angst vor Amenophis. Dieser stürzte auf sie zu, hielt ihre Handgelenke fest und öffnete seinen Mund, als wolle er sie anschreien. Doch er hielt inne, sah Kija nur an und flüsterte mit tränennassen Augen„Sag mir Kija, warum hat er das getan?“ Kijas Angst wich dem Gefühl des Mitleids, aber dennoch wollte sie ihren Schwager nicht anlügen.

„Nach deinen Worten, die du am Abend vor Thutmosis ’ Abreise an deinen Bruder gerichtet hast, ist seine Entscheidung wohl durchaus nachvollziehbar.“ Mit einer verächtlichen Geste ließ Amenophis Kijas Handgelenke los.

„Du verstehst nichts“, zischte er bitter.„Du verstehst gar nichts.“

Wortlos durchquerte Amenophis den Raum. Wie ein oberägyptischer Panther schlich er ruhelos von einer Ecke zur anderen. Er dachte nach.

„Gib Thutmosis noch Zeit“, sagte Kija versöhnlich,„ich bin sicher, er wird uns eine Nachricht senden, denn bedenke, Amenophis, er ist dein Bruder.“ Schweigend nickte er.

Die Toten kehren wieder mit dem Wind

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