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JENSEITS DER »WANDERHURE«
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»Gatten, die sich beim Akt ergötzen,
verkehren die richtige Ordnung.«
GREGOR I., PAPST (590–604) UND HEILIGER
Die spezielle Stadtführung zum Internationalen Hurentag (»Sex Workers’ Day«, alljährlich am 2. Juni) beginnt beim Stephansdom. Ausgerechnet, wundern sich manche Teilnehmer. Was soll die traditionell körperfeindliche katholische Kirche schon mit Sex in der Stadt am Hut haben? Doch kurz nach den ersten Worten der Stadthistorikerin Petra Unger schallen schon »Ahs« und »Ohs« durch die kleine Gruppe. Die meisten Zuhörer sind Wiener oder leben bereits lange in Wien. Trotzdem ist vielen bisher ein Detail an der Westfassade des Stephansdoms nicht aufgefallen, und nun werden sie gezielt darauf hingewiesen. Es geht um das Riesentor und die beiden Heidentürme. Diese spätromanischen Gebäudeteile entstanden in den Jahren um 1240. Vielleicht bezieht sich der Ausdruck »Heidentürme« auf die altrömischen Steine, die im Dom verbaut worden sind. Es kann aber auch sein, dass sie ein Hinweis auf jene vorchristlichen Fruchtbarkeitssymbole sind, die als Abschlüsse der beiden Blendsäulen unterhalb der Türme eingesetzt wurden. Links erkennt man einen Phallus und rechts eine Vulva.
Blendsäulen-Abschluss am Stephansdom: Penis [1]
Blendsäulen-Abschluss am Stephansdom: Vulva [2]
Wollten die christlichen Bauherren der Kirche die alten heidnischen Götter in Stein bannen und sie so ihrer Macht berauben? Oder waren die Darstellungen als apotropäische Symbole gedacht, die Unheil und Gefahr vom Bauwerk und seinen Insassen fernhalten sollten?
Beides zugleich ist ebenso möglich. Das Christentum des Mittelalters kann nicht mit den katholischen Glaubensgrundsätzen des 21. Jahrhunderts gleichgesetzt werden. Im 13. Jahrhundert war der Dom für die Wiener Bevölkerung viel mehr als nur ein Raum zur Gottesverehrung. Die große Kirche war der zentrale Versammlungsort der Stadt, nicht zuletzt auch der wichtigste Zufluchtsort in Zeiten von Krieg, Seuchengefahr oder Belagerung. Fruchtbarkeit garantierte das Überleben der Menschen, und Gottheiten der Fruchtbarkeit waren es, denen stets die größte Ehrerbietung entgegengebracht wurde. Dies galt seit den Tagen der Venus von Willendorf – also ein wenig länger als die manchen Zeitgenossen wenig glaubwürdig erscheinenden Lehren von Jesus Christus aus den Evangelien.