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ОглавлениеDER SÄUREMÖRDER
Der Profiler
Jonas Altmann stand linkisch hinter dem Laptop, als ob er sich in seiner Haut nicht mehr wohlfühlte.
»Er, also ich, ich bin einer, der dir die Haare vom Kopf quatschen kann. Ein Vollschnacker. Ich wirke dabei sehr glaubhaft, also sehe ich eher aus wie ein gebildeter Mensch. Aber trotzdem gut.«
Altmann strich sich mit der Rechten über seine kurzen blonden Haare, geschmeichelt von der eigenen Vorstellung.
»Wenn ich nicht attraktiv wirken würde, hätte ich kaum Chancen, dass die Frauen mir folgen. Ich sehe also gut, aber nicht zu gut aus. Wie ein gepflegter, gescheiter Psychologe, sage ich mal.«
Er sah sie unsicher an.
»Befriedigt mich das, was ich vor mir sehe? Dass die Frau sich auszieht, dass sie mir folgt, dass sie sich Säure über ihren Trigger gießt, in einer starken Konzentration, nachdem sie schwächere vorher am Mund und den Brustwarzen ausprobiert hat?«
Ilka sah, dass seine Rede bei ihm nicht ohne Folgen blieb. Sie sah ihm wieder ins Gesicht.
»Ich denke, ich finde das toll. Vermutlich gehen mir dabei reihenweise welche ab, ob ich Hand an mich lege oder nicht. Aber es geht ja noch weiter.«
Altmann zog sich einen Stuhl herüber und setzte sich. Die Show und seine eigene Reaktion waren ihm peinlich.
»Ich will mehr, viel mehr. Sie soll nicht nur einen leichten Kitzel empfinden, sie soll sich selbst verletzen. Sie soll hilflos werden, je stärker die Säure wird, sie soll in Schockstarre verfallen, damit sie den Säurefluss nicht wieder runterdrehen kann. Sie soll zucken und schreien, die Beine zusammenklemmen, damit der Schlauch und die Kanüle nicht aus der Vagina rutscht, sie soll total ausgeliefert und wehrlos sein, leiden und vielleicht sogar dabei sterben.«
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Das macht mir keinen Spaß, Ilka. Das ist doch widerlich.«
»War das jetzt als Profiler oder als Mann? Mach bitte weiter, Jonas. Wer bist du?«
Altmann schnaubte.
»Jetzt atme ich heftig und treibe sie weiter, obwohl sie mich kaum noch hören kann. Ich gebe es ihr. Bis sie nicht mehr als Mensch reagiert, sondern nur noch als Stück Fleisch. Da ekelt es mich an. Ich selbst ekele mich an. Gut angefühlt hat es sich trotzdem, und mir ist mächtig einer abgegangen. Bildlich gesprochen, oder auch physisch. Vermutlich beides.«
Altmann stand auf, trat ans Fenster und sah hinaus.
»Der Typ hasst Frauen. Er will sich an ihnen rächen. Er ist in seinen Beziehungen immer wieder gescheitert, im Bett hat es nie richtig geklappt. Er ist sauer, ach was, verbittert, erbost, dass Frauen im Bett nicht so reagieren, wie er es gerne hätte. Wie er es im Film sieht.«
Er drehte sich um und lehnte sich mit dem Hintern an den Fenstersims.
»Ich vermute, einige Frauen haben ihm dann gesagt, dass das doch alles nicht so schlimm wäre. Schon in Ordnung und so. Und das hat er auch wieder missverstanden. Dass sie ihn beschwichtigen und damit belügen und betrügen wollten. Dass es mit anderen Männern vielleicht wie im Film ist, nur mit ihm nicht. Dass sie hinter seinem Rücken über ihn lachen. Dafür will er sie bestrafen. Er fühlt sich minderwertig.«
Er sah seine Chefin mit einem wilden Blick an.
»Erste Arbeitshypothese. Kann aber auch ganz anders gewesen sein. Vielleicht geht er auch in den Puff und hasst sich dafür. Vielleicht ist es einfach nur das Gefühl von Macht. Aber dagegen spricht die Ausführung hier. Es ging ihm eindeutig um sexuelle Bestrafung, denke ich.«
Ilka konnte es nicht lassen, ihn zu reizen. »Und? Ist das bei Männern immer so? Geht dir das auch oft so, Jonas?«
»Blöde Kuh«, sagte er. »Ich könnte dir Dankschreiben zeigen, da träumst du nur von.«
»Das hätte der Typ vielleicht auch so gesagt. Weiter, Jonas. Was ist er von Beruf? Wie alt ist er? Wo ist er unterwegs?«
Altmann setzte sich zurück auf den Stuhl und sah zu der Toten hinüber.
»Der ist um die dreißig. Irgendwas zwischen achtundzwanzig, jünger wäre unglaubwürdig als der Quizmaster, als der er sich ausgibt, und maximal vierzig, sonst wäre er als attraktiver Mann zu alt. Er kennt sich mit dem Internet aus, aber das gilt ja für fast jedermann. Er hat Ahnung von Chemie, ich denke, er ist vielleicht Apotheker oder Chemiker. Er kommt rum, lernt Leute kennen, kann reden. Er ist nicht verheiratet, hat keine feste Freundin. Er geht in Bars und lernt dort Frauen kennen. Er ist auf Dating-Portalen unterwegs. Er hat Profile, wo er als Wissenschaftler auftritt, als Psychologe, vielleicht auf Xing oder LinkedIn. Er hat Accounts auf den anderen sozialen Portalen. Er hat seine eigenen Youtube-Kanäle, mit Fangruppen. Wilde Vermutung: Er ist kommt aus der Quizbranche, mit ein, zwei Spezialgebieten, eines davon Chemie. Er hat zwei Leben. Vielleicht sucht er sich im Berufsleben seine Opfer aus und sucht dann im Internet nach ihnen und bequatscht sie.«
»Bisher haben wir erst ein Opfer, Jonas«, warf Ilka ein.
»Richtig. Da werden weitere folgen, denke ich. Der braucht ein paar Tage, denke ich, um von seiner Mischung aus Hochgefühl und Selbstekel runterzukommen, dann versucht er es wieder, wenn du mich fragst. Der braucht den Kick, das Hochgefühl, es einer gezeigt zu haben. Er ist dabei ja schließlich auch gekommen wie Sau.«
»Du machst das ganz gut«, lobte Ilka ihren Profiler. Sie hatte noch eine Frage an ihn.
»Eins gefällt mir aber noch nicht. Anfangs mag das ja ein bisschen prickeln, mit ganz schwacher Säure. Irgendwann wird das unangenehm, dann tut es richtig weh, und später ist es so stark, dass du nichts mehr dagegen tun kannst und ohnmächtig wirst. Wie bekommst du die Frauen über diese Schwelle? Das will doch keine.«
Altmann nahm seinen Kopf in seine gespreizte Hand und schloss die Augen. Dann sah er Ilka in die Augen.
»Hör mal, Ilka, wir sollten das nicht zu weit treiben«, fand er. »Wir entfernen uns immer weiter von den Fakten, wenn wir uns hier was ausdenken. Wir sollten abwarten, was die Rechtsmedizin sagt. Und was der Laptop und die Brille hergeben. Wenn wir das geknackt haben, sehen wir genau, was der Typ von der Frau wollte.«
Ilka hob das Kinn, während sie sprach.
»Wir haben den Rechner aber noch nicht geknackt, das kann dauern. Und VR-Gespräche werden nicht aufgezeichnet, das werden wir nicht sehen. Mir geht es um etwas anderes. Ich will verstehen, wie so jemand tickt. Ich will ihn eingrenzen und kennenlernen. Also nicht kennenlernen, das bestimmt nicht, sondern exakt wissen, was ihn antreibt. Ihn kennen und berechnen können.«
Sie stand auf und ging um die tote Frau herum ans Fenster und warf einen flüchtigen Blick nach draußen. Dort hatten sich einige Reporter versammelt, die zum Fenster hochsahen und etwas riefen. Sie zog die Gardine zu, ließ das Fenster aber wegen des Gestanks offen.
»Zeig mir das mal, Jonas. Wie kriegst du die Frau über die Schwelle des Schmerzes?«
Altmann sah unwillig zur Seite. Ihm gefiel das nicht mehr. Dann stand er doch auf und ging im Zimmer hin und her, während er sprach, mit einer höheren Stimme, wie eine Frau.
»Neugier«, sagte er. »Kann ich noch ein bisschen mehr aushalten, wie fühlt sich das an? Schaffe ich mehr als andere, kann ich stolz auf mich sein, weil ich taffer bin als andere? Kriege ich Geld für eine Stufe zwei? Was macht das mit mir, dieser zunehmende Schmerz?«
Er bleib stehen und sah zu der Frau, ohne sie wahrzunehmen.
»Frauen halten mehr Schmerz aus als Männer, schon wegen der Geburten, die auf sie zukommen könnten. Darauf war sie auch stolz, so viel aushalten zu können.«
Er sah zu Ilka.
»Da ist auch eine Spur Masochismus dabei. Eine Neigung dazu, vielleicht hat die jede in ihrem Keller versteckt. Wie in Shades of Grey.«
Altmann schnaubte verächtlich, sprach aber immer noch als Frau weiter.
»Der Mann da, der weiß Bescheid, er kennt deine Grenzen, er bringt dich hin, wo du noch niemals warst. Wer weiß, was dann kommt. Klar, es tut weh, aber es ist auch aufregend. Wie als Kind, wenn du dir einen losen Zahn selbst rauszieht. Es schmerzt, aber du kannst nicht aufhören, es blutet, der Zahn wackelt, es tut immer mehr weh, aber du ziehst weiter. Es ist geil, irgendwie, das zu schaffen, es hinter sich zu bringen. Und dann der Kick. Der Zahn ist raus, Stolz und Freude erfüllt dich. Du hast zwei Dinge geschafft. Den Zahn rausgezogen und deinen Schmerz überwunden. Klasse.«
Er wechselte zurück zum Fall.
»Was passiert dir jetzt als erwachsener Frau, wenn du dir plötzlich die volle Säuredröhnung gibst? Ist das so, als ob du den Zahn mit einem letzten Ruck rausreißt? Du kannst den Sperrhahn ja notfalls gleich wieder zudrehen, falls es zu sehr weh tut.«
Er schlüpfte wieder in die Rolle des Verführers.
»Du tust das für einen tollen Gewinn. Du bekommst für ein paar Minuten ein nagelneues Auto. Und du lernst, wie du deine Lust steigern kannst, wie du auf Befehl kommen kannst, wie du dich zur rechten Zeit aufbäumst und schreist wie keine andere. Wie du die Beste wirst, Ilka. Wie du durch große Gefahr, großen Schmerz geläutert und erhöhst wirst. Wie du zur Heldin wirst. Im Takt mit deinem Gebieter.«
Ilka musste laut auflachen.
»Ich glaube, du hast zu viel Fifty Shades of Grey gelesen«, lachte sie. »Und warum redest du in deiner Rolle plötzlich mich direkt an, nicht die Frau da? Komm da mal wieder runter von deinem Trip, Jonas. Wir haben einen Fall aufzuklären.«
»Du hast es so gewollt«, brummte er. »Wir beide können das ja mal exakt so nachstellen, dann wissen wir genau Bescheid. Mit den für dich nötigen Sicherheitsvorkehrungen, natürlich.«
Ilka musste schon wieder lachen, hörte aber gleich wieder auf. Der Typ meinte das scheinbar ernst.
Doch dann lachte er auch, und wischte sich ein Tränchen aus dem Auge. »War gut, oder?«
Ilka wurde wieder ernst.
»Na gut. Ich kann mir jetzt eine Vorstellung machen, wie der Typ tickt. Wir haben eine Art Profil, auf was für Leute wir achten müssen. Ist doch schon mal was. Ansonsten hast du recht. Wir müssen auf Ergebnisse warten. Wir fahren zurück und fangen mit der Liste von allen Bekannten von Marietta Wesemann an. Und dann sehen wir uns die Liste ihrer Kontakte und ihre Youtube-Kanäle an. Und welche davon VR-enabled waren.«
Ilka verließ den Raum und warf noch einen Blick durch die ganze Wohnung. Das Bett im Schlafzimmer war ordentlich gemacht, ein paar Wäschestücke lagen in einem geflochtenen Korb mit Deckel, im Schrank war alles säuberlich gestapelt oder aufgehängt.
In der Küche war es ebenfalls sauber und aufgeräumt.
Marietta Wesemann hatte noch ein kleines Arbeitszimmer, in dem der Laptop sonst gestanden hatte, die Tischplatte war an der Stelle ausgebleicht. Auch hier war alles ordentlich. In einem Regal standen unter zwei Reihen mit Büchern einige Ordner. Steuer, Rechnungen, Auto, Arbeit, Sonstiges, Privat.
Ilka nahm sich den letzten Ordner heraus.
Sie fand Fotos aus der Schulzeit, von Familienfeiern, eine Liste mit Geburtstagen und Buchungen für Reisen. Die Frau war bis auf eine Ausnahme allein verreist, Mallorca, Ibiza, Fuerteventura. Immer für zwei Wochen. Übernachtet hatte sie in preiswerten Hotels in Strandnähe.
Einmal war sie mit einer Freundin nach Griechenland geflogen, nach Korfu. Marietta hatte gebucht und alle Daten ihrer Freundin mit angegeben.
Die Freundin war vierzig Jahre alt und lebte ebenfalls in Hannover, in der Nähe des Reviers. Mimi Wolter. Ilka machte ein Foto von der Seite und rief gleich an.
»Wolter?«
»Ilka Eichner, Kriminalpolizei. Frau Wolter, entschuldigen Sie die Störung. Kann ich Sie kurz sprechen?«
»Ich bin gerade von der Arbeit zurück. Geht schon. Worum geht es denn?«, fragte die Frau zurück. Arglos, wie Ilka fand.
»Kennen Sie eine Marietta Wesemann, Frau Wolter?«
»Metta? Klar, wir sind befreundet. Ist was mit ihr?«
»Wann haben Sie denn das letzte Mal etwas von ihr gehört, Frau Wolter? Wissen Sie das noch?«
»Wieso? Ist sie verschwunden, oder hat sie was angestellt?« Sie dachte nach. »Hm. Das ist so knapp drei Wochen her, nee, genau drei Wochen, auch an einem Freitag. Wir waren im Kino, dann beim Italiener was essen und dann noch in einer Bar. So bis halb zwölf. Sie ist dann mit der Straßenbahn nach Haus.«
»Wir befürchten, dass Frau Wesemann Opfer einer Straftat geworden ist, Frau Wolter«, rückte die Hauptkommissarin mit der Sprache heraus.
»Ich bin gerade in ihrer Wohnung. Sie hat hier etwa drei Tage tot gelegen, bis die Nachbarn uns alarmiert haben. Mehr kann ich Ihnen dazu leider nicht sagen. Wir würden gern mehr über Marietta Wesemann wissen, Frau Wolter. Können wir bei Ihnen vorbeikommen?«
Die Frau am anderen Ende der Leitung machte einen Laut, als ob sie sich gerade erschreckt die Hand vor den Mund geschlagen hätte, ein kehliges Einsaugen der Luft.
»Nein! Das ist nicht wahr, oder? Marietta? Tot? Um Gottes willen! Wie ist das denn passiert?«
»Wir ermitteln dazu«, sagte Ilka matt. Sie kannte diese Reaktion gut.
»Wir können uns auch bei uns auf der Wache treffen, wenn Ihnen das lieber ist. Wir rufen Sie an, weil Sie eine der wenigen Bekannten von Frau Wesemann zu sein scheinen, Sie waren mit ihr im Urlaub. Wir müssen mehr über Frau Wesemann wissen, damit wir in dem Fall weiterkommen.«
»Wie ist sie denn gestorben?«, wollte die Freundin wissen.
»Auch das würden wir gern bei einem persönlichen Treffen mit Ihnen besprechen«, antwortete Ilka.
»Na gut. Kommen Sie bei mir vorbei, ich mache einen Kaffee und räume auf. Wenn Sie bei Marietta sind, könnten Sie in einer Viertelstunde hier sein. Haben Sie meine Adresse?«
Ilka bestätigte ihr das, bedankte sich und legte auf.
»Lass uns los, Jonas. Wir fahren zu ihrer Freundin. Vielleicht weiß die etwas über ihre Kontakte.«
Sie sah auf ihre Uhr. »Für heute ist es zu spät, um die Arbeitskollegen zu befragen. Das machen wir Montag früh. Nimm den Laptop mit, wir gehen anschließend damit sofort zur IT-Abteilung.«
Altmann verzog die Miene. Das klang nach Überstunden. Es war Freitagnachmittag, er hatte Pläne für den Abend.
»Na schön«, sagte er. »Aber sobald wir das Ding abgegeben haben, muss ich los. Ich werde auf der Szene Erkundigungen einziehen. Vielleicht stoße ich auf ein paar Spuren. Ich werde im Treibhaus anfangen; vielleicht kannst du ja später dazu stoßen.«