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3. KAPITEL – Junge Witwe mit zwei Kindern
ОглавлениеWas ich ohne Mutti und Tante Lenchen in dieser schrecklichen Zeit gemacht hätte, weiß ich nicht. Ich zog erst einmal für ein paar Wochen mit Ellen in Muttis Haus, denn ich konnte weder die Schwiegereltern noch den Anblick des Lederwarengeschäftes und unserer Wohnungseinrichtung ertragen. Doch ich wollte die Wohnung in der Schönen Aussicht direkt am Mainufer gern behalten, die ich mit so viel Liebe und Richards Geld eingerichtet hatte. Außerdem waren es ja trotz allem noch die Großeltern meiner bald zwei Kinder, die das Haus besaßen und sich hin und wieder auch um Ellen kümmerten. Es beruhigte mich trotz des Kummers, dass mir nun tatsächlich die Lebensversicherung zustand, von der Richard gesprochen hatte. Es sollte eine hohe Summe sein. Richards Mutter war vollkommen zusammengebrochen nach dem Verlust ihres Sohnes. Sie wollte lange Zeit mit niemandem sprechen, auch nicht mit mir, ihrer Schwiegertochter. Bis heute glaube ich, sie gab mir irgendwie die Schuld an dem Unglück, weil ich mit meinen maßlosen Wünschen Richard angestachelt hätte, so oft mit diesem Auto herumzufahren, damit ich renommieren könne!
Unser ohnehin nicht besonders herzliches Verhältnis verschlechterte sich weiter. Richard hatte sich häufig mit seinem Vater wegen mir gestritten, ich sei zu leichtlebig, verschwendungssüchtig und verantwortungslos, würde am Ende noch sein Geschäft und Erbe ruinieren. Das kränkte mich tief, doch wir beide wollten uns von den kleinlichen Krämerseelen, wie wir seine Eltern heimlich bezeichneten, nicht unser Leben bestimmen oder gar verbieten lassen. Hatten wir nicht etwas Fröhlichkeit verdient nach den harten Kriegsjahren? Richard hatte sich viel mehr zu meiner Familie hingezogen gefühlt als zu seiner eigenen. Auch Ellen fühlte sich wohler bei den herzlichen Verwandten auf dem Sachsenhäuser Berg als bei den strengen anderen Großeltern, obwohl die räumlich viel näher waren! Sicherlich hatte ich Richards Mutter auch Unrecht getan, stand sie doch bei den Streitereien oft zwischen ihrem Mann und ihrem Sohn und bemühte sich vergebens, es allen recht zu machen. Sie litt vielleicht viel mehr, als ich mir das damals vorstellen konnte, doch mein eigenes Unglück füllte mich so aus, dass ich keinen Platz für Mitgefühl mehr hatte.
Richards Vater bewahrte einen kühlen Kopf. Er versprach mir, sich für mich um die Formalitäten bei der Versicherung zu kümmern, er könnte so etwas nicht einer schwangeren Witwe zumuten – und überhaupt müsste ein Mann derartige Geschäftsangelegenheiten übernehmen. Einen Mann gab es in meiner engeren Familie nicht mehr, was bei Reinings immer auf Unverständnis gegenüber meiner Mutter gestoßen war.
Mein Schwiegervater betonte oft, dass er nie vor einem Arbeitgeber katzbuckeln würde, lieber zwölf Stunden am Tag für sich selbst und seine Unabhängigkeit arbeiten! Ich fühlte mich zeitweilig von meiner Situation völlig überfordert und ängstigte mich vor einer Frühgeburt. Meine Anspannung wirkte sich offensichtlich auf das Ungeborene aus. Es war viel unruhiger als Ellen, vor deren Geburt meine Welt noch in Ordnung gewesen war und ich die erste Schwangerschaft sehr entspannt als großes Wunder erleben konnte. So war ich dankbar, mich nicht um profane Geldangelegenheiten kümmern zu müssen. Mir tat die Fürsorge meiner Verwandten gut, die mit guten Ratschlägen für meine Ernährung und Gesundheit aufwarteten, Ellen zum Spielen abholten und mir Ruhe und Zeit zum Trauern ließen. Auch meine Mutter Elisabeth war froh, dass Vater Reining sich um die Auszahlung kümmern wollte. Aber wie wurden wir vertrauensseligen Frauen getäuscht! Immer wieder vertröstete er mich, dass es noch organisatorische Probleme mit der Auszahlung gäbe.
Am zweiten Dezember 1928 wurde ich Mutter von Tochter Ricarda. Der fürsorgliche Mann meiner Cousine Helene hatte mir geraten, mit diesem Namen das Andenken an meinen verunglückten Richard aufrecht zu erhalten. Ich versuchte, meiner dreijährigen Tochter genug Liebe, Adventsstimmung und Weihnachtsfreude zu schenken und mich dabei auch intensiv um das neue Schreikind zu kümmern. Hatte Ricarda ein Trauma im Mutterleib erlitten? Sie war wunderschön mit ihren dunklen Augen, doch kaum zu beruhigen. Kein Vergleich gegen die meist fröhliche und ausgeglichene Ellen. Ricardas Taufe wurde in gedrückter Stimmung im kleineren Familienkreis gefeiert.
Leider war meine natürliche Milchquelle viel zu schnell versiegt. Zum Glück gab es auch jetzt Hilfe. Mutti wusste, wie man preisgünstig Ersatzmilch aus Milchpulver zubereiten kann und Ricarda nahm einigermaßen normal zu, war aber viel zierlicher als ihre große Schwester in dem Alter. Ellen beschwerte sich häufig, dass ich dieses „ewig schreiende Bündel, mit dem man nicht mal richtig spielen könnte“, bevorzugen würde. Ich versuchte, auch meiner Großen die notwendigen Streicheleinheiten zu geben. Tagsüber war ich die tapfere, fröhliche Mutter, doch nachts weinte ich oft in die Kissen, bis ich vor Erschöpfung einschlief.
Ausgerechnet 1929 herrschte ein extrem kalter Winter in Deutschland – mit bis zu minus vierundzwanzig Grad Celsius. Im Februar wütete eine Grippewelle in Frankfurt. Etliche der jungen und scheinbar robusten Cousins und Cousinen lagen flach. Ich sorgte mich pausenlos um meine Ellen und die kleine, erst zwei Monate alte und zarte Ricarda! Doch wie durch ein Wunder überstand die ganze Familie den harten Winter und die Grippewelle!
Witwe Lore 1929 mit Mutter Elisabeth, Ellen und Ricarda
Manchmal kam meine Cousine Änne zu Mutter zu Besuch. Ich mochte sie nicht besonders, denn im Gegensatz zu anderen Verwandten konnte sie mit Kindern nichts anfangen und beachtete Ellen gar nicht, wenn die Kleine mit einem Spielzeug angelaufen kam. Auch die erwarteten Entzückensrufe blieben aus, wenn Änne kurz in den Kinderwagen sah, aus dem mein wunderschönes Baby Ricarda mit großen dunklen Kulleraugen heraus schaute, wenn es nicht gerade schrie oder schlief. Allerdings beeindruckte mich Ännes Mut, sich für die damalige Zeit ungewöhnliche Männerdomänen zu erobern. Sie ging mit einem Onkel im Taunus auf die Jagd, was ich ziemlich schrecklich fand. Allein die Vorstellung, ein Tier totzuschießen, schockierte mich zutiefst. Fleisch aß ich zwar gern, aber es sollte appetitlich mit Möhrchen und Kohlräbchen und Kartöffelchen auf dem Teller liegen. Doch mit einem Gewehr zu hantieren, nein so etwas war für mich unvorstellbar.
Aber mich faszinierte, dass Änne mit ihrem eigenen Auto vorgefahren kam. Die Nachbarn drückten sich die Nasen an den Fensterscheiben platt, denn sie fuhr den Wagen selbst. Ich bewunderte meine selbstbewusste Cousine dafür, dass sie eine der nur sechs Frauen in Frankfurt war, die es zu dieser Zeit gewagt hatten, die Fahrschule zu besuchen. Bei der Fahrprüfung fuhr sicherheitshalber die Polizei vorneweg, um notfalls den Zusammenstoß einer Frau am Steuer mit normalen Autofahrern zu verhindern. Änne lud mich zu einer Ausfahrt ein. Die Vorstellung, dass wir zwei Frauen ganz ohne Mann herumfahren würden, reizte und ängstigte mich gleichermaßen. Noch vor kurzem hatte ich stolz mit meinem neuesten Hut im Auto von Richard gesessen, da wäre ich bedenkenlos auch bei Änne eingestiegen. Doch zu tief saß in mir noch der Schock über das schreckliche Autounglück. Es war schlimm genug, dass meine Mädchen so früh ihren Vater verloren hatten und meine kleine Ricarda ihn nie kennenlernen konnte. Sie durften keinesfalls auch noch ihre Mutter einbüßen – ich musste auf mich aufpassen. Das wurde mir in dem Moment schmerzlich bewusst, als ich Ännes Angebot schweren Herzens ablehnte. Als ihr Auto startete, gehörte ich zu den Leuten im Zwerchweg, die bewundernd, schockiert und etwas neidisch der flotten Chauffeurin hinterher schauten.
Einen Mann und Kinder hatte Änne nie. Ich glaube, sie war einfach zu dominant. Ich dachte damals nicht darüber nach, ob sie vielleicht in Wirklichkeit unglücklich war, weil sie keinen Partner fand und Familienfreude entbehren musste. So wollte ich nie sein, denn ich war mit ganzem Herzen Mutter. Aber Änne war es, die für lange Zeit die Existenz des Baugeschäfts und damit etlicher Familienmitglieder sicherte. Ihr Vater, der schon erwähnte Onkel Schorsch, den wir als Kinder gern im Baugeschäft am Südbahnhof besucht hatten, war 1927 gestorben. Zwischen den Söhnen der Geschwister von Onkel Schorsch entbrannte ein heftiger Streit um die Nachfolge. Doch als Siegerin ging seine energische und alleinstehende Tochter hervor. Meine Cousine Änne gab ihre feste Stelle als Prokuristin auf und führte das Bauunternehmen weiter, noch viele Jahre sehr erfolgreich. Die Angestellten zollten ihr ebenso viel Respekt wie vorher ihrem Vater. Tante Lenchen, die gute Seele in unserem Haus, arbeitete weiterhin im Baugeschäft und unterstützte meine Mutter und mich mit den Kindern. Doch manchmal stöhnte sie, wenn sie mit ihrer neuen Chefin im Geschäft Meinungsverschiedenheiten gehabt hatte und sich unterordnen musste. Mit Ännes Vater war Lenchen besser ausgekommen, doch danach wurde sie nicht gefragt. Man wurde überhaupt nicht gefragt, ob man zufrieden mit seinem Platz im Leben war – jeder hatte einfach seine Pflicht zu erfüllen. Ob das Spaß machte, spielte keine Rolle.
Von dem Börsencrash in Amerika Ende Oktober 1929 hörten wir, maßen dem aber für uns keine besondere Bedeutung bei. Doch daraus entstand die Weltwirtschaftskrise, die uns bald alle betraf. 1930 kam es zu Massenarbeitslosigkeit, Firmenzusammenbrüchen und der Schließung von Banken. Die Sparkassen senkten die Zinsen für Spargelder von sechs auf fünf Prozent, dafür stiegen Gewerbesteuern um fünfzig auf vierhundertfünfzig Prozent und Grundvermögenssteuern um fünfundzwanzig Prozent auf 225 Prozent. 1930 verschlechterte sich mit der allgemeinen Wirtschaftslage auch unsere persönliche Situation.
Von Richards Versicherung hatte ich kein Bargeld bekommen, vorerst, wie der Schwiegervater mir versichert hatte. Die massiven Steuererhöhungen für den Hausbesitz in der Schönen Aussicht und für das Lederwarengeschäft rissen immer größere Löcher in die Wirtschaftskasse der Reinings. Außerdem ging es plötzlich vielen Menschen finanziell schlechter, so dass auch der Umsatz im Geschäft schrumpfte. Mein Schwiegervater hatte sich überschuldet und wusste nicht, wie er weiterhin sein Haus und sein Leben vom Verkauf finanzieren sollte. Da war ihm die Versicherungssumme bei aller Trauer offensichtlich Rettung in der Not. Ich hatte den Schwiegereltern angeboten, stundenweise mit im Geschäft zu arbeiten, um meine Finanzen aufzubessern. Doch mit immer neuen fadenscheinigen Ausreden lehnten sie das ab. Ich müsste mich doch um meine Kinder kümmern, es sei schließlich nicht standesgemäß, wenn Richards Witwe es nötig hätte zu arbeiten, was sollten denn die Leute dazu sagen? Dabei hatte ich den Eindruck, dass sie durchaus Hilfe gebraucht hätten, nachdem sie ihre beiden Verkäuferinnen entlassen hatten und Richard im Geschäft fehlte. Aber ich hatte meinen Stolz und drängte mich nicht auf, zumal ich nicht die geringste Lust verspürte, mit dem Schwiegervater in diesem Laden zu stehen. Sollte doch Schwiegermutter mitarbeiten und ich passte selbst auf meine Kinder auf!
Wie froh war ich, dass ich bei Professor Carl Beines, der schon Richard Tauber in Frankfurt unterrichtet hatte, Gesangsstunden genommen hatte. Das hatte mir meine Mutter ermöglicht. Dank eines guten Freundes und seiner Beziehungen bekam ich die Chance, in Konzerten aufzutreten. Mit dem Honorar kamen wir etwas besser über die Runden und ich war nicht nur von den Schwiegereltern, Mutter und Tante Lenchen abhängig. Außerdem hatte ich mit der Musik wieder mehr Freude und Lebensmut gefunden. Richards Eltern missbilligten meine Auftritte und neuen Bekanntschaften mit Musikern. Schließlich schickte sich neue Lebensfreude nicht für eine trauernde Witwe! Nur Richards Schwester Lilli, die mit ihren Klavierstunden auch half, die Familie über Wasser zu halten, verstand mich.
Am dritten Dezember 1930, einen Tag nach Ricardas zweitem Geburtstag, trat ich im Musiksaal der Tanzschule in der Gartenstraße auf, mit Dore Hoppe am Flügel und dem Tenor Fritz Ruppel. Ich zog mein grünes Abendkleid mit der raffinierten Perlenstickerei und dem gewagten Dekolleté an und sang mit meiner Sopranstimme Arien aus den Opern Martha, Aida, Samson und Dalila, aus Lohengrin, Carmen und Hoffmanns Erzählungen.
Programme der Auftritte von Lore Reining im Winter 1930/31
Beim Blick ins begeistert applaudierende Publikum erstarrte ich fast. Das konnte doch nicht sein! Ein Mann lächelte mich an. Im ersten Augenblick dachte ich, da säße mein verstorbener Richard. Ich blinzelte, schaute weg und wieder zu ihm, der mich vom ersten Augenblick an faszinierte. Nachts schlief ich kaum, denn ich musste an diesen Mann denken, der meinem Richard so ähnlich sah. Ich schalt mich selbst eine Närrin und versuchte mich am nächsten Tag auf meine beiden Mädchen zu konzentrieren. Wir bastelten bei Mutter im Haus für Weihnachten und ich fühlte mich wieder ruhig und entspannt, als ich die Freude der Kinder an glitzernden Sternen genoss. Plötzlich schreckte uns die Klingel auf. Mutter kam herein: „Ein Mann fragt nach dir, den ich nicht kenne. Lore, wer ist das?“ Ihr Ton hatte sich dem strengen Gesichtsausdruck angeglichen. Ricarda wollte schon zur Tür rennen, doch die große Schwester hielt sie fest. Meine Beine fühlten sich wie Pudding an, als ich Mutti bat, einen Moment bei den Mädchen zu bleiben. Mir war sofort klar, wer der Besucher war.
„Ich heiße Ernst Jacklowsky und habe Verwandte in der Nähe, die Sie kennen. Frau Lore, wenn ich Sie so nennen darf, Sie haben mich gestern bei dem Konzert mit Ihrer wundervollen Stimme bezaubert. Ich habe erfahren, dass Sie verwitwet sind, und möchte Ihnen mein tiefes Mitgefühl ausdrücken“. Er verbeugte sich und lüftete seinen Hut. Wieder fiel mir die große Ähnlichkeit mit Richard auf, ein verschmitzter Zug um den Mund und die schönen dunklen Augen, die mich so offen und herzlich ansahen, dazu eine schmeichelnde tiefe Stimme. Dem hatte ich nichts entgegen zu setzen, überhaupt nichts. Trotz der Kälte, die durch die offene Wohnungstür strömte, wurde mir ausgesprochen warm ums Herz. Bevor ich irgendetwas antworten konnte, umgarnte er mich weiter: „Darf ich Sie am Wochenende in ein Restaurant einladen? Ich würde Sie gern näher kennenlernen“. Diese direkte Art schockierte mich und zog mich gleichzeitig an. Ich war achtundzwanzig Jahre jung, allein und sehr hungrig nach Liebe, Leben und Glück. Die Art, wie Ernst meinen Gesang lobte, nahm mich besonders für ihn ein. Ich sagte spontan zu und meine verständnisvolle Mutter passte am Samstag auf die Kinder auf, als mich Ernst in das gediegene Weinhaus „Zum Schwarzen Stern“ am Römer einlud. Wir tafelten, als würde es keine Rezession und kein Morgen geben. In dieser Zeit wurden die meisten Treffen und Feiern von den oft unbezahlbaren Gaststätten in die Privatwohnungen verlegt. Ich genoss den Augenblick, den Abend, die Atmosphäre und Ernsts Blicke auf mein grünes Kleid mit den Perlen. Ich fühlte mich nach all dem Kummer plötzlich wieder jung und begehrt.
An diesem Abend stellte das Schicksal für mein gesamtes weiteres Leben eine bedeutsame Weiche, für meine sechs Kinder, von denen vier noch nicht geboren waren, für alle meine späteren Nachkommen. Doch wie sollte ich das ahnen, als mir der vier Jahre ältere Ernst tief in die Augen sah und Schmetterlinge in meinem Bauch tanzen ließ? Ich konnte mein Glück kaum fassen – ich hatte noch einmal die große Liebe gefunden, als ich es am wenigsten erwartet hatte.