Читать книгу EIN ZOMBIE KOMMT SELTEN ALLEIN - Rich Restucci - Страница 10
Blut im Schnee
ОглавлениеIch weiß, dass ihr euch schon gewundert habt, wieso ich die Renner zuvor bereits zweimal erwähnt habe, aber immer nur so ganz am Rande. Auf eine merkwürdige Art und Weise waren sie bisher einfach nicht präsent in dieser fesselnden Geschichte gewesen. Das liegt einfach daran, dass Renner anders sind. Für die Toten, die überall herumlaufen, verwenden manche Leute den Begriff Zombies, aber dieser Begriff ist eigentlich falsch. Beschäftigt euch mal ein bisschen mit haitianischem Voodoo.
Obwohl der Ausdruck Schwachsinn ist, werde ich sie aber von jetzt an auch Zombies nennen.
Renner unterscheiden sich von diesen wandelnden Eitersäcken (Zombies) in etwa so sehr, wie ihr euch von Dosenfleisch unterscheidet. Selbstverständlich gibt es Gemeinsamkeiten, aber dennoch sind sie definitiv nicht gleich. Ich meine damit natürlich Gemeinsamkeiten zwischen den unterschiedlichen Arten der Infizierten, nicht zwischen euch und Dosenfleisch. Obwohl, wenn man mal genauer darüber nachdenkt, kenne ich euch ja nicht, also seid ihr vielleicht genauso dumm wie Dosenfleisch und höchstwahrscheinlich besteht ihr auch aus Fleisch. Gott hat halt seine Launen.
Jedenfalls war das Ding, das sich nun wie ein Velociraptor auf mich stürzte, definitiv ein Renner. Da es sich dabei um meinen ersten Renner überhaupt handelte, solltet ihr euch darüber im Klaren sein, dass dies ein extrem furchterregender Moment für mich war. Ich hatte doch zuvor den unheimlich männlichen und harten Pissestrahl erwähnt, den ich produziert hatte. Das war unter Kontraktion meiner nicht infizierten Bauchmuskeln geschehen, während ich über einer verschmutzten Toilette stand, in der sich weiß Gott was befunden hatte. Aufgrund dieses Umstandes hatte ich nun zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit keinen Urin zur Verfügung und meine verdammte Blase entleerte sich einfach, ohne irgendetwas abgeben zu können.
Während sich das Wesen also grazil durch die kalte Vorwinterluft bewegte, konnte ich nicht umhin, zu bemerken, dass es aussah, wie jemand, der abgeschieden im Gebirge oder im Wald lebte. Ein zotteliger Bart, schmutzige Kleidung und eine grüne Militärjacke, die scheinbar im selben Jahr wie der Airstream Wohnwagen und für eine Expedition in Vietnam gefertigt worden war. Über seinem Bart befanden sich Kratzer auf seiner Wange. Aber am besten erinnere ich mich noch an seine Augen.
Viele verwenden gern anschauliche Begriffe wie unmenschlich für die Infizierten, aber solange man noch keinen Renner gesehen hat, kann man nicht wirklich verstehen, was damit gemeint ist, beziehungsweise solange man keinen Renner gesehen hat, der einen ebenfalls entdeckt hat. Denn wenn man denen in die Augen sieht, versteht man sofort, dass sie keine Menschen mehr sind.
Ein Mensch zu sein wird meiner Meinung nach nicht durch die Anatomie bestimmt, sondern durch die Menschlichkeit und durch die Vielzahl an Emotionen. Wenn man einen Menschen ansieht, kann man im Allgemeinen sofort erkennen, wie er sich fühlt, selbst wenn er versucht, es vor einem zu verbergen.
Nichts verbarg hingegen die Emotion, die dieses Ding verspürte. Es hatte nur noch eine, und zwar puren, unverfälschten Hass, der gerade zweifellos auf mich gerichtet war. Ich war mir nicht vollkommen sicher, ob es mich genau wie seine toten Artverwandten fressen wollte, aber mir war absolut klar, dass er mich gern ausweiden wollte. Wenn es nach diesem Ding ginge, würde es in kürzester Zeit meinen Dünndarm als Kette um den Hals tragen.
All diese Überlegungen rasten innerhalb der Zeit durch meinen Kopf, die das Ding brauchte, um vom Dach herunterzuspringen und sich gegen meine linke Schulter zu werfen. Der neu gefallene Schnee war rutschig und so stürzten wir beide während unseres Gerangels zu Boden, wo wir kurz darauf um mein Leben kämpften. Ein Schuss löste sich irgendwann aus der .38er und riss, ich schwöre bei Gott, den Reißverschluss meiner Jeans mit sich. Nach allem, was ich vorher geschrieben habe, war jetzt also der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mir den Penis abschoss. Da der Renner wild herumwirbelte und mich auf allen vieren sofort wieder fixierte, hatte ich leider keine Zeit, um nachzusehen, ob mein kleiner Freund und ich auch weiterhin gemeinsame Wege gehen würden. Die Augen des Wesens verengten sich und es startete einen zweiten Angriff, doch seine Stiefel rutschten im Schnee aus und es landete auf seinem Bauch.
Es knurrte jetzt aus Wut und Frustration (zwei der Emotionen, die ich am wenigsten leiden kann), versuchte im Schnee Halt zu finden und auf allen vieren wieder in meine Richtung zu kriechen. Mehr Antrieb brauchte ich nicht, also schoss ich ihm direkt ins Gesicht. Der Kopf der Kreatur wurde zurückgerissen und der Inhalt hinterließ ein kegelförmiges Muster auf dem Schneematsch.
Ich ließ mich auf den Rücken sinken, sah zum Himmel hinauf und dachte darüber nach, was für ein verdammtes Glück ich hatte. Doch dann fiel mir wieder mein Penis, oder besser gesagt das potenzielle Fehlen eines solchen ein und ich bekam ein winzig kleine (haha) Panikattacke. Ich sah beklommen nach, aber dank allem, was mir heilig ist, war alles noch genau dort, wo es sein sollte. Allerdings würde ich eine neue Hose brauchen, und zwar nicht nur wegen des Reißverschlusses.
Irgendwann wurde mir ziemlich kalt und ich setzte mich hin. Sorgfältig untersuchte ich meinen Körper, um sicherzugehen, dass ich nicht gekratzt worden war. Ich hatte jetzt zwar weniger Angst vor Biss- und Kratzwunden als vorher, aber wozu ein Risiko eingehen?
Ich war scheinbar unversehrt und noch dazu absolut überglücklich. Im Zuge dieses Glücksgefühls machte ich mich auf die Suche nach dem toten Hinterwäldler. Er trug eine Hundemarke um den Hals. Maracek, John J., 016626262, 0+, Evangelisch.
Ich kann mich immer noch an jeden einzelnen Buchstaben und an jede Zahl auf dieser Marke erinnern, habe aber keine Ahnung mehr, wie der Nachname meines Zellengenossen lautete. Sein Vorname war zumindest Benny. Wir haben etwa ein Jahr lang zusammengelebt.
Das Einzige, das ich in Mr. Maraceks Nylonbrieftasche finden konnte, war ein unscharfes Bild, das ein Kind auf einer Schaukel zeigte. Das Foto war in der Mitte auseinandergerissen worden, sodass man die Person, die das süße, kleine, blonde Mädchen angestoßen hatte, nicht mehr sehen konnte. Ansonsten trug der arme Johnny nur noch eine G-Shock-Uhr, ein zerbeultes Sturmfeuerzeug, in das irgendein Militärsymbol, das ich nicht kannte, eingraviert war, sowie eine Bisswunde, die der auf meinem Bein ähnelte auf der fleischigen Stelle unter dem Daumen seiner Hand.
Da die Temperatur langsam immer mehr fiel, nahm ich Mr. Maraceks Jacke an mich. Dieses verdammte Wetter hier in Neuengland. Außerdem klaute ich ihm die Uhr und das Feuerzeug, da ich beides bestimmt brauchen würde. Plötzlich fiel mir auf, wie durstig ich war. Mein mageres Mahl und mein Wasservorrat befanden sich in dem kleinen Rucksack, den ich von der Gefängniskarawane erhalten hatte und im Wohnwagen gelassen hatte. Also griff ich in den Schnee und stopfte mir kurzerhand eine Handvoll davon die Kehle hinunter. Er war köstlich und so kalt, dass es an den Zähnen schmerzte. Anschließend legte ich die Uhr an und verstaute das Feuerzeug in meiner Tasche. Als ich einen Blick auf die Uhr warf, konnte ich kaum fassen, was diese mir anzeigte. Denn laut der Datumsanzeige waren bereits drei Tage vergangen, seit ich von der Kolonne getrennt worden war. Ich hatte also volle drei Tage lang geschlafen und falls John J. Maracek die ganze Zeit über hier draußen gewesen war, bedeutete das, dass ich da drin friedlich geschlafen hatte, während er sich hier herumgetrieben und vielleicht sogar ab und zu an der Tür gekratzt hatte. Vermutlich hatte der Airstream ursprünglich ihm gehört.
Um es wie ein Neuengländer zu sagen: Teuflischer Weckruf, Kindchen.
Das Schneegestöber wurde immer dichter, als ich in den Himmel hinaufsah. Sobald die Sonne unterging, würde die Temperatur noch einmal um weitere fünf bis sechs Grad sinken, also suchte ich zuerst mein Umfeld ab, auch wenn ich mir nicht sicher war, wonach genau ich eigentlich suchte, und versteckte mich anschließend in dem Wohnwagen. Ich wollte abwarten, bis sich der Sturm verzog, bevor ich mich durch den Schnee nach Gott weiß wohin schleppen würde.
Es dauerte zwei Tage! Zwei verdammte Tage lang fiel der Schnee. Nicht, dass er besonders heftig gewesen wäre, aber die Schneedecke wurde dabei um gut einen halben Meter höher. Da es im Wohnwagen ein paar Holzscheite gab, von denen draußen noch mehr aufgeschichtet waren, sowie einen altmodischen Topfbauchofen neben dem Bett, war es, besonders dank des Feuerzeugs, kein Problem für mich, mich warmzuhalten. Eine gründliche Durchsuchung des Wohnwagens förderte schließlich noch mehr Fotos von dem blonden Mädchen zutage, woraus ich schlussfolgerte, dass der Airstream-Wohnwagen tatsächlich John Maracek gehört hatte. Es sei denn, er war ein Hausbesetzer gewesen. Nicht, dass das jetzt noch eine Rolle gespielt hätte.
Meine Suche brachte mir außerdem eine äußerst mitgenommen aussehende Machete ein, ein Jagdmesser mitsamt einem Wetzstein, eine doppelschneidige Axt, sowie diverse Kleinigkeiten für mein Sammelsurium an Überlebenszeug.
Als es schließlich aufhörte zu schneien und ich aus dem Fenster sah, entdeckte ich, dass Johns Leiche mitsamt dem gespaltenen Schädel und der verspritzten Hirnmasse komplett vom Schnee bedeckt war, sodass ich ihn nicht länger sehen konnte.
Ich suchte die Gegend auch nach Fußspuren ab, konnte aber keine finden.
Ich hatte nämlich die Befürchtung gehabt, dass der Schuss, den ich vor ein paar Tagen abgefeuert hatte, jemanden anlocken würde, doch scheinbar war niemand hierhergekommen. Ich war etwa anderthalb Kilometer vom nächsten Highway entfernt, der gesamte Wald war von Schnee bedeckt und ich hatte genug Nahrung und Vorräte für einen Monat und noch dazu Waffen.
Ich war in Sicherheit!
Am vierten Tag meines New Hampshire Exils nahm ich die Axt und machte mich daran, Feuerholz zu zerkleinern. Ich hatte zwar noch reichlich, doch die Hälfte von dem, was im Wagen gewesen war, hatte ich bereits verheizt. Als ich den Stapel draußen erreichte, fiel mir allerdings etwas Unheimliches auf. Da waren definitiv frische Fußabdrücke. Da ich bereits eine Weile nicht mehr auf dieser Seite des Wohnwagens gewesen war, konnte ich ausschließen, dass es sich dabei um meine eigenen handelte. Die Abdrücke führten vom Wald aus direkt zu einem Fenster meines neuen Zuhauses und wieder zurück.
Ich packte augenblicklich alles zusammen und machte mich auf und davon.
Da mir die Absichten von demjenigen, der mich ausspioniert hatte, ein Rätsel waren, fand ich es sinnvoller, sofort zu verschwinden. Wahrscheinlich würde ich irgendwo ein verlassenes Bauernhaus oder etwas anderes in der Art finden, das man besser verteidigen konnte, und wo ich das Ende des Winters in Ruhe absitzen konnte. Mit dem Rucksack auf dem Rücken, der Machete und dem Messer an meine Seiten gebunden, der Waffe in meiner Tasche, sowie der Axt auf meiner Schulter, sah ich genauso aus wie Mr. Maracek. Vor allem, da in dem Wohnwagen leider kein Rasierer auffindbar gewesen war und ich mittlerweile auch die Jacke des Toten trug. Ich sah bestimmt wie ein ziemlich krasser Typ aus.
Was für ein Idiot ich gewesen war!
Als ich etwa drei Stunden lang gewandert war, wurde mir bewusst, dass ich keine Ahnung hatte, wohin ich gehen sollte. Da alles mit Schnee bedeckt war, konnte ich nicht einmal die Straße finden. Ich, ein krasser Typ? Wohl eher ein Vollpfosten. Doch anstatt umzudrehen und meinen Fußspuren zurück zum Airstream zu folgen, sagte ich mir, dass ich mich entschieden hatte und deshalb weitergehen würde. Vermutlich hätte ich mich mit mehr Bestimmtheit festlegen sollen, doch eigentlich war ich nur vollkommen verrückt.
Nach sechs weiteren Stunden setzte die Dämmerung ein, doch es wurde nicht einfach nur dunkel, sondern es sah so aus, als würde sich ein weiterer Sturm ankündigen. Na, klasse! Ich kämpfte mich weiter durch den Schnee, bis ich irgendwo Rauch aufsteigen sah. Der Grund für meinen Aufenthalt in diesem Wohnwagen war die Tatsache gewesen, dass ich allein sein wollte. Denn wenn ich allein war, konnte mich niemand meiner Sachen wegen töten oder unbemerkt im Schlaf sterben, um mich dann zu fressen, während ich selbst noch schlief. Demnach stellte der Rauch mich vor ein Dilemma: Sollte ich die gerade aufgezählten Risiken eingehen und mich demjenigen anschließen, der den Rauch verursachte, oder sollte ich sofort in die andere Richtung gehen und dabei vermutlich erfrieren?
Zugegeben, ich brauchte Hilfe, denn mir war kalt und es wurde immer später, deshalb näherte ich mich schließlich dem Rauch. Um dessen Quelle aufzuspüren, brauchte ich etwa fünfzehn Minuten und irgendwann betrat ich eine Lichtung, die sich in beide Richtungen schier endlos ausbreitete. Ich kletterte auf einen Damm und warf vorsichtig einen Blick auf die andere Seite, um zu sehen, wer den Rauch verursachte.
Wenn ich nicht so verfroren und müde gewesen wäre und wenn der Himmel nicht so voller Wolken gehangen hätte, wäre mir vielleicht sofort aufgefallen, dass mit dem Rauch etwas nicht stimmte. Denn es war nicht die Sorte von Rauch, die von Lagerfeuern oder einem Kamin aufstieg, sondern der schmierige, schwarze Rauch brennender Fahrzeuge. Wie das Schicksal so spielte, waren ein Gefängnisbus und ein großer Militärlastwagen zusammengestoßen und dabei hatte es sich dem Anblick nach keinesfalls um einen Unfall gehandelt, denn Einschusslöcher waren auf beiden Fahrzeugen zu erkennen und mehrere Körper lagen auf der Erde verstreut. Einige davon waren in Stücke zerfetzt worden, andere wirkten unbeschädigt.
Meine alten Freunde waren also hier, sowie einige neue Gesichter, die ich schon bald kennenlernen würde. Fast alle taumelten sie mit Blut und Schlimmerem besudelt umher.
Alle bis auf einen. Dieser lief einfach so herum und schien etwas zu suchen. Einer der Zombies (jetzt hab ich’s tatsächlich auch gesagt) kam ihm zu nah, woraufhin er schrie, ihn zu Boden warf und ihn mit weit ausholenden Schwingern davon abhielt wieder aufzustehen. Die anderen Toten beobachteten die Szene für ein paar Sekunden, doch dann wanderten sie desinteressiert weiter.
Aus mir nach wie vor unerfindlichen Gründen stand der Typ wieder auf, wirbelte zu mir herum und starrte mich an. Er spannte seine Hände an, sodass sie wie Krallen aussahen, warf seinen Kopf in den Nacken und stieß einen langen, lauten Schrei aus. Er trug nebenbei bemerkt eine Polizeiuniform.
Als er schrie, sah ihn jeder einzelne Tote an und danach richteten sie alle ihren Blick auf mich. Als hätten sie sich abgesprochen, kamen sie nun in meine Richtung geschlurft, ich blieb jedoch nicht stehen, um einen Drink oder eine Zigarette mit ihnen zu teilen, sondern rannte wie ein kleines Mädchen davon. Ich eilte in Richtung Wald, während alles, was ich bei mir führte, bei jedem Schritt gegen meinen Körper prallte. Da ich mich leider nicht gerade wie der Inbegriff von Intelligenz verhielt und der Schnee mindestens einen halben Meter tief war, kam ich nur sehr schwer voran und wurde schon bald müde.
Ich stoppte schließlich und lehnte mich gegen eine Kiefer, um wieder zu Atem zu kommen. In diesem Augenblick sah ich den Polizisten, der sich ebenfalls durch den Schnee kämpfte und mich zu jagen schien, als hätte ich jemandes Portemonnaie gestohlen. Da mir klar war, dass ich ihm nicht ewig davonlaufen konnte, zog ich meine Machete und stakste wankend auf ihn zu.
Während das Ding auf mich zukam, grunzte und knurrte es vor lauter Aufregung und Hass. Von dem Polizisten, der mich einst verschont hatte, nachdem ich gebissen worden war, schien nichts mehr übrig zu sein. Ich hatte meinen Rücken einem Gestrüpp zugewandt und hob jetzt die Machete über meinen Kopf, während ich auf seinen tödlichen Angriff wartete. Doch plötzlich hörte ich ein surrendes Geräusch, ich spürte, wie etwas an meinem Gesicht vorbeizog und mit einem Mal ragte dem Polizisten ein Pfeil aus der Brust. Ein skurriler Ausdruck von Überraschung breitete sich auf den Zügen des Renners aus, bevor er zusammenbrach und das Ding umklammerte, das in ihm steckte.
Als ich mich umdrehte, konnte ich nur Bäume erkennen, zumindest so lange, bis sich einer davon leicht bewegte.
Wenn ihr Naturwissenschaften in der Schule hattet, dann waren eure Lehrer bestimmt recht klein, hatten eine Glatze, trugen eine Brille und konnten mit ihren Zahnstocher-Ärmchen wahrscheinlich kaum die Lehrbücher anheben. In der siebten Klasse hatte ich aber das genaue Gegenteil davon gehabt, und zwar Mr. Sheldon.
Mr. Sheldon war gute 1,90 m groß und hatte aus gefühlt hundertachtzig Kilogramm purer Muskelmasse bestanden. Er war die Sorte Mann gewesen, bei dem sich professionelle Wrestler anpissten, wenn sie nur daran dachten, eine Runde gegen ihn antreten zu müssen. Er hatte Baumstämme als Arme und Beine mit einem Umfang von … na ja … Baumstämmen.
Wenn ich euch jetzt also sage, dass der Mann, den ich gerade ansah, noch größer war als Mr. Sheldon, dann möchte ich, dass ihr das in eurem Gedächtnis abspeichert. Er war wie ein menschliches Haus. Hätte mir jemand erzählt, dass er ganz allein gegen die New York Giants gespielt und gewonnen hat, hätte ich es, ohne zu hinterfragen, geglaubt.
Er trug einen verstellbaren Compound-Bogen, der allerdings aufgrund seiner gigantischen Erscheinung und seiner gewaltigen Hände absolut winzig aussah, und der Kerl sah mich intensiv an. Dann legte er seinen Kopf zur Seite, sah links an mir vorbei und deutete hinter mich.
Meine ehemaligen Freunde, die mich zum Sterben zurückgelassen hatten, weil ich gebissen worden war, kämpften sich gerade einige Meter hinter mir durch den Schnee. Ich schluckte schwer und wandte dann mein Gesicht ab, um den Riesen erneut anzusehen. Mit einem simplen Nicken gab er mir zu verstehen, dass ich ihm folgen sollte und mit einer Anmut, die seine Körpermasse Lügen strafte, verschwand er im Wald.
Mit den Schreien der Toten unweit hinter mir in den Ohren folgte ich ihm.