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6. Kapitel
ОглавлениеAm Montag morgen holte ein zwar verschlafener, aber gut gelaunter Paul einen ausgeschlafenen, aber mürrischen Peter ab. Lag es an den Ereignissen der letzten Tage, am gestrigen Besäufnis oder an der frühen Morgenstunde des Montags, der weithin als Unglückstag galt? Peter wußte es selbst nicht. Er spürte nur, daß irgend etwas nicht in Ordnung war. Einsilbig trottete er auf dem Weg zur Lände neben Paul einher, stieß hie und da mit der Fußspitze einen Stein aus dem Weg, als trüge dieser die Schuld für alles, und grüßte kaum den Torwächter, für den er sonst stets ein freundliches Wort hatte. Kurz bevor Peter endgültig im Weltschmerz zu versinken drohte, riß Paul die Geduld. Er blieb abrupt stehen, hielt Peter am Arm zurück und fuhr ihn an: »Was ist los mit dir? Du läufst die ganze Zeit neben mir her, als hätte ich die Pest oder den Aussatz. Wenn du wütend auf mich bist, dann sag es, aber zieh kein Gesicht wie ein schmollender Esel!«
Jetzt brachen in Peter sämtliche Dämme. »Du, du elender Saufkopf! Dem Jakob geht’s dreckig, und du weißt nichts Besseres zu tun, als dich in der Schenke zum Narren zu machen. Darf ich vorstellen, Pangraz Knoll, der Komödiant«, giftete er spitz und vollführte dabei eine lächerliche Verbeugung. »Du… du warst immer so was wie ein Vorbild für mich, aber jetzt… schämen solltest du dich!« Die letzten Worte waren kaum vernehmbar, und Peter war den Tränen näher, als einem erneuten Angriff.
»Oha, aus dieser Richtung weht also der Wind.« Jetzt spannte Paul den Bogen und schoß mit Worten, die wie ein Pfeilhagel auf Peter niederprasselten. »Der feine Herr Barth ist etwas Besonderes, ein edler Samariter gar. Er grübelt und sinniert, während der rauhe Floßmann säuft. Pah! Wir waren dem Jakob wahrscheinlich näher als du, als wir uns über das Unglück seines Verderbers lustig gemacht haben, während der feine Herr sogar über eine Entschuldigung für den Pfeffersack nachgedacht hat. Ein seltsamer Samariter bist du mir: Hältst merkwürdige Reden bei Gericht und im Wirtshaus, erstirbst fast in nobler Trauer, aber tust nichts.« Paul gestikulierte heftig. »Hör zu, wir alle waren feige. Wir alle sind Maulhelden. Aber wir geben’s wenigstens zu. Du…« – Pauls rechter Zeigefinger klopfte dabei Peters Brust weich –, »du bist sauer auf dich, weil du dich nicht einmal richtig feiern traust. Und jetzt läßt du deine Wut an mir aus. Bitte schön, such den Jakob…« – Pauls Arm beschrieb einen weiten Bogen –, »such ihn und geh meinetwegen nach Wolfratshausen und bis ans Ende der Welt. Aber tu etwas, oder halt’s Maul!«
Eine hübsche Menge Leute hatte die beiden inzwischen umringt und erfreute sich an dem lautstarken Gezänk. Blitzschnell, was ihm keiner zugetraut hätte, wirbelte Paul herum, sprang auf die nächststehenden Gaffer zu, schnitt eine gräßliche Grimasse und bellte sie an: »Puuhh! Kümmert euch um euren eigenen Dreck!« Daraufhin entfernte er sich hoch erhobenen Hauptes durch die erschrocken zurückweichende Menge, ohne sich umzusehen.
Peter stand noch eine Weile wie ein gerupfter Hahn da. Dann trottete er mit gesenktem Kopf hinter Paul drein in Richtung Lände. Der hatte ja irgendwie recht. Peter war wütend auf sich selbst und daher ungerecht gegen alle anderen. Aber er hatte sich auch noch nie in einer solch schwierigen Situation befunden. Doch wenn er dem Jakob wirklich helfen wollte, dann mußte er tatsächlich etwas tun. Er wußte zwar noch nicht was, aber ihm würde schon etwas einfallen, und als er bei der Lände anlangte, war er wieder entschlossenen Mutes.
Für die Männer an der Floßlände, Pfleger wie Knechte, hielt der Tag wieder eine Menge Arbeit bereit. Die Stadt war wie ein gefräßiger Moloch, der ständig nach neuer Nahrung verlangte, und die Ländhüter hatten die Versorgung zu überwachen und zu regulieren. Die ankommenden Flöße landeten entlang der Uferwände an, und das Kaufmannsgut wurde über schräge Bretter oder steinerne Stiegen entladen. Neben allerlei Trockengut, das in Tüchern zu Ballen gepackt war und oft bis aus Venetien kam, wurden vor allem Wein- und Ölfässer ans Ufer gerollt. Die Flöße selbst blieben zunächst im Wasser liegen, bis sie verkauft waren. Es war Vorschrift, einen Schaub aufzustecken, ein Strohbüschel, das die Verkäuflichkeit anzeigte. Drei volle Tage, so forderte das Stapelrecht, mußte ein Floß den Münchner Bürgern zum Kauf angeboten werden, bevor es an Auswärtige verkauft oder wieder ausgeführt werden durfte. Doch in der Regel waren die Flöße schon bestellt. Die Stämme wurden auf riesigen Holzlegen gestapelt und Zimmerer und Kistler, Drechsler und Wagner, Schäffler und Betreiber von Badestuben kamen vorbei oder schickten Knechte und Gesellen mit Fuhrwerken, um ihren gewaltigen Holzbedarf zu decken. Bäcker und Brauer versorgten sich an der oberen Lände beim Westermühlbach. Flöße mit besonders schwerer Ladung, also Bausteine, Kalkfässer, Mühl- oder Wetzsteine, wurden mit Pferdegespannen an eigens dafür vorgesehenen Ufereinschnitten aus dem Wasser gezogen. Die Pfleger hatten bei Strafe darüber zu wachen, daß keinerlei Kalk isarabwärts verschoben wurde. Es war ja schon das Einsammeln der bunten, runden Isarkiesel verboten, die für die Kalköfen gebraucht wurden. So sehr war die aufstrebende Stadt um ausreichende Zufuhr ihrer dringend benötigten Baustoffe besorgt. Peter, Paul und ihre Gehilfen prüften Menge und Gewicht der Waren, maßen mit der Stange die zulässige Floßbreite, überwachten Abtransport der Bretter und rechtzeitiges Aufhacken des Brennholzes, forderten das Ländgeld ein und erhoben Liegegebühren. Zum Glück mußten sie sich nicht auch noch um den Wasserzoll kümmern.
»Paul!«
»Was gibt’s?«
»Die ersten Flöße aus Tölz und Lenggries mit dem Südtiroler werden bald eintreffen, aber die Weinlände ist noch blockiert.«
»Wieso?«
»Da liegt noch ein Faß im Wasser. Sieht aus, als hätt’ sich’s verhängt.«
»Sakrament! Das ist dem Peitinger sein Bereich. Bloß weil der Kerl faulenzt, müssen wir jetzt auch noch seine Arbeit machen!« Paul rief zwei Knechte zu sich und wies sie an, das Faß herauszuheben und den anderen zuzuordnen.
Wenig später kam eine erneute Anfrage: »Wir hätten’s heraus, aber wohin damit?«
»Ja, schaut doch nach«, grantelte Paul, »es wird doch in Gottes Namen ein Zeichen haben, wem’s gehört.«
»Nein, gar nichts!«
»Dann macht es auf, ihr Hohlköpfe!« brüllte Paul, und wenig später war beherztes Hämmern zu hören.
Paul vertiefte sich wieder in die pergamentene Liste, zählte Ballen, hakte die Zahlen ab, als ihn ein markerschütternder Schrei beinahe das Schreibpult mit Tintenfaß und Feder umwerfen ließ.
Dem Schrei folgte atemlose Stille, denn jedermann an der Lände hatte aufgehört zu arbeiten und starrte neugierig oder entsetzt in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Nur die Isar plätscherte ungerührt in die Stille hinein, als sei nichts geschehen.
Nachdem sich die schockartige Lähmung der Gehilfen gelöst hatte, fingen sie an zu rennen, als ginge es um ihr Leben – wild gestikulierend, die Haare raufend, stotternd: »Dadada… Hilfe… der, der Teufel…!«
Was ist nun wieder los, dachte Paul und machte sich jetzt doch selbst auf den Weg, bevor er sich das Gestammel dieser Narren anhörte.
Peter und Paul erreichten als erste fast gleichzeitig das Faß und starrten ungläubig eine Weile hinein. Wortlos trafen sich ihre Blicke, ein jeder wußte Bescheid.
Peter, dem noch nie die Erfahrung einer Schlacht oder Hinrichtung zugemutet worden war, hatte bislang nur wenige Tote gesehen. Aber es bedurfte keiner besonderen Erfahrung, um zu sehen, daß der Leichnam gräßlich aussah. Und es bestand kein Zweifel – der Tote war Jakob.
Nachdem es offensichtlich war, daß kein Gehörnter aus dem Faß sprang und keine Knochenhand einem an die Gurgel fuhr, wagten sich allmählich auch die Umstehenden näher heran. Doch was sie sahen, war nicht dazu angetan, ihre Furcht zu mindern. Der Leichnam kauerte zusammengestaucht in dem Faß. Der Kopf war grotesk verrenkt, so daß das Gesicht nach oben zeigte. Es hatte linksseitig noch die blaugrüne Verfärbung wie bei der Gerichtsverhandlung, doch war es jetzt überall auch deutlich aufgedunsen. Die Haare hingen in wirren Büscheln ins Gesicht, verdeckten aber nicht die nach oben starrenden, glanzlosen Augen. Der Unterkiefer war verschoben, die Zunge steckte zwischen den Zähnen. Kurz: Es war eine schreckliche Fratze.
»Sie haben ihm nicht einmal die Augen geschlossen«, murmelte Peter tonlos, während er hinzutrat und diesen letzten Dienst erwies. Weitaus schlimmer aber war, daß der Tote einen abgeschnittenen Strick um den Hals trug. Es kam nicht gerade jeden Tag, aber doch immer wieder vor, daß man einen Selbstmörder einfach in eine Tonne steckte und die Isar hinabtreiben ließ. Das war es, was die Neugierigen und Gaffer jetzt wieder ängstlich zurückweichen ließ. Erst war es nur ein Gemurmel unter den Floßleuten und Ländknechten, Handwerkern und Taglöhnern, Kaufleuten und Fuhrknechten, die in weitem Rund das Faß und Peter und Paul umstanden. Es dauerte nicht lange, bis sich Wortführer gefunden hatten, die mit Nachdruck und unmißverständlich forderten: »Werft ihn wieder hinein!«
»Er hat kein christliches Begräbnis verdient!«
»Schmeißt ihn hinein oder wir tun’s! Ihr bringt sonst Unglück über die Stadt!«
»Halt!« brüllte Peter, so laut er konnte, was in der angespannten Situation nicht eben viel war. Und die Stimme drohte ihm fast zu versagen. »Er ist kein Selbstmörder!«
»Woher wollt Ihr das wissen? Der Strick sieht mir nicht gerade nach einer Stola aus!« schrie einer der Kaufleute, noch dazu ein Vertrauter der Pütrichs.
Es war eine berechtigte Frage. Peter wollte es nur einfach nicht glauben und rief verzweifelt: »Ich, ich weiß es eben!« Im selben Augenblick stiegen in ihm die Bilder von der Gerichtsverhandlung auf. Er war schon wieder dabei, Blödsinn zu stammeln.
Die Menge zeigte sich auch wenig beeindruckt, sondern kam Schritt für Schritt drohend näher. Schon lachten und feixten sie, und es sah so aus, als hätten sie bereits die Oberhand gewonnen. Die Rufe gingen durcheinander und wurden immer lauter und gehässiger. »Er hat den Pütrich beraubt und sich selbst umgebracht. Er ist ein Dieb und Mörder!«
»Mörder, Mörder, Mörder…« schallte es vielstimmig.
»Er ist zum Wiedergänger verdammt! Fort mit ihm!«
Paul sprang unversehens auf einen der Holzstöße zu, schnappte sich einen Flößerhaken und hielt ihn drohend der Meute entgegen. »Wer näher kommt, den leg’ ich zum Jakob dazu!«
Peter hätte seinen Freund umarmen mögen für die tatkräftige Hilfe, allein, was nützte es schon. Er bat flehentlich. »Um der Barmherzigkeit willen, haltet ein!«
»Geh aus dem Weg oder wir wischen dich und den Dicken mit seinem Bratspieß in die Isar!«
»Mörder, Mörder, Mörder…!«
Plötzlich kam Peter eine Idee, und er setzte alles auf eine Karte. »Im Namen Konrad Dieners, das ist eine Angelegenheit, die nur der Stadtrichter zu entscheiden hat!« Als Peter sah, daß die drohende Welle plötzlich ins Stocken geriet, setzte er sogleich nach: »Wer sich widersetzt, den werde ich eigenhändig vors Gericht zerren!«
Jetzt war es an Paul, sich über seinen Schützling zu wundern. Nicht schlecht, dachte er, wie der Bursche keck befehlen kann, als hätt’ er nie etwas anderes getan.
Und Peter blieb standhaft. Er war sich zwar dessen bewußt, daß er soeben dem Konrad Peitinger als meist gehaßtem Mann an der Lände den Rang abgelaufen hatte, aber er fügte tapfer hinzu: »Geht jetzt! Wir werden die Sache dem Richter vortragen. Er muß entscheiden. Geht wieder an eure Arbeit!«
Peter und Paul durften aufatmen. Zögernd löste sich der Ring auf, der sie eben noch umschloß und zu erdrücken drohte. Zuerst bildeten sich kleine Grüppchen, die noch lebhaft diskutierten, doch allmählich ging jeder wieder seiner Beschäftigung nach.
Zum Glück hatte die Furcht vor unmittelbarer Bestrafung durch den Richter gegen die vagen Befürchtungen eventueller Folgen bei einer ehrbaren Bestattung des Toten dieses Mal noch obsiegt. Aber es hätte durchaus anders kommen können. Die beiden sahen sich an und lächelten.
»Danke, Paul, du warst eine große Hilfe. Und das von vorhin…«
»Schon gut. Bin gespannt, was der Richter sagt, wenn du so kühn in seinem Namen auftrittst. Aber mir hat’s gut gefallen.« Er klopfte dem Jüngeren anerkennend auf die Schultern. »Ich weiß ja nicht, ob’s für mein ewiges Heil gut ist, aber ich glaub’, wir waren es beide dem Jakob schuldig.«
Zunächst aber hatten sie nur einen Teilerfolg errungen, denn keiner der Fuhrleute wollte seinen Wagen und seinen Seelenfrieden mit dieser unheimlichen Fracht belasten. Glücklicherweise standen beim Maenhartbräu Pferd und Wagen im Stall, und Peter schickte sogleich einen Boten, damit einer der Brauknechte das Fuhrwerk herbeibrachte.
Sie luden das Faß mit dem Toten auf den Wagen und lenkten das Roß zurück zum Gasthaus. Der Torwächter machte Anstalten, sie zurückzuhalten, und nur das sichere Auftreten Peters mit einem erneuten Berufen auf Konrad Diener schaffte den Weg frei. Aber es würde nicht lange dauern, bis die Wache die Schergen des Richters verständigt hätte.
Schon kam Agnes mit wehenden Röcken gelaufen und schmiegte sich an Peter, als gelte es ihn zu trösten und sich zugleich zu versichern, daß ihm nichts geschehen war.
Paul lud eben mit Hilfe des Knechtes das Faß ab, als auch Sebastian Graessel hinzu trat. Er blickte finster drein, als erwarte er eine erneute Schurkerei gegen sich, seine Miene erhellte sich jedoch schlagartig beim Anblick des Toten. Der Grund dafür war allerdings weniger Schadenfreude, wie man zunächst vermuten konnte. Nein, die Augen des Wast richteten sich begehrlich auf den Strick um den Hals des Erhängten, denn damit ließ sich hervorragender Abwehrzauber bewirken, was Qualität und Ruf seines Bieres mehren würde. So waren es weniger Mitleid oder Ergriffenheit, die ihn dazu bewogen, den Strick zu entfernen, sondern kalte Berechnung. Es war kein Knoten, der sich leicht lösen ließ oder eine saubere Schlaufe, durch die das Ende des Seils zur Bildung einer beweglichen Schlinge gezogen war. Der Zuschenk holte kurzerhand ein Messer hervor, durchtrennte den Strick und trollte sich mit seiner Trophäe in den Keller.
Die Umstehenden hatten ihm zwar erstaunt und verständnislos zugesehen, ihn aber gewähren lassen. Jetzt scheuchte Agnes ihre herbeigelaufenen Buben wieder ins Haus und die Magd in die Küche, um heißes Wasser zu holen. Die Männer suchten im Schuppen nach zwei Holzböcken und Brettern und errichteten damit einen einfachen Tisch. Sie kippten das Faß zur Seite, zogen den Leichnam vorsichtig heraus und hoben ihn auf die Tafel. Während im Faß die Gestalt des Toten noch in grotesker Weise verrenkt war, ließen sich die erschlafften Glieder nun in würdigerer Haltung anordnen.
Nachdem dies getan war, forderte Agnes die beiden Helfer auf, sich sogleich zum Stadtrichter zu begeben, um ihm in ihrer Eigenschaft als Pfleger der städtischen Lände von den Vorfällen zu berichten. Sie würde schon alleine hier zurechtkommen, während das andere keinen Aufschub duldete. Zögerlich folgten die beiden der Aufforderung, obwohl sie selbst sehr wohl wußten, was ihre Pflicht war. Aber keiner hatte so recht Lust, dem Richter unter die Augen zu treten, und wahrscheinlich saß da auch dieser Pütrich schon wieder herum.
»Einer von uns sollte sich vielleicht um die Lände kümmern, ist sonst völlig unbeaufsichtigt«, druckste Paul herum, insgeheim längst tapfer entschlossen, daß er sich dieser wichtigen Aufgabe stellen würde.
»Oh, ich kann das gerne übernehmen«, bot Peter bereitwillig an. Er war nicht erpicht darauf zu erfahren, was der Richter von seiner zweifachen Amtsanmaßung hielt. Und er war sich sicher, daß es ihm längst jemand zugetragen hatte.
»Weißt du«, versicherte jetzt Paul mit honigsüßer Stimme, »ich war ja immer der Meinung, daß du der bessere Redner von uns beiden bist. Und es gibt Dinge, da gebührt ganz einfach der Jugend der Vorrang.«
»Schuft!« entfuhr es Peter, grinsend über soviel Schlitzohrigkeit. »Aber das nächste Mal bist du dran und wenn’s zum Henker geht!«
Wenig später betätigte Peter den schweren Türklopfer an Konrad Dieners Pforte. Der Hauswart hatte ihn kaum angekündigt, als des Richters tiefe Stimme auch schon ungeduldig polterte: »Soll reinkommen!«
Peter schlich eher über die Schwelle, als daß er wacker eingetreten wäre, verbeugte sich flüchtig und blieb gleich neben der Türe stehen.
»Kommt, kommt, tretet näher! Heute wird noch nicht gehenkt.«
Peter wußte erst nicht recht, ob die Bemerkung scherzhaft oder drohend gemeint war. Erst als ihn der Richter einlud, an dem großen Tisch Platz zu nehmen, entspannte er sich ein wenig. Konrad Diener war diesmal alleine. Vielleicht war er deshalb weniger streng und förmlich.
»Gefällt mir nicht, was sich hier zusammenbraut, gefällt mir ganz und gar nicht! Und ich fürchte, ich muß mich jetzt selber darum kümmern. Doch erzählt erst Ihr!« Der Richter lehnte sich zurück und erwartete den Bericht. Peter schilderte ausführlich die Entdeckung von Jakobs Leiche und wie sich die Vorgänge danach dramatisch zugespitzt hatten.
»Jaja«, bestätigte Konrad Diener wissend, »das Volk richtet schnell. Manchmal gerecht, viel häufiger aber irrig und von Leidenschaften verführt. Das Schlimme ist, wir haben einen Toten, von dem wir nicht wissen, wann, wie und wo er gestorben ist. Und dann«, der Richter trommelte mit dem Zeigefinger auf den Tisch, »dann gibt es da noch eine schwerwiegende Sache, über die ich mit Euch reden muß. Ich hatte Euch deshalb auch schon erwartet.«
Jetzt kommt’s, dachte Peter. Seine Befürchtungen würden sich bestätigen.
»Ihr habt sicher von dem Einbruch gehört, und ich kann Euch versichern, der Kaufmann hat getobt. Was habt Ihr dazu zu sagen?«
»Ehrlich gesagt, nichts. Ich kann mir keinen Vers darauf machen.«
»Oh, der Kaufmann denkt da anders, ganz anders. Der kann ein ganzes Lied davon singen. Und die Helden seiner unrühmlichen Ballade sind: Jakob Krinner, nun leider tot, eine Horde wilder Flößer und zwei gewisse Herren, die auf die Namen Peter und Paul hören.«
»Ihr… Ihr glaubt doch wohl nicht, daß einer von uns das ganze Geld gestohlen hat?«
»Sagte ich etwas dergleichen? Woher wißt Ihr davon?«
Peter biß sich auf die Lippen. Er spürte, wie er rot anlief, als sei er schon ertappt und kurz vor dem Geständnis. Die umgängliche Art des Richters hatte ihn vertrauensselig und unvorsichtig gemacht. Er mußte aufpassen, daß er sich nicht plötzlich in Schwierigkeiten redete.
»Caspar Nickel – Ihr kennt ihn – stürzte gestern zur Mittagszeit in die Gaststube und berichtete, daß Heinrich Pütrich ausgeraubt worden sei. Da lag es doch nahe anzunehmen, daß es sich um eine beträchtliche Summe Geldes handeln müsse. Und da ich zwei und zwei zusammenzählen kann, konnte ich mir ausmalen, wen der Kaufmann beschuldigen würde.«
»Ich kenne den Nickel wohl und hatte heute auch schon die zweifelhafte Ehre seines Besuches. Es soll in der Schenke eitel Freude geherrscht haben über den Diebstahl und allen Jublern voran Euer Freund Paul. Liegt da der Kaufmann so falsch mit seiner Vermutung?«
Peter schwankte zwischen Erleichterung, daß Paul zur Lände gegangen war und erneuter Wut über dessen gestriges Verhalten. Er mußte abwiegeln. »Der Kaufmann hat sich doch schließlich niederträchtig gegen den Jakob benommen und…«
»Ich will mit Euch nicht über Schadenfreude rechten, sondern gehe der Frage auf den Grund, ob nicht einer der Jubler auch der Dieb ist.«
»Aber wir waren doch alle in der Kirche, als die Tat geschehen sein soll. Das Zunftrecht fordert von den Flößern den sonntäglichen Besuch der Messe, und Ulrich Hiltpurger ist da sehr streng.« Peter war jetzt dankbar für diese Tatsache.
»Wir werden dies nachprüfen«, erwiderte der Richter skeptisch. Er schien noch keineswegs von der Unschuld frommer Kirchgänger überzeugt zu sein, die nach der Messe einen Veitstanz angesichts des Einbruchs bei einem ehrbaren Bürger vollführten. »Und selbst, wenn ich der Behauptung Glauben schenkte, so bliebe noch immer Euer Freund Jakob als Hauptverdächtiger. Erinnert Euch an seinen Fluch!«
»Jakob war doch längst aus der Stadt und weit weg.«
»Wer beweist das? Es wäre beileibe nicht das erste Mal, daß ein Wächter seine Pflicht nur halbherzig erfüllt und daß unter einem Heuhaufen oder in einer leeren Tonne…« Der Richter stockte. »Verzeiht, es war ein unpassender Vergleich. Jedenfalls, daß sich jemand auf irgendeine Weise in die Stadt einschliche. Woher, glaubt Ihr, käme sonst das ganze Gesindel?«
»Ich bitt’ Euch, bedenkt Jakobs Zustand. Er war doch schon bei seiner Verurteilung dem Tod näher als einer Spitzbüberei und hätte er noch so großen Haß gegen den Kaufmann gehabt. Nein, der Jakob kann es ganz einfach nicht gewesen sein. Da bin ich mir ganz sicher.«
»Habt Ihr Euch noch nie in jemandem getäuscht?«
»Nun ja,…« Peter dachte flüchtig nach. So viel Gelegenheit dazu hatte er in seinem jungen Leben noch gar nicht gehabt. Damals vielleicht, als er ins Kloster sollte…
»Auch mir erscheint eine Schuld des Fergen Krinner eher unwahrscheinlich«, räumte Diener ein, »jedenfalls mehr…« – er setzte ein ernstes Gesicht auf und deutete mit seinem Zeigefinger auf Peter–, »als ich bislang von der Unschuld dieser verrückten Flößer überzeugt bin. Das Dumme ist nur: Warum hängt der arme Kerl sich auf? Jetzt kann der Kaufmann natürlich behaupten, der Krinner habe erst ihn aus Rache bestohlen und sich anschließend wie Judas aus Verzweiflung erhängt.«
»Es könnte doch genausogut sein, daß jemand anderer den Diebstahl beging. Vielleicht kam ihm die Geschichte mit Jakob gerade gelegen, um dadurch von sich abzulenken.«
»Ihr glaubt nicht an Selbstmord?«
»Ich kann’s mir nicht vorstellen. Dazu hat Jakob viel zu gerne gelebt. Und wie er immer von seiner Lies und den Kindern erzählt hat…«
»Würde es denn die Sache vereinfachen? Wir hätten dann nicht nur einen ungeklärten Einbruch und einen mysteriösen Todesfall, sondern ganz offensichtlich doch einen abscheulichen Mord. Und nun versetzt Euch einmal in meine Lage. Wir gehen schweren Zeiten entgegen, wenn wir den zahlreichen Berichten und Gerüchten Glauben schenken. Es steht möglicherweise Krieg ins Haus. Und wie schnell das Volk verrückt spielt, das habt Ihr heute beinahe am eigenen Leib zu spüren bekommen. Ich bin aber nicht nur oberster Richter dieser Stadt, sondern in erster Linie auch unserem König verpflichtet. In dieser Eigenschaft bin ich nicht nur für die Wahrung des Rechtsfriedens, sondern auch für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zuständig. Ich kann es daher nicht angehen lassen, daß auch noch Gerüchte über einen angeblichen Mord entstehen. Versteht Ihr mich?«
Peter war noch völlig damit beschäftigt, das eben Gehörte zu begreifen und somit zu keiner schnellen Antwort fähig.
Der Richter fügte daher erklärend hinzu: »Was ich sagen will, ist: Alles deutet auf Selbstmord hin, und wir sollten es dabei belassen. Wir werden den Dieb finden und ihn zur Rechenschaft ziehen. Aber niemandem kann daran gelegen sein, einen Mord zu verfolgen, für den es nicht den geringsten Anhalt gibt.«
Peter konnte im Augenblick nur an das weitere Schicksal Jakobs denken, nicht an das, was bisher schon mit ihm geschehen war.
»Soll das heißen, wir sollen den Toten wieder in den Fluß werfen, wie es die Meute fordert? Das könnt Ihr nicht wollen. Das dient dem Frieden nicht.«
»Was schlagt Ihr vor?«
»Gebt mir die Erlaubnis, Jakob nach Hause zu bringen und für ein christliches Begräbnis zu sorgen.«
»Meinetwegen, solange Ihr damit nicht den Säckel der Stadt belastet. Ob Ihr allerdings einen Geweihten des Herrn findet, der einen Selbstmörder einsegnet, erscheint mir zweifelhaft.«
»Das laßt nur meine Sorge sein«, entgegnete Peter beinahe zu ruppig. Aber der Richter konnte die Leidenschaft des jungen Mannes verstehen.
»Dürfte ich Euch noch um ein Schreiben bitten, damit die abergläubische Bande nicht wieder über uns herzufallen versucht?«
»Ich kann Euch nicht bestätigen, daß er kein Selbstmörder ist, aber ich will gerne dafür sorgen, daß Ihr freies Geleit habt.«
Konrad Diener rief seinen Schreiber herbei und diktierte ihm ein paar Zeilen, aus denen hervorging, daß der Inhaber dieses Schreibens berechtigt war, die Leiche von Jakob Krinner in seine Heimatgemeinde Wolfratshausen zu bringen und hierbei unter höchstrichterlichem Schutz handelte. Er händigte Peter das Schreiben aus und ermahnte ihn dabei, nichts Unüberlegtes zu tun. »Wenn Ihr in dieser Sache zu neuen Schlüssen und Ergebnissen gelangt, erwarte ich, daß Ihr zu mir kommt.«
Peter nickte stumm und ging zur Türe, wo er sich mit kurzer Verneigung empfahl. Fast schon draußen, hörte er den Richter rufen: »Ehe ich’s vergesse…« Peter wandte sich um und schaute den Richter fragend an. »Ihr solltet es Euch nicht zur Angewohnheit werden lassen, in meinem Namen zu sprechen.« Der gestrenge Konrad Diener lächelte. »Nun geht!«
Peter grinste und wischte schnell hinaus, während sich der Richter nachdenklich das Kinn rieb. Er wußte nicht genau warum, aber er hatte etwas übrig für den jungen Mann. Obwohl er in mancher Hinsicht noch reichlich naiv und in seinen Entscheidungen keineswegs gefestigt erschien, war dies doch das Vorrecht der Jugend, und er durfte nicht erwarten, daß jemand Standpunkte und Zusammenhänge in seine Überlegungen miteinbezog, von denen er noch gar nichts wissen konnte. Hatte nicht er selbst, obwohl erfahrener Richter und seit einigen Jahren im Dienste des Königs und der Stadt, gelegentlich noch das Gefühl, zwischen allen Stühlen zu sitzen, und beschlichen nicht auch ihn dann und wann Zweifel? Und manchmal gäbe er etwas darum, noch so impulsiv wie die Jugend entscheiden zu dürfen und das Gefühl – nicht Recht, Taktik und Zwänge – zur Richtschnur seines Handelns zu machen. Der junge Peter Barth hatte Herz und Verstand, und was noch wichtiger war, er wußte beides zu gebrauchen. »Und…« – sagte Konrad Diener lächelnd zu sich selber – »er ist ein hartnäckiges Bürschchen. Der Junge wird’s noch zu was bringen.«
Nach der Unterredung mit dem Stadtrichter ging Peter hinaus zur Lände, um seine Arbeit zu tun und Paul zur Seite zu stehen, falls neuer Ärger entstand. Es ging jedoch alles seinen gewohnten Gang. Ein Teil der Münchner Flößer war morgens bereits aufgebrochen, um Waren flußabwärts zu transportieren, was von München ab ausschließlich ihr Recht war. Andere waren unterwegs in den Sundergau und ins Oberland, um Floßbäume anzukaufen und Waren zu übernehmen. Die meisten der Teilnehmer an dem morgendlichen Tumult hatten sich inzwischen verzogen und gingen wieder ihren Geschäften nach oder wiegelten anderswo abergläubische Mitbürger auf. So deutete nichts auf erneuten Sturm hin, bis plötzlich zwei Männer an den Holzlegen vorbei dem Stück Lände zustrebten, das bevorzugt für die Weinlieferungen ausgewiesen war. Es waren Ludwig Pütrich und Konrad Peitinger, angeregt ins Gespräch vertieft.
Paul stieß seinen Freund mit dem Ellbogen an: »Da schau hinüber! Der Teufel mit dem Beelzebub.«
»Gegen den Bruder des Alten kannst du doch nichts sagen. Erinnere dich an die Worte des Dekans vom letzten Sonntag: Richtet nicht vorschnell, damit ihr nicht selbst gerichtet werdet!«
Paul schnaubte verächtlich. In dieser Frage folgte er lieber seiner Menschenkenntnis, als der Ermahnung eines Pfaffen.
Die beiden Männer waren inzwischen bei den Fässern angekommen, die man heute morgen abgeladen hatte. Es war streng verboten, Wein an der Lände zu verkosten oder gar zu verkaufen. Erst am Marktplatz durfte angestochen werden. Aber der Kaufmann wollte sich offenbar persönlich von der Anzahl der Fässer überzeugen und ob sie ordentlich versiegelt waren.
Peter überlegte, ob der Peitinger es als willkommene Gelegenheit sah, sich im Schutze des einflußreichen Kaufmanns wieder an die Lände zu wagen, oder ob Pütrich darauf bestanden hatte, so daß er gar nicht anders konnte. Egal, er war da und wirkte auf so manchen wie Purpur auf den Stier.
Ulrich Hiltpurger hatte noch gestern in weiser Voraussicht und unter Androhung von Strafe die Floßmeister und Knechte ermahnt, sich jeglicher Händel mit dem Peitinger zu enthalten, da er Amtmann sei und als solcher höchstens verklagt werden dürfe. Mit seiner Ermahnung hatte der Floßmeister besonders einen im Sinn gehabt: Leonhart Küchlmair war ein baumlanger Kerl mit einem mächtigen Kreuz und einem Paar Hände, die einen Floßbaum beinahe umfassen konnten. Er hatte das Gesicht eines Engleins und Kraft und Verstand eines Ochsens. Bei den Flößern hieß er nur Leonhart, der Isarstier. Er war gutmütig bis zur Vertrotteltheit, was manche weidlich ausnutzten. Doch wenn ihn etwas reizte, ließ er sich selbst von der eigenen Mutter kaum mehr bändigen und das kam ungefähr so häufig vor, wie die Fliege den Arsch einer Kuh besucht.
Leonhart hatte nach einem Besäufnis mit gepflegter Rauferei auch schon manche Nacht in der Schergenstube verbracht, und einmal hatte er sogar schon mit der Eselskappe an der Schandsäule gestanden. Er war ein Kind im Körper eines Bären.
Pütrich und Peitinger schickten sich eben an, zur Stadt zurückzukehren, als einer der Knechte zu sticheln anfing: »Hier stinkt’s doch plötzlich ganz gewaltig. Riecht ihr’s nicht auch?«
Sofort standen drei, vier Burschen daneben und bekräftigten: »Und wie… pfui Teufel… nicht zum Aushalten…«
Einer wurde besonders keck und verstellte den Weg. »Judas und der Pharisäer. Ein feines Paar. Wieviel haben sie dir denn gezahlt für deinen Verrat?«
Das war Konrad Peitinger zuviel. Er stieß den Burschen heftig zur Seite, um sich den Weg freizumachen. Der stürzte und stieß dabei so unglücklich mit dem Hinterkopf an einen der Holzstöße, daß er benommen liegen blieb. Das war für Leonhart gleichsam die Fanfare zum Sturm. Er packte den Pfleger mit der linken Hand am Gewand über der Brust und riß ihn hoch, bis dieser kaum mehr auf den Zehenspitzen stand.
»Bürschchen, rühr du noch einmal einen Knecht an. Zerdrücken sollt’ man dich, du Laus! Ich würd’ dir am liebsten dein Schandmaul einschlagen, daß sämtliche Zähne davonspringen…« Er hatte schon die geballte Rechte erhoben, als glücklicherweise Ludwig Pütrich dazwischenging und fast gleichzeitig Peter und Paul den Wütenden zurückzogen.
»Aber, aber, meine Herren, ich bitte Euch, kein Streit!« Pütrich schob den Pfleger zurück, während Peter und Paul mäßigend auf Leonhart einredeten. Peitinger ordnete seinen Rock und verschoß wütende Blicke, sagte aber nichts.
»Nach den bedauerlichen Vorfällen der letzten Tage soll doch nicht noch mehr Unheil geschehen«, fuhr der Kaufmann besänftigend fort. »Es hätt’ nicht soweit kommen dürfen, daß der arme Ferg sich erhängte. Aber wer konnte das voraussehen. Viel lieber wäre mir gewesen…«
»Vielleicht hat er sich gar nicht erhängt«, warf Paul trotzig ein, dem die versuchte Anbiederei des Kaufmanns zuwider war.
»Ah, ja? Wie meint Ihr das?« Ludwig Pütrich zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
»Vielleicht hat’s ihm jemand abgenommen«, mutmaßte Paul.
»Hat man denn etwas gefunden, was darauf hindeuten könnte?« wandte sich Pütrich jetzt an Peter, den er für den Zugänglicheren hielt.
»Ich wünschte, es wär’ so, damit man den oder die Mörder zur Rechenschaft ziehen könnte.«
»Fragt doch den da!« Der gestürzte Knecht hatte sich inzwischen wieder aufgerappelt und zeigte wütend auf seinen Angreifer. »Ihr habt doch gesehen, wie er aus heiterem Himmel auf mich losging. Er wird auch den Jakob auf dem Gewissen haben.«
»Halt das Maul!« schrie Peitinger mit wutverzerrtem Gesicht, von Pütrich zurückgehalten, als er sich erneut auf den Burschen stürzen wollte.
»Schweigt jetzt still, Mann! Nehmt Euch zusammen!« Der Kaufmann blitzte den Pfleger erbost an. »Schrecklich, schrecklich«, fuhr er gleich darauf kopfschüttelnd und wieder mit sanfter Stimme fort. »Soviel Unglück. Der Ferge hat sicher nichts Übles gewollt.« Er wandte sich wieder an Peter. »Aber Gesetz ist nun mal Gesetz. Das versteht Ihr sicher. Trotzdem fühle ich mich in irgendeiner Weise schuldig und möchte helfen, wenn ich nur könnte.« Er nahm eine Börse vom Gürtel und hielt sie Peter hin. »Dem Toten kann es das Leben leider nicht zurückgeben, aber den Lebenden kann es sicher nützen in ihrer Not. Möchtet Ihr dies Geld der Familie zukommen lassen?«
»Blutgeld!« raunzte Paul.
Peter war einen Augenblick unschlüssig, dachte dann aber, daß es der Familie nach dem Tod ihres Ernährers tatsächlich schlechtgehen würde und nahm das Geld. »Die Witwe selbst soll entscheiden, ob sie die Hilfe annimmt oder zurückweist. Dank Euch einstweilen.«
Der Kaufmann deutete lächelnd eine kurze Verbeugung an, wandte sich um und verließ die Lände, den Peitinger vor sich herschiebend.
Noch ehe Paul ein Wort sagen konnte, kam ihm Peter zuvor: »Nein, sag jetzt nichts, bitte! Die Familie wird’s wahrscheinlich wirklich brauchen.«
Paul schwieg, aber es war ihm anzusehen, daß er eine Menge zu sagen hätte. Nach einer Weile – Paul hatte sich schon wieder seiner Arbeit zugewandt – kam Peter nochmals auf ihn zu: »Sag mal, wie hast du denn das gemeint, vorhin?«
»Was?«
»Na, diese Bemerkung, daß jemand dem Jakob das Aufhängen vielleicht abgenommen hat.«
»Ich hab’s aus Wut gesagt, weil ich diese Scheinheiligkeit kaum mehr ausgehalten hab’.«
Peter wollte jetzt nicht auf die feindselige Haltung Pauls dem Kaufmann gegenüber eingehen. »Und? Glaubst du’s?«
»Hm.«
»Mich hat der Richter drauf gebracht. Weißt du, ich hab’ von Anfang an nicht geglaubt, daß sich Jakob selbst umgebracht hat. Ich war nur zu dumm zu fragen: Wer war es dann?«
»Dann muß es einen Mörder geben«, folgerte Paul richtig.
»Genau!« Peter strahlte seinen Freund an, als hätten sie das Rätsel soeben schon gelöst. Aber die Freude entsprang mehr dem Gefühl, daß sie wieder auf einer Seite standen, gemeinsam eine Sache verfolgten.
»Und wenn schon«, schob Paul sofort wieder eine Wolke vor Peters aufgehende Sonne. »Was könnten wir schon tun? Unseren Posten verlassen, herumziehen und einen geheimnisvollen Mörder suchen, über den wir nicht das Geringste wissen? Das ist das Geschäft Konrad Dieners und seiner Knechte.«
Doch Peter hatte jetzt angebissen. »Wir wissen zumindest, wer der Tote ist. Wir nehmen mit Sicherheit an, daß er ermordet wurde. Und er hatte irgend etwas mit den Pütrichs und dem Peitinger zu schaffen oder die mit ihm. Das ist doch für den Anfang schon eine ganze Menge.« Peter lachte, während Paul ihn ansah, als hätte er soeben den Verstand verloren.
»Und wenn wir Augen und Ohren offenhalten, dann wissen wir vielleicht bald schon mehr.«
»Oder stecken in den schönsten Schwierigkeiten«, argwöhnte Paul, der Peters plötzlichen Eifer noch nicht teilen mochte und eher an die Erfahrung glaubte, daß es selten zu etwas Gutem führte, wenn jemand seinen angestammten Platz verließ und Höheres verfolgte.
»Ich denke«, gab Peter jetzt gleich die nächste Zielsetzung aus, »wir sollten uns als erstes einmal die Leiche gründlich ansehen.« Genau das hatte Paul nicht vorgeschwebt. Wenn er sich jetzt zur Wirtschaft begäbe, dann sollten dort auf ihn ein knuspriges Stück Fleisch und frisches Bier warten und nicht eine Leiche, bei deren Anblick einem der Appetit vergehen konnte.
Aber Peter war gnadenlos entschlossen. »Komm mit!« Er zog ihn lachend an seinem Rock. »Ich brauch’ dich!«
Paul schickte einen ergebenen Blick zum Himmel, zuckte mit den Schultern und setzte sich seufzend in Bewegung. Er hatte gesagt: »Ich brauch’ dich.« Wie könnte er da seinem Schützling widerstehen.
Jakobs Leiche lag inzwischen in einer kleinen Kammer im Hinterhof aufgebahrt, und Agnes und Elsbeth hatten wahre Wunder an ihr vollbracht. Das Haar war geordnet, der Kiefer zurechtgeschoben. Die Aufgedunsenheit war zwar nicht zu verbergen, aber das Gesicht wirkte weitaus weniger entstellt. Die Frauen hatten die zerfetzte Kleidung aufgeschnitten und den ganzen Körper gewaschen und vom Schmutz befreit. Dabei hatten sich auch etliche vertrocknete Blutreste und Krusten über den zahlreichen Schrammen gelöst, so daß der Tote jetzt weit weniger zerschunden erschien.
Peter zog das Tuch, das die Leiche bedeckt hatte, nun ganz fort und betrachtete sie aufmerksam. Es wollte ihm nichts Ungewöhnliches auffallen, und Paul hatte schon von Anfang an den Eindruck vermittelt, als hätte er genug gesehen.
»Wenn Jakob sich nicht erhängt hat, sondern umgebracht wurde, dann müßten wir doch eine Wunde finden oder einen Hinweis darauf, irgend etwas… komm, hilf mir!« Peter versuchte, den Toten auf die Seite zu drehen, um den Rücken untersuchen zu können.
Sie sahen dunkle, blau-violette Totenflecke, wo das Blut zusammengeflossen war, dazwischen helle Haut, wo der Körper aufgelegen hatte. Aber nichts, gar nichts deutete darauf hin, daß ein Messer oder eine andere spitze Waffe ihren Weg zwischen die Rippen gefunden und den Tod verursacht haben könnte. Sie ließen die Leiche wieder auf den Rücken gleiten.
»Und wenn ihn jemand wie einen Hund erschlagen hat«, überlegte Paul nüchtern. Sie betasteten den Schädel, den Nacken… nichts. Es war keine äußere Verletzung zu finden.
Mehr zufällig stachen Peter eine Reihe seltsamer Hautveränderungen ins Auge, entlang der Seite, auf die sie die Leiche eben gerollt hatten. Sie sahen aus wie Wunden, die ein winziges Messerchen verursacht hatte, zum Teil auch wie kleine, an den Rändern zerfressene Löcher.
»Wofür hältst du das?« fragte Peter aufgeregt.
»Ratten«, beschied ihn Paul knapp. »Im Kerker kannst du dies jeden Tag sehen.«
Mit einer Mischung aus Neugier und Entsetzen starrte Peter seinen älteren Freund an. Er wußte offenbar noch längst nicht alles über dessen bewegtes Leben.
»Aber hier, das ist eigenartig.« Paul wollte die Arme des Toten wieder vor der Brust kreuzen, als sein Blick auf eine breite, braun-rote, lederartig vertrocknete Abschürfung fiel, die schräg über die Oberseite des linken Handgelenks verlief. Sie betrachteten die Hände genauer und fanden eine ähnliche Verletzung an der Unterseite des rechten Handgelenks.
»Aber natürlich!« Peter legte die Hände gekreuzt übereinander. »Man hat ihm die Hände gefesselt, und Jakob muß kräftig dagegen gescheuert haben. Das beweist aber doch, daß er sich nicht selber erhängen konnte. Erhängt…« Peter stutzte einen Augenblick, starrte auf den Hals des Toten. »Es ist kaum etwas von Spuren eines Stricks zu sehen. Wenn jemand eine ganze Weile baumelt, dann müßte das doch deutlich…« Er tastete an den Hals der Leiche, fuhr mit den Fingerspitzen ein paar strichförmig mit Blut unterlaufene Hautstellen entlang und stieß an der Stelle des Kehlkopfes auf ein wabbeliges Etwas. »Mein Gott, man hat ihn erwürgt, nicht?«
Paul nickte stumm. »Es muß jemand mit wahren Pranken gewesen sein.«
»Der Strick, natürlich, er wurde nachträglich irgendwie verknotet, damit es so aussehen sollte, als ob…« Obwohl die Sache nun klar schien oder vielleicht gerade deshalb, stieg in Peter unbändige Wut hoch. »Dieses Schwein, dieses gottverdammte Schwein«, fauchte er und ballte dabei die Fäuste so fest, daß sie schmerzten.
»Komm!« Paul deckte die Leiche zu, legte den Arm um Peter und führte ihn in die Gaststube.
Die beiden Männer saßen eine Weile wortlos da und tranken langsam, in kleinen Schlucken ihr Bier. Sie waren ein Stück vorangekommen, aber Peter konnte augenblicklich keine Freude darüber empfinden. Zu sehr schmerzten ihn die Bilder, als er sich ausmalte, was mit Jakob geschehen war.
Nach einer Weile gesellte sich Agnes zu ihnen. »Jemand hat den armen Kerl erwürgt, soviel ist klar«, gab sie trocken ihre Ansicht kund.
Peter und Paul sahen sich an, keiner sagte ein Wort.
»Aber was ich nicht verstehe, das sind die Briefe oder Botschaften, die Jakob bei sich trug. Hier, du kannst besser lesen und außerdem Latein.« Sie holte zwei Pergamentstücke aus der Rocktasche hervor, entfaltete und glättete sie und schob sie Peter hin.
Das eine von beiden sah ziemlich mitgenommen aus. Die Ränder waren wellig, und die Schrift war an der Knickstelle völlig verwaschen und unleserlich.
Peter las leise vor, was er entziffern konnte:
Rache wird
Tag der Wahl
und des
Izen Zeichen
zähle Buchs
wäge Zahl
und Fluch se
einer Leichen
»Hört sich nicht gerade wie ein Trinklied an«, urteilte Paul nüchtern.
»Was bedeutet das?« wollte Agnes von Peter wissen.
»Ich habe keine Ahnung. Wo hast du das gefunden?«
»Es steckte unter Jakobs Gürtel und fiel mir entgegen, als wir ihm die Kleider auszogen.«
»Und das andere?«
»Ich weiß es nicht«, räumte Agnes ein. »Es lag am Boden. Elsbeth hat es gefunden.«
»Laßt mal sehen, was hier steht:
Cum iudicatur, exeat condemnatus:
et oratio eius fiat in peccatum…
Das ist Latein«, stellte Peter fest und schaute so verwundert, als habe er eben den Stein der Weisen entdeckt.
»Sag’ ich doch«, raunzte Agnes ungeduldig. Sie war zwar nicht sehr geübt im Lesen und Schreiben, und ihre diesbezüglichen Fähigkeiten beschränkten sich weitgehend auf eine ordentliche Führung der Geschäftsbücher. Aber daß es sich hier um Latein handeln mußte, das erkannte sie noch allemal.
»Ich will wissen, was es heißt«, drängte sie.
»Nun, da ist die Rede davon, daß geurteilt wird… nein, wenn Recht gesprochen wird, dann soll… soll er verurteilt werden, und… äh… seine Rede soll… wie heißt das… soll Sünde werden? Hm, ich denke, das ist ein Psalm.«
»Wohl nicht aufgepaßt in der Lateinschule?« Paul lag auf der Tischplatte, den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt und grinste Peter unverschämt an. »Wirst wohl doch kein Prediger.«
Peter warf dem frechen Zweifler einen wütenden Blick zu, »Du kannst ja nicht mal Tinte von Traubensaft unterscheiden. Es ist schwierig. Ich brauch’ eben mehr Zeit.«
»Streitet euch nicht!« mahnte Agnes. »Wo liegt da der Sinn? Das eine so etwas wie ein Fluch, das andere ein Psalm; das geht doch zusammen wie Teufel und Seligkeit.«
»Ein Fluch oder ein Rätsel«, überlegte Peter. »Und vielleicht hat das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.«
»Merkwürdig«, warf Paul ein, der nun wieder ganz bei der Sache war, »das eine Stück Pergament ist nur schwer lesbar, während dem anderen das Wasser anscheinend nichts anhaben konnte.«
»Da fällt mir ein, daß auch die Leiche und die Kleider völlig trocken waren«, bemerkte Agnes. »Das Schriftstück könnte doch einfach so im Faß oder auf der Leiche gelegen haben und fiel zu Boden, als ihr die Leiche herausgezogen habt.«
»Das müßte bedeuten, daß Jakob den anderen Fetzen schon am Leib trug, als er im Wasser trieb, wodurch er so unleserlich wurde.« Peter sagte dies fast erleichtert, denn einen Augenblick lang hatte ihn die Befürchtung erschreckt, der fragliche Fluch könnte gegen Pütrich gerichtet und eine Art Vorsatz gewesen sein, etwas, das es um der Rache willen zu tun gelte oder gegolten habe. So aber konnte dies unmöglich zutreffen.
»Es ist doch sonderbar«, gab Paul zu bedenken, der noch immer über die unterschiedliche Abnützung der beiden Pergamente nachgrübelte, »daß das Faß innen völlig trocken ist, obwohl es unversiegelt in der wilden Isar trieb. Vielleicht will man uns das auch nur glauben machen. Wenn Treibgut in der Isar schwimmt, dann verhängt es sich an Brückenpfeilern, am Wildwuchs der Uferböschung, auf Kiesbänken, am wenigsten aber doch an den glatten Wänden des Ländufers. Vielleicht ragte auch der Balken, der das Faß aufhielt, nicht zufällig ins Wasser. Wenn der Kerl nicht krank gewesen wäre, hätte ich gesagt, der Peitinger hat was damit zu tun.«
»Das eine schließt das andere ja nicht aus. Wir können es nur nicht beweisen.« In Peters Bemerkung schwang unüberhörbar Enttäuschung mit. »Aber wenn es stimmt, dann würde dies doch bedeuten, jemand hätte Interesse daran, daß man den toten Jakob findet, obwohl die ganze Meute versessen darauf war, ihn die Isar hinunterschwimmen zu lassen.«
»Ich versteh’ das alles nicht. Und ich weiß nicht einmal, ob ich’s wissen will. Soviel Haß und Hinterlist, daß es einem grausen möcht’.« Agnes schüttelte angewidert den Kopf, und selbst Peter befürchtete nun, daß mit der Wahrheit vielleicht Dinge ans Licht kämen, die besser nicht der Dunkelheit und dem Vergessen entrissen würden. Zum ersten Mal seit seinem Entschluß, den Vorfällen auf den Grund zu gehen, kamen ihm auch schon leise Zweifel. Sie sollten ihn in den kommenden Tagen noch häufiger beschleichen.
Die fortgeschrittene Stunde und die Ankunft des Kistlers, der den bestellten Sarg aus einfachen Fichtenbrettern brachte, beendeten die Nachforschungen und Überlegungen für diesen Tag. Sie hüllten Jakobs Leiche in das Tuch, betteten sie in die Holzkiste und hoben diese auf den Wagen. Morgen in aller Frühe würde Peter den Jakob heimbringen.
Als sich die Männer wieder dem Haus zuwandten, zupfte eine Kinderhand den Peter energisch am Ärmel. Es war Perchtold, der ältere Bub der Agnes, der ihn flehentlich ansah. »Nimmst du mich mit, morgen?« bettelte er. »Ich möcht’ dich so gern begleiten.«
Peter konnte dem treuherzigen Blick kaum widerstehen, wandte aber ein, daß der Anlaß der Fahrt ein trauriger sei: »Es wird kein Spaß werden, Perchtold, und ich glaube, es wär nicht das Richtige für dich…«
»Bitte! Ich bin auch ganz brav, und ich kann den Wagen lenken und das Pferd füttern und…«
Peter lachte herzhaft ob der Hartnäckigkeit des jugendlichen Freundes. Was konnte er solch verlockenden Angeboten schon entgegenhalten. »Du wirst erst die Mutter fragen müssen.«
»Die hat’s schon erlaubt«, strahlte Perchtold übers ganze Gesicht.
»Na dann, meinetwegen. Aber jetzt ab ins Bett, damit du morgen früh nicht verschläfst!«
Perchtold stürmte mit Freudengeheul ins Haus, als hätte er soeben eine Bande streitsüchtiger Nachbarskinder besiegt.
Und Peter dachte bei sich, daß es vielleicht ganz gut sei, wenn ihn fröhlicher Kindermund vor aufkommender Schwermut bewahrte.