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2. Kapitel

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Im Morgengrauen erhoben sich die Erwachsenen, während die Kinder noch die Vorzüge ihres Akers genießen durften. Das Frühstück bestand nur aus Haferbrei und Wasser, doch Jakob war zufrieden, und kurz nach Tagesanbruch war er wieder unterwegs.

Im Osten deutete sich mit kräftiger Rötung schon die Sonne an, und nur wenige Wolken verstellten ihren Arbeitsplatz. Schon bald nach seinem Aufbruch wechselte Jakob vom Hoheitsgebiet des Abtes von Benediktbeuern ins Werdenfelser Land, in dem der Bischof von Freising, genauer sein Vogt, die Gerichtsbarkeit ausübte. Drei stolze Burgen wachten über das obere Loisachtal: Die Schaumburg hoch über Ohlstadt, Burg Eschenlohe auf steilem Hügel über dem Dorf gleichen Namens und Burg Werdenfels nahe Farchant, die Ritter Marquard von Seefeld hütete.

Je näher Jakob seinem Ziel kam, desto unsicherer wurde er in der Frage, ob er nicht doch besser auf Lies gehört hätte. Nicht wegen ihrer Ahnungen. Er versuchte tapfer, nicht abergläubisch zu sein. Auch nicht wegen des Wetters. Das Wasser des Flusses fiel bereits deutlich. Aber Lies sah die Dinge und Zusammenhänge manchmal einfach klarer, und er fragte sich jetzt, warum er so schnell eingewilligt hatte. Der Kaufmann Pütrich hatte vor ein paar Tagen bei ihm vorgesprochen und erklärt, eine große Ladung Welschwein sei unterwegs nach Scharnitz. Normalerweise würde man die Weinfässer dort aufs Floß umladen und die Isar herab nach München verbringen. Da aber die Isar durch die anhaltenden Regenfälle schon im Oberlauf zu einem reißenden Fluß angeschwollen sei, wagten es derzeit nicht einmal die erfahrenen Oberländer, die felsige Klamm bei Fall am Sulferstein zu durchfahren, wo die tosende Gischt schon bei Niedrigwasser höchste Anforderungen an die Geschicklichkeit der Fergen stellte. Er, Pütrich, gedenke nun, die Fässer auf Maultieren nach Garmisch säumen zu lassen, und dort bedürfe es nur mehr eines tüchtigen Flößers, der die Ladung auf der weitaus handsameren Loisach zunächst bis nach Wolfratshausen und erst ab da auf der inzwischen friedlicheren Isar in die Residenzstadt brächte. Obwohl er nicht ausdrücklich seinen Gefallen vom Frühjahr erwähnte, stand doch unausgesprochen im Raum, was der Kaufmann von ihm erwartete. Und irgendwie hatte sich Jakob ja auch geschmeichelt gefühlt. Aber das schlechte Wetter bestand nicht erst seit kurzem. Hätte man da nicht gleich den sichereren Weg auf Innschiffen von Innsbruck nach Wasserburg und von dort zu Lande nach München wählen sollen? Und warum überhaupt die Eile? Der Wein wäre wegen ein paar Tagen Wartezeit nicht sauer geworden. Zugegeben, ein Kaufmann kalkulierte anders. Für ihn bedeutete Wartezeit Zinsverlust und hohe Lagergebühren. Und je länger der Landweg, um so größer war die Gefahr, von den überall auftauchenden Plackern um die Ware erleichtert zu werden, und entsprechender Geleitschutz kostete wieder Geld. Gleichwie, er hatte sich nun einmal entschieden, und er würde diesen Auftrag zu Ende führen.

Am frühen Nachmittag erreichte Jakob Garmisch, wo ihn sein Weg zuerst in die Kirche von St. Nikolaus führte. Der sanfte Heilige galt als Schutzpatron der Flößer und Seeleute, was vielleicht daran lag, daß man sich von ihm erzählte, er habe sich schon als Säugling im ersten Badewasser erhoben und sei wacker gestanden und solches konnte einem Flößer, der oft auf wackeligen Balken im Wasser festen Stand suchte, nur zum Vorbild gereichen. Jakob dankte ihm für den unbeschadet überstandenen Hinweg und bat den großen Fürsprecher um Schutz für den Floßritt am nächsten Tag.

Anschließend begab er sich schnurstracks zur Floßlände, um sich beim Ländpfleger zu melden und den Zusammenbau seines Floßes in die Wege zu leiten.

»Grüß Euch, Meister Jakob! Wir haben Euch schon erwartet. Das Kaufmannsgut ist vor zwei Tagen eingetroffen, und ich soll’s Euch übergeben.«

»Habt Dank, Meister Heimprecht. Sagt, was ist denn Eure Meinung zum Fluß?«

»Nun ja, ich möcht’s mal so sagen: Wenn jetzt der Bischof von Freising mich bitten tät’, ihn hinab ins Hochstift zu flößen, ich tät’ mich schön bedanken. Konrad der Sendlinger ist ein vornehmer und einflußreicher Mann, und ich hätte doch Angst, daß es ihm seine samtenen Schuh und seinen Purpurrock allzusehr aufweicht. Und wenn mein eigener Sohn jetzt auf die Idee käm’, ein Floß nach München zu steuern, dann tät’ ich ihm sagen: Lern’s erst gescheit! Aber wenn es sein muß, und wenn es eilt, und der Loisach-Jakob steigt aufs Floß, dann hab’ ich keine Bedenken.« Er schmunzelte und klopfte Jakob anerkennend auf die Schulter. »Du mit all deiner Erfahrung, das wird schon geh’n, da bin ich mir ganz sicher.«

Meister Heimprecht war zum vertrauten Du übergegangen. Sie mochten sich und Jakob schätzte an ihm die gerade Art, wenn man ihn um Rat und Meinung fragte.

»Aber Jakob, es gibt ein Problem. Der Leonhard, den du alleweil als Styrer mitnimmst, hat sich vorgestern auf der Ganter seinen Fuß verknackst, und sein Sohn will ohne seinen Vater nicht fahren, nicht einmal als Drittferg. Ich kann dir sonst niemanden mitgeben. Den anderen ist’s noch zu gefährlich oder der Zunftmeister hat sie schon belegt. Aber vor zwei Tagen, bei den Fuhrleuten, da war ein junger, kräftiger Bursch. Sagt, er suche Arbeit und hätt’ Erfahrung mit der Flößerei. Ist wortkarg, aber macht keinen schlechten Eindruck. Ich kenn’ ihn nicht, aber in der Not paßt auch der Teufel ans Ruder.«

Jakob war alles andere als erbaut darüber. Jetzt würde er wahrscheinlich auch noch Ärger mit der Zunft kriegen, und mit einem völlig Fremden auf schwere Fahrt zu gehen, das wäre schon eine gefährliche Verrücktheit. Aber was würde ihm schließlich anderes übrigbleiben.

»Laß uns noch die Bäume aussuchen, bevor ich Brotzeit mach’.« Sie gingen zum Ganterplatz, wo die schlanken Fichten gestapelt lagen, die zu mächtigen Flößen verbunden wurden. Für eine Floßtafel, das G’stör, brauchte man zwischen zwölf und zwanzig Stämme, je nach Dicke. Die Breite des Gefährts durfte sechzehn Schuh nicht überschreiten. Sie bestimmte sich aus der Breite der Brückenbögen und vor allem aus der Naufahrt, der Fahrrinne im Fluß, die es mit viel Kosten und Mühen immer wieder freizuhalten galt. Der Münchner Rat hatte extra eine Eisenstange als Maß anfertigen lassen, und jede Lände sollte sich einer solchen Stange bedienen.

Nach der Auswahl der Stämme gönnte sich Jakob eine kurze Rast, während die Knechte des Ländmeisters schon darangingen, mit Stangen die schweren Stämme ins Rollen zu bringen, um sie über Bretterrutschen den schrägen Hang hinunter ins ruhigere Uferwasser gleiten zu lassen. Es rumpelte und krachte wie naher Donner und spritzte jedesmal hoch auf, wenn die schweren Ungetüme wie erstarrte Riesenschlangen ins Wasser eintauchten. Es war eine gefährliche Aufgabe, denn jeder einzelne Stamm hatte schon ein enormes Gewicht, und wer den rollenden Holzsäulen zu nahe kam, der war dem Himmel näher als der nächsten Floßfahrt. Bis zum Bauch im Wasser stehend, verbanden die Knechte die Stämme fest mit geflochtenen Weidenruten, die dem Gefährt einerseits den nötigen Halt gaben, ihm aber doch soviel Beweglichkeit ließen, daß es die Schläge der Wirbel und Wellenkämme ausgleichen konnte. Später griff Jakob selbst zur Floßhack, dem wichtigsten Werkzeug des Flößers. Was dem Ritter sein Schwert, das war dem Flößer seine Hacke, oft über Generationen vom Vater auf den Sohn vererbt, mit einem eigenen Zeichen versehen. Jakob schlug damit vorne, im Mittelstück und hinten Kerben quer in die Stämme, in die die Aufbundrochen gelegt und mit den Längsbäumen verbunden wurden, um dem Gefährt zusätzliche Stabilität zu verleihen.

Am frühen Abend prüfte Jakob zusammen mit dem Ländmeister noch die Fässer auf Inhalt und Vollständigkeit. Das Verladen und Vertäuen konnte er den Auflegern unter Aufsicht von Meister Heimprecht überlassen. Er selbst begab sich in die nahe Schenke auf der Suche nach dem beschriebenen Fremden. Er fand ihn beim Würfeln unter den Floß- und Fuhrknechten und winkte ihn zur Seite. Der Fremde saß breitschultrig da, hatte kurzgeschorene, blonde Haare, und aus dem offenen Gesicht leuchteten zwei gewitzte und unternehmungslustige, blaue Augen. Jakob selbst war mittelgroß und vom Körperbau her eher drahtig als massig. Als der Fremde sich erhob und herüberkam, fühlte Jakob sich wie der Zwerg im Lande der Riesen. Dieser Hüne konnte das Floß ja nach München tragen.

»Ich bin Jakob Krinner aus Wolfratshausen. Der Ländpfleger sagte mir, Ihr sucht Arbeit.«

»Ganz recht.«

»Habt Ihr Erfahrung?«

»Ich bin auf dem Inn viel gefahren und ein paar Mal die Isar entlanggerutscht, als Drittferg und als Styrer.«

»Der Fluß bietet zur Zeit kein leichtes Brot. Es ist harte und gefährliche Arbeit.«

»Mir ist nicht bang.« Der Fremde ließ lachend seine Muskeln spielen.

»Es ist nicht nur Schmalz in den Armen nötig, auch Schmalz im Hirn. Man muß den Fluß lesen können, sein wildes Spiel durchschauen, seine Tücken erkennen.«

»Oh, wie Ihr seht, versteh’ ich mich auf ein munteres Spielchen.« Er deutete lächelnd mit dem Kopf in Richtung der würfelnden Knechte.

War der Fremde etwas zu sorglos und oberflächlich oder nur selbstsicher und gut gelaunt? Jakob war sich nicht sicher.

»Ich glaubte, aus Eurer Sprache den harten Kehllaut des Tirolers herauszuhören. Habt Ihr dort kein Auskommen oder mußtet Ihr aus anderen Gründen fort?«

»Ihr hörtet recht. Ich stamme von Bergbauern im Eisacktal. Aber der karge Hof ernährt nicht alle. Ich soll Euch im übrigen von Herrn Pütrich grüßen. Er gab mir den Rat, mich an Euch zu wenden. Und wenn Ihr jemanden sucht, der harte Arbeit nicht scheut, dann könnt Ihr auf mich zählen.«

»Soso, der Herr Pütrich.« Jakob wußte nicht recht, ob er allmählich auf den Kaufmann, der sich anscheinend um alles kümmerte, argwöhnisch werden oder ob er froh sein sollte, daß sich alles so gut fügte. Immerhin wirkte der Fremde nicht unsympathisch, hatte auf die direkte Frage nach der Herkunft ohne Umschweife geantwortet, und wenn er schon auf einen Drittfergen verzichten mußte, dann kam dieser Riese nicht ungelegen. Jakob entschied sich für ihn.

»Wie ist Euer Name?«

»Roland.«

»Roland, wenn Ihr mit harter Arbeit und kargem Lohn zufrieden seid, dann schlagt ein.«

»Ich bin Euer Mann.«

Jakob bestellte zwei Becher Wein, um auf die Absprache zu trinken, sich etwas näher kennenzulernen und noch ein paar Kommandos für die Fahrt zu besprechen. Schließlich verabredeten sie, im Morgengrauen abzulegen. Wenn alles gutging, dann könnten sie morgen schon den größten Teil der Strecke zurücklegen. Und Jakob war jetzt überzeugt, daß alles gutgehen würde.

In der Morgendämmerung, kaum daß sich Umrisse und Schatten zu Gestalten aus Fleisch und Blut und zu lebendigen Bildern verdichteten, erschien Roland bei der Lände, gut gelaunt und ganz offensichtlich berstend vor Tatendrang. Sie teilten sich rasch ein Stück Brot und einen Krug frisches Wasser und stiegen dann unverzüglich aufs Floß, wo Jakob während des Ablegens noch ein kurzes Stoßgebet an Sankt Christophorus richtete. Man wußte, wer morgens sein Bild ansah oder seiner gedachte, der war für diesen Tag geschützt vor plötzlichem Tod, durch den der Sünder ohne Reue und Sakrament vor den Schöpfer berufen wurde. Langsam nahm der hölzerne Koloß Fahrt auf, unterstützt vom Ländhüter, der mit dem langen Flößerhaken das Gefährt vom Ufer wegdrückte.

»Auf geht’s Roland!« rief Jakob dem Styrer zu, »und daß du mir nicht fluchst und ins Wasser spuckst!« Die freundliche Ermahnung war nicht ganz ernst gemeint, aber im Zunftrecht wurde immerhin gefordert, daß bei Fluchen und gotteslästerlichen Reden fünf Pfennige in die Zunftbüchse zu entrichten seien. Und mit dem Spucken gefährdete man in erster Linie sich selbst, denn mit der Spucke, so hieß es, schwimme die Gesundheit davon.

Kaum war das Floß aus dem noch ruhigeren Wasser an der Lände in den Hauptstrom gedriftet, als der Fluß auch schon gehörig schob, so als wollte er diese unerbetene Last sofort wieder los sein und sie entweder augenblicklich zurück ans Ufer werfen oder möglichst rasch an Schwester Isar weiterreichen, um sich danach aufs neue selbstverliebt dem Tanz der eigenen Wellen und Wirbel hingeben zu können. Aber Jakob war nicht gewillt klein beizugeben und dem Fluß seinen Willen zu lassen. Als Floßmeister und verantwortlicher Ferg stand er am vorderen Ruder, wo er mit geübtem Blick jedwedes Hindernis erkennen und möglichst rasch darauf reagieren mußte. Die eigentliche Fahrrinne war kaum mehr auszumachen, weil der Fluß schon zu beiden Seiten an der Uferböschung nagte. So konnte manch spitzer Fels, der nur am zarten Kräuseln oder einem leichten Wirbel an der Wasseroberfläche zu erahnen war, zum tödlichen Verhängnis werden, wenn seine scharfen Kanten die Weidenstricke zerfetzten und das Floß der Länge nach auseinanderriß. Aber Jakob hatte Erfahrung und Geschick genug, die rechte Linie zu finden. Er rief seine Kommandos nach hinten, und der Styrer setzte das Ruderblatt seinen Anweisungen entsprechend. Die Verständigung klappte gut, als hätten sie schon viele Fahrten gemeinsam durchgeführt, was Jakob sehr beruhigte.

Sie flogen an den Burgen und Dörfern des Loisachtales vorbei. Wenn sie Stromschnellen und Wirbel durchpflügten, spritzte die Gischt hoch auf und rollte über die Balken. Im ganzen aber verlief die Fahrt ruhig, und noch ehe die vierte Stunde des Tages zu Ende ging, folgten sie schon dem großen Bogen, den der Fluß wie eine Verbeugung vor dem Kochelsee vollführte, bevor er in diesen einmündete. Ihre rasche Fahrt wurde nun erheblich abgebremst, und sie mußten sich mächtig ins Zeug legen, denn der See wollte durchrudert sein, und bald ächzten die Männer mit dem Knirschen der Rudersäulen um die Wette. An der Nordostseite des Sees drängte die Loisach wieder in die Ebene hinaus. Aber sie tat dies etwas wirr und vielarmig, so daß es jedesmal einem kleinen Abenteuer gleichkam, auf Anhieb den Hauptstrom zu erwischen. Doch danach schien der Fluß ein gutes Stück erwachsener geworden zu sein, und sein Lauf nach Norden erfolgte merklich ruhiger.

Der Himmel zeigte sich jetzt von seiner besten Seite. Nur mehr vereinzelt taumelten kleine, weiße Wölkchen wie schwebende Federbällchen vor dem strahlenden Blau. Die Menschen jener Tage liebten das Farbenspiel und prachtvolle Inszenierungen. So nimmt es nicht wunder, daß die mächtigen Grafen von Bogen dieses majestätische Bild als weiß-blaue Wecken in ihr Wappen aufgenommen hatten und daß es die Wittelsbacher, als sie das aussterbende Geschlecht der Grafen beerbten, gerne übernahmen.

Wenig später legte sich ein bewaldeter Höhenrücken quer, den die Loisach in einer mächtigen Kehre umfloß. Die Stelle war mit größter Vorsicht und Wachsamkeit zu befahren, zum einen wegen der scharfen Biegung und den unterschiedlichen Strömungen, zum anderen wegen der Kiesaufschüttungen, die das gewaltige Geschiebe des Flusses aufhäufte. Die vielen abgebrochenen Äste und entwurzelten Bäume, die der Fluß mit sich riß und die sich nicht selten verhakten und dann sperrig in den Wasserlauf spreizten, bedeuteten zusätzliche Gefahr. Die Männer stemmten sich kräftig gegen die Ruder, und kurz darauf hatten sie die gefährliche Stelle passiert.

Jetzt kam sogar gelegentlich Heiterkeit auf, und Jakob warf dem Styrer vereinzelt scherzhafte Bemerkungen zu. Der lachte zwar, blieb selber aber wortkarg.

Je näher sie Wolfratshausen kamen, um so drängender wurde die Frage, wo sie nächtigen sollten. Einerseits hätte Jakob nichts lieber getan, als anzuländen und die Nacht bei Lies und den Kindern zu verbringen. Andererseits wollte, nein durfte er das Floß mit seiner wertvollen Fracht nicht eine ganze Nacht lang aus den Augen lassen. Und schließlich, wenn die Fahrt weiterhin so zügig und reibungslos verlief, konnten sie heute noch ein gutes Stück über Wolfratshausen hinauskommen, was den Vorteil hatte, daß sie am morgigen Tag frühzeitig in München ankämen. Jakob könnte dann rasch seine Geschäfte abwickeln und vielleicht noch am selben Abend zurück sein. Schweren Herzens entschied er sich für die vorteilhaftere Lösung, besprach sich aber noch mit seinem Styrer. Der Riese Roland schien keinerlei Müdigkeit zu verspüren und sprach sich entschieden für ein Weiterfahren bis Schäftlarn aus. So sollte es denn sein.

Die zahlreichen Windungen der Loisach erforderten wieder erhöhte Aufmerksamkeit, und als sie zur Stunde des Abendläutens in rascher Fahrt den Markt Wolfratshausen passierten, da blieb kaum Zeit, mit den Augen das Ufer abzusuchen. Zwar war es wenig wahrscheinlich, daß Lies und die Buben gerade jetzt nach ihm Ausschau hielten, doch drückte er das Floß so nahe ans Ufer, als es eben noch gefahrlos ging. Er schwenkte seinen Hut und winkte, als ob die Seinen dabei wären, gerührt der Kinderschar zu, die ihr wildes Herumtollen für einen Augenblick unterbrochen hatte, um das Schauspiel des vorbeigleitenden Floßes fröhlich zu begrüßen.

Gleich darauf ging es auf den Isarspitz zu, wo die Loisach ihr Wasser und alles, was sie mit sich führte, der Isar übergab. Im Mündungsdelta waren große Kiesbänke aufgeschüttet, von denen jetzt nur die obersten Buckel aus dem Wasser ragten, umspült von Wirbeln und Strudeln. Jakob hielt die Augen scharf auf die Wasseroberfläche gerichtet. Als mit einem Mal ein kräftiger Schub das Gefährt erfaßte, konnte er sicher sein, daß die größere Schwester das Regiment übernommen hatte. Isara rapidus, »die Reißende«, so hatten sie nicht ohne Grund schon die Altvorderen genannt, und ungestüm gestaltete sie die Landschaft stets aufs neue. Wie die stolze Bürgersfrau stets auf neue Kleider aus war, so suchte sich die Isar laufend ein neues Bett, indem sie Altarme wie abgetragene Röcke aufgab und Geröll und Kies entschlossen umherschob, bis sie mit dem neuen Stromverlauf zufrieden war. Zur Linken wurde das Spielfeld des Flusses durch das Steilufer begrenzt, auf dem auch der Flößersteig zurückführte. Zur Rechten dehnte sich breit und langgezogen ein riesiger Auwald, der bevölkert wurde von Kuckuck und Pirol, von Reb- und Birkhühnern, von Hasen und Füchsen, Bisamratten und Dachsen. In den Aufschüttungen siedelte sich eine Vielfalt von Gräsern und Büschen an. Von besonderer Bedeutung war der Wacholder, der sowohl Trockenheit als auch die häufigen Überflutungen ertrug, dessen Beeren heilende und abwehrende Kräfte besaßen und mit dessen Holz böse Geister ausgeräuchert wurden. Zwischen den Gräsern trippelten Regenpfeifer und Rohrsänger, während die Flußschwalben in waghalsigen Sturzflügen auf Beutejagd gingen. Die wilde und beeindruckende Schönheit konnten die Flößer freilich nur eingeschränkt genießen, da zum einen die Jagd auf den Wellen ihre Aufmerksamkeit erforderte und sich zum anderen bald die Türme von Kloster Schäftlarn am linken Ufer zeigten. Die Klosterlände lag schon in stiller Ruhe und unbeaufsichtigt vor ihnen. Jakob vertäute mit seinem Gehilfen das Floß an den Schrickpfählen, suchte sich einen Rastplatz und packte sein Abendbrot aus. Er war ziemlich müde und wollte sich bald aufs Ohr legen. Roland hingegen schien keine Anstalten in dieser Richtung zu unternehmen. Er teilte im Gegenteil Jakob mit, daß er noch in den nahen Ort gehen und in der dortigen Schenke etwas essen wollte.

»Was müßt Ihr Euch denn noch bis ins Dorf plagen? Setzt Euch und langt zu.« Jakob wäre bereit gewesen, sein Brot mit dem Steuermann zu teilen. Doch dies allein schien es nicht zu sein.

»Habt Dank, Meister Krinner! Es ist nicht Stolz, der mich Euer Angebot ausschlagen läßt. Ich will nur die Gelegenheit nützen und mich im Dorf umhören. Ich kenne die Gegend nicht und wüßte gern, wie es um Arbeit bestellt ist. Seid so gut und beschreibt mir den Weg.«

Dieser seit dem Aufbruch in Garmisch mit Abstand längsten Rede konnte Jakob schwerlich etwas entgegenhalten, und er beschrieb ihm den Weg zur Schenke von Weikenried, die am Schnittpunkt mehrerer Wege und an der wichtigen Landstraße von München nach Süden lag. Hier verkehrten Reisende und Fuhrleute, Händler und Pilger, Soldaten und Gesindel, und es gab daher stets Neuigkeiten zu erfahren.

»Es geht steil den Hang hinauf und Dreiviertel einer Wegstunde werdet Ihr schon brauchen. Mich tät’ heut keiner mehr hinaufbringen.«

»Macht Euch darum keine Sorgen«, erwiderte der Kraftprotz lachend, »ich bin rechtzeitig zurück und der Arbeit soll’s nicht schaden.«

Es dämmerte, würde aber noch eine gute Stunde hell bleiben. Jakob genoß die friedliche Abendstimmung am Fluß, während er sein Nachtmahl verzehrte. Die Hitze des Tages war einer erfrischenden Brise gewichen, und nur die Schwärme lästiger Blutsauger störten ein wenig die Idylle. Das bleiche, erst zur Hälfte sich zeigende Antlitz des Mondes leuchtete mit zunehmender Dunkelheit immer kräftiger über dem Rand des Steilufers. Jakob schnitt ein paar Zweige ab und bereitete sich neben den Holzstößen ein bequemes Lager, nicht so warm und weich wie an der Seite von Lies, aber annehmbar. Er empfahl sich und seine Lieben dem Herrn, hüllte sich in seinen Mantel und schlief alsbald den Schlaf des Gerechten.

Irgendwann in der Nacht schreckte er hoch. Jemand mußte gestolpert sein. Er hörte einen leisen Fluch und kurz darauf ein Plätschern. Sein erster Blick galt dem Floß, das sanft auf den Wellen schaukelte. Alles schien ruhig. Gleich darauf ein Rascheln in der Uferböschung, und jetzt sah Jakob auch den riesigen Schatten: Es war Roland, der von seinem Erkundungsgang zurückkam und sich im Gebüsch erleichterte. Jakob war beruhigt und hatte nichts weiter zu fürchten. Er stellte sich schlafend, doch der Schlaf selbst wollte sich so schnell nicht wieder einstellen. Dem beträchtlichen Stück Himmel nach, das der Mond inzwischen durcheilt hatte, mußte es weit nach Mitternacht sein. Warum kam der Steuermann erst jetzt zurück? Was hatte er solange getrieben, und hatte nicht schon die erste Begegnung am Spieltisch stattgefunden? Nein, Jakob durfte nicht vorschnell urteilen. Schließlich wäre Roland nicht der einzige Flößer, der einen guten Trunk zu schätzen wußte, und ein bärenstarker Kerl wie er, der konnte auch etwas vertragen. Ob jemand seine Arbeit rechtschaffen machte, darauf kam es an, und dies würde sich bei Tagesanbruch zeigen. Allmählich glitt Jakob wieder in unruhigen Schlummer, bis er beim ersten Morgengrauen erwachte. Er weckte den schnarchenden Riesen, was erst nach kräftigem Schütteln gelang.

Er sieht nicht gut aus, dachte Jakob, als sein Gehilfe ihn nach einer Weile mit wäßrigen, rotgeränderten Augen ansah. Er roch nach abgestandenem Bier. Keiner von beiden sagte etwas. Jakob glaubte nicht das Recht zu haben, ihm jetzt schon Vorwürfe zu machen. Er wollte abwarten und packte schweigend seinen Rucksack zusammen. Nach einem wortlosen, kargen Frühstück begaben sich beide aufs Floß. Während der Floßmeister das vordere Ländseil löste, fiel sein Blick zufällig auf einen hellen Fleck im taufeuchten Gras in der Nähe des Busches, den der Styrer in der Nacht gewässert hatte. Er bückte sich rasch danach und hob ihn auf. Es war ganz offensichtlich ein zusammengefaltetes Stück Pergament. Ein flüchtiger Blick bestätigte, daß es beschrieben war, aber Jakob konnte nicht lesen. Das Floß trieb bereits vom Ufer weg und zerrte an der Leine, die sein Lenker noch in der Hand hielt. Es war höchste Zeit für ihn aufzuspringen und das Ruder zu übernehmen. Das Pergament steckte er einstweilen kurzerhand unter den Gürtel. Ob es dem Styrer gehörte? Wenig wahrscheinlich, denn sicher konnte er ebensowenig lesen. Wenn es eine Mitteilung oder irgendeine schriftliche Aufzeichnung für die Mönche war, dann war es jetzt zu spät. Es hatte sich noch keiner der Brüder an der Lände blicken lassen. Einerlei. In München konnte er das Geschriebene entziffern lassen und es dann dem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben. Bis dahin war die sichere Fahrt das einzig Wichtige, um das er sich zu kümmern hatte. Der Frühnebel hatte sich noch kaum gehoben, und feuchter Dunst lag über dem Ufergestrüpp. Wohl deshalb waren auch kaum Vogelstimmen zu hören. Nur ein paar Stockenten und ihre aufgeregt schnatternden Jungen schienen mit dem Floß um die Wette schwimmen zu wollen.

Bald nach Kloster Schäftlarn verengte sich das Flußtal, und die Isar schien merklich reißender zu werden. Es ging auf die Schlucht zu unterhalb der Burg von Baierbrunn.

Plötzlich tauchte vor dem Floß erst schemenhaft, dann immer deutlicher, ein riesiger Felsbrocken auf, der die Fahrrinne zu versperren schien.

»Aufgepaßt, da vorn, das ist er!« schrie Jakob nach hinten. Er hatte seinem Steuermann noch vor der Fahrt vom großen Heiner erzählt. Es war ein gewaltiger Nagelfluhfelsen, wohl an die zehn Ellen mächtig, der vor undenklichen Zeiten vom Steilhang ausgebrochen und ins Wasser gerollt sein mußte, um dort jetzt den Flößern Leben und Arbeit schwerzumachen Böswillige erzählten, der Teufel selbst habe einen Knöchel geopfert und ihn ins Wasser geworfen in der Hoffnung, die Fergen würden bei dem Felsen jedesmal so gotteslästerlich fluchen, daß er die armen Seelen der Ertrunkenen gleich einsammeln konnte. Doch der höllische Schlaumeier hatte sich verrechnet, denn bei dem ehrfurchtgebietenden Ungetüm im Wasser war den Flößern allemal das Beten näher als das Fluchen.

»Heiliger Nikolaus, hilf du!« Die inständige Bitte war kaum verklungen, als sie den Felsen auch schon erreicht hatten. Jetzt ging alles ganz schnell. Während das Wasser sie nach rechts trieb, direkt auf den Felsen zu, versuchten die Männer mit aller Kraft dagegenzuhalten. Breitbeinig gegen die Floßbäume gestemmt, zogen sie an den zerrenden Rudern, Muskeln und Sehnen zum Zerreißen gespannt. Augenblicke später schoß das knirschende Floß, nur eine Handbreit entfernt, an dem kantigen Felsen vorüber.

»Gott sei Dank! Glücklich vorbei!« rief Jakob nach hinten. Und selbst der unerschrockene Hüne schien erleichtert aufzuschnaufen und nickte seinem Arbeitgeber lächelnd zu. Jetzt konnten die Männer wieder etwas entspannen und wenn sie schließlich kurz vor München noch die Isarüberfälle bei Thalkirchen meisterten, dann war die Fahrt so gut wie überstanden. Jakob freute sich darauf, bald wieder zu Hause zu sein und war jetzt froh darüber, daß er die schwierige Aufgabe angenommen hatte, die ihm langfristig noch von Nutzen sein konnte. Er malte sich in Gedanken bereits den guten Lohn, die Anerkennung des Kaufmanns und nachfolgende Aufträge aus.

Oha, ich sollt’ nicht übermütig werden. Vor lauter Vorfreude und Träumen wären wir bald zu weit nach links gedriftet. Jakob rief sich selbst zur Ordnung. Die Isar vollführte eine große Biegung nach rechts, die aber unschwer zu durchfahren war. Zwei, drei kräftige Ruderschläge, und das Vorderteil des Floßes ruhte wieder in der Fahrrinne.

Herrgott, ist das Floß schwer. Warum kommt es nicht herüber? So sehr sich Jakob auch mühte und ins Zeug legte, die Spitze des Floßes zeigte uferwärts, ja sogar mehr denn je. Verdutzt schaute der Floßführer nach hinten und mußte – als hätt’ ihn ein Floßbaum getroffen – feststellen, daß sein Steuermann das Ruder genau entgegen seiner Anweisung gesetzt hatte.

»Heiliger Nikolaus! Andersrum! Druck! Druck dagegen!« Jakob schaute wieder nach vorn aufs Wasser, um die Korrektur der Fahrtrichtung zu beobachten. Doch es änderte sich nichts. Das Floß schoß in rasender Fahrt kerzengerade aufs Ufer zu, wo es in wenigen Augenblicken zerschellen mußte.

»Roland, bist närrisch! Willst uns umbringen? Das ist kein Spiel!« rief Jakob verzweifelt nach hinten. Doch der Styrer hielt unerschütterlich das schwere Gefährt auf verderblichem Kurs. Und als Jakob sich mit vor Entsetzen geweiteten Augen erneut umsah, blickte er in ein teuflisches Grinsen. Urplötzlich fielen ihm die Worte von Meister Heimprecht ein: »In der Not paßt auch der Teufel ans Ruder.«

Das… das kann doch nicht seinHerr im Himmel, was hab’ ich verbrochen? Hilf mir! Seine Finger umklammerten krampfhaft die Ruderstange, und er starrte wie gebannt nach vorne. Er hätte aus Leibeskräften rudern müssen und war doch wie gelähmt. Gleich mußte es krachen, würden seine hochfliegenden Träume zerbersten. Im Bruchteil eines Augenblicks zogen die letzten Tage an ihm vorüber, sah er Gesichter: Die weinende Lies… die schlafenden Kinder… ein berechnender Kaufmann… ein grinsender Teufel…

»Neiiin!« Mit einem quälenden, langgezogenen Schrei fuhr er herum und sah eben noch eine wirbelnde Bewegung und herabsausenden Stahl. Die plötzliche, instinktive Drehung verhinderte zwar, daß ihm die Schneide von des Styrers Hacke den Schädel spaltete, aber der fürchterliche Hieb schmetterte ihn auf die Floßbäume. Er schlug hart an der Kante auf und rollte durch die Wucht vornüber ins Wasser, wo das Floß malmend und knirschend über ihn hinwegfuhr. Jakob versank in einem Strudel aus Isar und Ewigkeit.

Der Wachsmann

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