Читать книгу Ikarus fliegt noch - Sabine Kampermann - Страница 10

Frida

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Thomas verabschiedete sich am nächsten Morgen mit einem einzigen Satz: „Ich wandere aus, nach Amerika, und packe noch heute meine Sachen.“

Anschließend füllte er einen Rucksack mit wenigen Habseligkeiten, drückte sich stumm an der Mutter vorbei und lief über den Hof.

Draußen in der Morgenfrische tauchte er in den beklemmend dichten Morgennebel ein. Vor Fridas Augen verschwand er in den Schwaden. Der Nebel verschluckte ihn, nicht einmal mehr seinen Umriss konnte sie erkennen.

Der Vater hielt ihn nicht auf. „Wie willst du die Überfahrt bezahlen? Du kommst nicht weit und bist bald wieder hier. Was wollen wir wetten? Werde zuvor ein Mann, Junge“, rief er ihm hinterher.

Die Verachtung in der Stimme ließ Frida frösteln. Der Nebel lichtete sich etwas, sie erkannte die Umrisse des Bruders. Thomas schüttelte wortlos den Kopf.

Erst in dem Moment, als er den letzten Zipfel des elterlichen Grundstücks verließ, blieb er stehen, drehte sich um und schrie: „Ich habe im Buchladen genug verdient, Euer Geld brauche ich nicht. Behaltet es! So wie Ihr mein Geld behalten habt. Ich habe Euch weiß Gott genug gezahlt.“

Frida hörte am Tonfall, wie ernst er es meinte. Sie und alle Geschwister außer Thomas duzten den Vater. Schließlich gehörten sie nicht dem Adel an. Der Vater legte ohnehin wenig Wert auf „vornehmes Getue“, was er stets betonte, wenn Frida Elsis Familie erwähnte.

„Dieses Fräulein setzt dir bloß Flausen in den Kopf“, bemerkte er dann, wobei er das Fräulein verdächtig rollte.

Die Mutter weinte und lief Thomas nach. Frida konnte sie nicht trösten. Sie kämpfte gegen die eigenen Tränen an und folgte ihr schweigend.

„Was wirfst du deinem Vater da an den Kopf, Sohn?! Nimm es zurück, auf der Stelle! Wie lange hast du von meinem Geld gelebt? Das Trinkgeld des Buchhändlers kannst du dagegen vergessen“, brüllte der Vater über den Hof hinweg. „Du schuldest mir was, du schuldest mir viel. Du ahnst gar nicht, wie viel.“

Frida durchfuhr ein kalter Schauder. In ihrem Beisein hatte er Thomas zum ersten Mal Sohn genannt.

„Leugne nur, was ein Sohn dem Vater entgegenbringen sollte! Das macht es bloß schlimmer. Deine Schuld tilgt es auf keinen Fall.“

Thomas hatte ihn zwar immer mit Respekt angesprochen, aber niemals Vater genannt. Zumindest konnte sie sich nicht erinnern. Der Bruder schwieg. Doch was dieses Schweigen sagte, ahnten wohl alle.

Sämtliche Geschwister und sogar der Vater waren inzwischen hinausgelaufen in den Nebel. Er stand dem Sohn nun gegenüber, fast so nah wie bei einer Umarmung. Aber dazu würde es nicht kommen. Nie und nimmer.

Die Nebelschwaden lösten sich nun endgültig vom Boden und verzogen sich, während Thomas sich den Angehörigen zuwandte. Sein Haar wirkte neben dem blonden Schopf des Vaters noch dunkler als sonst. Nie war Frida die fehlende Ähnlichkeit von Vater und Sohn derart ins Auge gesprungen.

Sie starrte beide an. Konnte es sein, dass … Nein, die Mutter war fromm und anständig. Niemals hatte sie einen anderen Mann auch nur angesehen, geschweige denn mit einem geflirtet, ihre Mutter nicht. Aber wusste der Vater das? Glaubte er …?

Thomas schritt langsam auf die Mutter zu und drückte sie lang und heftig. Eine einzelne Träne schlich sich an seiner Wange hinab. Unmissverständlich forderte er sie auf, ihm nicht weiter zu folgen und verabschiedete sich anschließend von ihr. Sie weinte noch immer und schleppte sich gebeugt wie eine Greisin ins Haus zurück.

Er blickte ihr nach, bis die Tür ins Schloss fiel, schulterte dann das leichte Gepäck und eilte in Richtung Bahnhof davon. Bevor er abbog und außer Sichtweite verschwand, drehte er sich noch einmal zu Frida um und lächelte sie an. Die traurigen Augen erreichte das Lächeln nicht.

„Irgendwann hole ich dich nach, versprochen. In Amerika kannst du es als Schneiderin weit bringen. Oder als Modemacherin“, sagte er und warf ihr einen Luftkuss zu.

Sie überlegte nicht lange, sah dem Vater ins mürrische Gesicht und lief los.

„Du bleibst hier“, schrie der Vater, „oder du kannst etwas erleben!“

Sie blieb nicht stehen und drehte sich nicht um. Seine folgenden Worte verstand sie nicht mehr. Sollte er doch lamentieren, bis ihm die Luft ausging, oder den Stock benutzen. Was dachte sie da! Der Vater war doch der Größte! Zumindest war er der Größte gewesen.

Sie rannte weiter. Wenigstens wollte sie dem Schiff nachblicken und so in Erinnerung behalten, was ihr den Bruder fortnahm. Nur war das unmöglich. Nicht einmal zum Hafen konnte sie ihn begleiten, nur zum Bahnhof. Denn trotz allem musste sie ihre Pflichten erfüllen.

Vor Kurzem noch hatte sie gewünscht, er würde nicht hier im Dorf verkümmern. Sie sollte sich für ihn freuen. Nur tat diese Entfernung weh. Wenn er erst fort war, wann würde sie ihn wiedersehen? Würde sie ihn überhaupt jemals wiedersehen? Sie wünschte sich einen Mann, der sie mit nach Amerika nahm und ihr die Freiheitsstatue zeigte.

Rasch holte sie Thomas ein und schritt langsam neben ihm her. Die Rufe des Vaters verstummten endlich.

Am Bahnhof legte ihr der Bruder kurz eine Hand auf die Schulter. Sie spürte den zärtlichen Druck. Doch als sie ihn an sich ziehen wollte, machte er sich eilig los, als ob ihm die Luft ausginge, und sagte: „Ich schreibe.“

Das war alles. Das war doch nicht möglich! Es war möglich. Ihr fehlten die Worte. Die Worte, um ihre Wehmut und ihre Geschwisterliebe auszudrücken, waren noch nicht erfunden worden.

Sie winkte dem Zug nach, bis er in den Nebelresten verschwand, und betrachtete versonnen die Gleise. Sie gleißten in der Morgensonne und blendeten sie. Die Tränen verbiss sie sich auch in diesem Moment.

Schließlich blickte sie in den Himmel. Die Wolken schichteten sich über ihr auf und erleichterten sich schlagartig, als sie sich mit schweren Schritten auf den Heimweg machte.

Dem Vater begegnete sie nicht, als sie tropfnass zu Hause ankam. Sie fragte auch nicht, wo er war. Die Mutter weinte noch immer.

Ikarus fliegt noch

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