Читать книгу Friesenrache - Sandra Dünschede - Страница 10
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Оглавление»Puh, hast du nicht gesagt, Barne wohne quasi gleich um die Ecke?« Tom zog den Reißverschluss seiner Jacke auf. Ihm war durch den Marsch warm geworden. Haie legte allerdings auch ein Tempo vor, bei dem die beiden Freunde kaum mithalten konnten. Es schien, als habe er es eilig. Auf Toms Klagen reagierte er lediglich mit einem verständnislosen Blick.
Das reetgedeckte Backsteinhaus lag etwas abgeschieden von der Straße. Durch eine kleine hölzerne Gartenpforte gelangten sie in einen gepflegten Garten, in dem unter einem Apfelbaum eine weiße Friesenbank stand. Pralle, rote Äpfel hingen schwer an den Ästen und lockten zum Zugreifen. Tom lief geradezu das Wasser im Mund zusammen.
An der in Friesenfarben gehaltenen Klönschnacktür hing ein Anklopfer aus Messing. Haie griff nach dem metallenen Henkel und ließ ihn laut gegen das Holz der Tür schlagen. Nichts. Er klopfte erneut. Wieder nichts.
»Scheint niemand da zu sein«, bemerkte Tom, ging zu einem der niedrigen Sprossenfenster und spähte hindurch. Innen war alles landestypisch eingerichtet. Schwere alte Eichenmöbel, eine große Standuhr mit Messingpendel, Bilder mit Schiffmotiven und ein riesiger Kachelofen.
»Oh, wie schön«, entfuhr es Marlene. Sie war neben ihn getreten und blickte nun ebenfalls in Barnes Wohnzimmer.
»Ihr könnt doch nicht einfach in fremde Leute Häuser spähen!«
Haie war hinter die beiden getreten. Trotz seiner tadelnden Worte beugte er sich jedoch selbst ein wenig vor, um besser sehen zu können, was sich hinter dem Fenster verbarg.
»Na, da hat er sich aber mal anständig was geleistet! Früher hat er eher bescheiden gelebt!«
Marlene drehte sich zu ihm um und fragte, wie er das meine. Die Einrichtung sei hübsch, aber sicherlich nicht exklusiv.
»Was meinst du denn, was das alles hier gekostet hat?« Haie trat einen Schritt zurück und fuchtelte wild mit seinen Armen herum. Die Versicherungssumme von Birthe musste beachtlich gewesen sein.
»Egal«, unterbrach Tom seine Ausführungen über Barnes Vermögensstand, »er ist jedenfalls nicht da. Was machen wir jetzt?«
»Dann müssen wir eben später wiederkommen«, stellte Marlene folgerichtig fest, »schließlich wollten wir ja mit Barne sprechen.«
»Ich latsch auf keinen Fall den ganzen Weg noch mal hierher!«, maulte Tom.
Haie verdrehte die Augen, schlug dann aber vor, sich Fahrräder auszuleihen. Gleich in der Nähe vom Hotel hatte er einen Fahrradverleih gesehen. Als ambitionierter Radfahrer hatte er allerdings hehre Ziele.
»Wir könnten eine Inselumrundung unternehmen.«
Tom, der sich an seine Radtour mit Marlene auf Amrum vor circa zwei Jahren erinnerte, bei der sie ihm beinahe davongeradelt war, zeigte wenig Begeisterung.
»Um die ganze Insel? Bei dem Wind?«
Marlene lachte ob seiner Argumente. »Komm, Schatz, so weit ist das nun auch wieder nicht. 37 Kilometer wirst du ja wohl schaffen. Und Wind ist hier oben im Norden nun wirklich keine Ausrede – den hast du hier fast immer.«
Der Fahrradverleih lag nur wenige Straßen entfernt von ihrer Unterkunft. Auf einer Art Vorhof standen die unterschiedlichsten Räder. Mountainbikes, Kinderfahrräder, BMX-Räder, Tandems.
Haie entschied sich für ein baugleiches Modell seines eigenen Drahtesels, während Tom und Marlene das Experiment Tandemfahrt wagen wollten. Keiner von beiden hatte je zuvor auf solch einem doppelten Gefährt gesessen, und so gestalteten sich die ersten Meter als äußerst wackelig und unkoordiniert. Doch schon bald hatten die beiden einen gemeinsamen Rhythmus gefunden und traten kräftig in die Pedale, sodass selbst Haie als geübter Radfahrer Mühe hatte, dem vorgelegten Tempo Paroli zu bieten.
Sie folgten dem Weg hinterm Fährhafen am Deich entlang. Der Mann vom Fahrradverleih hatte ihnen den Weg um die Insel knapp beschrieben. »Immer am Meer entlang, dann kommen Sie irgendwann automatisch wieder hier an.«
Anfänglich kamen sie zügig voran. Nur ab und an behinderten einige Schafgatter ihre Fahrt. Aber bereits nach kurzer Zeit hatten sie eine ausgefeilte Taktik zur Überwindung dieser Hindernisse ausgearbeitet. Immer wenn sie in absehbarer Entfernung einen Zaun ausmachten, drosselten Tom und Marlene ihr Tempo und ließen den Freund vorausfahren. Haie, dem das Auf- und Absteigen von seinem Drahtesel weitaus weniger Probleme bereitete, sprang kurz vor dem Gatter aus dem Sattel, öffnete es und ließ die beiden passieren. Nach etwa fünf Toren beherrschten sie dieses Szenario so perfekt, dass sie geradezu nach der nächsten Schafssperre Ausschau hielten.
Nach gut zehn Kilometern endete allerdings der geteerte Weg.
»Und was nun?« Tom blickte etwas ratlos auf den holprigen Pfad, der sich an der Außenseite des Deichs entlangschlängelte.
Haie stieg von seinem Fahrrad ab und schob es den Deich hinauf.
»Hier ist auch kein Weg!«, rief er ihnen von der Deichkrone aus zu. Er stieg wieder auf und ließ sich die Anhöhe hinunterrollen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihre Fahrt über die beschwerliche Buckelpiste fortzusetzen. Die Schafe am Deich schauten den ungewohnten Passanten neugierig hinterher.
»Mensch, ich kann nicht mehr. Halt mal an«, stöhnte Tom bereits nach wenigen Hundert Metern, bremste und stieg ab. Das Vorankommen auf dem durchnässten Gras war kräftezehrend. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Mist, Schafscheiße!«
Haie und Marlene grinsten.
»Was gibt’s denn da zu grinsen? Ihr habt bestimmt auch schon welche unter euren Schuhen!«
Es war ganz offensichtlich heute einfach nicht sein Tag.
»Du führst dich auf wie so’n typischer Städter«, gluckste Marlene. »Is’ so windig. Gibt’s keinen ordentlichen Weg? Schafscheiße, iii…! Hast du sonst noch was zu nörgeln?«
Tom schaute verärgert auf, während er versuchte, das Malheur von seinen Schuhen im Gras zu beseitigen. Er wusste auch nicht, was mit ihm los war. Eigentlich war er sonst nicht so empfindlich. Vielleicht lag es an dem Anruf, den er letzte Woche erhalten hatte. Monika, seine Exfreundin, hatte seine neue Handynummer herausgefunden und ihn angerufen. Er war total überrascht gewesen, hatte gar nicht gewusst, was er sagen sollte. Die Beziehung war seinerzeit etwas unglücklich auseinandergegangen.
Als Tom Marlene kennenlernte und sich Hals über Kopf in sie verliebte, war er eigentlich mit Monika zusammen gewesen. Er verschwieg damals jedoch seine Beziehung und stürzte sich stattdessen in ein wildes Abenteuer.
Als er dann nach München zurückkehrte, machte er Schluss mit Monika, zog nach Risum-Lindholm, wechselte seine Handynummer und beantragte eine Geheimnummer für den Festnetzanschluss. Marlene erzählte er, es gäbe einen verärgerten Kunden und er wolle nicht, dass dieser ihn ständig anrief und belästigte. In Wahrheit hatte Monika ihm eine Riesenszene gemacht, und er befürchtete, sie könne ihn mit Anrufen bombardieren. Er wollte Marlene ja von ihr erzählen, aber irgendwie hatte er nie den richtigen Zeitpunkt gefunden. Und inzwischen hatte er die ganze Sache derart verdrängt, dass er damit wunderbar leben konnte. Bis zu ihrem Anruf.
»Ich finde das nicht komisch. Überlegt lieber, wie wir hier wieder wegkommen.«
»Ich bin dafür«, schlug Marlene vor, »die Räder den Deich rauf und notfalls querfeldein zur nächsten Straße zu schieben. Weit kann es nicht sein. So groß ist die Insel ja nicht.«
Thamsen hatte mit seinen Kindern an einem Tisch am Fenster Platz genommen. Um die Mittagszeit war in der kleinen Gastwirtschaft im Allgemeinen meist wenig Betrieb. An der Theke saßen lediglich zwei weitere Gäste und diskutierten angeregt über das anstehende Fußballspiel des örtlichen Vereins, welches am Nachmittag stattfinden sollte.
»Die Niebüller schlagen wir ja wohl noch allemal!«, tönte einer der Männer und nahm einen kräftigen Schluck Bier aus dem Glas, das vor ihm auf dem Tresen stand.
Der Wirt brachte die Karte, und Thamsen bestellte sich Schweinerücken mit Bohnen und Kartoffeln; die Kinder entschieden sich für Wiener Schnitzel mit Pommes. Während sie auf das Essen warteten, erzählten Timo und Anne ihm das Neueste aus der Schule. In der Klasse seiner Tochter gab es seit den Sommerferien eine neue Mitschülerin.
»Hanife heißt sie und kommt aus der Türkei«, erzählte sie stolz.
»Das ist doch nichts Besonderes«, fiel Timo seiner kleinen Schwester ins Wort. »Bei uns ist seit drei Tagen ein Austauschschüler aus Wisconsin. Scott heißt er, und nächstes Jahr in den Osterferien besuche ich ihn in den USA.«
Dirk Thamsen schaute seinen Sohn überrascht an.
»Mama hat’s erlaubt!«, antwortete Timo, ohne dass sein Vater überhaupt eine Frage gestellt hatte.
»So, und weiß Mama denn überhaupt, wo Wisconsin liegt? Oder was hast du ihr erzählt?« Er konnte sich gut vorstellen, dass seine Exfrau ihm diesbezüglich in den Rücken gefallen war und ohne mit ihm zu sprechen, Timo die Reise bereits erlaubt hatte. Er würde sich jedoch von ihr nicht gängeln lassen. Die Kinder lebten schließlich bei ihm. Da hatte er wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden.
»Darüber reden wir noch mal«, sagte er deshalb und konnte schon jetzt am Gesichtsausdruck seines Sohnes erkennen, dass es bei diesem Thema noch zu heftigen Diskussionen kommen würde.
Doch zunächst einmal war die Angelegenheit ad acta gelegt, denn das Essen wurde serviert, und sie langten kräftig zu. Die Speisen schmeckten vorzüglich. Der Koch hatte reichlich aufgefüllt, und Thamsen hatte Mühe, seinen Teller zu leeren. Seine Kinder hingegen bestellten sich nach dem Hauptgericht noch einen Nachtisch. Sie können es vertragen, beruhigte er sich angesichts der Mengen, welche die beiden vertilgten. Während die beiden ihr Eis löffelten, stand er auf und ging zur Toilette. Als er zurück in den Gastraum kam, blieb er kurz an der Theke stehen.
»Ich hab da mal eine Frage.«
Die beiden Männer und der Wirt schauten ihn misstrauisch an.
»Ich ermittle im Todesfall Kalli Carstensen.« Die Blicke der anderen verfinsterten sich, doch ansonsten gab es keine weitere Reaktion.
»Ich hab gehört, dass es hier am Dienstagabend immer einen Stammtisch gibt?« Kopfnicken.
»Und Kalli Carstensen war am Dienstagabend hier?« Wieder Nicken. Thamsen spürte, dass er mit derartigen Fragen nicht weiterkam, und änderte seine Taktik.
»Wie standen Sie denn zu dem Verstorbenen?«, sprach er den Wirt an.
Der wirkte angesichts der direkten Ansprache durch den Kommissar verdutzt.
»Ich?«, fragte er deshalb nach und tippte mit seinem Zeigefinger an seine Brust.
Diesmal war es Thamsen, der lediglich durch ein Nicken antwortete.
»Ja«, der Wirt kratzte sich verlegen am Kopf, »was soll ich da sagen?« Er blickte die beiden Gäste am Tresen an, die sich krampfhaft an ihren Biergläsern festhielten.
»Der Kalli war ein Gast wie jeder andere. Kam immer dienstags hier zum Stammtisch, ab und zu auch mal zwischendurch. Hat immer seine Zeche gezahlt. Sonst kann ich dazu nichts sagen.«
»Und wer war sonst noch bei diesem Stammtisch?«
Der Befragte nannte eine Reihe von Namen. Thamsen notierte alle auf seinen kleinen Schreibblock, den er immer bei sich hatte. Rund zehn Personen trafen sich regelmäßig am Dienstagabend in der Gastwirtschaft. Bei dem einen oder anderen Bier tauschte man die Neuigkeiten aus dem Dorf aus und spielte dabei hin und wieder Skat oder Doppelkopf. Auch vergangene Woche hatten einige der Männer zusammengesessen. Kalli Carstensen sei auch dabei gewesen.
»Ist etwas Ungewöhnliches vorgefallen? Gab es vielleicht Streit?«
Alles sei wie immer gewesen, sagte der Wirt, und seine Gäste bestätigten das. Man habe etwas getrunken, geredet und Karten gespielt. Gegen Mitternacht hatte sich die Runde langsam aufgelöst. Ob sie mitbekommen hätten, als Kalli Carstensen gegangen sei.
Sie nickten.
»War er in Begleitung?«
Ole Jessen und Manni Thiele hätten mit ihm zusammen die Gastwirtschaft verlassen. Alle seien wie immer zu Fuß gewesen und gemeinsam aufgebrochen. Die Strecke, welche die Männer miteinander zurückgelegt hatten, war jedoch nicht besonders lang. Nur wenige Schritte von der Gastwirtschaft entfernt trennte sich bereits ihr gemeinsamer Heimweg. Ole Jessen und Manni Thiele wohnten ein Stück die Dorfstraße entlang Richtung Lindholm, und Kalli Carstensen hatte ja in den Koog hinausgemusst.
»Und dahin ist er auch gegangen?«
Der Gastwirt zuckte mit den Schultern. »Da müssen Sie Ole und Manni schon selbst fragen.«
Thamsen machte sich hinter den beiden Namen auf seiner Liste einen Vermerk.
»Und wie gut kennen Sie den Bruder, Friedhelm Carstensen? Kommt der auch zum Stammtisch?«
Die drei Männer winkten fast gleichzeitig ab. Der Bruder des Verstorbenen habe die Gastwirtschaft nie betreten, wenn auch nur die geringste Chance bestanden hatte, Kalli über den Weg zu laufen.
»Wegen dem Streit um den Nachlass?«, hakte Thamsen nach.
Die Erbstreitigkeiten seien lediglich das i-Tüpfelchen auf das langjährige schlechte Verhältnis der beiden gewesen. Auch vor dem Tod der Mutter waren die beiden Brüder nicht gut aufeinander zu sprechen gewesen. Worauf das zurückzuführen sei, darüber konnte allerdings keiner der Anwesenden eine Auskunft geben.
»Aber der Kalli hat auch kein gutes Haar an dem Friedhelm gelassen«, räumte der Gastwirt ein, und die beiden anderen bestätigten seine Aussage. Sein Bruder sei halt ein Versager, pflegte Kalli Carstensen stets zu sagen. Eine Schande für die Familie. Zu nichts hätte er es gebracht, sei immer noch der kleine Bäckergehilfe, der ganz kleine Brötchen backte.
Thamsen nickte. Die Angaben des Wirts deckten sich mit der Aussage Friedhelm Carstensens, dass es seinem Bruder immer nur ums Geld gegangen war. Anscheinend hatte es für den Toten wirklich nur diesen Maßstab gegeben. Er konnte sich vorstellen, wie sehr Friedhelm Carstensen unter den Lästerattacken seines Bruders gelitten haben musste. Wer wurde schon gern als Loser dargestellt? Er fragte, ob sich Kalli Carstensen denn auch über andere Leute aus dem Dorf derart geäußert hätte.
»Ja was glauben Sie denn? Das war ein arrogantes A… Und eins kann ich Ihnen sagen, hier ist keiner wirklich traurig, dass es tot ist!«
Die drei Freunde hatten ihre Fahrräder den Deich hinauf über einen holprigen Feldweg zur nächsten Straße geschoben. Tom hatte natürlich mächtig gestöhnt. Das Tandem wog seiner Ansicht nach mehrere Tonnen und ließ sich nur schwer über die unwegsamen Pfade bewegen.
Nun aber radelten sie die Hauptstraße entlang, vorbei an dem einen oder anderen Gehöft, und genossen dabei die herrliche Landschaft. Föhr machte seinem Beinamen – die grüne Insel – alle Ehre. Links und rechts des Weges lagen saftige Wiesen auf denen schwarz-bunte Kühe grasten, am Horizont erhob sich der Schutzwall der Insel, an dessen Außenseite sie kürzlich noch ihre Fahrradtour begonnen hatten.
Tom und Marlene hatten inzwischen wieder ihr gewohntes Tempo aufgenommen, Haie trat kräftig in die Pedale, um mit den beiden mitzuhalten.
Wenig später erreichten sie Oldsum.
»Ich glaub, mit der Inselumrundung wird das heute nicht wirklich was«, bemerkte er, als sie das Ortsschild passierten. Durch ihren Weg über die Hauptstraße hatten sie sich ein gutes Stück vom Meer entfernt und die Strecke um die Insel erheblich abgekürzt.
»Und?« Tom fand die Abkürzung ihrer Fahrradtour weniger tragisch. »Immerhin hätten wir dieses schnuckelige Friesendorf verpasst, wenn wir immer nur am Deich entlanggefahren wären.« Er bremste langsam das Tandem ab, und sie kamen kurz hinter der gelben Ortsbeschilderung zum Stehen.
»Lass uns doch mal sehen, ob es hier nicht ein kleines Café oder Ähnliches gibt«, schlug er vor. »Ich könnte gut eine Pause vertragen!«
Mitten im alten Ortskern fanden sie ein wenig versteckt ein Galerie-Café. Das alte Reetdachgebäude, welches zu einem kleinen Gasthaus umgestaltet worden war, bot leckere Spezialitäten der Insel an.
Als sie die Gaststube betraten, fielen Marlene sofort die Bilder an den Wänden ins Auge. Interessiert trat sie näher.
»Oh, wie schön«, kommentierte sie eines der Gemälde, das über einer der hölzernen Bänke hing und die Insellandschaft repräsentierte. »Ob man die auch kaufen kann?«
Während Haie sich bereits suchend nach der Inhaberin des Cafés umsah, brachte Tom wieder seine Bedenken zum Ausdruck. Wie sie denn gedenke, das sperrige Bild nach Hause zu transportieren. Doch wohl kaum mit dem Tandem. Außerdem sei ihre Tour ja noch nicht beendet. Eine enorme Wegstrecke galt es nach wie vor zu bewältigen. Marlene ging seine schlechte Laune langsam ziemlich auf die Nerven.
»Vielleicht kann man es sich auch schicken lassen«, hielt sie seinem Argument, das einen Transport des Bildes mit dem Fahrrad ausschloss, entgegen. Trotzig drehte sie sich um und wandte sich an die Dame des Hauses, die inzwischen aus einem Hinterzimmer hervorgetreten war.
»Ich interessiere mich für dieses Gemälde.« Sie deutete auf das Kunstwerk. Die Wirtin, welche eine Küchenschürze mit Zwiebelmuster um die Hüften gebunden trug, folgte ihrem Fingerzeig, schüttelte dann allerdings bedauernd den Kopf.
»Da haben Sie sich wirklich das schönste ausgesucht, aber leider ist es schon verkauft.«
Marlene fing Toms höhnischen Blick auf. Doch so schnell gab sie sich nicht geschlagen.
»Und die anderen Bilder?«
Die Inhaberin antwortete, sie habe ansonsten freie Auswahl. »Das sind alles Bilder ortsansässiger Künstler. Selbstverständlich schicken wir die Kunstwerke auch fachgerecht verpackt an die von Ihnen gewünschte Adresse.« Marlenes Lippen verzogen sich zu einem siegreichen Lächeln.
Während die beiden Männer Platz an einem der Tische nahmen, wanderte sie gemächlich in der Gaststube von einem Bild zum anderen. Interessiert betrachtete sie die Kunstwerke, aber ein anderes als das bereits verkaufte sagte ihr nicht zu. Enttäuscht setzte sie sich zu den beiden, die bereits eifrig in der Speisekarte blätterten. Ihr Blick wanderte immer wieder zu dem hübschen Bild mit den leuchtend kräftigen Farben.
»Wenn Ihnen sonst keines der Werke gefällt«, bemerkte die Wirtin, die an ihren Tisch getreten war, um die Bestellung entgegenzunehmen »es gibt hier in Oldsum noch weitere Galerien. Wir sind nämlich ein wahres Künstlerdorf.«
Marlene nickte begeistert. Sie hatte anscheinend den festen Entschluss gefasst, sich von ihrem Wochenendausflug ein gemaltes Andenken mitzubringen.
»Über meinem Schreibtisch wäre der ideale Platz für solch ein Gemälde«, begründete sie ihr Kaufverlangen. Außerdem würde ein derartiges Bild ihr neues Projekt deutlich unterstützen. Sie untersuchte aktuell am ›Nordfriisk Instituut‹ die Sprache und Kultur der Inselfriesen.
»Fering nennen die Föhrer ihr Friesisch«, erklärte sie Tom und Haie. »Und das Erstaunliche daran ist, dass im Gegensatz zu anderen friesischen Sprachgebieten die Zahl der Friesisch sprechenden Inselbewohner in den letzten Jahrzehnten nahezu konstant geblieben ist. Hier identifiziert man sich deutlich stärker über die Sprache als in anderen Teilen des friesischen Sprachgebietes.«
Haie folgte aufmerksam ihren Ausführungen. Er interessierte sich sehr für die Geschichte der Friesen. War es doch auch ein Teil seiner eigenen Vergangenheit. Besonders aufschlussreich, wenn es um historische Hintergründe seiner Heimat und die Wesensart seiner Vorfahren ging, fand er persönlich auch die zahlreichen regionalen Erzählungen.
»Hast du denn auch schon Literatur zu Oterbaankin?«
»Was ist das denn?«, schaltete sich nun Tom ein, der ebenfalls fasziniert von alten nordfriesischen Geschichten war. Da er als Kind bereits einige Jahre in Nordfriesland gelebt hatte, war auch ihm die eine oder andere Spökenerzählung bekannt. Von Oterbaankin hatte er allerdings noch nie etwas gehört.
»Das sind Unterirdische«, klärte Marlene ihn auf. Die nordfriesischen Sagenstoffe würden sich vor allem um diese aus der skandinavischen Mythologie entstammenden unterirdischen Wesen ranken. Ihr Zuhause seien überwiegend die Nordfriesischen Inseln. Auf Sylt hießen diese koboldartigen Gestalten zum Beispiel Önerreersken.
»Und hier auf Föhr eben Oterbaankin. Aber leider gibt es kaum schriftliche Aufzeichnungen darüber.«
Ihr kulturelles Gespräch fand ein jähes Ende. Die Wirtin brachte ihre Bestellung, und die beiden Männer machten sich hungrig über die eingelegten Heringsfilets her. Sie hingegen stocherte eher appetitlos in dem Blattsalat mit Käseflocken.
»Schmeckt es dir nicht?«, fragte Haie, nachdem er den letzten Bissen seiner Mahlzeit hinuntergeschluckt hatte. Er blickte fragend auf den halb vollen Teller. Marlene, die ganz in ihre Gedanken versunken war, hatte seine letzten Worte nur am Rande wahrgenommen.
»Mhm?« Sie folgte seinem Blick. »Doch, doch! Ich habe nur gerade überlegt, was wir machen, wenn Barne nachher auch nicht daheim ist. Ich meine, wenn er etwas mit dem Tod deines Schulkollegen zu tun hat, dann hat er sich vielleicht für einige Zeit aus dem Staub gemacht. Könnte doch sein, oder?«
Haie hatte gestern Abend ganz ähnliche Gedanken gehegt. Barne kam als Täter durchaus in Betracht. Aber war er, wenn, dann nach dem Mord überhaupt auf die Insel zurückgekehrt? Vielleicht würde er erst einmal untertauchen? Zum Beispiel in Mexiko oder Chile? In den Krimis, die er aus dem Fernsehen kannte, waren das jedenfalls immer beliebte Reiseziele für Verbrecher. Vorsichtshalber hatte er am Morgen bei dem alten Schulkameraden angerufen. Und der war ans Telefon gegangen.
»Und was hast du gesagt?«
»Na gar nichts.«
Als Barne am anderen Ende der Leitung den Hörer abgehoben und seinen Namen genannt hatte, war Haies Hand blitzartig zur Gabel seines Telefons geschnellt und hatte durch ein kurzes Hinabdrücken des schwarzen Hebels die Verbindung unterbrochen. Im Nachhinein war der Anruf vielleicht jedoch ein Fehler, überlegte Haie. Barne könnte jetzt gewarnt sein, obwohl er wahrscheinlich ohnehin damit rechnete, dass man ihn aufgrund seiner Anschuldigungen gegen Kalli verdächtigen würde.
»Aber wäre es nicht besonders klug von ihm, wenn er trotzdem bleiben würde? Ein Verschwinden käme doch einem Schuldeingeständnis gleich«, meinte Marlene.
Haie zuckte mit den Schultern. Solange sie nicht genau wussten, worum es bei der Anzeige gegangen war, mussten sie erst einmal alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Dass es allerdings nur um die unerlaubte Veräußerung von irgendwelchem Versuchsmais gegangen sei, bezweifelte er nach wie vor.
»Du zeigst doch einen alten Freund nicht wegen solch einer Lappalie an«, verteidigte er seinen Verdacht.
»Was heißt denn hier alter Freund?«, warf nun Tom ein. Wenn man dem Gerede der Leute aus dem Dorf nur halbwegs Glauben schenken konnte, dann hatte Kalli Carstensen wohl kaum Freunde gehabt.
»Und was ist mit dem Bruder? So’n Erbstreit ist ja wohl ein starkes Motiv. Ging doch sicher um viel Geld. Den haben wir uns noch gar nicht vorgeknöpft.«
»Um den kümmert sich der Kommissar«, beruhigte Haie den Freund.