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Sie hatten sich für die 8.45-Uhr-Fähre entschieden.

Tom hatte am Abend noch telefonisch zwei Zimmer im ›Kurhaus-Hotel‹ reserviert, während Marlene ein paar Sachen zusammenpackte. Haie war nach Hause gefahren, um die Anschrift von Barne herauszusuchen. Anschließend hatte auch er seine kleine Reisetasche gerichtet und war früh ins Bett gegangen.

Tom stoppte den Wagen vor dem Reetdachhaus in der Dorfstraße, in dem Haie seit der Trennung von seiner Frau zur Miete wohnte. Großzügig, wie der Freund nun einmal war, hatte er seiner Frau das gemeinsame Haus überlassen. Es war ihm zwar nicht leichtgefallen, aber er war damals froh gewesen, seine Ruhe zu haben. Vielleicht war es ein Fehler von ihm gewesen, das Feld so sang- und klanglos zu räumen, aber dafür zahlte er zumindest heute aufgrund der Eigentumsüberschreibung keinen Unterhalt an Elke.

»Er wird doch nicht verschlafen haben?« Tom hupte bereits zum zweiten Mal.

»Mensch, du weckst ja die gesamte Nachbarschaft.« Marlene stieg genervt von seinem Hupkonzert aus und lief zum Haus hinauf.

Haie saugte gerade im Wohnzimmer Staub und hatte aufgrund des Höllenlärms, den sein altersschwaches Gerät dabei erzeugte, Toms Signale nicht gehört.

»Wieso saugst du denn, wenn du eh das ganze Wochenende nicht da bist?«

Der Freund grinste, während er die Maschine abstellte.

»Na das ist eine Einstellung. Das hätte ich mal zu Elke sagen sollen«, entgegnete er, nachdem der Staubsauger endlich verstummt war.

Er räumte das Elektrogerät in die Abstellkammer und griff nach seiner Tasche, die im Flur stand.

»Kommen Sie, schöne Frau«, sagte er zu Marlene und hakte sie unter. »Der Kurbetrieb der grünen Insel erwartet uns bereits!«

Thamsen hatte das Telefon aus der Dienststelle auf seinen privaten Anschluss umgeleitet und sich ein paar Akten mit nach Hause genommen. Wie er seiner Mutter versprochen hatte, kümmerte er sich heute pflichtbewusst um die Kinder, das hieß, er arbeitete von zu Hause aus und hatte Timo und Anne ein Video eingelegt. Eigentlich ließ er die beiden nicht allzu viel fernsehen, aber er brauchte ein wenig Ruhe, um die Berichte durchzugehen.

Da kam es ihm gerade recht, dass die beiden, sobald man den Fernseher anschaltete, meist wie gebannt an der Mattscheibe klebten.

Er goss sich eine Tasse Kaffee ein und setzte sich mit den Akten an den runden Küchentisch. Die schwarze Flüssigkeit dampfte aromatisch, er nahm einen Schluck und schlug den Bericht auf, den er nach Ulf Carstensens Befragung angefertigt hatte. Schritt für Schritt ging er noch einmal die Argumente des Sohnes durch, die dieser angeführt hatte, um zu verdeutlichen, was für ein Mensch sein Vater gewesen war.

Zu dem Erbstreit hatte Ulf Carstensen sich auch lang und breit ausgelassen, und als Thamsen die Einzelheiten noch einmal studierte, wurde ihm bewusst, dass Friedhelm Carstensen ein äußerst starkes Motiv gehabt hatte, seinen Bruder umzubringen. Geld war neben Hass, Rache und Liebe schon immer eines der häufigsten Mordmotive gewesen. Zwar hatte er in seiner Laufbahn noch nicht in allzu vielen Mordfällen ermittelt – Nordfriesland war ja eher ein friedlicher Landstrich –, aber in dem einen oder anderen Fall war es auch um Geld gegangen. Und wenn er sich an seine Ausbildung zurückerinnerte, so waren auch dort in den theoretischen Übungen oftmals finanzielle Gründe Auslöser für die Straftaten gewesen. Es würde also sicherlich Sinn machen, sich mit dem Bruder des Toten zu unterhalten, dachte er und blickte zur Uhr. Es war halb neun, also durchaus eine akzeptable Zeit, um Friedhelm Carstensen einen Besuch abzustatten.

Anne und Timo saßen einträchtig vor dem Fernseher und verfolgten den Videofilm.

»Ist es okay, wenn ich euch kurz allein lasse?«

Er erwartete eigentlich ein stummes Nicken, doch die beiden sprangen unvermittelt auf. Das Geschehen auf dem Bildschirm schien sie nicht sonderlich zu fesseln. Vielleicht aber war es auch der Vorteil, den ein Videorekorder nun einmal mit sich brachte. Man konnte den gewünschten Film zu jeder beliebigen Zeit einfach weiterschauen und war auf Sendezeiten des Fernsehens nicht angewiesen. Ein Nutzen dieses elektronischen Fortschritts, der auch seinen Kindern durchaus bekannt war, allerdings Thamsen in dieser Situation zum Nachteil wurde.

»Nimmst du uns mit?« Seine Tochter blickte ihn mit großen, runden Kulleraugen an.

Er seufzte. So konnte er einfach nicht arbeiten. Natürlich gingen die Kinder vor, und es war ja auch Wochenende, und sie gierten geradezu danach, seine freie Zeit mit ihm zu verbringen. Die ganze Woche über waren sie meist in Gesellschaft anderer Personen; Lehrer, Betreuer vom Hort, Tagesmutter, Großeltern. Verständlich, dass sie zumindest an seinen freien Tagen etwas mit ihm zusammen unternehmen wollten. Aber er hatte nun einmal einen Mordfall aufzuklären. Ein Mensch war kaltblütig umgebracht worden, jedenfalls ging er momentan davon aus, und der Mörder lief irgendwo da draußen frei herum.

»Bitte Papa«, quengelte nun auch Timo.

»Na gut«, gab er schließlich nach, »aber ihr müsst während meines Besuchs bei einem Mann im Auto warten und euch anständig benehmen.« Die beiden nickten artig.

Er würde sich bei Friedhelm Carstensens Befragung eben beeilen müssen. Anschließend konnte er mit den Kindern in der Dorfwirtschaft etwas essen gehen. Er hatte sowieso keine Lust zum Kochen, und zum Einkaufen war er auch wieder nicht gekommen. Außerdem konnte er vielleicht ungestört ein paar Worte mit dem Wirt wechseln. Neue Erkenntnisse versprach er sich davon zwar nicht – die sturen Dorfbewohner würden ihm gegenüber wahrscheinlich eher wortkarg auftreten –, aber schaden konnte es sicherlich auch nicht, wenn er sich selbst ein Bild von der allgemeinen Stimmung im Dorf machte. Manchmal erfuhr man aus dem Verhalten des Umfelds des Opfers mehr als aus irgendwelchen ausgeschmückten Aussagen anderer Beteiligter. Eventuell war es ihm ja sogar möglich, unauffällig schon mal ein paar Alibis abzuklopfen.

»Dann holt eure Jacken und los.«

Timo und Anne sausten in ihre Zimmer, und keine fünf Minuten später saßen sie auf der Rückbank seines alten Ford Kombis und schnallten sich an.

Das Meer kräuselte sich durch den kräftigen Ostwind ungewöhnlich stark. Dichte graue Wolken jagten wild am Himmel vorüber. Die Fähre der ›Wyker Dampfschiffs-Reederei‹ mit dem sagenträchtigen Namen ›Rungholt‹ kämpfte sich tapfer gegen die hohen Wellen Richtung Föhr.

Trotz der Kälte standen die drei Freunde an Deck und blickten erwartungsvoll der sich langsam nähernden Insel entgegen. Sie hatten sich warm angezogen, Marlene sogar ein Paar Handschuhe übergestreift.

»So mag ich das Meer eigentlich am liebsten«, begeisterte sie sich und betrachtete fasziniert die sich am Schiff brechenden Wellen, deren Gischt beinahe bis zu ihnen hinauf an die Reling schlug.

»Da sieht man auch erst mal, was für ’ne Kraft das Wasser hat«, bemerkte Tom und schlang seine Arme fester um ihre Hüften, so als befürchte er, Marlene könne durch den starken Wind von Bord geweht werden.

»Na, nich’ nur das Wasser«, korrigierte Haie den Freund. »Der Wind tut natürlich auch sein Übriges. Schaut nur, was für Anstrengungen selbst die Möwen unternehmen müssen, um gegen den Sturm anzufliegen.«

Er hob seine Hand und deutete auf die Meeresvögel, die mühsam versuchten, mit der Fähre mitzuhalten. »Aber das gehört dazu. Wind und Wasser kann man einfach nicht trennen. Sind halt Naturgewalten. Und wenn wir Glück haben«, er blickte zuversichtlich wieder in Richtung Föhr, »dann gibt’s auf der Insel auch noch ein bisschen Sonne.«

Tom schaute den Freund skeptisch an, aber Haie behauptete mit fachkundigem Blick, dass das Wetter auf den Nordfriesischen Inseln meist wesentlich besser war als auf dem Festland.

»Na, dann hätte ich vielleicht doch meinen Bikini und die Sonnencreme einpacken sollen«, scherzte Marlene und zog ihren bunt gestreiften Schal fester um den Hals.

Nur eine gute Viertelstunde später hatte die ›Rungholt‹ am Fährhafen Wyk angelegt, und sie verließen das Schiff. Der Himmel war tatsächlich aufgerissen, hier und da waren kleine, blaue Fetzen zwischen den grauen Wolken am Himmel zu sehen.

»Siehste«, triumphierte Haie grinsend. »Hab doch gesagt, dass das Wetter auf der Insel besser ist!«

Den kurzen Weg zum Hotel über den Sandwall legten sie zu Fuß zurück. Die Unterkunft lag nicht weit entfernt vom Hafen, und sie hatten nur wenig Gepäck dabei. Außerdem bot der Fußmarsch die Gelegenheit, an einer Fischbude anzuhalten und sich zur Stärkung ein köstliches Krabbenbrötchen zu gönnen.

»Am besten schmecken die immer noch direkt auf die Hand an der würzigen Seeluft«, Marlene biss genüsslich in das belegte Brötchen.

An der Rezeption stand eine freundliche Dame. Sie trug ein dunkelblaues Kostüm, ihre Haare waren adrett zurechtgemacht.

»Herzlich willkommen auf Föhr. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?«

»Wir wollen gerne bei Ihnen schlafen!«

Die Empfangsdame musterte Haie amüsiert. Er übernachtete selten in Hotels und war mit den Umgangsformen im Gastgewerbe deshalb nicht sonderlich gut vertraut. Das letzte Mal, dass er in einer Pension gewesen war, lag bereits etliche Jahre zurück. Damals hatte er mit Elke eine organisierte Busreise in die Eiffel unternommen.

»Sie haben also ein Zimmer reserviert«, stellte die Frau hinter dem Empfangstresen richtig.

Haies Gesichtsfarbe wechselte ins Rötliche, als ihm bewusst wurde, wie ungeschickt er sich ausgedrückt hatte. Schnell kam ihm der Freund zur Hilfe, um ihn aus der unangenehmen Lage zu befreien.

»Ja, auf den Namen Meissner. Ein Doppel- und ein Einzelzimmer.«

Die Dame in dem dunkelblauen Kostüm nickte und tippte mit flinken Fingern, deren Nägel in einem kreischenden Rotton lackiert waren, die Angaben in den Computer ein. Kurz darauf reichte sie den Freunden die Zimmerschlüssel über den Tresen.

»Einen angenehmen Aufenthalt!«

Der Ausblick war zauberhaft. Die Zimmer lagen direkt unter dem Dach und hatten einen Meerblick. Marlene war entzückt von dem kleinen Raum, der mit liebevollen Details gemütlich eingerichtet war.

»Kanntest du das Hotel, oder woher hattest du diesen Geheimtipp?«

Tom erklärte, dass einer seiner Münchner Geschäftspartner ihm einmal von seinem Urlaub auf Föhr vorgeschwärmt hatte. Es war zwar schon eine Weile her, seit er in München als Unternehmensberater tätig gewesen war, aber an den Namen des Hotels, in dem sein Bekannter abgestiegen war, hatte er sich noch sehr gut erinnern können. Tom hatte sich damals nämlich über den Namen ›Kurhaus-Hotel‹ lustig gemacht und den anderen wegen des scheinbar altersbedingten Regenerationsurlaubs aufgezogen. Als der ihm jedoch traumhaft schöne Ferienfotos präsentiert hatte, war Tom von dem Hotel mehr als beeindruckt gewesen.

»Man soll hier übrigens auch rauschende Liebesnächte verbringen können«, flüsterte er Marlene ins Ohr und ließ seine Hände unter ihren Pullover wandern. Er spürte, wie sich ihre Brustwarzen unter seinen Berührungen aufrichteten, und presste seinen Unterleib fest gegen ihren Schoß. Seine Lippen suchten hastig die ihren, und als sie seinen Kuss erwiderte, drang seine Zunge fordernd in ihre Mundhöhle ein.

»Oh, stör ich?«

Haie stand in der Tür und blickte interessiert auf die beiden. Sie hatten ihn nicht klopfen hören. Hastig löste Marlene sich aus der Umarmung und zog verlegen ihren Pullover herunter.

»Kannst du nicht anklopfen?«, meckerte Tom und drehte sich rasch zum Fenster. Er wollte nicht, dass der Freund seine Erregung wahrnahm, die sich deutlich unter der Jeans abzeichnete.

»Hab ich doch!«

»Und hast du ein Herein gehört?«

Marlene hörte an Toms Stimme, wie verärgert er war. Sie konnte seinen Unmut sehr gut nachvollziehen. Auch sie hatte die leidenschaftlichen Zärtlichkeiten genossen und sich nur ungern von dem Freund stören lassen. Dennoch versuchte sie, den aufziehenden Streit der beiden im Keim zu ersticken.

»Wollen wir los? Und wo müssen wir überhaupt hin?«

Haie beschrieb den Weg zu Barne Christiansen als nicht sonderlich weit. Der ehemalige Schulkollege und Dorfbewohner hatte sich nach dem Tod seiner Frau ein kleines Häuschen direkt in Wyk, dem Hauptort der knapp 83 Quadratkilometer großen Insel, gekauft. Es war schon immer ein Traum von ihm gewesen, ein Haus direkt am Meer, womöglich sogar auf einer der Nordfriesischen Inseln zu besitzen. Durch die Auszahlung von Birthes Lebensversicherung war es ihm möglich gewesen, diesen wahr werden zu lassen. Das schnuckelige Reetdachhaus lag direkt hinter dem Deich ganz in der Nähe des Golfplatzes.

»Das ist ein netter Spaziergang, und außerdem wollen wir ja auch was von der Insel sehen«, argumentierte Haie. Er drehte sich ohne die Reaktion seiner Freunde abzuwarten um und verließ wortlos das Zimmer.

Marlene trat hinter Tom und schmiegte sich an ihn. Sie spürte, wie seine Muskeln sich anspannten, und küsste ihn sanft.

»Komm Schatz, später ist auch noch Zeit, und eine rauschende Liebesnacht mit dir in diesem Hotel lass ich mir unter gar keinen Umständen entgehen.«

»Und dass ihr mir ja keinen Unsinn macht! Bin gleich wieder da«, sagte Thamsen, bevor er aus dem Wagen stieg. Er hatte an der Straße geparkt und lief das kleine Stück zum Haus zu Fuß. Die Carstensens mussten ja nicht unbedingt mitkriegen, dass er seine Kinder dabeihatte.

Neben dem schwarzen Klingelknopf hing ein messingfarbenes Schild, auf welchem in verschnörkelten Buchstaben der Name der Familie zu lesen war. Das Metall blinkte, als sei es erst kürzlich frisch poliert worden. Noch ehe er mit seinem Finger die Klingel betätigt hatte, wurde die Tür aufgerissen, und eine Frau attackierte ihn mit gereizten Blicken. Thamsen erschrak.

»Dass ihr immer am Samstag kommen müsst«, schimpfte die Dame mittleren Alters. »Ich hab euch schon oft gesagt, dass ich eure Erleuchtung nicht brauche!«

Das Wort Erleuchtung spukte sie ihm förmlich vor die Füße. Dirk Thamsen drehte sich suchend um. Er fühlte sich nicht angesprochen, schließlich war er allein. Doch hinter ihm standen keine weiteren Personen.

Als er sich der Frau wieder zuwenden wollte, um das Missverständnis aus der Welt zu räumen, knallte sie ihm die Tür vor der Nase zu. Er hatte nicht einmal den Hauch einer Chance gehabt, Luft für eine klarstellende Äußerung zu holen. Mann, dachte er, die hat ja eine Laune. Wenn der Mann genauso gut drauf ist, kann das ja ein lustiges Gespräch werden.

Er zog seinen Polizeiausweis aus der Hosentasche und hielt ihn auf geschätzte Augenhöhe der Hausbewohnerin. Dann klingelte er.

»Ich hab doch gesagt …«, ihre Stimme verstummte blitzartig beim Anblick des Legitimationspapiers.

»Polizei?«

Er nickte und fragte, ob er vielleicht einen Augenblick ins Haus kommen und mit Friedhelm Carstensen sprechen könne.

»Mein Mann ist noch nicht zu Hause.«

»Kann ich vielleicht warten?«

Es war Thamsen sowieso lieber, zunächst einmal ungestört mit der Schwägerin des Verstorbenen zu sprechen.

Sie forderte ihn auf, im Wohnzimmer Platz zu nehmen, und bot ihm einen Kaffee an. Dankend nahm er an. Während er sie in der Küche den Kaffee zubereiten hörte, schaute er sich um. Der Raum war mit viel Liebe fürs Detail eingerichtet, das sah er auf den ersten Blick. Die Möbel waren geschickt im Raum verteilt und ließen das Zimmer größer erscheinen, als es eigentlich war. Vor den Fenstern hingen kunstvoll drapierte Gardinen, und zwischen den Grünpflanzen auf dem Fensterbrett tummelten sich kleine Porzellanfiguren in Form von Kindern. Thamsen nahm eine der Figuren in die Hand und las den Schriftzug auf deren Sockel: ›M.I.Hummel‹.

An der Wand neben einer alten Pendeluhr hingen mehrere Familienbilder. Er trat näher, um die Fotografien besser betrachten zu können.

»Ist das hier Ihr Mann?«, fragte er Irmtraud Carstensen, als sie mit einem Tablett beladen das Wohnzimmer betrat.

»Hm.«

Konzentriert schenkte sie den Kaffee in die zierlichen Porzellantassen. Ihre Hand zitterte leicht.

»Und ist das hier Kalli?« Er deutete auf eine etwas unscharfe Ablichtung, die links neben dem Hochzeitsbild der Carstensens hing.

»Nein«, antwortete die Schwägerin, ohne ihren Blick zu heben. Sie arrangierte das Geschirr akkurat auf dem gläsernen Couchtisch. »Von Kalli hängt da kein Bild.«

Thamsen setzte sich auf das Sofa und griff nach der Kaffeetasse. Der Henkel des filigranen Geschirrs wirkte so zerbrechlich, dass er Angst hatte, das Porzellan könne seinem bloßen Griff zum Opfer fallen. Er bevorzugte lieber robuste Kaffeepötte. Da hatte man wenigstens ordentlich was in der Hand. Vorsichtig stellte er das Gefäß zurück auf die dazugehörige Untertasse und knüpfte an die zuletzt geäußerten Worte der Hausherrin an.

»Wieso haben Sie denn kein Bild vom Bruder Ihres Mannes in der Fotogalerie aufgehängt?«

Irmtraud Carstensen seufzte leise. Mit gedämpfter Stimme und gesenktem Blick erklärte sie, dass die Brüder ein schwieriges Verhältnis zueinander gehabt hätten.

»Wegen dem Erbstreit?«, hakte er nach.

»Nicht nur deswegen«, entgegnete sie. Bereits vor dem Tod der Mutter und dem Streit um deren Nachlass sei es zu Unstimmigkeiten zwischen ihrem Mann und seinem Bruder gekommen. Sie konnte gar nicht genau sagen, was der Auslöser für die feindliche Stimmung zwischen den beiden gewesen war. Sie waren nun mal von Grund auf verschieden und vertraten völlig gegensätzliche Ansichten. Hinzu kam, dass die Brüder zu allem Überfluss auch noch so richtige Hitzköpfe waren. Da kam dann doch wieder derselbe familiäre Ursprung zum Vorschein, da waren sie sich gleich. Die Streitgespräche zwischen ihnen seien immer grob und laut vonstattengegangen. Sie konnten nun einmal eine Sache nicht friedlich ausdiskutieren.

»Manchmal sind sie beinahe handgreiflich geworden.«

Thamsen horchte auf. War es vielleicht doch nicht so abwegig, dass Friedhelm Carstensen seinen Bruder umgebracht hatte?

»Frau Carstensen, wo war Ihr Mann am Dienstagabend?«

»Dienstag?« Sie blickte verunsichert auf. »Ist Kalli da gestorben?« In ihrem Blick konnte er lesen, dass sie verstand, worauf er hinauswollte.

Am Dienstag sei ihr Mann wie immer früh zu Bett gegangen.

»So gegen acht Uhr. Er muss ja immer früh raus in die Backstube«, erklärte sie.

Thamsen griff erneut nach der zierlichen Porzellantasse und nahm einen Schluck Kaffee. Die Frage, ob denn ihr Mann vielleicht noch einmal unbemerkt das Haus hätte verlassen können, beantwortete er sich selbst.

Wenn Irmtraud Carstensen schätzungsweise gegen 22 Uhr zu Bett gegangen war und selbst, wenn sie noch einige Zeit einen spannenden Krimi oder fesselnden Roman gelesen hatte, dann hätte sie zur angenommenen Tatzeit wahrscheinlich schon tief und fest geschlafen. Ihr Mann hätte also heimlich noch einmal das Haus verlassen können. Die Möglichkeit bestand jedenfalls.

»Sagen Sie, besitzen Sie einen Wagen?«

Irmtraud Carstensen nickte. Ihr Mann und sie besäßen jeweils einen Wagen. Er wisse sicherlich, dass man hier in der Gegend ohne fahrbaren Untersatz einfach aufgeschmissen war. Und Friedhelm brauchte ein Auto, um täglich zur Arbeit zu kommen.

»Und wo befinden sich die Autos momentan?« Thamsen hatte vor dem Haus keinen Wagen gesehen.

»Ich parke immer auf dem Hof, und der Wagen meiner Frau ist in der Inspektion.«

Friedhelm Carstensen hatte unbemerkt das Haus betreten und stand plötzlich auf der Türschwelle zum Wohnzimmer. Vermutlich hatte er die letzten Sätze des Gesprächs verfolgt und schaltete sich nun unvermittelt ein.

Seine Frau sprang unerwartet vom Sofa auf. Thamsens Interesse an den Autos der Familie wurde dadurch noch verstärkt.

»Seit wann ist denn der Wagen in der Werkstatt?«

»Seit Mittwoch, aber ich wüsste nicht, was Sie das angeht!«

Der große blonde Mann kniff seine Augen zusammen, sodass sein Blick nur durch enge Schlitze auf den Kommissar fiel. Er wirkte imposant, wie er so breitbeinig im Türrahmen stand, die Hände in die Hüften gestemmt.

Thamsen beeindruckte das aufgeplusterte Gehabe wenig. Es war für ihn nur zu offensichtlich, dass Friedhelm Carstensen durch sein Auftreten seine Unsicherheit überspielen wollte. Vielleicht hatte er sogar Angst? Nach all dem, was er bisher über den Bruder des Opfers erfahren hatte, hielt er diese Möglichkeit sogar für äußerst wahrscheinlich.

Trotz der abwehrenden Haltung seines Gegenübers blieb Dirk Thamsen jedoch ruhig und erklärte zunächst einmal, dass er den plötzlichen Tod Kalli Carstensens untersuche. Die vermutlich durch einen Verkehrsunfall begründete Todesursache ließ er allerdings vorläufig unerwähnt und kam direkt auf den Erbstreit zu sprechen.

»Wie ich hörte, haben Sie sich mit Ihrem Bruder um den Nachlass Ihrer Mutter gestritten. Worum ging es in dieser Auseinandersetzung genau?«

Friedhelm Carstensen behielt seine Position bei und blaffte lediglich ein »Na, um Geld ist es dem profitgeilen Schwein gegangen!« zu ihm hinüber.

Thamsen war über die Charakterisierung des Bruders beinahe sprachlos. Allerdings bestätigte diese Äußerung auch seinen Verdacht. Kalli Carstensens Sohn hatte sich zwar sehr ähnlich über den verstorbenen Vater geäußert, aber im Gegensatz zu diesem gewann Friedhelm Carstensen weitaus mehr durch den Tod seines Bruders. Das Erbe brauchte er jedenfalls nicht mehr zu teilen. Oder stand der Witwe nun ein Pflichtteil zu? Er musste feststellen, dass er sich im Erbrecht zu wenig auskannte, um die Situation richtig beurteilen zu können.

»Um welchen Betrag ging es denn?«

Der Angesprochene zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, aber es wird schon eine ordentliche Summe sein«, entgegnete er mit eher gleichgültiger Stimme. Kommissar Thamsen bewertete die Haltung angesichts des heftigen Streits der beiden Brüder als unglaubwürdig. Wenn es in dem Erbschaftskonflikt lediglich ums Geld gegangen war, wieso hatte Friedhelm Carstensen noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung, wie viel die Mutter den beiden Söhnen an finanziellen Mitteln hinterlassen hatte? Seiner Ansicht nach musste es noch andere Gründe dafür geben, dass die Brüder sich derart zerstritten hatten.

»Und es ist nur ums Geld gegangen?«, hakte er deshalb nach.

»Na ja«, brummelte der Befragte und trat endlich aus dem Türrahmen hervor, »da hängen natürlich auch jede Menge Erinnerungen dran.«

Thamsen kaufte ihm den sentimentalen Schwenk nicht ab, und auch Irmtraud Carstensen schien wenig überzeugt. Ganz offensichtlich war ihr der eigentliche Grund für den Streit der beiden Brüder unbekannt, was deutlich wurde, als sie ihren Mann zum Reden aufforderte: »Friedhelm, nun erzähl dem Kommissar doch, warum du dich mit Kalli in den Haaren gehabt hast!«

Überrascht blickte er zu seiner Frau. Ihren Appell empfand er sichtlich als Provokation.

»Halt du dich da raus!«, zischte er ihr zu. Erschrocken fuhr Irmtraud Carstensen zusammen, fasste sich jedoch schnell.

»Ich mein ja nur«, versuchte sie einzulenken. »Kalli hat dich ja schon massiv bedroht.«

Thamsens Blick wanderte zwischen den beiden hin und her. In dieser Familie lag weitaus mehr im Argen, als er bisher vermutet hatte. Von irgendwelchen Drohungen gegen den Onkel hatte Ulf Carstensen jedenfalls nichts erwähnt.

»Was meinen Sie mit bedroht?«

Er wandte sich mit seiner Frage direkt an Irmtraud Carstensen, da er von ihrem Mann keine Auskunft zu diesem Thema erwartete. Wider Erwarten antwortete jedoch Friedhelm Carstensen.

»Den Anwalt hat er mir auf’n Hals gehetzt. Hier«, er riss eine der Schubladen der eichefarbenen Schrankwand auf und holte ein Bündel Briefe hervor, die er vor ihn auf den Tisch warf. Die zierlichen Porzellantassen klapperten.

»Alles Schreiben von diesem Rechtsverdreher!«

Thamsen nahm einige der Briefe in die Hand. Sie stammten alle von einem gewissen Dr. Münsterthaler aus Rendsburg und waren ausnahmslos ungeöffnet.

»Haben Sie die Briefe denn nicht aufgemacht?«

»Wieso denn, ich wusste doch, was drinsteht!«

»Wie konnten Sie das wissen? Sie haben ja wohl keinen gelesen, oder?«

»Nee, brauchte ich auch nicht. Kalli ist es doch sowieso immer nur ums Geld gegangen. Wieso hätte es diesmal anders sein sollen?«

Friesenrache

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