Читать книгу Lese-Paket 1 für den Strand: Romane und Erzählungen zur Unterhaltung: 1000 Seiten Liebe, Schicksal, Humor, Spannung - Sandy Palmer - Страница 6

Liebeswirren am Nordseestrand

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Amüsanter Roman um eine Reise mit Hindernissen

von Sandy Palmer

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EIN CASSIOPEIAPRESS E-Book

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© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

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FERIEN AN DER NORDSEE, in einer gemütlichen kleinen Pension, in der er ungestört lesen und faulenzen kann - darauf hat sich Dr. Julian Breuer seit Wochen gefreut. Doch dann erlebt er eine herbe Enttäuschung: Sein Zimmer ist bereits vergeben. Doch die schöne Angestellte Andrea an der Rezeption weiß Rat...

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„GUTEN TAG UND HERZLICH willkommen. Sie haben reserviert?“ Das Lächeln der jungen Frau hinter dem kleinen Empfangstresen wirkte ein wenig gequält, und die Hand, mit der sei den Computer eingeschaltet hatte, zitterte leicht.

„Stimmt. Ich habe vorige Woche angerufen und ein Zimmer bestellt. Mein Name ist Julian Breuer.“

„Um Himmels willen!“ Große dunkle Augen, in denen ein paar Goldsprenkel aufblitzten, was Andreas höchst aufregend fand, sahen ihn voller Panik an. „Julian Breuer, sagten Sie?“, hakte die junge Frau nach.

„Ja.“ Mein Gott, war das Mädchen begriffsstutzig! Dabei war es bildhübsch. Allein diese Augen... Julian musste sich zwingen, nicht allzu intensiv hinein zu schauen und sich so ablenken zu lassen. Wichtig war jetzt nur, ein Zimmer zu bekommen.

Jetzt, zwischen Pfingsten und Fronleichnam, war kaum noch etwas frei hier oben an der Nordseeküste. Dabei hatte er die Erholung dringend nötig. Zwei Jahre hatte er an der Uni-Klinik geschuftet, er kannte den OP beinahe besser als sein Appartement. Und dann die Doktorarbeit...

„Ich weiß wirklich nicht... Es ist mir ja so peinlich, aber mir ist da, glaube ich, ein schrecklicher Irrtum passiert“, sagte das Mädchen.

Er bemerkte, dass die großen Sternenaugen sich verdunkelt hatten und war voller Sorge, dass die hübsche Kleine gleich weinen würde.

„Es tut mir furchtbar leid, aber ich habe Ihr Zimmer gestern schon einer Frau Breuer gegeben. Sie kam mit dem Frühzug und brauchte unbedingt eine Unterkunft.“

„Und sie hatte natürlich nicht reserviert, sondern belegt jetzt mein wunderbares Zimmer.“ Julian seufzte verhalten auf. „Dann geben sie mir eben irgendein anderes.“

„Tja... würde ich nur zu gern, aber wir sind total ausgebucht. Nur in der Strandmöwe gibt’s noch ein Appartement. Das könnten Sie haben - zum selben Preis wie das Zimmer hier natürlich.“

„Erstens will ich nicht in diesen Luxusschuppen“, erklärte Julian, „sonst hätte ich ihn mir gebucht, und zweitens... das können Sie doch gar nicht entscheiden, oder?“

„Doch, doch, das übersteigt meine Kompetenzen nicht. Sie schenkte ihm jetzt ein Lächeln, das einen Stein hätte erweichen können. „Bitte, nehmen Sie das Appartement, sonst bekomme ich wirklich Ärger. Einen kleinen Fehler entschuldigt mein... mein Chef. Aber wenn ein Gast verärgert wegfährt - das ist in seinen Augen unverzeihlich.“

Julian kämpfte mit sich. Urlaub brauchte er dringend. Ruhe auch. Und, vor allem, ein bequemes Bett. Also, warum nahm er nicht das Luxus-Appartement, das er sich normalerweise nicht hätte leisten können?

„Meinetwegen, dann geh ich halt in die Strandmöwe“, sagte er und freute sich, dass die dunklen Sternenaugen aufleuchteten.

Er sollte seinen Entschluss nicht bereuen, denn das Zimmer war wunderschön, hatte einen herrlichen Ausblick auf die See, und wenn er auf den Balkon hinaus trat, konnte er rechts sogar die Elbmündung erkennen.

Nur - Julian hatte kein Interesse an irgendwelchen Schiffen, die die Elbe rauf oder runter in Richtung Nordsee schipperten. Und den Ausblick wollte er ebenso wenig genießen wie den Whirlpool und die Sauna. Er wollte bequemen, altmodischen Entspannungsurlaub. Wenn er nur daran dachte, dass er außer dem blauen Blazer nur Freizeitkleidung mitgenommen hatte, und das in diesem Luxusschuppen...

Ach, er hätte sich selbst ohrfeigen können, dass er den dunklen Augen mit den Goldsprenkeln nicht hatte widerstehen können!

Wütend auf sich selbst und mit der Welt total im Unreinen ging er schließlich los zur ersten Wattwanderung. Dicke hohe Stiefel, Jeans, kariertes Hemd...

Der erste Gast, dem er auf dem Flur begegnete, war ein Herr mit grauen Schläfen, der eine viel zu junge Blondine im Arm hielt, an deren Ohrläppchen er albern herumknabberte.

„Auch das noch“, murmelte Julian vor sich hin und verzog das Gesicht. Solche Gäste waren in seinen Augen unmöglich! Aber das sah man ja gerade in solchen Luxusschuppen immer wieder: Reiche alte Männer stiegen hier mit ihren Freundinnen ab, um ungestörten Urlaub zu machen. Daheim wartete dann die Ehefrau, die ihren schwer arbeitenden Mann auf Geschäftsreise vermutete - wenn sie nicht durch jahrelange bittere Erfahrung eines Besseren belehrt worden war!

Julian kannte drei solche Fälle. Er hatte die Ehefrauen behandelt, zwei von ihnen hatten Selbstmordversuche unternommen, die dritte hatte sich abgesetzt, da hatten sie in der Klinik den völlig verstörten Gatten behandeln müssen, der vor Aufregung einen Herzinfarkt erlitten hatte, als er feststellen musste, dass seine altgediente Ehefrau samt großem Konto verschwunden war.

Julians Laune wurde erst besser, als er einen halben Kilometer Wattwanderung hinter sich hatte. In den Prielen pickten die Möwen nach Krebsen, und die Sonne, die den Zenit schon überschritten hatte, verwandelte die großen Pfützen im Meer in silberne Flächen.

Julian blieb an einem größeren Priel stehen, schloss die Augen und hielt das Gesicht der Sonne entgegen. So, genau so musste Urlaub sein! Er allein mit der Natur...

Plötzlich durchbrach eine wohl bekannte Stimme die Stille: „Schnucki! Na endlich! Ich wusste doch, dass dich dein erster Weg hierher führen würde!“

Es gibt keine Seeungeheuer, und ich hab auch keine Halluzinationen! Julian bemühte sich um Gelassenheit, doch seine Augen blitzten vor Zorn, als er sie langsam öffnete und die junge blonde Frau ansah, die dicht vor ihm stand.

„Küsschen!“ Sabine Nöthen spitzte die Lippen.

„Bin ich ein dressierter Affe?“, kam es unfreundlich zurück. Und dann: „Sag mal, warum tust du das?“

„Was?“ Ihr Unschuldsblick, den sie sicher stundenlang vor dem Spiegel geübt hatte, ging ihm auf die Nerven. Nie wieder würde er darauf hereinfallen! Und auch nicht auf ihre naive Tour, die eine wohl einkalkulierte Masche war. Sabine wusste ganz genau, was sie wollte - und wie sie es bekam!

Sie war ein gerissenes Biest, das nur auf den eigenen Vorteil bedacht war. Er hatte es spät - aber zum Glück nicht zu spät erkannt. Und war hierher geflüchtet, in den kleinen Ort bei Cuxhaven, wo er als Kind häufig Urlaub mit den Eltern gemacht hatte. Aber Sabine hatte ihn aufgestöbert. Und das auch noch am ersten Tag!

„Ich bin so froh, dass dein Freund Thorsten mir geholfen hat, dich zu finden“, säuselte sie und hängte sich bei ihm ein. „Komm, Schnucki, sei wieder lieb. Es waren doch alles nur dumme Missverständnisse. Dieser Jo aus der Disko bedeutet mir doch im Grunde gar nichts. Aber er hatte ziemlich guten Stoff dabei, deshalb bin ich schwach geworden.“ Sie sah ihn mit dem nicht glaubhaften Unschuldsblick an, den er unerträglich fand. „Du weißt doch, im Grunde will ich das Zeug gar nicht nehmen.“

„Dann lass es sein. Oder kokse weiter, mir ist es egal. Ich werde jedenfalls nicht zusehen, wie du dich ruinierst.“

„Ich will ja aufhören!“ Sie zuckte mit den Schultern. „Du kannst mir ja dabei helfen. Ehrlich, Schnucki, ich werde mich beherrschen, ganz bestimmt. Und ich will auch...“

„Ich will, dass du wieder abreist“, erklärte Julian unfreundlich. „Am besten ziehst du dann gleich zu Thorsten. Ihr habt euch verdient!“

Mit langen Schritten stampfte er durch den weichen Schlick zurück zum Strand. Sabine, die nur dünne Wattschuhe trug und eine dreiviertellange weiße Hose - unpassender ging’s ja wohl nicht, war es ihm bei diesem Anblick durch den Sinn geschossen - konnte ihm kaum folgen.

Im ersten Impuls wollte er sich, als er auf der Höhe des Deichs angekommen war, nach links wenden, wo das Hotel Zum kleinen Strandkorb lag. Aber dann fiel ihm ein, dass er ja in einer Nobelherberge logieren musste!

„Nun warte doch endlich mal!“ Sabine kam wieder bedrohlich näher. „Wir müssen reden!“

„Müssen wir nicht. Es ist alles gesagt, Sabine. Ich habe mich von dir getrennt, akzeptier das endlich! Es ist Schluss!“

„Nein! Nein! Ich will das nicht! Ich liebe dich doch, Schnucki! Der Jo ist mir egal, und der langweilige Thorsten erst recht!“

Wieder versuchte sie sich bei ihm einzuhängen, doch er wischte ihre Hand fort und ging schneller, so dass Sabine ihm nicht folgen konnte.

Und dann sah er sie: Sie schien ihm der rettende Engel in höchster Not zu sein!

Andrea Jannsen hatte einen Einkaufskorb in der Linken und zwei große Blumensträuße in der rechten Hand. Sie wollte zur Strandmöwe und dort die Rezeption für den Abend übernehmen. Da erkannte sie den sympathischen Typen aus Köln, dem sie das Zimmer vermietet hatte. Mit langen Schritten eilte er auf sie zu und...

Sekundenlang blieb Andrea stocksteif stehen. Er hielt sie fest umarmt, schmiegte sein Gesicht in ihr Haar... Wenn sie doch nur eine Hand frei gehabt hätte!

„Helfen Sie mir“, flüsterte er ihr da zu. „Meine Ex-Freundin hat mich schon wieder aufgestöbert. Bitte!“

Er ließ sie ein wenig los, aber nur so viel, das sie ihm in die Augen sehen konnte.

„O.k., ich bin Ihnen ja noch was schuldig.“ Andrea begann die Sache höchst komisch zu finden. Was blieb ihr auch sonst übrig? Außerdem... es gab sicher Schlimmeres, als von so einem netten Mann im Arm gehalten zu werden. Jetzt nahm er ihr auch noch galant den schweren Einkaufskorb ab, legten den freien Arm um ihre Schultern und zog sie fest an sich.

Sabine schaute der Szene empört zu. Sie blieb wie angenagelt stehen und klopfte sich den Sand von den Füßen, während sie mit brennendem Blick auf das verliebt wirkende Paar sah.

„So ein Schuft!“, zischte sie. „Miststück, gemeines!“ Das kam schon lauter und unüberhörbar über ihre Lippen. Doch Julian interessierte das nicht. Er fand es auf einmal höchst angenehm, das hübsche Mädchen mit den Goldaugen im Arm zu halten.

Die Strandmöwe war viel zu schnell erreicht!

„Sie können mich jetzt wirklich wieder loslassen. Sie sind ja in Sicherheit.“ Andrea machte sich lachend von ihm los.

Julian grinste. „Schade. Es hat Spaß gemacht. Und außerdem... Sie haben mir wirklich sehr geholfen. Sabine ist eine Klette. Sie will einfach nicht begreifen, dass es aus ist.“

„Aha.“

„Ja, Sie können mir glauben“, versicherte er schnell.

„Tu ich ja - wenn’s Ihnen etwas bedeutet.“

„Ja.“ Toller Dialog, dachte er dabei und kam sich ziemlich dämlich vor - trotz des so mühsam erworbenen frischen Doktortitels.

Andrea kam ihm zu Hilfe. „Was halten Sie von einem Entspannungsdrink an der Bar?“

„Viel!“

Schnell, viel zu schnell geantwortet! Er hatte sich doch vorgenommen, die moderne Bar ganz unmöglich zu finden! Er war auf Seeräuber-Romantik eingestellt, nicht auf Chrom und blank polierte Sektkelche...

Aber es wurde natürlich dennoch ein sehr schöner Abend.

Und ihm folgten noch drei andere.

Niemand störte sich daran, dass er mit Vorliebe offene Hemden und Jeans trug. Und Julian... er bemühte sich, großzügig darüber hinwegzusehen, dass der Whirlpool von Champagnergläsern umrahmt war und die meisten Gäste es vorzogen, bis früh morgens um zehn zu schlafen, statt bei Sonnenaufgang am Watt entlang zu laufen.

Nichtsdestotrotz: Er grüßte höflich, wurde lächelnd wieder gegrüßt - und er freute sich auf die Abende, die er jetzt schon regelmäßig mit Andrea verbrachte.

Sie war bezaubernd. Ein Traummädchen. Das wurde ihm von Tag zu Tag deutlicher klar.

Als sie ihm am fünften Morgen vorschlug, mit dem Pferdefuhrwerk hinüber zur Hallig Neuwerk zu fahren, sagte er nur zu gern zu.

„Romantisch, so was.“ Er lächelte sie an und genoss ihre Nähe.

„Ja, für Touristen.“ Sie erwiderte sein Lächeln. „Aber für die Menschen, die hier leben und arbeiten müssen, ist es oft recht hart. Denk nur dran, dass das Wetter nicht immer so schön ist wie im Moment. Bei Sturm und Regen hat die Insel nicht allzu viel Reizvolles zu bieten.“

Einen Einblick auf das Leben gewann er beim Rundgang über Neuwerk. Er erfuhr, dass die Hallig zu der Stadt Hamburg und nicht zu Cuxhaven gehörte, etwas höchst Außergewöhnliches, das in der wechselvollen Geschichte der Insel begründet lag.

„Komm, jetzt klettern wir auf den Leuchtturm“, meinte Andrea, nachdem sie sich mit einem Kaffee im kleinen Inselcafé gestärkt hatten.

Vom Leuchtturm aus, der einen weiten Rundblick erlaubte, spazierten sie über den hohen Deich und setzten sich, als sie ausruhen wollten, in die Dünen und schauten aufs Meer, das heute ruhig und friedlich dalag. Es war nicht leicht, sich vorzustellen, dass es in Sturmnächten toben und die hohe Brandung die Deichanlagen gefährden konnten.

„Und jetzt musst du noch den Friedhof der Namenlosen sehen.“ Andrea zog ihn mit zu einem kleinen, versteckt liegenden Friedhof. Kaum ein Dutzend Kreuze stand hier, im Halbkreis angeordnet. Drei Teakholzbänke boten dem andächtigen Besucher Platz, und wie selbstverständlich ließen sich Andrea und Julian nieder.

„Wer mag hier beerdigt sein?“, fragte der junge Arzt nachdenklich.

„Seeleute. Bis auf einen sind sie unbekannt. Die Flut hat sie angespült, teilweise schon vor mehr als hundert Jahren. Es gibt viele Geschichten über die Hallig und ihre Seefahrer.“

Julian legte seine Hand auf die des Mädchens. „Du liebst die Landschaft hier, nicht wahr?“

„Über alles. Ich glaube nicht, dass ich irgendwo anderes existieren könnte.“ Kurz sah sie ihn an. „Und du? Wo fühlst du dich daheim?“

Er zuckte mit den Schultern. „Im Grunde genommen nirgendwo so richtig. Ich bin in Köln zur Uni gegangen. Geboren bin ich in Fulda. Dann zogen meine Eltern nach Hannover, weil mein Vater dort einen guten Job bekam. Später ging es ins Ruhrgebiet, genau gesagt nach Duisburg. Von dort aus bin ich zum Studieren nach Köln gegangen und für eine Jahre dann da hängen geblieben.“

„Und was machst du da?“ Zum ersten Mal sprachen sie über ihre Berufe, das war bisher kein Thema zwischen ihnen gewesen.

„Ich bin Arzt.“

„Nein!“ Fassungslos sah sie ihn an. Dann glitt ein Strahlen über ihr Gesicht. „Das wird Großvater gefallen“, meinte sie.

„Inwiefern? Mag er Ärzte?“

„Er ist Mediziner. Genau gesagt war er lange Kurarzt hier. Aber er praktiziert schon seit Jahren nicht mehr.“

„Und dein Vater? Was macht der?“ Forschend sah er ihr ins Gesicht. „Du erzählst nie von deinen Eltern.“ Er drehte sie so zu sich, dass sie ihm in die Augen sehen musste. „Andrea, du hast’s doch bestimmt gemerkt... Ich hab dich sehr gern. Und ich will alles von dir wissen, will dich unbedingt näher kennenlernen.“

„Du hast mich gern? Mich?“

Er lachte. „Was ist daran so sonderbar? Du bist bildhübsch, liebenswert, und du hast die schönsten Augen, in die ich je geschaut habe.“

„Sprich nur weiter. Das hört sich wie eingeübt an.“

„Ist es aber nicht.“ Er lachte glücklich, und dann sagte er einfach gar nichts mehr, sondern küsste sie lang und anhaltend.

Dieses Argument war wesentlich besser als tausend Worte.

Sie blieben noch eine halbe Stunde auf dem kleinen Friedhof, der wie eine Insel wirkte. Niemand verirrte sich von den anderen Touristen, die mit dem Pferdefuhrwerk hergekommen waren, an diesen Platz. Andrea und Julian konnten ihr junges Glück ungestört genießen. Immer wieder sahen sie sich in die Augen, bevor sie sich erneut küssten.

„Wir müssen zurück, ehe die Flut kommt!“ Andrea sah erschrocken auf die Uhr. „Los, beeil dich, sonst müssen wir hier noch übernachten.“

„Der Gedanke hat was...“ Er lachte und wollte sie wieder küssen, doch sie riss sich energisch los.

„Komm endlich! Die anderen warten bestimmt schon auf uns!“

Julian folgte ihr schnell. Er wusste auch, dass die aufkommende Flut gefährlich war. Das Wasser, das sich über weite Strecken zurückgezogen hatte, kam rasch zurück zum Ufer, und es war schon oft passiert, dass Wattwanderer von den Wassermassen überrascht worden waren und in Not gerieten.

*


SIE WAREN TATSÄCHLICH die beiden letzten Passagiere, die auf die wartenden Pferdefuhrwerke aufsprangen. Kaum hatten sie in den offenen Kutschen Platz genommen, ging es auch schon los.

Als sie die Hälfte der Strecke hinter sich gelassen hatten, wurde Julian klar, warum Andrea so gedrängt hatte: Das Wasser stieg so rasch, dass man fast zusehen konnte, wie sich die Priele füllten, wie der Meeresboden mit Wasser bedeckt wurde - mit Wasser, das immer weiter, immer schneller anstieg und das unter den Pferdehufen aufspritzte.

Die drei Kutscher kannten den Weg zurück an Land genau, er wurde jedes Jahr wieder mit Pricken, fünf bis sieben Meter hohen Birkenstämmchen und Zweigen, markiert, denn das Watt veränderte sich, und somit auch der Fahrweg für die Pferdfuhrwerke.

Es war ein herrlicher Ausflug gewesen, und Andrea, die ihren freien Tag hatte, fragte: „Was unternehmen wir am Abend?“

„Disko oder Strandbar? Ich füge mich ganz deinen Wünschen.“ Er hauchte ihr verliebt einen Luftkuss zu.

„Strandbar, wenn du mich fragst. Oder hast du vielleicht Lust, meinen Großvater kennenzulernen?“

Noch bevor Julian antworten konnte, kam ein junger Page vom Hotel Strandmöwe aufgeregt auf ihr Fuhrwerk zugelaufen, das gerade die Asphaltstraße erreicht hatte.

„Schnell, Andrea! Der Chef!“ Der Junge war außer Atem, und Panik stand in seinen Augen zu lesen.

„Um Himmels willen, was ist passiert?“ Mit einem Satz war Andrea vom Wagen gesprungen.

„Das Herz wieder... Du sollst dich beeilen, sagt der alte Doktor.“

Andrea nickte nur und lief los. Julian folgte ihr mit langen Schritten.

Aber Andrea ging nicht ins Hotel, sondern betrat den Seiteneingang, der zu einem kleinen, nur durch eine Glasveranda vom Hotel getrennten Bungalow führte.

Der Kranke lag auf einem hellen Leinensofa, blass, aber ansprechbar. Er versuchte Andrea beruhigend zuzulächelnd, doch das misslang kläglich. Die Angst, der Schmerz, sie waren stärker als alles andere.

„Es ist wieder ein Infarkt, er muss sofort in die Klinik. Ich kann hier überhaupt nichts mehr für ihn tun“, erklärte der alte Mann mit fast weißem Bart, der neben dem Sofa stand und ein Handy hoch hielt. „Der Notarztwagen ist schon unterwegs. Aber es gab einen Massenunfall auf der Strecke, er wird nicht so schnell hier sein können wie nötig.“ Fest presste er die Lippen zusammen, bis sie nur noch ein Strich waren. „Es ist wie damals“, flüsterte er.

Andreas Augen waren voller Tränen. „Nein. Nein, Großvater, es ist nicht so. Bei Mutter kam alle Hilfe zu spät, als sie von einem Auto erfasst und durch die Luft geschleudert wurde. Paps aber hat eine Chance.“ Ihre Stimme war kaum zu verstehen.

Julian trat vor. „Wenn Sie erlauben...“ Er untersuchte Andreas Vater kurz und bat dann: „In meinem Zimmer steht ein Notfallkoffer. Hol ihn, ja?“

Andrea nickte nur und lief sofort los.

Während Julian versuchte, dem Kranken gut zuzureden und ihm die Angst zu nehmen, sah ihn der alte Arzt nachdenklich an. „Sie wohnen bei uns?“, fragte er schließlich.

„Ja. In der Strandmöwe.“

„Gut. Ich hab kaum noch die richtigen Medikamente. Bin schon seit fast fünf Jahren im Ruhestand.“

Andrea kehrte atemlos zurück, reichte Julian den Koffer, den er mit ruhigen Bewegungen öffnete. Er überlegte nicht lange und injizierte ein Medikament, mit dem sie in der Klinik die besten Erfolge erzielt hatten.

Dann wartete er angespannt, ob sich die Züge des Patienten ein wenig entkrampfen würden. Und wirklich, das Mittel schlug schnell an!

Als der Notarzt endlich zusammen mit zwei Sanitätern eintraf, war Andreas Vater über den Berg. Und auf der Intensivstation des Cuxhavener Krankenhauses würde er optimal weiter betreut werden.

„Wir fahren auch hin, ja?“ Bittend sah Andrea den jungen Arzt an.

„Sicher.“ Julian nickte und sah dem Kollegen nach, der sich gerade von Andreas Großvater verabschiedete und dann hastig der Trage mit dem Kranken folgte. „Und dann erzählst du mir, wer du wirklich bist, ja?“

Die Sorge um ihren seit Jahren schwer herzkranken Vater war aus Andreas Gesicht gewichen. Ihre Augen waren wieder so klar wie zuvor, als sie antwortete: „Ich bin Andrea. Das Mädchen, das dich liebt, Julian.“

Er zog sie fest in die Arme. „Und ich liebe dich, kleine Meerhexe. Nur... was tust du hier? Was ist mit den Hotels?“

Ein kleines Lächeln glitt über Andreas Gesicht. „Die Hotels gehören bald mir - wenn ich einen Mann heirate, der hier einmal Kurarzt werden will. Wir sind schließlich ein Kurort, die Patienten brauchen optimale Betreuung. Und meiner Familie gehören die beiden größten Hotels am Ort - und zwei kleine dazu. Schlimm?“

„Furchtbar schlimm!“ Julian lachte. „Vor allem, weil ich noch nicht weiß, ob ich nicht doch lieber Chirurg bleiben möchte.“

„Kannst du doch, Junge“, mischte sich der alte Arzt ein. „Heirate die Deern nur erst mal, damit sie nicht mehr fürchten muss, nur um des Geldes geliebt zu werden. Alles andere findet sich dann schon.“

„Kluger Großvater!“ Andrea umarmte den alten Herrn.

„Da nich für“, schmunzelte der. „Küss lieber deinen Doktor. Und dann fahrt los zur Klinik. Dein Vater wartet sicher auf euch. Für das andere habt ihr noch Zeit - ein ganzes Leben lang...“

ENDE

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