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Willkommen in der Matrix

Aus ayurvedischer Sicht ist die sogenannte extra-zelluläre Matrix (kurz EZM) die wichtigste Flüssigkeit für die Immunkraft im Körper. Die EZM ist das Plasma, das jede Zelle umgibt. Es ist die Flüssigkeit, in der alle unsere Körperzellen herumschwimmen. Dieses Plasma enthält auch Immunbestandteile. Diese werden humorale Barrieren genannt (lat. Humor = Flüssigkeit).

Ist das Plasma „gesund“, dann können die Zellen es auch sein. Und wenn unsere Zellen gesund sind, haben wir die beste Voraussetzung dafür, dass es uns gut geht.

Die bekannteste Flüssigkeit im Körper ist das Blut. Hier schwimmen viele Bestandteile der Immunabwehr herum. Auch die Magensäure ist Teil der humoralen Abwehr. In ihr werden die meisten Krankheitserreger zersetzt und so unschädlich gemacht. Dann gibt es noch Flüssigkeiten, die ständig direkten Kontakt mit Krankheitserregern haben. Dazu gehören die Augenflüssigkeit, die Flüssigkeit in der Lunge und der Speichel. Die Magensäure macht einfach als Säure schon vielen Angreifern das Leben schwer. In den anderen Flüssigkeiten sind es Moleküle: Immunglobuline, Enzyme und weitere Eiweißmoleküle wie Histamin, C-reaktives Protein (CRP) oder Zytokine.

Immunglobuline / Antikörper

Immunglobuline sind Proteine, die von den B-Lymphozyten gebildet werden. Sie entstehen als Reaktion auf Krankheitserreger. Krankheitserreger und andere körperfremde Stoffe aus der Umwelt, die in den Körper eindringen, werden als Antigene bezeichnet. Als Gegenstück zu den Antigenen werden Immunglobuline auch Antikörper genannt. (Ich habe mir die vielen Namen nicht ausgedacht.)

Antikörper passen wie ein Schlüssel auf ganz bestimmte „Schlösser“, Antigene genannt. Antigene können z. B. Strukturen der Zellmembran von Bakterien sein oder auch Teile der Hülle eines Virus. Die Antikörper verbinden sich mit den Antigenen und behindern so den Krankheitserreger oder neutralisieren auf diese Weise Gift und erleichtern so die Zerstörung des Angreifers. Antikörper werden ganz speziell auf die Antigene zugeschnitten entwickelt. Sie gehören daher zur spezifischen Abwehr.

Bestimmte Immunglobuline treten von der Blutbahn der Mutter in den Kreislauf des Kindes ein und schützen so das Baby in der ersten Zeit vor Infektionen.

In der modernen Medizin kann man über die Antikörper feststellen, ob eine Infektion vorliegt, z. B. Pfeiffer’sches Drüsenfieber. Wenn die entsprechenden Antikörper vorliegen, bedeutet das, dass der Körper mit diesem Krankheitserreger bereits Bekanntschaft gemacht hat.

Ihr Körper kann nur dann Immunglobuline herstellen, wenn genügend Eiweiß über die Nahrung aufgenommen wird. Aus meiner persönlichen Perspektive nehmen die meisten Menschen zu wenig Eiweiß auf. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt 0,8 bis 1,2 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Eine Person, die 60 Kg wiegt, sollte also ca. 60 Gr. Eiweiß pro Tag zu sich nehmen. Bei körperlicher Aktivität, in der Schwangerschaft und auch ältere Personen wird das Maß auf 1,4 bis 1,8 erhöht. Es gibt auch die Gegenmeinung, dass wir nicht zu viele Proteine (= Eiweiße) zu uns nehmen sollten. Mein Tipp: Machen Sie es abhängig von Ihrem Gesundheitsstatus. Wenn Sie häufig krank sind und sehr wenig Eiweiß aufnehmen, lohnt sich vielleicht das Experiment, den Körper mehr zu versorgen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Heilpraktiker.

C-reaktives Protein (CRP), freie Radikale und Übergewicht

Das C-reaktive Protein, kurz CRP, ist Teil der unspezifischen Immunabwehr. Es funktioniert wie eine Art post-it: Es heftet sich an Bakterien, Pilze oder andere Angreifer und markiert diese für die Fresszellen des Immunsystems. Es macht sie ihnen sozusagen schmackhaft.xlvi Seinen etwas sperrigen Namen hat es genau daher: Das Protein reagiert mit einer speziellen Struktur (C-Polysaccharid) an den Zellwänden bestimmter Bakterien (Streptococcus pneumoniae).

CRP wird immer dann gebildet, wenn eine Infektion vorliegt oder eine Schädigung von Gewebe.

Die Leber ist an der Herstellung von CRP beteiligt und kann ihre Produktion innerhalb kürzester Zeit um das 1000-fache erhöhen. Entzündungen sind daher immer auch ein Stressor für die Leber. Chronische Entzündungen behindern die Leber dauerhaft in ihrer regulären Arbeit.

CRP ist ein unabhängiger Risikofaktor für Fettleibigkeit (Adipositas), Insulinresistenz (Vorstufe von Typ-2-Diabetes), Fettansatz am Bauch, Fettleber (Lebersteatose) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

In der extra-zellulären Matrix übernimmt es verschiedene Funktionen:

• Immunabwehr

○ C-reaktives Protein markiert Angreifer und vereinfacht deren Zerstörung

○ Ferritin entzieht Bakterien Eisen, das sie für ihren Stoffwechsel benötigen

○ Fibrinogen steigert vor Ort die Blutgerinnung (z. b. bei einer Schnittwunde) und verhindert so, dass potentielle Krankheitserreger sich über das Blut im Körper verteilen können

• Schutz: Coeruloplasmin hemmt die Bildung freier Sauerstoffradikale, die umliegendes Gewebe schädigen könnten

Es scheint eine Verbindung zu geben zwischen der Konzentration von CRP im Blut und der Menge freier Radikale oder sog. ROS (reactive oxygen-species = reaktive Sauerstoffspezies).xlvii Freie Radikale und ROS entstehen in den Mitochondrien als Nebenprodukt der Energiegewinnung und in Immunzellen als chemische Waffen, um Viren oder Bakterien zu schädigen. Sie werden ins Plasma abgegeben und zerstören alles, was ihnen in die Quere kommt. Immunzellen müssen sich selbst vor diesen Molekülen schützen. Dafür benötigen sie eine ausreichende Versorgung mit Anti-Oxidantien. Diese produzieren sie teilweise selbst, teilweise werden sie über die Nahrung aufgenommen. Früchte enthalten oft hohe Mengen an Anti-Oxidantien.

Curcumin, ein Wirkstoff aus der Curcuma-Wurzel erhöht die Aktivität verschiedener Antioxidantien, fängt selbst freie Radikale ab und hemmt die Produktion von ROS.xlviii

Manchmal gelingt es dem Körper nicht, die akute Phase der Immunabwehr zu beenden. Dann entstehen chronische Entzündungen. Es werden weiterhin freie Radikale gebildet und Entzündungsmarker wie CRP.xlix Diese werden den Immunzellen selbst zum Verhängnis. Sie schädigen sich selbst mit den eigenen Waffen.


Bild: Eigenbearbeitung in Anlehnung an Lushchak (Fußnote 48)

CRP und Übergewicht

CRP kann im Körper auch andere Mechanismen stören. Das Sättigungsgefühl hängt von einem Molekül namens Leptin ab, das die Fettzellen nach einer Mahlzeit abgeben. Es gelangt normalerweise durch die extra-zelluläre Matrix ins Blut und von dort ins Gehirn. CRP fängt das Leptin jedoch vorher ab. Die Folge: Ihr Körper meldet zwar dem Gehirn die Sättigung, doch das Gehirn bekommt davon nichts mit. Es bleibt hungrig und lässt uns mehr Essen als nötig oder gewollt.l Wenn Sie also in Diäten immer wieder scheitern, lassen Sie Ihre Entzündungswerte prüfen.

CRP, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depression

Ein weiterer Nebeneffekt dieser CRP-Überproduktion ist ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Gefäßwände können durch das chronische Entzündungsgeschehen geschädigt werden.li

Bei Frauen war ein höheres CRP mit einem erhöhten Schweregrad von Depression verbunden. Bei Männern wurden jedoch keine signifikanten Zusammenhänge gefunden.lii

Die CRP-Konzentration im Blut kann schon erhöht sein, ohne dass andere Hinweise auf eine Erkrankung zu erkennen sind. Der CRP- Wert ist daher in der modernen Medizin ein wichtiger Parameter z.B. bei Verdacht auf Blinddarmentzündungen oder Atemwegsinfekten.

Histamin

Histamin ist fast überall im Körper zu finden, vor allem in Bereichen, die wichtig sind für die Abwehr. In der Haut, in den Schleimhäuten des Verdauungstrakts, in der Lunge sowie in verschiedenen Immunzellen wie den Mastzellen. Auch im Gehirn wird es aktiv.

Lebensmittel mit höheren Histamin-Konzentrationen sind z. B. Tomaten, Thunfisch, Schokolade, Hefe oder Rotwein.

Histamin ist ein sog. Mediator, ein Vermittler oder „Möglichmacher“. Wenn es ausgeschüttet wird, bindet es an den passenden Rezeptoren auf unterschiedlichsten Zellen und löst einige Kettenreaktionen aus:

• Blutgefäße erweitern sich und erhöhen ihre Durchlässigkeit, dadurch sinkt der Blutdruck. Es kommt zur Bildung von Wasseransammlungen unter der Haut und in den Schleimhäuten, zu Rötungen und Schwellungen, die sich als Blasen oder Quaddeln zeigen

• Juckreiz kann auf der Haut entstehen und Brechreiz im Verdauungstrakt

• Es wird mehr Adrenalin gebildet, wir empfinden Stress

• Die Bronchien in der Lunge ziehen sich zusammen. Man bekommt weniger Luft

• Der Magen produziert mehr Magensäure

• Die Wirkungen im Gehirn sind ebenfalls vielfältig und noch nicht vollständig erforscht

Zu viel Histamin wird freigesetzt

• bei Entzündungen oder Vergiftungen

• durch Koffeinkonsum

• durch Medikamente

• durch Alkohol

• durch jedweden Reiz, der als Angriff fehlinterpretiert werden kann

• bei einem Überschuss an freien Radikalen

Zytokine

Zytokine sind Botenstoffe. Sie übermitteln Informationen und steuern so Prozesse im Körper. Zytokine sind auch für die Regulation von Entzündungen im Körper zuständig. Im Zusammenhang mit dem Immunsystem unterscheidet man Zytokine, die entzündungsverstärkend wirken (pro-inflammatorisch) und solche, die entzündungshemmend wirken (anti-inflammatorisch).

In einer akuten Gefahrensituation schütten Immunzellen am Ort des Geschehens pro-inflammatorische Zytokine aus. Mit diesen locken sie weitere Immunzellen an und aktivieren diese. Wenn der Angreifer erfolgreich eliminiert wurde, werden anti-entzündliche Zytokine ausgeschüttet. Sie senken die Aktivität der Immunzellen und reduzieren so die Abwehrreaktion.

Ein Zytokin-Sturm ist eine Überreaktion des Immunsystems. Immunzellen werden aktiviert und schütten entzündungsverstärkende Zytokine aus. Diese locken weitere Immunzellen an, die auch wieder entzündungsverstärkende Zytokine ausschütten. Es entsteht eine sich selbst verstärkende Feedbackschleife. Mehr Zellen produzieren mehr Botenstoffe. Mehr Botenstoffe locken mehr Zellen an, die wiederum noch mehr Botenstoffe produzieren. Die Ansammlung von Immunzellen stört das Gewebe in dem betroffenen Bereich. Im schlimmsten Fall kann so ein Zytokin-Sturm zum Organversagen und damit sogar zum Tod führen.

Übergewicht, Stress und Stoffwechselstörungen wie Diabetes mellitus Typ 2 können einen negativen Einfluss auf die Zytokinproduktion haben. Sie können chronische Entzündungen im Körper begünstigen.

In Studien wurde festgestellt, dass z. B. Botenstoffe aus dem Fettgewebe (sog. Adipokine), die Immunreaktionen in Knorpelgewebe beeinflussen können.liii

Auch die Zytokine schwimmen in der extra-zellulären Matrix herum, die alle Zellen miteinander verbindet. Von der Konzentration dieser Stoffe in der Matrix hängt die Leistungsfähigkeit des gesamten Immunsystems ab. Je mehr Fehlalarme gemeldet werden wegen zu viel CRP oder Histamin, desto ermüdender für alle Beteiligten.

Die Reinheit der EZM ist entscheidend für Ihre IMMUN-Kraft.

Die Grafik unten zeigt im Überblick, welche Stoffe unser Immunsystem in seiner Arbeit beeinträchtigen und unsere Abwehrkräfte senken (links dargestellt).

Eine gesunde extra-zelluläre Matrix (rechts) ist frei von Schadstoffen. Sie ermöglicht den Immunzellen schnelle Bewegung und Kommunikation. Sekundäre Pflanzenstoffe unterstützen das Immunsystem in seiner Arbeit.

Ihre Immunkraft hängt maßgeblich vom Zustand Ihrer extrazellulären Matrix ab:


Bild: Coronavirus 2019-nCoV im Hintergrund: Istock 1204497174 © fpm

Im zweiten Teil lernen Sie ausführlich die ayurvedischen Empfehlungen kennen, wie Sie diese Matrix gesund erhalten.

Es gibt noch um einiges mehr Bestandteile des Immunsystems. An dieser Stelle wollen wir es erstmal gut sein lassen. Dafür erweitern wir jetzt unseren Blick und schauen uns das Immunsystem im Kontext der anderen Systeme des Körpers an.

Starke Einflussfaktoren

Das Immunsystem mit seinen Zellen, Geweben und Botenstoffen ist eng verbunden mit allen anderen Systemen des Körpers. Über die Lymphflüssigkeit und das Blut findet ein reger Austausch statt. Alle Epithelgewebe stehen in engem Kontakt mit dem Immunsystem: in Mund und Nase sowie in den Genitalien, in den Augen, im Darm und in den Atemwegen. Immunzellen durchdringen alle Gewebe. Selbst im Gehirn wurde kürzlich ein Lymphfluss gefunden.liv Wie wird das Immunsystem durch andere Faktoren beeinflusst?

Stark wie eine Frau

Teile des Immunsystems sind genetisch auf dem X-Chromosom codiert. Frauen haben zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Daraus lassen sich einige Unterschiede bei Männern und Frauen erklären. Frauen scheinen ein „stärkeres“ oder „aktiveres“ Immunsystem zu haben als Männer. Zumindest ist diese Vermutung naheliegend, wenn man bedenkt, dass Frauen statistisch gesehen mehr mit Entzündungen zu tun habenlv und häufiger von Auto-Immun-Erkrankungen betroffen sind als Männer.lvi

Sexualhormone wie Östrogen, Progesteron und Testosteron haben ebenfalls einen Einfluss auf die Menge und die Qualität von Immunzellen. Sie beeinflussen auch die Produktion von sog. Zytokinen (Signalproteine) und Immunglobulinen. Die Wirkung dieser Sexualhormone ist dosisabhängig. Dies gilt insbesondere für Östrogen und Progesteron, deren Konzentrationen während der verschiedenen Stadien des Menstruationszyklus, während der Schwangerschaft und nach der Menopause variieren. Daraus kann man ableiten, dass Männer und Frauen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich anfällig sind für Infektionskrankheiten und auch unterschiedlich auf Impfungen reagieren können. Frauen zeigen häufiger negative Reaktionen als Männer.lvii

Frauen haben einen höheren Anteil an T-Lymphozyten innerhalb des gesamten Lymphozyten-Pools und verfügen über aktivere zirkulierende Neutrophile und Makrophagen. Zusammengenommen deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Frauen im reproduktionsfähigen Alter über ein aktiveres Immunsystem verfügen als altersgleiche Männer. Dies könnte dafür verantwortlich sein, dass Frauen eine geringere Inzidenz und Sterblichkeitsrate bei bestimmten Infektionsarten (Grippe, bakterielle Meningitis) und eine geringere Rate an Atherosklerose aufweisen.lviii

Der ayurvedische Ansatz geht über die Einteilung in Mann / Frau hinaus. Alle Umstände und Wirkprinzipien werden differenziert betrachtet. Darin sind auch geschlechtsspezifische Unterschiede als Teil der Individualität des Klienten berücksichtigt.

Stark wie Arnold

Wir alle wissen, dass Bewegung wichtig ist für die Gesundheit (Wildor Hollmann sei Dank!). Schon Hippokrates war die Bedeutung von Bewegung für die Gesundheit klar. Doch wie genau die Wirkmechanismen sind, blieb lange verborgen. In den letzten Jahren kamen einige Schlüssel ans Licht. Es ist nicht nur der Verbrauch von Energie (Zucker und Fett), der den Stoffwechsel anregt. Es ist auch nicht nur der Zug an den Knochen, der diese zum Aufbau animiert. Vielmehr schütten Muskeln selbst aktiv Botenstoffe (Myokine) aus, die in vielen Geweben Wirkungen entfalten.

Bewegung hat eine tiefgreifende Wirkung auf das Immunsystem. Mit der Entdeckung, dass körperliche Betätigung den Anstieg einer ganzen Reihe von Zytokinen bewirkt, wurde ein möglicher Zusammenhang zwischen der Aktivität der Skelettmuskulatur und Veränderungen in der Immunität hergestellt.lix Myokine regulieren Entzündungsreaktionen.

Regelmäßig betriebener Ausdauersport kann eine anti-entzündliche Wirkung entfalten.lx Der Effekt ist dabei größer bei Menschen mit Vorerkrankungen wie Atherosklerose, Typ-2-Diabetes, Übergewicht und Herzinsuffizienz.

Die Wirkung des Trainings hängt von mehreren Faktoren ab:

• Wie viel bewegt sich die Person im Alltag unabhängig von Sport?

• Wie viel Zeit verbringt die Person pro Tag im Sitzen?

• Wie intensiv ist das Training?

• Wie viel Glucose steht der Muskulatur zur Verfügung?

Muskeln, die benutzt werden, regulieren den Energiestoffwechsel und sorgen dafür, dass

• Fettgewebe abgebaut wird

• Fettsäuren in der Muskulatur gespeichert werden statt in der Haut

• aktiveres Fettgewebe produziert wird

Über diesen Mechanismus nimmt die Muskulatur Einfluss auf das Entzündungsgeschehen im Körper, dass durch Fettzellen reguliert wird.

Stark wie Batman

Auch das Fettgewebe hat einen Einfluss auf das Immunsystem. Fettzellen schütten ebenfalls Zytokine aus (sog. Adipokine). Diese können im ganzen Körper Entzündungsprozesse befeuern.

Fettgewebe und Muskelgewebe stehen in enger Kommunikation miteinander – vorausgesetzt, die Muskulatur wird aktiviert.

Fettzellen heißen in schlau Adipozyten. Daher auch das Wort Adipositas = Fettleibigkeit.

Bei Säugetieren werden zwei Haupttypen von Fettgewebe beschrieben:

• Weißes Fettgewebe (WAT = white adipose tissue)

• Braunes Fettgewebe (BAT = brown adipose tissue)


Bild Shutterstock 1710429532 © Designua


(Bild Istock 1175122673 © Vitalii Dumma)

Die am häufigsten vorkommenden Fettzelltypen sind die weißen Fettzellen. Weiße Adipozyten speichern überschüssige Energie als Fett. Sie regulieren den Energiehaushalt im Körper durch die Freisetzung von Botenstoffen (Adipokine). Sie regulieren auch unser Hunger- und Sättigungsgefühl.

Wenn wir sehr viel Fett zu uns nehmen, vermehren sich die WATs und werden größer. So versuchen sie die anderen Gewebe vor dem Fettüberschuss zu beschützen, denn zu viel frei zirkulierende Fette wirken giftig (toxisch) auf den Körper. Nahrungsfette können die Entwicklung von Typ-2-Diabetes beeinflussen. Ein gutes Beispiel dafür ist Palmöl. Laut dem WWF (World Wide Fund For Nature) enthält fast jedes zweite Supermarktprodukt Palmöl.lxi Es befindet sich in Nuss-Nougat-Cremes, Tütensuppen, Keksen und vielen weiteren Fertigprodukten.

Palmöl enthält Palmitinsäure. Palmitinsäure ist eine der Hauptfettsäuren, die wichtige Funktionen im Körper übernimmt, im Übermaß aber giftig wird. Sie geht dann Verbindungen mit anderen Molekülen ein und wird zu Palmitat. Wenn die insulin-produzierenden Zellen zu lange dem Palmitat ausgesetzt sind, passieren drei Dinge:

1. Ihre Fähigkeit, das Insulin nach außen abzugeben, wird reduziert

2. Die Produktion von Insulin wird reduziert

3. Die Selbstzerstörung der insulin-produzierenden Zellen wird eingeleitetlxii

Wenn wir also stetig zunehmen, hat das vielleicht damit zu tun, dass die weißen Fettzellen versuchen, unser Leben zu retten!

WAT-Depots finden wir unter der Haut (was in vielen Kulturen als sehr sexy angesehen wird!) und im Bauch. Das Fett in der Haut wird allgemein als Schutzfaktor angesehen, das Fett im Bauch als Krankheitsfaktor. Das Bauchfett (Viszeral Fett) ist relativ aktiv und schüttet viele Botenstoffe aus, die entzündungsfördernd wirken.

Der zweite Haupt-Typ der Fettzelle, die braune Adipozyte, wurde beim Menschen viele Jahre lang übersehen. Im Gegensatz zu WATs verbrennen BATs ihr Fett selbst. Sie aktivieren dafür ihre Kraftwerke (die Mitochondrien). Das Fett wird in Wärme-Energie umgewandelt, die wir dann über die Haut abstrahlen. Diesen Effekt können wir uns zunutze machen. Es konnte nachgewiesen werden, dass die BATs mehr Energie verbrennen, wenn wir uns mit Kälte konfrontieren. So tragen auch sie aktiv dazu bei, uns vor zu viel Fett zu beschützen.


(Bild Istock 1175122673 © Vitalii Dumma)

Es wird angenommen, dass die Anzahl der braunen Adipozyten mit zunehmendem Alter abnimmt. Das ist vermutlich ein Grund, warum das Gewicht bei vielen im Alter steigt. Die BATs können sich aber genau wie die WATs vermehren und die Stoffwechselrate wieder erhöhen. Dies gelingt hervorragend über Kälte. Wissenschaftlich klingt das so: „Durch die Auslösung der BAT-Lipolyse und Thermogenese kann die Kälteexposition den Fettsäurepool des Körpers reduzieren, und eine längere Kälteexposition kann die Proliferation und Differenzierung von Vorläufern induzieren, was zu einem Anstieg der Anzahl brauner Adipozyten führt. Es gibt auch Hinweise darauf, dass sich WAT als Reaktion auf verschiedene Stimuli teilweise in BAT-ähnliche Adipozyten umwandeln kann, was darauf hindeutet, dass die Umleitung von WAT-Vorläufern in Richtung BAT ("Bräunung") als Reaktion auf Kälteexposition zur Kontrolle der Adipositas beitragen könnte.“lxiii

Übersetzt: WATs können bei Kälte zu so etwas wie BATs werden, d. h. sie können animiert werden, auch aktiv Fett zu verbrennen. Es scheint so zu sein, dass die Fettzellen die Kälte selbst spüren können und sofort darauf reagieren. Sie nehmen mehr Fett und Zucker aus dem Blut auf und werden aktiv.

Fettzellen, die Fett verbrennen. Ein Traum für die einen, Realität für die anderen. Sie haben es in der Hand (und in den Beinen), BATman / BATwoman zu werden.

Die Fette sind ein gutes Beispiel dafür, dass Krankheiten nicht nur durch Bakterien, Pilze oder Viren ausgelöst werden. Die meisten chronischen Erkrankungen der Neuzeit gehen nicht zurück auf Infektionen, sondern auf unseren Lifestyle. Zu diesen Erkrankungen gehören Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, Übergewicht, Rückenprobleme und einige mehr. Immer mehr Mediziner plädieren daher für eine neue Form der Medizin, die den Lebensstil als Fundament der Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention in den Vordergrund stellt. Das entspricht auch dem Grundgedanken der Ayurvedamedizin, deren primäre Aufgabe die Gesunderhaltung ist. Auch Bluthochdruck, Übergewicht oder Rückenschmerzen stehen in enger Wechselwirkung mit dem Immunsystem.lxiv Daher spielt die Stärkung des Immunsystems in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle.

Stark wie das Mikrobiom

Jede Krankheit beginnt im Darm.

Hippocrates von Kos

Wenn wir Naturdokumentationen sehen, sind wir oft beeindruckt von der Ästhetik der Wildtiere. Löwen jagen kraftstrotzend flinke Zebras, Elefanten durchstreifen friedlich die Wildnis und Affen schwingen sich von Ast zu Ast. Was wir nicht sehen, ist, dass die meisten Tiere Krankheitserreger in sich tragen. Die Tiere sehen gesund aus. Tatsächlich ist ihr Körper aber 24 Stunden am Tag damit beschäftigt, innere und äußere Angreifer in Schach zu halten. Bei uns sieht es genauso aus: Wir sind bevölkert von zahlreichen Mitbewohnern auf und in uns. Unsere Haut hat ihr eigenes Mikrobiom, unser Mundraum, der Magen, der Darm, alle Gewebe bis hin zur Muttermilch enthalten eine Vielzahl von Bakterien.lxv

Zwei gute Nachrichten dazu: Die erste gute Nachricht ist, dass ein Großteil dieser Mitbewohner unsere Freunde ist. Wir leben mit ihnen in jahrtausendealter Symbiose. Die zweite gute Nachricht ist, dass wir in der Regel hervorragend in der Lage sind, mit Krankheitserregern fertig zu werden. Unser Immunsystem kennt die meisten und ist optimal gerüstet.


Bild: Shutterstock 1096419800 © Andrii Bezvershenko

Der Darm oder genauer der Gastrointestinaltrakt (GIT) ist ein komplexes, offenes und integriertes Ökosystem mit der höchsten Exposition gegenüber der äußeren Umwelt. Die Gesamtfläche der Schleimhaut, der sog. epithelialen Barriere, beträgt 400 m2.

Das Mikrobiom des Darms besteht aus einer Multispezies-Mikrobengemeinschaft. Neben Bakterien umfassen die Makrobiotik Pilze, Archaeen, Protozoen und sogar Viren. Die Zahlen sind alle noch spekulativ, aber man geht von über 2.000 Arten aus, die im Menschen leben (nicht alle gleichzeitig in Einem). Zahlreiche Faktoren haben einen Einfluss auf unsere individuelle Besiedlung:

• Alter

• Genetik

• Geschlecht

• Geographie

• städtisch / ländlich

• sozio-ökonomischer Status

• sanitäre Bedingungen

Wenn der Darm gesund besiedelt ist, spricht man von Eubiose. Die Silbe „eu-“ steht für „gut“. Wenn sich die falschen Mikroorganismen ansiedeln, spricht man von Dysbiose (griech. dys = schlecht).

Die „guten“ Bakterien trainieren unsere Immunzellen. Sie helfen ihnen zu unterscheiden zwischen Freund und Feind. Manche Bakterien sollen als „körpereigen“ identifiziert werden, andere trotzdem als Bedrohung erkannt und eliminiert werden. Hier ist also ein ganz differenziertes Zusammenspiel erforderlich, um unsere Gesundheit zu erhalten.

Aus Untersuchungen mit keimfreien Mäusen konnte man im Vergleich einige Punkte identifizieren, in denen Bakterien in unserem Gehirn vermutlich mitmischen:lxvi

• Es werden Gene aktiviert, die mit der Anpassungsfähigkeit des Gehirns (Plastizität), und mit dem Hormonstoffwechsel zusammenhängen

• Die Bereiche des Gehirns, die auch für Lernen und Emotionen zuständig sind (Hippocampus und Amygdala) entwickeln sich anders

• Das Sozialverhalten verändert sich abhängig vom Mikrobiom

• Antibiotika verändern Prozesse im Gehirn

Ich führe diese Punkte bewusst nicht konkreter aus, weil eben so sehr vieles noch unklar ist. Die Studienlage ist widersprüchlich. Aktuell wird heiß diskutiert, wie verschiedene Erkrankungen mit dem Mikrobiom zusammenhängen, u. a. Alzheimer Demenz, Angststörungen, Autismus, Depression, Parkinson oder Schizophrenie.

Es ist aber nicht klar, ob ein verändertes Mikrobiom die Ursache oder die Folge dieser Erkrankungen ist. Aktuelle Studien zeigen weitere interessante Verbindungen

• Die typisch westliche Ernährung mit viel Zucker und Fett hat einen negativen Einfluss auf die Zusammensetzung des Mikrobioms und damit auf das Immunsystem

• Es wird ein Zusammenhang gesehen zwischen dem Mikrobiom und der Anfälligkeit für Infektionskrankheiten

• Das Mikrobiom scheint auch ein Schlüsselfaktor dafür zu sein, wie der Körper auf Impfungen reagiert

• Gewisse Formen von Durchfällen und Lungenentzündungen können besser behandelt werden, wenn gleichzeitig das Mikrobiom behandelt wird

• Ein falsch besiedelter Darm kann chronische Darmerkrankungen hervorrufen

• Lebererkrankungen können das Mikrobiom verändern

• Darmbakterien scheinen einen Effekt auf die Entwicklung und Hormonproduktion der Schilddrüse zu habenlxvii

• Das Mikrobiom kann die Aufnahme von Medikamenten verändern und umgekehrt

• Bakterien kommunizieren untereinander über Botenstoffe, die Einfluss auf unsere Körperzellen haben können

• Darmbakterien könnten eine Rolle spielen bei Auto-Immun-Erkrankungen und Krebs

• Darmbakterien fressen Neurotransmitter und produzieren zahlreiche wichtige Moleküle unterschiedlichster Wirkung. Sie wirken so auf unsere Psyche

• Desinfektionsmittel und Antibiotika bewirken im Allgemeinen eine langfristige Abnahme der bakteriellen Vielfalt

Exkurs Antibiotika

Antibiotika haben ein breites Wirkungsspektrum. Sie wirken nicht nur auf Krankheitserreger, sondern auch auf nützliche Mitglieder der Darmgemeinschaft. Einige Organismen werden von Antibiotika härter getroffen als andere. Bei manchen Personen ist der Effekt so stark, dass sie sich auch Monate nach der Behandlung noch nicht erholen. Dadurch können sich fremde Mikroben ausbreiten und sogar aus der Schleimhaut tiefer in den Körper eindringen und dort Entzündungen auslösen. Antibiotika können Veränderungen im Stoffwechsel der Schleimhäute auslösen und so die Immunzellen in ihrer Arbeit behindern.lxviii Paradoxerweise scheinen ausgerechnet Substanzen des Körpers die Bakterien resistent zu machen.lxix Der Körper versucht offenbar, seine guten Mitbewohner zu schützen. Das macht es den Makrophagen jedoch schwerer, die „bösen“ Bakterien abzuwehren.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Antibiotika Leben retten können. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der Behandlung bakterieller Infektionen. Ärzte setzen sie in der Regel mit Bedacht ein. Wichtig ist dann, sich auch an die exakte Dauer zu halten, um Resistenzen zu vermeiden. Hier hat jeder, der Antibiotika nimmt, auch eine soziale Verantwortung zu übernehmen.

Checkliste Mikrobiom

Enthält Ihre Ernährung viel Zucker und / oder viel ungesundes Fett? (Ungesunde Fette finden sich in Fertigprodukten Frittiertem, Keksen, industriell hergestellten Süßigkeiten etc.)

➢ Schleichen Sie ungesunde Angewohnheiten langsam aus.

➢ Machen Sie eine Probiotika-Kur, um Ihr persönliches Hungerund Sättigungsgefühl zurückzuerlangen. Top-Probiotika-Lebensmittel sind:

- Sauerkraut

- Kefir, Joghurt, einige Käsesorten

(z. B. Cheddar, Gouda, Mozzarella)

- Apfelessig

- Saure Gurken (in Salzlake, nicht Essig)

- Miso: Japanische Sojapaste, wird oft in Suppen verwendet

- Kombucha: Fermentierter schwarzer Tee

- Kimchi: Koreanisches Gericht aus fermentiertem Kohl

- Sauerteigbrot

Manchmal machen richtige Probiotika-Kuren Sinn. Dr. Giampapa empfiehlt eine spezielle Mischung, die das kindliche Mikrobiom abbildet und so dem Körper hilft, sich neu auszurichten. Infos dazu finden Sie auf der Buchwebseite. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Sicher gibt es auch andere gute Produkte. Vergleichen Sie und bilden Sie sich eine eigene Meinung.

➢ Gute Bakterien mögen gut genährt werden. Das gelingt mit Präbiotika. Gute Quellen dafür sind

- Artischocken

- Chicorée

- Löwenzahnwurzel

- Pastinaken

- Porree

- Schwarzwurzeln

- Zwiebeln

Künstliche Süßungsmittel sind Gift.

➢ Vermeiden Sie künstliche Süßungsmittel wie Sucralose, Saccharin, Aspartam oder Acesulfam K.

Wie hoch ist der Anteil von Fertigprodukten in Ihrer Nahrung?

➢ Reduzieren Sie schleichend Fertigprodukte aus Ihrer Nahrung.

Gibt es Medikamente, die bei Ihnen aus unerfindlichen Gründen nicht so wirken, wie sie sollten?

➢ Sprechen Sie mit Ihrem Behandler über mögliche Zusammenhänge mit dem Darm

Mussten Sie in Ihrem Leben mal Antibiotika nehmen? Wann? wie lange? und warum?

➢ Evtl. ist auch für Sie eine Probiotika-Kur sinnvoll.

Das Mikrobiom scheint ein wichtiger Faktor für unsere körperliche und mentale Gesundheit zu sein und es reagiert sehr empfindlich auf Stress. Stress wirkt ebenfalls direkt auf das Immunsystem. Das führt zu einer Kette von gestörten Interaktionen zwischen beidem. Daher ist Stress auch das nächste Thema.

Stark gestresst?

Was ist Stress? Als einer der Begründer der modernen Stressforschung gilt Hans Selye. Er definierte Stress als die „nichtspezifische Reaktion des Körpers auf jegliche Anforderungen, die an ihn gestellt werden, sei nun die Anforderung angenehm oder nicht.“

Kurz gesagt entsteht Stress immer, wenn sich etwas in uns selbst oder in unserer Umwelt verändert. Es ist eine Reaktion, die uns aktiviert und dabei auch das Immunsystem in Alarmbereitschaft versetzt.

In der Steinzeit war Stress von vorübergehender Natur. Nehmen wir als Beispiel den berühmten Säbelzahntiger. Sie laufen entspannt durch die Savanne und haben nichts Besonderes im Sinn. Ihr Stresslevel ist niedrig. Plötzlich erblicken Sie das Raubtier. Innerhalb kürzester Zeit verändert sich der Hormonspiegel im Blut. Adrenalin wird ausgeschüttet, die Muskeln werden aktiviert und die Verdauung gestoppt. Das Immunsystem bereitet sich auf Verletzungen und Infektionen vor. Sie laufen weg und es gelingt Ihnen, sich in Sicherheit zu bringen. Nach einer gewissen Zeit wird sich Ihr System wieder beruhigen. Auch das Immunsystem fährt wieder runter.

In dieser Geschichte haben Sie akuten Stress erlebt. Der Stress war zeitlich begrenzt. Akuter Stress richtig dosiert ist wichtig für unsere Gesundheit. Er stimuliert alle Systeme des Körpers und sorgt für Leistungsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit. Akuter Stress trainiert somit auch unser Immunsystem. Bewegung baut Stresshormone ab.

Der moderne Mensch ist jedoch mit chronischem Stress konfrontiert. Körper und Geist sind dauerhaft im Ausnahmezustand.

Viele kleine Puzzlesteine tragen dazu bei:

• Sie stehen morgens mit dem Wecker-Klingeln auf. Vielleicht passt die Uhrzeit nicht zu Ihrem Biorhythmus. Sie zwingen sich trotzdem aufzustehen oder

• Sie verwenden die Snooze-Taste Ihres Weckers, um noch ein paar Minuten vermeintlicher Erholung zu bekommen. Tatsächlich bleibt ein Teil Ihres Systems aktiviert, weil es weiß, dass es in wenigen Minuten wieder klingeln wird

• Um wach zu werden trinken Sie einen Kaffee. Nebenbei checken Sie schon die Nachrichten und nur kurz Ihre Social-Media-Kanäle

• Für Frühstück bleibt keine Zeit oder Sie haben noch keinen Hunger

• Sie stellen sich mit vielen anderen in die Staus der Republik um dann abgehetzt auf der Arbeit anzukommen

• Am Arbeitsplatz sind Sie konfrontiert mit zahllosen Nachrichten auf unterschiedlichen Kanälen, Meetings, ständigen Störungen und Ablenkungen, zahllosen Entscheidungen.

• Sie nehmen sich nicht die Zeit für Bewegungspausen, Toilettengänge oder Auszeiten in der Natur.

• Das Mittagessen ist entweder schnell und kalt am Laptop, weil Sie endlich ungestört ein paar Dinge erledigen können, Emails beantworten oder schnell etwas recherchieren für das Meeting gleich. Oder es ist ein Geschäftsessen, wo Sie hochkonzentriert sein müssen und nebenher ein paar Gabeln zum Mund führen.

• Nachmittags / Abends wartet der Berufsverkehr wieder auf Sie, dann noch schnell Einkaufen und Zuhause geht für viele der Stress weiter: Kinder warten schon, Partner oder – genauso stressig – niemand wartet auf einen. Man ist allein (man kann sich übrigens auch mit Partner und Kindern einsam fühlen.)

• Um die angestaute Energie im Körper zu entladen, besuchen Sie einen High-Intensity-Kurs, stemmen in irrem Tempo Gewichte und geben in kurzen Intervallen immer wieder Vollgas. Wenn die Zunge am Boden hängt und nichts mehr geht, wanken Sie erschöpft nach Hause.

• Zuhause wartet entweder der super gesunde vegan-Snack auf Sie mit möglichst wenig Kohlenhydraten und top Aminosäuren-Bilanz oder die Pizza mit Bier oder Rotwein.

• Sie sind müde, aber irgendwie auch nicht, also schauen Sie sich noch ein paar Serien auf Netflix an. Dazu passen Chips oder Schokolade.

• Sie schlafen vor dem Fernseher ein oder gehen später ins Bett als geplant, um am nächsten Tag dasselbe Spiel zu spielen.

Jeder Punkt für sich ab und zu wäre kein Problem. Die Dichte und Kontinuität sorgen jedoch für chronischen, d. h. dauerhaften Stress. Studien belegen, dass Patienten mit häufigen akuten Infektionen der oberen Atemwege unter starken psychischen Belastungen stehen.lxx

Diese Belastungen können auch durch Ereignisse aus der Vergangenheit entstehen, die noch nicht erfolgreich verarbeitet wurden. In meinen Coaching-Sessions erlebe ich regelmäßig, wie dicht unter der erwachsenen Oberfläche kindliche Sorgen und Ängste verborgen sind, die den Erwachsenen unbewusst ausbremsen und belasten. In der Gestalttherapie spricht man von nicht-geschlossenen Kreisen. Etwas, was nicht abgeschlossen ist oder was (noch) „keinen Sinn ergibt“, erzeugt Stress.

Stress macht auch die Darmwände durchlässiger. Der Darm mit seinen Kontaktflächen zur Außenwelt besteht aus der Schleimhaut, in der die Darmzellen liegen. Die Zellen liegen eng aneinander und sind sogar molekular verbunden wie Stühle in Reihen verhakt sind bei Veranstaltungen. Unter Stress werden diese Verbindungen gelöst und die Zellen rücken etwas auseinander. So können die Immunzellen aus dem Körper schneller in den Darm eintreten und aktiv werden.


Bild: Istock 1035771800 © ttsz

Nach akuten Stresssituationen wird der Normalzustand wiederhergestellt. Unter chronischem Stress bleiben die Darmzellen jedoch unverbunden. Und so, wie die Immunzellen in den Darm einwandern können, haben es nun Krankheitserreger leichter, in den Körper zu gelangen und sich über das Blut überall auszubreiten.

So können systemische Entzündungen entstehen, d.h. das Immunsystem wird plötzlich an allen möglichen Stellen aktiviert.

Chronischer Stress schwächt das Immunsystem und führt auf Dauer zu Ermüdungszuständen. In der Sportmedizin spricht man dann vom „Open-Window-Phänomen“. Ein schwaches Immunsystem wirkt sehr einladend für Krankheitserreger.

Stressregulation ist aus moderner und aus ayurvedischer Sicht einer der wichtigsten Faktoren zur Gesunderhaltung.

Checkliste Stress

Wie verläuft Ihre Stresskurve über den Tag?

Wie oft haben Sie akute / kurzfristige Stressphasen am Tag?

Was tun Sie nach akuten Stressmomenten?

Wie viele Bewegungsmomente haben Sie im Alltag?

(aktive Pause, Spaziergang, Cardio-Training)

Wie stark ist der Stress, der Ihr persönliches Grundrauschen darstellt (chronischer Stress)?

Welche Dinge stressen Sie?

Meditieren Sie?

Wie sieht Ihre „perfekte“ persönliche Work-Life-Balance aus?

Was können Sie heute tun, um diesem Ziel 1% näherzukommen?

Stark im Geist

Die Psychoneuroimmunologie (PNI), die klinische Psychoneuroimmunologie und die Psychoneuroendokrinologie sind relativ junge Forschungsgebiete. In den Namen steckt schon der interdisziplinäre Ansatz. Hier beschäftigt man sich mit den Wechselwirkungen des Immunsystems mit der Psyche und anderen Systemen. Psycho-Neuro- Immunologie schlägt die Brücke zwischen Denken und Gesundheit auf der einen Seite, sowie Fühlen und Stressmanagement auf der anderen Seite.

Die Forschung klärt die anatomischen und molekularen Mechanismen auf, die diesen bidirektionalen Hirn-Immun-Interaktionen zugrunde liegen. Das zentrale Nervensystem und das Immunsystem sind durch Nervenfasern, Botenstoffe und den Leukozyten-Verkehr mit dem Gehirn und dem Rückenmark verbunden. Zahlreiche Neurotransmitter von Nervenfasern können durch übereinstimmende Rezeptoren auf Immunzellen wirken, und Leukozyten selbst können diese neuronalen Botenstoffe herstellen und freisetzen. Diese Fähigkeit ermöglicht es ihnen, direkt über Nervenfasern und den Blutkreislauf Signale an das Gehirn zu senden.

Weitere Mediatoren der Immun-Hirn-Signalübertragung sind Immunopeptide (auch Zytokine), die von Immunzellen produziert werden und über entsprechende Rezeptoren auf Nervenzellen und andere Zellen des Nervensystems (Astrozyten und Mikroglia) wirken.

Diese Stoffe und andere Entzündungserreger wie PAMPs können in das Nervensystem eindringen, indem sie die Blut-Hirn-Schranke über Transporter-Systeme oder an undichten Stellen der Gefäße überwinden. Alle diese Signalwege können als Reaktion auf Entzündungen im Körper eine Entzündung in den Nerven auslösen und so unser Verhalten verändern. Wir fühlen uns krank und wollen ruhen, schlafen, weniger essen und auf Sex haben wir in dem Moment auch keine Lust. Manche Wissenschaftler sehen einen Zusammenhang zwischen schweren psychischen Erkrankungen und vorangegangenen Infektionen.

So wird vermutet, dass z. B. Depressionen vielleicht durch Bakterien oder Viren hervorgerufen werden, denn

• Mehrere Studien berichten von Entzündungsmarkern in den Gehirnen von depressiven Patienten.

• Viele Patienten mit Depression haben auch körperliche Symptome. Sie klagen über Müdigkeit, Energieverlust und haben Schwierigkeiten, das Bett zu verlassen.

• Es gibt Beweise für Bakterien und Viren, die die Hirnfunktion von Tieren beeinflussen, z. B. Toxoplasma gondii, den auch viele Menschen in sich tragen.

Exkurs Toxoplasma gondii

Toxoplasma gondii, ist ein Mikroorganismus, der sich nur in Katzen vermehrt. Über verschiedene Wege gelangt er auch in Menschen oder Mäuse. Da Mäuse - genetisch programmiert - eine Abneigung gegen Katzen haben, wird es schwierig für Toxoplasmas aus Mäusen zurück in eine Katze zu gelangen. Doch er ist in der Lage, das Gehirn einer Maus so zu verändern, dass die angeborene Angst erlischt, die Maus sich Katzen nähert und fressen lässt. Die Veränderungen im Gehirn der Maus bleiben aktiv auch wenn man den Organismus noch in der Maus abtötet.

Beim Menschen geht man davon aus, dass er keine besondere Wirkung entfaltet außer in der Schwangerschaft. Hier kann das Ungeborene Schaden nehmen, daher wird standardmäßig auf eine Infektion getestet. In Deutschland sind es ca. 50% der Bevölkerung, die Toxoplasma gondii in sich tragen.lxxi Ich halte es nicht für abwegig, dass Mikroorganismen Einfluss auf unser Verhalten nehmen können.

Fest steht, dass Toxoplasma das Geschlechterverhältnis beim Nachwuchs beeinflusst. Wissenschaft.de titelt dazu: „Toxoplasma steht auf Jungs“. Frauen, die Antikörper gegen Toxoplasma besitzen, bringen bis zu 2,5-mal häufiger Jungen als Mädchen zur Welt.lxxii Es wird ein Zusammenhang mit dem Immunsystem vermutet.

Stark im Herzen

Forscher der Harvard Medical School in Boston entdeckten zufällig, dass der Herzschlag von Mäusen gestört war, wenn keine Makrophagen im Herzen vorhanden waren. Es stellte sich heraus, dass viele residente Makrophagen im sog. AV-Knoten mit den dortigen Herzmuskelzellen physisch verbunden und elektrisch synchronisiert sind. Der AV-Knoten ist für das Signal "Jetzt kontrahieren" zuständig. Die Makrophagen unterstützen die Muskelzellen dabei und scheinen die Reiz- -Weiterleitung „irgendwie zuverlässiger zu machen“.lxxiii


Ihr Immunsystem ist also an jedem Herzschlag beteiligt.

Ein gesundes Herz schlägt in Ruhe unregelmäßig (ja, richtig gelesen: es schlägt in Ruhe beim Gesunden unregelmäßig, siehe Grafik).


Quelle: https://ouraring.com/what-is-heart-rate-variability

Dabei synchronisiert es sich mit dem Atemfluss, abhängig vom Stresslevel. Die Analyse der Herz-Frequenz-Variabilität (HRV) mit einem zuverlässigen Fitness-Tracker ist daher eine einfache und kostengünstige Methode, die Immunkraft zu überprüfen.lxxiv Stressmanagement und Atemregulation stärken das Herz und die Immunkraft. Darauf gehe ich im „Ayurveda-Teil“ des Buches ausführlicher ein.

IMMUN

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