Читать книгу Sperare Contra Spem - Susanne Hegger - Страница 30
2.3.3 Methode der Integration
ОглавлениеDie Frage nach dem Sinn und also der Wahrheit des Seins, auf die der Mensch sich nach Balthasar unausweichlich verwiesen sieht, erhält ihre letzte, unüberbietbare Antwort in der Selbstaussage Gottes in Jesus Christus. Von diesem letzten Wort her, das in den drei Silben Leben, Tod und Auferstehung ergeht, wird das Sein Gottes als Liebe verstehbar.440 Gleichzeitig aber wird auch erkennbar, dass alles weltlich Seiende, indem es Anteil am Sein hat, zugleich auch an der Seinswahrheit partizipiert. Aus diesem Grund also, so von Balthasars logische Folgerung, ist davon auszugehen, dass im Bereich des Weltlichen echte Wahrheitsmomente liegen, die als solche der menschlichen Vernunft auch durchaus zugänglich sind. Die neben dem Christentum existierenden anderen weltanschaulichen Angebote sind dann aber zunächst einmal grundsätzlich im Sinne der altkirchlichen Lehre als logoi spermatikoi441 zu würdigen. Getreu der paulinischen Forderung: „Prüfet alles, das Gute behaltet“ (1 Tess 5,21) will Balthasar „die Berechtigung all dieser Ansprüche der Reihe nach prüfen und deren Anteil an Wahrheit als einen relativen anerkennen.“442 Kriterium ist dabei nicht zuletzt die Frage der Kompatibilität. Da die Wahrheit nur eine ist, können die Wahrheitsmomente untereinander schlechterdings nicht unvereinbar sein. Mehr noch: Es gilt jeweils aufzuweisen, dass und in welchem Sinne sie auf den Einheitspunkt hin konvergieren. „Es gibt keine fruchtbare Auseinandersetzung, die nicht irgendwo auch eine Ineinandersetzung wäre.“443
Dies gilt umso mehr, als jede weltliche Erkenntnis notwendig perspektivisch ist und bleibt. Wenngleich sich auch jede neue Untersuchung ihrer eigenen, unübersteigbaren Begrenztheit bewusst zu sein hat, so muss es nach Balthasar doch Ziel sein, möglichst viele Teilwahrheiten zusammenzufügen, um so eine immer umfassendere Sicht auf das Ganze zu bekommen. „Ein altes und beinah abgedroschenes Prinzip der Apologetik wird damit erneut aktualisiert: Recht hat, wer mehr sieht, mehr zu umgreifen vermag“444. Jede geistige Enge, jedes sich gegen andere Ansätze Abschotten lässt daher den Wahrheitsanspruch eines Denksystems in den Augen Balthasars fragwürdig erscheinen. „Gott führt in seiner Offenbarung eine Symphonie auf, von der man nicht sagen kann, was reicher ist: der einheitliche Einfall seiner Komposition oder das polyphone Orchester der Schöpfung, das er sich dafür bereitet hat“.445 Verständnis von Wahrheit ist daher nicht möglich, indem der Mensch versucht, einzelne Töne oder Instrumente heraus zu hören, sondern einzig im Lauschen auf das Zusammenspiel.446
„Gemäß dem auf Sein und Denken bezogenen Schriftwort: ‚Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes‘ [1 Kor 3,23], das als Leitmotiv des gesamten Denkens Balthasars anzusehen ist, besteht nun der Sendungsauftrag der christlichen Philosophie darin, alle Gedanken und philosophischen Entwürfe als Eigentum zu erkennen und in den Dienst Christi zu stellen.“447 In diesem Sinne entwickelt von Balthasar seine Theologie im ständigen Dialog mit den großen Gestalten der Theologie- und Geistesgeschichte. „Schriftsteller und Dichter, Philosophen und Mystiker, alte und moderne, Christen jeder Konfession: Er ruft sie alle, ihren Beitrag zu leisten, aus dem sich die katholische Symphonie zu einer immer leuchtenderen Verherrlichung Gottes aufbauen soll.“448 Er steht ebenso in regem Kontakt mit zeitgenössischen Denkern449, wie er das Studium der Geistesgeschichte betreibt.
Besondere Bedeutung kommt dabei der Theologie der Kirchenväter zu, die Balthasar auf heutige Fragen hin ganz neu fruchtbar zu machen sucht.450 Dabei geht es ihm keineswegs um die rein mechanische Übernahme von einmal Gedachtem. „Eine Wahrheit, die nur noch tradiert wird, ohne von Grund auf neu gedacht zu werden, hat ihre Lebenskraft eingebüßt.“451 Deshalb sieht er seine Aufgabe vor allem in der Transposition: „Altes bleibt nur jung, wenn es mit jüngster Kraft auf das noch Ältere, Immerzeitliche, die gegenwärtige Offenbarung Gottes bezogen wird.“452 Erklärtes Ziel dabei ist immer die Rückführung der Moderne in das Christliche.453 Was ihm dagegen nicht auf den von ihm erkannten Einheitspunkt hin in christliches Denken integrierbar erscheint, ist er auch bereit, in äußerster, oft polemischer Schärfe abzulehnen. Viele seiner Gesprächspartner dienen von Balthasar so als Kontrastfolie, vor der seine eigene Position sich umso klarer abhebt.
Um an dieser Stelle nun kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Es geht Balthasar nie um den Entwurf eines in sich geschlossenen theologischen Systems. Ganz im Gegenteil, „ein Stachel gegen jedwedes Systemdenken durchzieht das ganze Werk Balthasars. Dieser Stachel gibt dem überaus geordneten und gegliederten Werk einen unsystematischen, ja einen antisystematischen Grundzug.“454 Theologie muss, so wurde schon mehrfach betont, Spiegel ihres Gegenstandes, der göttlichen Selbstoffenbarung sein. Balthasar wird nicht müde zu betonen, dass „der sich offenbarende Gott in all seinem Erscheinen souverän bleibt und der Herr seiner Erscheinung.“455 In der Gestalt Jesu Christi wird das Wesen Gottes als absolute Liebe ansichtig. Liebe aber ist notwendig ein Freiheits-Geschehen und als solches auf kein System und keinen Begriff rückführbar, wie sich mit Blick auf beide Wortteile gleichsam doppelt erweist. Zum einen entzieht sich Freiheit per definitionem der Festlegung; zum anderen aber ist die Ereignishaftigkeit der Liebe, ihr Tatcharakter nicht zu einem geschichtslosen System zu abstrahieren.456„Die ‚Gestalt‘ Jesu … ist (ergo) nicht anders fassbar, als indem man, auf das Fassen verzichtend, sie im Ungreifbaren des trinitarischen Mysteriums sich bergen läßt.“457 Jeder Versuch, dieses Mysteriums habhaft zu werden, ist nach Balthasar als Form besserwisserischen Bewältigungsdenkens zu verurteilen. Theologie kann dem gegenüber nie „etwas anderes sein als ein Verweis [im Verstehensversuch] auf das Eigentliche, das definitionsgemäß jeder begrifflichen Formulierung immer entgehen wird.“458
Der Einschub im Zitat weist bereits auf ein weiteres, wenn man so will gegenläufiges Missverständnis hin. Der Verzicht auf eine theologische Systematik bedeutet umgekehrt keineswegs, Balthasar erachte die christliche Offenbarung für irrational. „Dogmatik als ‚Logisierung‘ der Liebeskenosis Gottes“ gilt ihm durchaus als „möglich und für die Verkündigung sowie für die kirchliche kontemplative Reflexion notwendig, vorausgesetzt, daß das Liebesmysterium jene Mitte bleibt, auf die sie durch all ihre Begrifflichkeit verweist.“459 Es gibt nach balthasarscher Überzeugung also durchaus rationale theologische Erkenntnis, „aber ihr Gegenstand ist genau diese Liebe, die wesensgemäß, wenn sie erkannt wird, als das Übererkennbare erkannt wird“460. Die gnadenhaft gewährte Liebe ist auch nachträglich in keiner Weise von der Vernunft begreifbar, d. h. es lassen sich auch von der ergangenen Offenbarung her keine logischen Rückschlüsse auf die Bedingungen ihrer Möglichkeit ziehen. „Si comprehenderis, non est Deus“, so Balthasars immer wieder mit den Worten des Augustinus formuliertes Credo.461
In diesem Sinne also, so kann man an dieser Stelle wohl zusammenfassend sagen, ist Hans Urs von Balthasar darum bemüht, „ein offenes und doch kohärentes Gesamtwerk zu entwerfen, in dem sich die Gesamtschau der Kultur mit einer solchen des christlichen Mysteriums verbindet.“462 Ich schließe mich daher Manfred Lochbrunner an, der vorschlägt, mit Blick auf die balthasarsche Theologie „von einer theologischen Summa zu sprechen. (…) Die Summa ist eine Synthese, aber kein geschlossenes, sich verabsolutierendes System.“463 Damit ist m. E. gleichermaßen das zentrale Anliegen Balthasars gewürdigt wie sein Werk zutreffend charakterisiert.
In den bisherigen Ausführungen ging es einstweilen nur darum, das theologische Programm Hans Urs von Balthasars in groben Linien zu umreißen. Dies geschah mit einem dreifachen Ziel. Erstens erscheint eine solche Einführung in die Spezifika seiner Denkgestalt gleichermaßen hilfreich für das Verständnis wie für die Einordnung seiner inhaltlichen Aussagen. Zweitens dient sie auch der Begründung für Aufbau und methodisches Vorgehen der vorliegenden Untersuchung. So dürfte deutlich geworden sein, dass eine Annäherung an Balthasars Perspektive auf die Frage der Hölle nicht in Form einer systematischen Analyse zu leisten sein wird. Der Weg wird vielmehr sein müssen, in seine umkreisenden Denkbewegungen einschwingend, die Kon-Zentrierungen nachzuvollziehen. Zuvor aber, und darin liegt die dritte Begründung für die vorhergehenden Darlegungen, gilt es, die Chancen und Grenzen, wie sie aus dem Theologieverständnis Hans Urs von Balthasars erwachsen, kritisch zu bedenken.