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Hamburg

Von außen glich das trutzige Gebäude am Elbhang einem Hochsicherheitsgefängnis. In den kantigen, kastenartigen Bau aus rötlichen Steinen waren keine großzügigen Fenster, sondern nur Bänder schmaler, verglaster Schlitze eingelassen, die waagerechten Schießscharten ähnelten. Ins Innere des Gebäudes drang entsprechend wenig Tageslicht – was durch ein raffiniertes, von Bewegungsmeldern gesteuertes Beleuchtungssystem ausgeglichen wurde. Auch bei diesem Haus entsprach das wichtigste Sicherheitsprinzip dem einer Haftanstalt: Nichts, was drinnen verwahrt wurde, durfte nach außen gelangen. Doch wenn dies bei der roten Festung an der Elbe jemals geschah, würde die daraus resultierende Bedrohung selbst den Ausbruch eines Serienmörders bei weitem übertreffen: Dann war das Leben von Millionen Menschen in höchster Gefahr.

Das neue Laborgebäude des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin war 2009 eröffnet worden. Es beherbergte neunzig Wissenschaftler und neben zwanzig Laboren der biologischen Schutzstufe zwei und fünf Laboren der Stufe drei auch zwei Labore der höchsten Sicherheitsstufe vier. Nur in Berlin, Marburg und auf der Forschungsinsel Riems im Greifswalder Bodden gab es in Deutschland weitere Stufe-vier-Labore.

In diesen Laboren wurden die tödlichsten Erreger und Infektionskrankheiten erforscht, die auf unserem Planeten zu finden waren. Dazu zählten Ebola, Hanta, Dengue, Krim-Kongo, Marburg, Lassa, aber auch Pocken oder die Pest. Die Inneneinrichtung der Labore bestand fast vollständig aus widerstandsfähigem und gut zu reinigendem V2A-Stahl; die Fenster gehörten zur Brandschutzklasse F-90 und konnten eineinhalb Stunden lang selbst einem tobenden Höllenfeuer widerstehen. Die luftdichten Türen des Labors mit ihren Bullaugen glichen den lukenartigen Durchgängen auf Kriegsschiffen. Dahinter lagen Schleusen, die mit Per-Essigsäure-Duschen ausgerüstet waren. Sie konnten einen Menschen ohne Schutzanzug buchstäblich skelettieren. Aber diese Räume betrat ohnehin niemand ohne einen Ganzkörperanzug mit eigener Sauerstoffversorgung. Im Inneren dieser Anzüge herrschte Überdruck, um nichts hineingelangen zu lassen, im Gegensatz zum leichten Unterdruck der Labors, damit keine Erreger nach außen entweichen konnten.

In einem der Stufe-vier-Labore starrte Dr. Sarah Winter ungläubig auf den Monitor des Transmissions-Elektronenmikroskops.

„Das ist doch nicht möglich!“, entfuhr es ihr.

Ihr aufgeblasener Tyvek-Schutzanzug knisterte leicht, als sie sich noch einmal vorbeugte. Die neunzigtausendfache Vergrößerung, die der Elektronenstrahl ermöglichte, zeigte ein Abbild des Erregers, dem das Ehepaar aus Wedel zum Opfer gefallen war.

Die achtunddreißigjährige Virologin hatte gehört, dass der Mann beim Eintreffen des Notarztes bereits tot gewesen war. Die Frau war noch im Krankenwagen gestorben. Die Leichen lagen nun in einem Sondertrakt des UKE, dem Universitätsklinikum Eppendorf; die Blutproben waren sofort mit einem speziellen Fahrzeug ins Bernhard-Nocht-Institut gebracht worden.

Ratlos blickte sie auf einen Ausdruck, der auf dem Labortisch vor ihr lag. Die Schleuse öffnete sich und Professor Dr. Levy Dahan trat ein. Dahan war Leiter der Virologie am Bernhard-Nocht-Institut. Ausgebildet am Technion in Haifa und an der Hebräischen Universität in Jerusalem, genoss er auf seinem Gebiet ein hohes Ansehen. Vor drei Jahren war er einem Ruf an das Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg gefolgt. Er war ein graziler Mann Mitte vierzig, freundlich, aber außerhalb eines engen Freundeskreises etwas distanziert, verlässlich, aber alles andere als ein Kumpeltyp. Sarah, die eng mit ihm zusammenarbeitete, war erst seit ein paar Wochen mit ihm per Du.

„Levy, kannst du dir das bitte mal ansehen?“, rief sie ihm zu.

Dahan, der von einem Kongress in London nach Hamburg geeilt war, ging zu Sarah hinüber und nahm das Blatt Papier entgegen, das sie ihm hinhielt. Über seine schmalrandige Brille hinweg blickte er auf das Abbild auf dem Monitor.

„Ist das der Fall mit den beiden Toten aus dieser Kleinstadt?“, fragte er mit seinem etwas kehligen Akzent.

Seine Kollegin nickte. Dahan las die Werte auf dem Ausdruck ab. Es war das Ergebnis der Sequenzierung des Erregers, der Tim und Helen Waller getötet hatte. Die Entschlüsselung eines Genoms mit modernen Sequenzierungsmaschinen dauerte heute nur noch wenige Stunden. Unter dem Mikroskop hatte sich zunächst herausgestellt, dass es sich nicht um einen bakteriellen Erreger handelte. Das Elektronenmikroskop entlarvte schließlich das tödliche Virus.

„Dieser Notarzt hatte recht“, murmelte Dahan, „es ist tatsächlich ein Filovirus. Aber so einen habe ich noch nie gesehen. Wo zum Teufel kommt der her?“

Die Filoviren waren eine Familie von Viren, zu denen auch Marburg und Ebola gehörten. Der Virologe blickte wieder auf den Ausdruck und dann auf den Bildschirm.

„Sieht aus wie der Zaire-Sudan-Stamm. Und wiederum nicht. Einiges passt nicht dazu. Aber was ist das da? Guck dir das mal an.“

Dahan wies auf die spiralförmigen Auswüchse, die wie Arme aus der Hülle des Virus ragten. Sie wiesen lange „Spikes“ auf, nadelartige Formen aus Glykoprotein.

„Du sagtest, die Opfer hätten sich infiziert und seien binnen weniger Stunden gestorben?“

Sarah nickte. „Dieses Ding ist hochinfektiös und weist womöglich eine hundertprozentige Letalität auf. Ich habe noch nie von einem hämorrhagischen Fieber gehört, das innerhalb so kurzer Zeit töten kann. Womöglich ist es sogar auf dem Luftweg übertragbar.“

Dahan sah sie nachdenklich an. „Das könnte allerdings eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes nach sich ziehen. Bislang sind hämorrhagische Fieber nicht aerogen übertragbar.“

Der Chefvirologe sah sich noch einmal sehr konzentriert den Ausdruck der Sequenzierung an. Sarah sah, wie er sich plötzlich anspannte.

„Oh Gott, das gefällt mir nicht. Ruf Rafael an, er soll sofort hierher ins Labor kommen. Sofort!“

Sarah sah ihn alarmiert an. „Thomsen, den Bakteriologen? Was glaubst du denn, womit wir es hier zu tun haben?“

Unter seinem Schutzhelm stieß Dahan den angehaltenen Atem schnaufend aus.

„Möglicherweise mit einem richtigen Monster. Einem Albtraum von einer Chimäre.“

Der bleierne Sarg

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