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ОглавлениеSchleswig
Das Büro von Dr. Rüdiger Stettner, Chef des Archäologischen Landesamtes, war etwa zwanzig Quadratmeter groß und ernüchternd karg eingerichtet – sah man von ein paar alten Stichen an den Wänden ab, die das Herrenhaus Annettenhöh in nobleren Zeiten zeigten. Lindberg saß auf einem der unbequemen Freischwinger, die um den kleinen Konferenztisch aufgestellt waren. Er musterte Stettner, der wie üblich eine kleine Demonstration seiner Macht gab, indem er in Aktenordnern las, ohne Lindberg eines Blickes oder Wortes zu würdigen. Wenn Stettner das nötig hatte, war er nur eine arme Wurst, überlegte der Archäologe. Die Vorstellung schoss ihm durch den Kopf, Stettner hätte wie jede andere Wurst auch zwei zipfelhafte Enden. Das amüsierte ihn und er musste grinsen.
Stettner musterte ihn nun missbilligend über seinen Ordner hinweg. „Sie scheinen ja ausnehmend gute Laune zu haben, Dr. Lindberg“, bemerkte er säuerlich.
„Tut mir leid, Dr. Stettner. Das kommt hin und wieder einfach über mich“, versetzte Lindberg.
Sein Chef legte den Ordner beiseite und stellte die dünnen Finger zu einer Pyramide auf.
„Und Sie scheinen ja in Hamburg großen Eindruck gemacht zu haben.“
Lindberg runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht ganz …?“
„Die Sache mit dem Bleisarg da unten in Wedel vor ein paar Tagen. Der Einbruch in die Gruft und der Anschlag auf die beiden Polizeibeamten. Sie hatten wohl gleich ein paar hilfreiche historische Anmerkungen parat?“
„Ach so, ja. Nun, ich habe dazu gesagt, was ich konnte, aber danach nichts mehr aus Hamburg gehört.“
„Ich schon“, versetzte Stettner. „Das Landeskriminalamt in Kiel hat offiziell um Ihre Mitarbeit in dem Fall ersucht. Und die Landesregierung hat mich mit einigem Nachdruck gebeten, Sie dafür freizustellen – was ich hiermit tue. Inwiefern Sie da helfen können, erschließt sich mir nicht. Es gibt da wohl ein Problem mit einem Krankheitserreger? Wir sind Archäologen, keine Bakteriologen. Das sollten Sie denen da unten vielleicht mal klarmachen. Aber naja, ich sage dazu mal gar nichts – man hat mir strengstes Stillschweigen auferlegt.“
„Ich kann Ihnen dazu auch nichts sagen, Dr. Stettner“, sagte Lindberg. „Ich bin mindestens so überrascht wie Sie.“
Rüdiger Stettner sah ihn ein paar Herzschläge lang argwöhnisch an, dann zuckte er mit den Schultern. „Gut, Lindberg, wie dem auch sei. Eine Konferenz ist heute um fünfzehn Uhr im Bernhard-Nocht-Institut angesetzt. Fahren Sie also in Gottes Namen nach Hamburg und sehen Sie zu, dass Sie den Leuten irgendwie helfen können. Und dann kehren Sie bitte zügig an Ihre Arbeit zurück. Die Kollegen in Greifswald haben uns um Unterstützung gebeten. Sie wissen schon – dieses Tollense-Schlachtfeld aus der Bronzezeit. Offenbar gibt es da ein paar interessante neue Funde. Sie sollten sich das möglichst bald mal ansehen. Wir sollten unbedingt mit an Bord sein.“
Lindberg nickte. Ihm war völlig klar, dass Stettner sich die Gelegenheit, im Revier der Kollegen aus Mecklenburg-Vorpommern zu wildern, nicht entgehen lassen wollte. Allerdings könnten diese neuen Funde tatsächlich hochinteressant sein. Stettner witterte offenbar eine Chance, sich zu profilieren. Lindberg setzte ein möglichst dienstbeflissenes Gesicht auf und verabschiedete sich eilig.
Auf der Fahrt nach Hamburg grübelte er über diesen seltsamen Auftrag nach. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, warum er von der Landesregierung angefordert worden war. Sofern er wusste, war der Bleisarg mit der Leiche inzwischen nach Hamburg gebracht und dort gründlich untersucht worden. Die Gruft war aufwendig desinfiziert und dann zugemauert worden. Für ihn war der Fall erledigt. Ein Rätsel stellte allerdings der Mordanschlag auf die beiden Polizisten dar, die die Gruft in jener Nacht bewacht hatten. Ihm taten die Familien der Opfer leid.
Hamburg
Im Bernhard-Nocht-Institut angekommen, wurde Lindberg sofort in einen geräumigen Konferenzraum geführt. Zu seiner Erleichterung gab es frischen Kaffee, ein paar Kekse und kleine Flaschen mit Wasser und Säften.
Er winkte Sarah Winter zu, die bereits am Tisch saß und in Papieren blätterte. Er erkannte ferner Professor Dr. Levy Dahan und den etwas beleibten Bakteriologen Professor Dr. Rafael Thomsen. Neben ihnen saßen noch zwei Männer, die er nicht einordnen konnte. Der eine kam ihm allerdings bekannt vor. Er war hochgewachsen und schien Mitte sechzig zu sein. Der Mann hatte ein markantes Gesicht, war schlank, fast hager zu nennen, und trug einen legeren schwarzen Rollkragenpullover zu einer sandfarbenen Cordhose. Auch er war in vor ihm liegende Papiere vertieft. Der zweite Mann trug einen förmlichen grauen Anzug mit roter Krawatte. Er war um die fünfzig und musterte die anderen Anwesenden mit kühlem Blick, der auch kurz und etwas unangenehm auf Lindberg ruhte. Lindberg kam sich vor wie ein Insekt unter dem Mikroskop.
Er setzte sich neben Sarah Winter, als eine weitere Person den Raum betrat. Es war eine schlanke, drahtige Frau, die Lindberg auf Mitte dreißig schätzte. Ihr üppiges schwarzes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebändigt. Naher oder Mittlerer Osten, überlegte Lindberg. Türkei. Oder Iran. Die Frau stellte ihre Aktentasche neben einen Stuhl und setzte sich.
„Ich sehe, dass wir nun vollzählig sind“, sagte Dahan und nickte den Anwesenden reihum zu. „Dr. Lindberg vom Archäologischen Landesamt in Schleswig haben einige von Ihnen ja schon kennengelernt. Möglicherweise brauchen wir seine Expertise. Der Fall reicht offenbar weit in die Vergangenheit zurück. Dort drüben sitzt mein Kollege, Professor Dr. Gerhard Hartdegen. Er ist spezialisiert auf jene Erreger, die als bakteriologische oder virologische Kampfstoffe genutzt werden können – vor allem das berüchtigte ‚Dreckige Dutzend‘. Sie wissen ja: Milzbrand, Pest, Ebola und so weiter.“
Hartdegen nickte kurz in die Runde.
„Neben ihm sitzt Professor Dr. Paul Rischmann“, fuhr Dahan fort. „Er ist Chef der Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf und hat die Autopsie an der Wedeler Leiche vorgenommen.“
Natürlich, dachte Lindberg. Rischmann! Der Mann war eine Legende in Fachkreisen. Und dies sogar weltweit. Wenn es zwischen Argentinien und Zypern einen ungeklärten Todesfall mit internationaler Bedeutung gab, dann rief man Rischmann.
„Ferner möchte ich Ihnen Hauptkommissarin Becca Shahin vom Landeskriminalamt in Kiel vorstellen.“ Damit drehte sich Dahan zu der schwarzhaarigen Frau um. „Sie hat die Leitung in diesem Fall und wird Ihnen gleich erklären, um was es hier eigentlich geht.“
Shahin nickte in die Runde. Eher Syrerin, überlegte Lindberg. Oder aus dem Irak. Dahan stand auf.
„Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen Erfolg. Davon hängt sehr viel ab.“ Er nickte Winter und Thomsen zu. „Halten Sie mich bitte auf dem Laufenden.“
Mit diesen Worten verließ der Virologe den Raum. Becca Shahin verlor keine Zeit.
„Vorgestellt worden bin ich ja schon. Vielleicht sagen Sie mir jetzt noch kurz, wer Sie sind. Dann können wir anfangen.“ Damit nickte sie Winter und Thomsen auffordernd zu.
Die beiden holten ihre Vorstellung nach. Die Polizistin sah in die Runde und blickte jedem am Tisch kurz in die Augen. Ihre eigenen waren tiefschwarz, fiel Lindberg auf.
„Offenbar bin ich hier die einzige am Tisch ohne Doktorgrad“, sagte Shahin lächelnd.
„Mag sein“, entgegnete Lindberg. „Dafür sind Sie hier die einzige am Tisch mit einer geladenen Waffe am Gürtel.“
„Sie haben bemerkenswert scharfe Augen, Dr. Lindberg“, bemerkte Shahin und musterte den Archäologen aufmerksam. „Was wir hier am Tisch besprechen, darf diesen Personenkreis nicht verlassen. Das ist übrigens keine Bitte, sondern eine strafbewehrte polizeiliche Anordnung. Sollte jemand damit nicht einverstanden sein, möge er bitte jetzt den Raum verlassen. Im Übrigen wird niemand gezwungen, sich an dieser Kommission zu beteiligen. Aber Sie alle haben Kenntnisse, die uns möglicherweise weiterhelfen können. Nun, wie sieht es aus – gehen oder bleiben Sie?“
Die Teilnehmer sahen sich mit leicht verwirrten Mienen an, doch niemand erhob sich.
„Gut, dann wäre das geklärt“, sagte Shahin. „Professor Rischmann – wollen Sie anfangen? Sie haben die Leiche aus dem Wedeler Bleisarg obduziert.“
Rischmann nickte und ordnete seine Papiere.
„Ich bin seit fast vierzig Jahren Rechtsmediziner“, begann er, „aber ich habe einen derartigen Fall noch nie gesehen. Mehr als das – ich habe mir ein solches Phänomen bisher gar nicht vorstellen können. Abgesehen von einem ähnlichen Fall in China, den ich allerdings nicht selbst auf dem Tisch hatte …“ – bei diesen Worten lächelten Winter und Lindberg sich an – „… hat es das wohl auch noch nie in der Medizingeschichte gegeben.“
Er griff nach einer schmalen Fernbedienung. „Ich hoffe, Sie haben stabile Mägen?“
An der Decke erwachte der Kühlventilator eines Beamers mit leisem Surren. Das erste Bild zeigte den Leichnam aus Wedel, der auf dem Obduktionstisch lag. Dahinter waren zwei Mediziner in voller Schutzkleidung zu erkennen.
„Nanu, der hat ja nur einen Arm!“, entfuhr es Lindberg.
„Sie haben recht“, sagte Rischmann. „Dazu komme ich gleich noch. Was Sie ebenfalls sofort erkennen können …“ – der rote Zeiger der Fernbedienung kreiste um die Leiche auf dem Tisch – „… ist, dass dieser Körper nahezu unversehrt ist. Eine Verwesung hat nur in Ansätzen stattgefunden.“
Der Beamer klickte leise und ein neues Foto erschien. Der Leib des Toten war bereits mit einem T-Schnitt geöffnet und die Organe in Stahlschalen gelegt worden.
„Das gilt weitgehend auch für die Organe im Körperinneren“, erläuterte der Rechtsmediziner. „Wie Sie sehen, sind sie weich und ziemlich intakt. Wenn ich nicht wüsste, dass dieser Mann aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges stammt, würde ich per Augenschein annehmen, er sei vor ein paar Tagen gestorben. Ich gebe zu, ich bin ratlos.“
Das nächste Bild erschien.
„Nun zu dem fehlenden Arm. Der Mann hat ihn nicht im Dreißigjährigen Krieg verloren oder bei einem Unfall. Dieser Arm wurde erst kürzlich vom Körper abgetrennt – vermutlich sogar in jener Nacht, als die beiden Polizisten niedergestochen wurden.“
„Die Täter haben einen dreihundertfünfzig Jahre alten Arm gestohlen?“, fragte Lindberg entgeistert. „Warum um alles in der Welt sollte jemand so etwas tun? Das ist schon ein sehr spezielles Souvenir.“
Rischmann wies mit dem Zeiger auf die Schnittstelle an der Schulter der Leiche. „Die Extremität wurde fachgerecht am Schultergelenk abgetrennt. Das Gewebe mit einer sehr scharfen Klinge, der Knochen mit einer chirurgischen Säge.“ Er blickte in die Runde. „Wer diesen Arm gestohlen hat, hat es nicht spontan getan, sondern nach sorgfältiger Planung und mit dem geeigneten Werkzeug. Und der Täter hatte ganz offenbar ausgezeichnete anatomische Kenntnisse.“
Becca Shahin nickte dem Rechtsmediziner zu. „Vielen Dank, Professor Rischmann. Dr. Winter, Professor Dr. Thomsen, was haben Sie herausgefunden? Viel Zeit war ja noch nicht.“
Sarah Winter machte eine Geste, die Thomsen ermuntern sollte, als Erster zu sprechen.
„Ich gebe zu – wie Kollege Rischmann stehen auch wir vor einem Rätsel. Im Körper des Toten fanden sich Viren, die es eigentlich gar nicht geben sollte. Es handelt sich um eine sogenannte Chimäre.“
Shahin hob eine Hand. „Könnten Sie den Begriff bitte erklären?“
Thomsen nickte. „Gern. Der Begriff Chimäre stammt aus der griechischen Mythologie. Dort war die Chimäre ein feuerspeiendes Ungeheuer, vorn Löwe, in der Mitte Ziege und hinten Drache. Es wurde vom Helden Bellerophon getötet. In der Archäologie sind Chimären Mischwesen in Skulpturen und Felsritzungen alter Kulturen. In der Medizin und Biologie aber bezeichnet man damit einen Organismus, der aus unterschiedlichen Zellen oder Genomen aufgebaut und dennoch einheitlich ist.“
Thomsen blickte in seine Unterlagen. „Bei der Chimäre, die uns interessiert, wurden bestimmte fremde Gene eingefügt – offenbar geschah dies durch eine Reihe von Mutationen. Wie das genau geschehen konnte, ist mir ein Rätsel. Aber so viel habe ich im Laufe der Jahre gelernt, dass die Natur immer ein paar Überraschungen bereithält. Zynisch könnte man sagen, dieser Erreger vereinigt die besten Eigenschaften des hämorrhagischen Fiebers mit der Pest. Die genetische Besonderheit bringt es zudem mit sich, dass die Krankheit nicht nur hochinfektiös ist, sondern auch bereits nach kurzer Inkubationszeit tötet. Die Sterblichkeitsrate muss enorm hoch sein. Ich hoffe, wir werden nie herausfinden müssen, wie hoch.“
Thomsen goss sich ein Glas Wasser ein, trank und fuhr dann fort. „Dank des perfekten Erhaltungszustandes des Körpers hat dieses Teufelsding dreihundertfünfzig Jahre in dem luftdicht zugelöteten Bleisarg überstanden. Diese besondere Flüssigkeit, in der er schwamm – deren genaue Zusammensetzung wir immer noch nicht ermitteln konnten –, dürfte entscheidend damit zu tun haben. Besonders beunruhigend ist, dass die Chimäre weiterhin unablässig mutiert. Und dass sie offenbar durch die Luft übertragbar ist – was weder für die Pest noch für Ebola, Marburg oder eines der anderen hämorrhagischen Fieber gilt.“
„Großer Gott!“, entfuhr es Lindberg.
„Gott?“, schnaubte Thomsen. „Ich fürchte, der muss gerade ein Nickerchen gemacht haben, als diese Abnormität entstand. Denn diese Chimäre bedroht ganz akut seine Schöpfung“, sagte der Wissenschaftler bitter.
„Vielen Dank. Bezüglich dessen, was ich Ihnen jetzt sage, weise ich Sie noch einmal auf Ihre Pflicht zum Stillschweigen hin“, betonte Shahin. „Zunächst einmal: Nicht beide Polizisten sind bei dem Anschlag getötet worden, wie es zunächst hieß, sondern nur einer. Der andere hatte unfassbares Glück. Professor Rischmann – darf ich Sie noch einmal bitten?“
Rischmann griff wieder zu der Fernbedienung. Ein weiteres verstörendes Bild erschien. Es zeigte den Hinterkopf eines Mannes. Der Rechtsmediziner blickte in seine Unterlagen.
„Berndt Mahlmann, vierunddreißig Jahre alt, männlich, Polizeiobermeister aus Wedel.“ Der rote Punkt des Zeigers kreiste um eine Wunde am Hinterkopf. „Der Schädel des Opfers wurde an dieser Stelle durchstoßen, möglicherweise mit einer dreikantigen chirurgischen Nadel, einem sogenannten Troikart. Die Klinge durchtrennte die Medulla oblongata, wodurch der Tod vermutlich nach wenigen Sekunden eintrat.“
Rischmann setzte seine Brille ab und sah die Anwesenden ernst an. „Meine Damen und Herren, hierbei handelt es sich ganz sicher nicht um einen zufälligen Treffer. Der Mörder besaß anatomische Kenntnisse, erhebliche Körperkraft und eine sehr spezielle Ausbildung.“ Er sah zu Shahin hinüber. „Ich will Ihnen nicht vorgreifen, Frau Hauptkommissarin, aber es scheint mir doch sehr wahrscheinlich zu sein, dass der Mörder mit jenem Täter identisch sein könnte, der den Arm entwendet hat. Ich frage mich allerdings: Wie hat er den überhaupt in einem Stück aus dem Sarg bekommen? Das Loch darin war ja, wie ich hörte, nicht sehr groß.“
„Das kann ich Ihnen sagen. Der Bleisarg wurde in dieser Nacht mit einem speziellen hydraulischen Werkzeug aufgeschnitten, wie es auch verwendet wird, um Unfallopfer aus Autos zu bergen“, entgegnete die Polizistin.
„Na, das dürfte dann wohl ein weiteres Indiz dafür sein, dass dieser Überfall minutiös geplant war“, meinte Winter.
„Und das zweite Opfer?“, wollte Lindberg wissen. „Die gleiche Vorgehensweise?“
Rischmann sah fragend zu Shahin hinüber, die nickte.
„Im Prinzip schon“, sagte der Rechtsmediziner.
„Im Prinzip?“
„Ja, präziser Stich mit dem Troikart in den Hinterkopf.“
„Das ist ja entsetzlich“, meinte Lindberg betroffen, „der arme Kerl.“
Rischmann lächelte schmal. „Naja – ganz so arm wie sein Kollege ist er nicht. Er hat ja immerhin überlebt, wenn auch verletzt. Dieser Mann, einen Moment, wie heißt er …“ – Rischmann blickte in seine Akten – „… Polizeiobermeister Menso Sievers, hatte vor einigen Jahren einen Motorradunfall, bei dem sein Schädel am Hinterkopf von der Stoßstange eines Autos erfasst wurde. Es entstand ein Trümmerbruch, der es notwendig machte, an einer Stelle ersatzweise ein Stück Stahlplatte einzusetzen.“
„Lassen Sie mich raten – auf der Höhe der Medulla oblongata?“, fragte Winter.
„So ist es“, bestätigte der Rechtsmediziner. „Bei diesem Stich drang die Klinge der Waffe daher nur in die Haut ein, wurde dann von der Stahlplatte zur Seite abgelenkt. Es entstand eine hässliche, lange Schnittwunde am Hinterkopf und ein schräger Einstich in den Schädelknochen. Aber dies war nicht lebensbedrohlich. Doch die Wucht des Stoßes reichte aus, dass der Mann bewusstlos zusammenbrach.“
„Davon habe ich ja gar nichts gelesen“, wunderte sich Hartdegen.
„Nein“, entgegnete Shahin, „das haben wir auch vor den Medien geheim gehalten. Der Polizist befindet sich mit seiner Familie in einem Krankenhaus unter anderem Namen und erholt sich von seiner Verletzung. Auch wenn er den Mörder nicht deutlich erkannt hat, ist er in Lebensgefahr, denn der Täter weiß ja nicht, dass der Polizist so gut wie nichts erkennen konnte, bevor er das Bewusstsein verlor. Sievers versichert aber, beim Fallen noch bemerkt zu haben, dass der Täter in Schwarz gekleidet und nicht sehr groß war.“
„Ich verstehe“, sagte Hartdegen.
Lindberg wandte sich der Polizistin zu. „Sagen Sie, warum bin ich eigentlich dabei? Von Viren verstehe ich so viel wie eine Seekuh vom Spitzenklöppeln. Ich bin Archäologe, wissen Sie.“
Shahin lächelte über den Vergleich. „Der Ursprung dieses Falls liegt offenbar ein paar Jahrhunderte zurück. Vielleicht gibt es Aufzeichnungen über diese ganz besondere Beerdigung. Dann können wir mehr über diesen Leichnam erfahren. Und da kommen Sie ins Spiel.“
„Gut“, nickte Lindberg. „Mir ist zwar immer noch nicht klar, wie ich Ihnen von Nutzen sein soll, aber ich will sehen, was ich herausfinden kann. Es befindet sich vielleicht etwas dazu in Hamburger Archiven oder auch im Stadtarchiv von Wedel.“
„Da wir gerade dabei sind“, meldete sich Hartdegen. „Virologische und bakteriologische Kenntnisse sind hier schon bestens mit den Kollegen Winter und Thomsen vertreten. Ich bin jedoch Experte für biologische Waffen. Dieser alte Sarg zählt ja wohl eher nicht dazu. Also, was genau erwarten Sie von mir?“
„Vielen Dank für die gute Frage, Professor Dr. Hartdegen“, sagte Shahin, „denn sie führt uns direkt zum Kern unseres Problems.“
Sie nahm ein Macbook aus ihrer Aktentasche, verband den dünnen Laptop mit dem Beamer und gab ein paar Tastenbefehle ein. Ein Bild erschien auf der Leinwand, das offenbar das Google Earth-Abbild einer kleinen Insel zeigte.
„Sie sehen hier die Hallig Hooge“, begann die Polizistin. „Sie liegt, wie Sie vielleicht wissen, vor der Nordseeküste zwischen den Inseln Amrum und Pellworm. Einwohnerzahl etwa hundert Menschen. Vor zwei Tagen wurde von mehreren Einwohnern eine ungewöhnlich große Drohne gesichtet, die die Hallig überflog, vermutlich von einem Boot aus gesteuert.“
Shahin schaltete ein Bild weiter. Am Tisch sogen einige schockiert den Atem ein. Das Foto zeigte mehrere Menschen, die auf dem Boden eines Zimmers lagen. Blut rann ihnen aus Augen und offenen Mündern. Sie waren offensichtlich tot.
„Bis jetzt haben wir elf Tote auf der Hallig“, sagte Shahin tonlos. „Drei Familien sind komplett ausgelöscht. Hooge ist vollkommen isoliert worden, die Fähre fährt die Marschinsel nicht mehr an. Mit Patrouillenbooten und Polizeihubschraubern werden Menschen daran gehindert, die Hallig zu betreten oder zu verlassen. Dr. Winter und Professor Dr. Thomsen waren mit einem Spezialteam von Ärzten vor Ort. Es sind Proben aus den Körpern der Toten entnommen worden. Der Erreger ist eindeutig identifiziert: Es ist das Virus aus dem Körper der dreihundertfünfzig Jahre alten Leiche aus Wedel.“
„Elf Tote? Auf einer Urlaubsinsel in der Nordsee? Das können Sie doch nicht geheim halten!“, rief Lindberg aus. „Ich erinnere mich jetzt auch, irgendetwas in den Nachrichten über Hallig Hooge gehört zu haben.“
„Nun, da wir noch gar nicht genau wissen, womit wir es zu tun haben, erschien es uns sicherer, eine Tarngeschichte zu verbreiten. Sie werden im Radio gehört haben, dass es eine mutmaßliche Masseninfektion mit Legionellen auf der Hallig gegeben hat“, sagte die Polizistin. „Dass aber noch weitere Untersuchungen laufen und man die Marschinsel zur Sicherheit unter Quarantäne gestellt hat. Sehen Sie, die Hallig wird mit einer unterseeischen Leitung vom Festland aus mit Wasser versorgt. Eine Verkeimung mit Legionellen ist daher gar nicht mal so unwahrscheinlich. Und falls Sie weitere Fragen haben – ja, Internet und Mobiltelefon-Netzwerke auf der Hallig sind vorläufig blockiert. Die Menschen auf Hooge sind im Übrigen bereit, mit uns zu kooperieren. Sie haben mit eigenen Augen gesehen, um was es hier geht. Dieses Virus darf nicht die Küste erreichen. Wir haben auch die wichtigsten Medien auf dem Festland eingebunden und mit ihnen vereinbart, dass sie so lange stillhalten, bis wir Genaueres wissen. Danach wird natürlich die mediale Hölle über uns hereinbrechen. Unser wichtigstes Motiv ist allerdings, dass wir eine Panik unbedingt verhindern müssen. Unser Ärzteteam auf Hooge arbeitet rund um die Uhr, um die Lage auf der Hallig zu stabilisieren. Und wir haben Polizei, Feuerwehr und alle Stellen des amtlichen Gesundheitsdienstes gebeten, uns umgehend Meldung zu machen, falls sie irgendwo auf Symptome stoßen, die auf hämorrhagisches Fieber hindeuten könnten. Die Meldung ist mit der Einstufung ‚Streng Geheim‘ herausgegeben worden. Ich hoffe sehr, das hält die Sache so lange unter dem Deckel, bis wir weiter in den Ermittlungen sind. Ich bitte Sie um Verständnis.“
Sie wandte sich Hartdegen zu. „Und jetzt verstehen Sie sicher auch, warum Sie hier sind. Und warum der Arm der Leiche entwendet wurde. Was Sie hier sehen …“ Sie schaltete ein Foto weiter und das vom Elektronenmikroskop sichtbar gemachte, bizarre Abbild des Erregers füllte die Leinwand. „… ist nicht einfach ein Virus. Es ist eine tödliche Waffe. Und die befindet sich in den Händen von Menschen, die vor Massenmord offenbar nicht zurückschrecken. Wir stehen unter enormem Zeitdruck. Und wir müssen befürchten, dass die elf Toten von Hallig Hooge erst der Auftakt waren.“
„Der Auftakt für was?“, fragte Lindberg.
„Verzeihen Sie mir die Theatralik, Dr. Lindberg“, sagte Shahin. „Wenn wir diese Leute nicht rechtzeitig stoppen, war das Drama auf Hallig Hooge womöglich der Auftakt zu einem Massenmord historischen Ausmaßes.“