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1.5.1Autonomie-Erleben

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Autonomie-Erleben beschreibt das Erleben von Einfluss bei der Ausführung einer Handlung oder bei Entscheidungen. Der Mensch erlebt sich selbst als Urheber und Sinnstifter seiner Handlungen. Es bedeutet, dass die Handlung und Entscheidung subjektiv einen Sinn hat, dass sie mit den individuellen Werten der Person im Einklang steht. Zudem weist Autonomie-Erleben eine gewisse theoretische Nähe zu dem Konstrukt Kohärenz innerhalb des Salutogenese-Konzepts von Antonovsky (1997) auf. Zwischen der Handlung, dem Handlungsziel und den damit verbundenen Werten wird ein Zusammenhang erkannt, ein Sinn gesehen.

Zusammengenommen könnte es heißen:

»Ich entscheide selbst, was passiert, es passt zu meinen Werten, und ich verstehe, aus welchen Gründen es passiert.«

Autonomie kann auch in einem Kontext erlebt werden, in dem die eigene Freiheit eingeschränkt ist. Beispielsweise können relevante Entscheidungsbefugnisse zeitweise an andere Personen abgetreten werden, wenn man von den guten Absichten und Kompetenzen der anderen Person überzeugt ist (bei der Technik »Verdeckte Aufstellung mit verzögerter Rückmeldung« wird dieser Aspekt genutzt, s. S. 169). Von außen auferlegte Aufgaben wie Hausarbeiten und Prüfungssituationen können als autonome Situationen erlebt werden, wenn innerhalb der Aufgaben ein Gestaltungsspielraum besteht und die Aufgaben in einen Kontext eingebettet sind, der grundsätzlich im Einklang mit den eigenen Bedürfnissen steht.

In Lern- und Entwicklungsprozessen sind Sinn-Erleben, Nachvollziehbarkeit und Gestaltungsspielraum im Unterricht zentrale Voraussetzungen für Autonomie-Erleben, weil von einer vollständig freiwilligen Teilnahme am Unterricht nicht die Rede sein kann: Durch die Schulpflicht ist Schülern diese Entscheidung bereits abgenommen. Weil Schüler sich nicht selbst entscheiden, zur Schule zu gehen, trägt die Entscheidung nicht zur Entstehung von Autonomie-Erleben bei. Gerade deshalb muss Unterricht (und auch jede Form von Beratung) die Entstehung von Autonomie-Erleben aktiv unterstützen.

Das Erleben von Autonomie hat sich für die Qualität von Lern- und Entwicklungsprozessen als besonders relevant erwiesen. Hohes Autonomie-Erleben führt zu besserem Problemlöseverhalten, ermöglicht mehr Kreativität und erweitert das Durchhaltevermögen. Empirisch konnte gezeigt werden, dass bei autonom motiviertem Verhalten psychische Energie nicht aufgebraucht wird und es zu weniger emotionaler Erschöpfung kommt (Deci u. Ryan 2008).

In der Beratung kann das Autonomie-Erleben z. B. durch eine ausführliche Anliegenklärung unterstützt werden. Paraphrasierend und spiegelnd wird mitgeteilt, welches Verständnis »im Kopf des Therapeuten« entsteht. Der Therapeut lässt den Klienten an seinen Überlegungen, seinen Gedanken und Hypothesen, aber auch an seinem Nichtverstehen und seinen Zweifeln teilhaben. Für den Klienten wird das Handeln vor dem Hintergrund der verstehbaren Gedanken des Therapeuten nachvollziehbar. Durch das Präsentieren jeweils verschiedener Erklärungsangebote für das beschriebene Problem-Erleben des Klienten entsteht eine Wahlmöglichkeit. Die Deutungshoheit liegt nicht einseitig beim Therapeuten. Nicht der Therapeut sagt, was die Ursache ist, sondern der Klient wird in den hypothesengenerierenden Erklärungsprozess miteinbezogen.

Die Interventionen in diesem Buch sind quasi interaktiv aufgebaut und auf die Stärkung der Selbstbestimmung ausgerichtet. Sie enthalten viele Elemente, in denen die Klienten entscheiden, wie es weitergeht, oder sie geben Rückmeldung zur Wirkung und nehmen damit Einfluss auf den weiteren Verlauf.

Blackout, Bauchweh und kein' Bock

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