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1.7Erleben verstehen

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Wenn Menschen zum Prüfungscoaching kommen, befinden sie sich meist in einem speziellen Zustand des Erlebens (Angst-Erleben), den sie verändern möchten. Auf Basis der ericksonschen Hypnotherapie (Erickson u. Rossi 1993) wird davon ausgegangen, dass jedes Erleben psychophysiologisch autonom konstruiert wird und zwar durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf einen Ausschnitt dessen, was war und was ist, oder eine Vorstellung dessen, was in Zukunft sein könnte. Erleben ist das Ergebnis von Aufmerksamkeitsfokussierung. Bei einer Fokussierung wird nicht nur ein Teil scharf gestellt, entscheidend ist auch, dass andere Teile unscharf gestellt werden und somit weniger wahrgenommen werden. Im Englischen gibt es den passenden Ausdruck »to pay attention«. Aufmerksamkeit ist etwas, das man vergeben und verteilen kann. Es ist ein endliches Gut. Wer viel Aufmerksamkeit auf eine Stelle konzentriert, hat weniger Aufmerksamkeit an anderer Stelle.

Die Aufmerksamkeitsfokussierung bestimmt nicht nur die aktuell erlebte Gegenwart, sondern auch das aktuell erlebte »Ich«, das aktuelle Identitäts-Erleben. Wenn jemand beschreibt, welche furchtbare Angst er vor der nächsten Prüfung hat, dass er schon beim Lernen Bauchschmerzen bekommt und nachts nicht schlafen kann und dass die Prüfung unglaublich schwer und deshalb unmöglich zu schaffen ist, dann ist diese Beschreibung des Erlebens keine naturgetreue Abbildung der Realität im Sinne von einer objektiven Wahrheit. Es ist das Ergebnis einer autonomen Auswahl an Sinneswahrnehmungen, denen eine bestimmte Bedeutung verliehen wird. Menschen erzeugen ein Erleben, in welchem sie sich so vorkommen, als seien sie den Umständen ausgeliefert (Schmidt 2016), obwohl sie selbst Urheber dieses Erlebens sind (Varela, Maturana u. Uribe 1974).

Problem-Erleben, und hier im Speziellen Prüfungsangst, ist Ausdruck einer musterhaften Vernetzung von Erlebniselementen, die sich wechselseitig bedingen, stabilisieren und verstärken. Dieses Erleben muss in der Beratung in einer stärker würdigenden Weise als die subjektive Wirklichkeit angesehen werden, denn die Studierenden erleben sich gleichsam als Teil dieser Wirklichkeit. Zum Erleben von Prüfungsangst gehört fast immer, dass eigene Kompetenzen und Stärken und die Erinnerung an frühere Erfolge in Prüfungen dissoziiert, quasi vergessen werden. Die Aufmerksamkeit ist dann fokussiert auf die Erinnerung eigener Misserfolge und aktueller Schwächen und Schwierigkeiten. Dies kann emotional zum Phänomen der Regression führen. Plötzlich fühlt man sich wieder wie ein Kind, hilflos und klein und nicht in der Lage, sich selbst zu helfen. Gunther Schmidt spricht daher auch von Wahr-gebung, um deutlich zu machen, dass das, was man als Wahrheit bezeichnet, eine aktiv selbst gestaltete Wahrnehmung ist, basierend auf Auswahl- und Bedeutungsgebungsprozessen. Damit soll nicht gesagt werden, dass jeder Mensch selbst schuld an seinem Erleben ist. Gerade in sozialen Gruppen und Beziehungen existieren oft bestimmte kollektive Erlebens- und Erklärungsmuster, die von den einzelnen Personen individuell übernommen werden. Dem Sog einer kollektiven Gedankeninfektion kann man sich oft kaum entziehen. Das gemeinsame Erleben und die Einigung auf eine gemeinsame Erklärung dieses Erlebens stärkt zudem die Zugehörigkeit zu den anderen Mitgliedern der Gruppe. Schlussendlich ist es jedoch ein Prozess, der in der einzelnen Person individuell abläuft und auf den die einzelne Person Einfluss hat.

Blackout, Bauchweh und kein' Bock

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