Читать книгу Blackout, Bauchweh und kein' Bock - Timo Nolle - Страница 25
1.9Problem-Erlebensmuster: Kunden, Klagende, Besucher
ОглавлениеDen Begründer der lösungsfokussieren Therapie, Insoo Kim Berg und Steve de Shazer, ist in der Beratung eins der nützlichsten Modelle zur Beziehungsgestaltung mit Klienten zu verdanken: die Beschreibung der Muster Kunde, Klagender und Besucher.
Diese Begriffe verleiten leider dazu, Menschen zu typisieren, sie in eine Schublade zu stecken und damit festzulegen, dass jemand »so ist«. Auch wenn solche Kategorien anfällig für Missverständnisse sind, bleibe ich bei diesen Begriffen, weil sie sich etabliert haben. Kunde, Klagender und Besucher verstehe ich als spezifische Problem-Erlebensmuster. Um aus der Rolle des Beratenden gut an das Erleben anzudocken, ist es wichtig zu berücksichtigen, wie der Klient seine Wirklichkeit konstruiert und welche Veränderungsmotivation daraus erwächst.
Kunden im Prüfungscoaching: Menschen im Problem-Erlebensmuster »Kunde« erkennen ein Problem und kommen in der Erklärung und Beschreibung der Problementstehung selbst als handelnde Personen vor. Sie haben Einfluss auf das Problem, sehen diese Einflussmöglichkeiten auch selbst und können zur Veränderung beitragen. Mit Personen, die ein Problem in dieser Weise erleben, kann man unmittelbar arbeiten.
Beispiel im Prüfungscoaching: Jemand hat eine schlechte Note, weil er nicht genügend gelernt hat. Im Coaching soll es nun darum gehen, für die nächste Prüfung mehr zu lernen.
Klagende im Prüfungscoaching: Menschen im Problem-Erlebensmuster »Klagende« erkennen zwar ein Problem, halten sich selbst aber nicht für einen wirksamen Teil des Problems und tauchen in der Erklärung und Beschreibung der Problementstehung nicht auf. Das Problem wird durch Bedingungen erzeugt und erhalten, auf die die Klagenden keinen Einfluss haben. Durch diese Perspektive erleben sie sich dem Problem gegenüber hilflos, sie sehen die Verantwortung für das Auftreten des Problems oder für die Lösung bei anderen. Sie wünschen sich, dass der Berater das Problem für sie löst oder sie in der Unlösbarkeit bestätigt.
Typische Beispiele beim Prüfungs- und Auftrittscoaching sind Klagen über die Lehrpersonen, den Lernstoff oder die schweren Prüfungen.
Mit Menschen im Klagenden-Muster ist es nicht sinnvoll, direkt über Lösungsmöglichkeiten zu sprechen, weil sie aus ihrer Sicht selbst nichts verändern können. Ein Lösungsvorschlag kommt somit der Unterstellung gleich, an der Situation selbst schuld zu sein. Die Folge ist meist eine Ja-aber-Diskussion.
Beziehungsaufbau mit »klagenden« Klienten
•Bestätigung des subjektiven Leids (nicht der Unlösbarkeit und auch nicht der Hilflosigkeit)
•Würdigung der Bemühungen, das Leid zu ertragen
•Würdigung der (vergeblichen) Versuche, etwas zu verändern
•Fragen nach dem erstbesten Wunsch (der ist meist sehr nachvollziehbar, aber leider unerfüllbar)
•Fragen nach dem zweitbesten Wunsch (der ist zwar nur der zweitbeste, liegt aber dafür eher im Einflussbereich der Person)
Besucher im Prüfungscoaching: Menschen im Problem-Erlebensmuster »Besucher« sehen selbst kein Problem. Meistens kommen Menschen mit diesem Erlebensmuster nicht von sich aus in die Beratung, sondern werden geschickt.
Beispiel: Beim Prüfungs- und Auftrittscoaching kommt das Besucher-Muster vor, wenn Eltern ihre Kinder anmelden, weil die Eltern mit den Noten nicht zufrieden sind.
Wenn der Betreffende subjektiv kein Problem sieht, kann man daran auch nicht arbeiten. Das Dilemma der Kinder besteht dann eher darin, dass ihnen von außen ein Problem eingeredet wird und sie bewertet werden. Nicht selten steht das in Zusammenhang mit einem familiären Beziehungskonflikt. Wenn Kinder von ihren Eltern zum Prüfungscoaching geschickt werden und die Kinder selbst keinen Anlass für das Coaching sehen, sollte man gut überlegen, ob man nicht eher mit den Eltern oder der ganzen Familie arbeiten sollte.