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Kapitel 9
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25. Oktober 2037, 17:35 Uhr
Jahr fünf nach dem Ausbruch
Houston, Texas
Dass einem jemand zur Last fällt, war ein umgangssprachlicher Ausdruck, der für Ana Montes erst dann seine komplette Bedeutung erlangte, als sie dabei war, eine solche buchstäblich zu tragen. General Harvey Logan war alles andere als ein kleiner Mann, und seine Leiche zu entsorgen, war alles andere als eine leichte Aufgabe.
»Nur noch ein paar Fuß«, sagte Sidney Reilly und stöhnte, während er rückwärts ging und Mühe hatte, Logan an den Armen hinter sich herzuziehen. »Nur. Noch. Ein. Stück.«
»Du wiederholst dich«, stöhnte Ana. Logans Fersen rutschten ihr immer wieder aus der Hand, als sie den schmalen Flur entlanggingen, der das Wohnzimmer von den Schlafzimmern trennte.
Immer wieder stießen sie mit ihrer schweren Last gegen die Wände. Irgendwann erreichten sie jedoch ihr Ziel und kämpften sich durch die Tür ins größere der Schlafzimmer.
Als Ana die Schwelle überquert hatte, ließ sie Logans Füße fallen. »Warte.« Sie hob die Hand und beugte sich nach unten. »Ich muss nur kurz Luft holen. Er ist so verdammt schwer. Warum konnten wir ihn nicht einfach im Wohnzimmer zurücklassen? Wir verschwinden doch sowieso von hier.«
»Es könnte noch ein paar Tage dauern«, sagte Sidney, der immer noch Logans Handgelenke umklammerte. Der Kopf des Generals war nach hinten geneigt, sein Adamsapfel lag bloß. »Du willst auf keinen Fall die Leiche einfach so auf dem Boden liegen lassen.«
»Mag sein«, sagte sie und wischte sich den Schweiß aus dem Nacken.
»Die Badewanne ist schon mit Eis gefüllt, oder?«, fragte er.
»So voll, wie es eben ging«, antwortete sie.
»Ich dachte, ihr hättet eine Gefriertruhe voller Eis in der Garage«, sagte er. »Er ist immerhin General. Eis gehört doch zu den standesgemäßen Annehmlichkeiten, oder etwa nicht?«
»Wir hatten Eis in einer Gefriertruhe, das auf jeden Fall«, stellte sie klar. »Aber sie war nicht voll. Sie war noch nie voll.«
Sidney verdrehte verärgert die Augen und ließ Logans Handgelenke los. Er drehte sich zum Bad um und der Kopf des Toten knallte mit einem dumpfen Schlag auf den Boden. Obwohl er tot war, tat Ana das Geräusch fast selbst weh.
Sidneys Stimme kam jetzt aus dem Badezimmer. »Das reicht!«, rief er. »Das hält die Leiche problemlos ein oder zwei Tage kühl.« Er erschien wieder am Kopfende von General Logan und bückte sich, um dessen Arme aufzuheben. »Lass uns die Sache hinter uns bringen, Ana.«
Sie ging in die Knie, packte Logans Knöchel und stemmte sich wieder nach oben. Ein paar anstrengende, stolpernde letzte Schritte und sie hatten den Rest der Strecke geschafft. Sie rollten Logans nackten Körper in die Wanne und auf sein letztes Bett aus Eis.
Ana starrte die Leiche für einen Moment an und erinnerte sich an die grauenvolle Art und Weise, auf die der Vater ihres Kindes gestorben war. Es war schwer zu ertragen, was sie getan hatte, obwohl sie wusste, dass es letzten Endes zum Wohle vieler war.
Sidney legte seinen Arm um ihre Schulter und führte sie aus dem Badezimmer. »Das hast du gut gemacht«, sagte er. »Das war der erste Schritt. Der wichtigste Schritt.«
»Ich weiß nicht«, sagte Ana zögernd, blieb an ihrem Bett stehen und ließ sich kraftlos nach unten sinken, um sich auf die Kante zu setzen. »Ich bin auch nicht besser als sie.«
Sidney kniete sich vor sie hin, als wolle er ihr einen Heiratsantrag machen. Er nahm ihre Hände. »Was du getan hast, war reine Selbstverteidigung. Wir alle schützen doch nur uns selbst. Unsere Taten werden letzten Endes dafür sorgen, dass das Kartell nicht länger die Kontrolle über uns hat. Eine neue Zeit bricht an, und das Leben wird besser werden als in den langen Jahren davor.«
»Ich wünschte, ich könnte das glauben«, sagte Ana leise. »Ich wünschte, ich wäre sicher, dass das, was wir getan haben, das Richtige ist.«
Sidney drückte ihre Hände. »Komm schon, lass uns gehen.« Er stand auf, zog sie vom Bett hoch und stand dann mit weit geöffneten Armen da. Sie nahm seine tröstende Umarmung an und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust, dann schloss sie die Augen und schlang die Arme um seinen Rücken. Sie bemerkte nicht, wie er das Messer zog, aber sie öffnete noch rechtzeitig die Augen, um das Schimmern der Klinge in dem an der Wand hängenden Spiegel zu sehen.
Sie riss sich sofort aus seiner Umarmung los, während er das Messer um sie herum schwang. Ana lenkte den Angriff mit ihrem Unterarm ab und stieß instinktiv ihr Knie mit so viel Kraft, wie sie aufbringen konnte, nach oben.
Ihr Knie traf in dem Moment seinen Schritt, als er seinen Arm nach unten bewegte. Die Klinge schnitt daraufhin in Anas Unterarm, doch sie wiederholte die Aufwärtsbewegung ihres Knies und rammte es ein zweites Mal in seinen Unterleib.
Sidney ließ das Messer unwillkürlich fallen und hielt sich die Hände vor das Gravitationszentrum allen Schmerzes. Zusammengekrümmt und stöhnend sackte er zu Boden. Aus seinem Mund lief Speichel, der sich auf dem Boden zu einer Pfütze sammelte.
Wegen des Adrenalins verspürte Ana trotz des Schnittes keinen Schmerz. Blitzschnell rutschte sie zurück auf das Bett, weg von Sidney. Sie rollte sich auf die andere Seite und ergriff einen großen Kerzenhalter aus Bleiglas vom Nachttisch.
Sidney versuchte verzweifelt wieder auf die Beine zu kommen. Mit dem Blick eines Betrunkenen sah er zu Ana. Sein Mund stand offen und seine Augen waren offensichtlich nicht in der Lage, etwas zu fokussieren. Er stammelte etwas Unverständliches und Speichelfäden hingen aus seinen Mundwinkeln.
Ana umklammerte den großen Kerzenhalter fester und sprang damit auf Sidney zu. Sie holte weit aus und schwang den Kerzenhalter wie einen Hammer auf seinen Hinterkopf. Das Glas vibrierte in ihrer Hand, als es seinen Schädel traf, barst aber nicht.
Sidney schlug bewusstlos auf den Boden auf. Ein dunkler Blutfleck breitete sich unter seinem Hinterkopf aus.
Ana ließ den Kerzenhalter zu Boden fallen. Ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust und sie konnte ihren Puls im Nacken schlagen fühlen. Nur mit Mühe gelang es ihr, sich zu tiefen Atemzügen zu zwingen.
Sie konzentrierte sich mit aller Kraft, um der Panik keinen Raum zu geben, die sie nun zu überfluten drohte. Sie formte die Lippen zu einem kleinen Kreis, holte dann langsam tief Luft und stieß sie dann wieder aus. Ein und aus. Ein und aus.
Ana ging einen Schritt zurück, nahm das Messer vom Boden und hockte sich in sicherer Entfernung hin. Sie konnte nicht erkennen, ob er noch atmete oder nicht.
Ana starrte das kleine Blutrinnsal an, das seinen Ursprung an seinem Hinterkopf hatte und über sein Hemd auf den Boden tropfte. Mit dem doppelten Treffer in seinem Schritt und dem heftigen Schlag auf den Kopf würde er wahrscheinlich eine ganze Weile außer Gefecht sein, selbst wenn er noch am Leben sein sollte.
Sie hätte Sidney gern gefragt, warum er sie umbringen wollte. Sie hatte doch alles getan, worum sie gebeten worden war. Sie hatte sich dem Widerstand angeschlossen, sie hatte sogar das Kind eines Mannes geboren, den sie verabscheute und hatte schließlich bei ihm gelebt. Sie hatte sich dem größeren Ganzen untergeordnet.
Sie fragte sich, ob Sidney von Anfang an geplant hatte, sie umzubringen. War das schon immer Teil des Plans gewesen?
Ana hatte schon seit einiger Zeit Zweifel an der Stärke und dem Motiv des Widerstands geäußert. Sidney, Nancy Wake und Nancys Ehemann Wendell hatten ihre Ängste wiederholt wegdiskutiert, aber sie waren trotz allem immer wieder an die Oberfläche gesprudelt. Von allen Widerständlern ging sie hier immerhin das größte Risiko ein, und das Tag für Tag. Sie lebte schließlich mit dem Feind unter einem Dach.
Sie hatten sie gelobt für ihr Engagement und ihre Opferbereitschaft. Sie hatten ihr versprochen, dass sich die Anstrengung lohnen würde, wenn das Kartell fiel. Doch jetzt hockte sie hier und war nur knapp einem Attentat entkommen, und das in der Stunde, in der sie ihr zentrales Versprechen erfüllt hatte. Sie fragte sich, ob die Plackerei mit Logans Leiche nur ein Vorwand gewesen war, um sie zu ermüden, sodass sie ein leichteres Ziel abgab.
Das leichte Stechen in ihrem Arm schwoll nun zu einem dumpfen Pochen an, als die Aufregung nachließ. Ana betrachtete ihre Wunde. Sie war nicht tief und musste wahrscheinlich nicht genäht werden. Sie hatte Glück gehabt. Trotzdem schmerzte sie höllisch.
Ana entschied, dass es egal war, ob Sidney tot oder lebendig war. Sie würde nicht lange genug hierbleiben, um es herauszufinden. Sie stand auf und trat ihm in den Rücken. Er rührte sich nicht.
Sie klappte das Messer zusammen und steckte es in ihre Tasche. Gut möglich, dass sie es noch brauchen würde.
Sie machte einen Schritt über Sidneys Körper hinweg und öffnete den Kleiderschrank. Im obersten Fach befand sich ein Rucksack, in dem sie normalerweise ihre Babyutensilien verstaute. Sie zog ein paar Hemden von den Kleiderbügeln und stopfte sie in den leeren Rucksack. Dann eilte sie ins Bad und packte alles aus dem Medikamentenschrank ein. Medikamente jeglicher Art waren heutzutage viel wert. Sie konnte sie selbst nutzen, sie konnte damit handeln. Es war immer gut, welche zu besitzen.
Entschlossen ging Ana von ihrem Zimmer in das von Penny. Sie nahm eine Packung Windeln, ein paar Strampler und etwas Vaseline vom Regal über dem Wickeltisch, und stopfte alles in den jetzt prall gefüllten Rucksack. Anschließend zog sie den Reißverschluss am vordersten Fach des Rucksacks auf, woraufhin es ihr gelang, immerhin noch eine Trinkflasche hineinzuquetschen.
Schon unter normalen Umständen wäre es ein schwieriges Unterfangen, mit einem Baby durch die ungezähmte Wildnis des riesigen Territoriums des Kartells zu reisen, und Ana stand dieses Unterfangen noch dazu inmitten eines aufziehenden Krieges bevor. Ein Krieg, in dem jetzt beide Seiten ihre Feinde waren. Sie warf den Rucksack über die Schultern, faltete den zusammenklappbaren Kinderwagen aus der Ecke des Kinderzimmers auseinander und hob ihr schlafendes Kind hoch.
Pennys Augen öffneten sich, als ihre Mutter sie in den Kinderwagen legte und sie mit dem Dreipunktgurt anschnallte. Ana gab Penny ihren Schnuller und drehte den Kinderwagen mit einem geübten Griff auf zwei Rädern. Penny nuckelte, bis sie wieder einschlief. Ihr Kopf fiel mit der Bewegung des Kinderwagens von einer Seite zur anderen. Ana ging rasch nach Norden, in Richtung Innenstadt. Sie schob den Kinderwagen dabei mit einer Hand und tastete mit der anderen nach der harten Ausbuchtung in ihrer rechten Hosentasche. Die Schlüssel waren da. Noch drei Häuserblocks, dann waren sie auf dem Weg von Houston zu welchem Ort auch immer.
Ana hätte früher erkennen müssen, dass es dem Widerstand nicht um Freiheit an sich ging. Es ging nicht darum, das Leben aller Menschen besser zu machen. Sie glaubte mittlerweile, dass es nicht immer gut endete, eine Macht gegen eine andere auszutauschen. Sie hatte es selbst erlebt: einem bösen Mann die Macht zu nehmen und sie einem anderen zu geben. Ihr Leben war nicht besser geworden.
Stattdessen war ihr klar geworden, dass ein neuer Herrscher oft zu genauso einem Unterdrücker wurde, wenn er die Macht übernommen hatte. Zu einem Unterdrücker, der schlimmer war als der Entthronte. Die neu an die Macht Gekommenen hatten eine solche Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, um die sie so hart gerungen hatten, dass sie genau zu dem wurden, was sie so lange bekämpft hatten.
Ana wusste plötzlich, wohin sie gehen musste. Sie musste den Canyon und die Anführerin namens Paagal erreichen, bevor es zu spät war. Sie hatte gehört, dass Paagal über einen Zugang zum Wall und einen Weg zur Nordseite verfügte. Sie würde Paagal finden, ihr erklären, was sie für den Widerstand getan hatte, und dann auf die andere Seite des Walls reisen.