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DAS IDEAL DER HUNDERT-PROZENT-MUTTER: NUR IN DEN OBEREN SCHICHTEN UND ERST SEIT KURZEM

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Nur im deutschsprachigen Raum haben wir ein Mutterideal, das vorgibt, dass nur die leibliche Mutter in der Lage und es ihre alleinige Aufgabe sei, die Kinder zu versorgen. Bis vor Kurzem war eine Frau in unserer Gesellschaft dann auch voll anerkannt.

Woran liegt es, dass das Ideal der Mutter im deutschsprachigen Raum so stark ist, so dass jede Frau, die Kinder hat oder kriegen will, ein schlechtes Gewissen hat, wenn sie glaubt, diesem Ideal nicht zu entsprechen? Und dass Frauen, die keine Kinder kriegen können oder wollen, sich in der Gesellschaft nicht anerkannt fühlen?

Um eine Antwort zu und ein umfassenderes Bild von dem Thema zu bekommen, hilft ein Blick in die Geschichte und über die Grenzen des Landes hinaus.

Das Ideal der Vollzeitmutter gibt es erst seit etwa 200 Jahren. Dieses Frauenbild gab es nur in den oberen bürgerlichen Schichten. Die Mütter der unteren gesellschaftlichen Schichten, zum Beispiel Mägde, Hausangestellte, Köchinnen, mussten immer schon arbeiten. Die Frau eines Handwerkers hat immer (mit-)gearbeitet, auch wenn es viele Mägde und Knechte im Haus gab. Die Bäuerin musste ohnehin arbeiten, immer schon, am Feld, im Stall und ihren Haushalt hatte sie sowieso.

Statistische Zahlen vom Ende des 19. Jahrhunderts zeigen, dass über vierzig Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung Frauen waren, vor allem in ungelernten (Hilfs-)Berufen und am Land. Das Familieneinkommen durch den Mann war meistens klein: Praktisch keine Frau konnte es sich leisten, zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Und auch damals hat es alleinerziehende Mütter gegeben, denen ohnehin nichts anderes übriggeblieben ist, als einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Diese Kinder sind oft in der erweiterten Familie oder im Haushalt derer aufgewachsen, bei denen die Mutter als Magd, Köchin usw. gearbeitet hat. Kinderbetreuung? Außer in den Adelshäusern und später in vermögenden Industriellenfamilien gab es die schlicht nicht. Vor dem 19. Jahrhundert wuchsen Kinder oft auf sich allein gestellt auf. Für altersgerechte Betreuung musste sich erst das Fach der Pädagogik entwickeln. Und ab sieben Jahren mussten Kinder arbeiten. Nein, damals war es nicht besser als heute.

Dennoch wurde in Deutschland das Ideal der Mutter kultiviert, die das Familienleben hütet, als Gegenwelt zur brutalen, herzlosen (Berufs-)Welt der Männer, so die These Barbara Vinkens.

Mut zum Rollentausch

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