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AUF DEN SCHWINGEN DES LICHTS

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LICHT SPIELT DIE HAUPTROLLE – BEREITEN SIE IHM DIE BÜHNE!

Wie eine Welle spielt das Licht in der Landschaft. Wir schauen zu, warten, schnappen nach Luft und hoffen. Manchmal stöhnen wir auch auf. Wird das Licht seine magischen Kräfte entfalten, und falls ja, wann genau ist der entscheidende Moment? Landschaftsfotografen müssen eifrige Wetterstudenten sein, um diesen einen magischen Sonnenstrahl oder diese dramatische Farbigkeit vorherzusehen. Unsere Aufgabe ist, das Licht wahrzunehmen.

Menschen tendieren dazu, das Licht, das sie Tag für Tag sehen, als gegeben hinzunehmen. Ich glaube, als Fotografen tun wir gut daran, uns tagtäglich und lebenslang als Schüler des Lichts zu begreifen. Ich halte mich nicht für einen Lichtexperten, und ich glaube auch nicht, dass ich je einer sein werde. Es gibt so viele feine Abstufungen und Varianten, dass ich einfach hoffe, jedes Mal dazuzulernen. Wenn jemand davon ausgeht, Licht wirklich in- und auswendig zu kennen, wird diese Annahme ihn oder sie daran hindern, sich kreative fotografische Möglichkeiten zu erschließen. Unser künstlerisches Potenzial ist größer, wenn wir stets danach streben, dazuzulernen, unser Wissen zu erweitern und unser Verständnis zu vertiefen.

Ich bin in den frühen 1980ern zu dieser Erkenntnis gelangt, als ich in der Ansel Adams Gallery in Yosemite arbeitete. Der berühmte Fotograf veranstaltete dort seinen Sommer-Workshop, und Joel Meyerowitz war einer der Dozenten. Meyerowitz ist ein Meister der Farbfotografie, sein Buch Cape Light ein Klassiker. Die Abstufungen von Licht und Farbe in seinen Bildern sind eine Inspiration. Ich hatte das Glück, ihm während seines Unterrichts beim Fotografieren zuzusehen, und er verwies auf Farbschattierungen in seinem Motiv, die ich zunächst nicht einmal wahrnehmen konnte. Ich war schockiert. Nachdem ich eine Weile darauf gestarrt hatte, sah auch ich schließlich, was der Meister gesehen hatte. Voller Demut schwor ich mir, meine Sujets künftig genauer und eingehender zu betrachten – und noch mehr zu lernen.

Einmal war ich im Glacier National Park, um zu fotografieren, während ich an zwei Buchprojekten arbeitete. Dreiundzwanzig Jahre zuvor, als Collegestudent mit einem Ferienjob, hatte hier mein Leben als Fotograf begonnen, als ich eine Kamera auf meine Wanderungen mitnahm. Nach all den Jahren kehrte ich nun in den Park zurück, um meine Verbindung zu dieser ganz besonderen Landschaft wiederaufleben zu lassen und neue Bilder zu machen.

Bei meinen anfänglichen Besuchen im Park hatte ich meine ersten Lektionen in Sachen Licht gelernt. An einem Sommermorgen war ich noch im Dunkeln zu einem Bergsee gewandert, im Gepäck eine leere Leinwand und Ölfarben. Ich hoffte darauf, den Sonnenaufgang in den Bergen malen zu können, wie er sich im See spiegelte – obwohl ich nur wenig Erfahrung mit der Malerei hatte und überhaupt keine damit, Natur »live« zu malen.

Als das Sonnenlicht die Gipfel erreichte und die Flanken hinabkroch, arbeitete ich zügig, mischte Farben für Himmel, Fels, Baum und Wasser. Ich war neunzehn, und alles war möglich. Ich mischte die Grüntöne so an, wie ich sie sah, aber in dem Moment, als ich die Farbe auf die Leinwand strich, hatten sie sich in der Natur schon verändert. Es war faszinierend zu begreifen, dass Farbe und Licht so nuanciert sein konnten und sich ständig wandelten. Ohne nachzudenken legte ich mich schließlich auf jene Farben fest, die am besten auszusehen schienen, und malte weiter, voller Begeisterung für das Spektakel. Ich sah ein, dass es offensichtlich schwierig ist, die Realität zu malen, und zudem eine Frage der Interpretation. Ich lernte aber noch etwas Wichtigeres: Licht ist flüchtig und wunderbar; es beflügelt mich. Ich begann einzusehen, dass die Fotografie mit ihrer Zweckmäßigkeit und Unmittelbarkeit besser zu meiner jugendlichen Ungeduld passte als Malerei oder andere Kunstformen.

Zurück in die jüngere Geschichte: Bei meiner Rückkehr in den Park besuchte ich einen anderen Bergsee zu Sonnenaufgang. Als ich im Dunkeln vom Campingplatz losfuhr, erwartete ich nicht viel, weil es die ganze Nacht geregnet hatte und der Himmel noch voller dunkler Wolken hing. Aber die Dämmerung bekam Farbe, als ich meine Fachkamera mit einem Weitwinkel aufbaute. Ich fotografierte zügig, die Belichtung für jede einzelne Aufnahme messend, während ich versuchte, die große Kamera im starken Wind zu stabilisieren. Es waren schwierige Bedingungen, aber sie brachten mich in Schwung!

Die rötlichen Strahlen der Sonne trafen zuerst die Wolken und bewegten sich dann hinab zu den Gipfeln. Die Farben veränderten sich in cineastischen Dimensionen, als ich ein ums andere Bild machte. Mehrere gute Aufnahmen entstanden – mein Lieblingsbild findet sich am Anfang dieses Essays. Der Mond zeigte sich nur für diese eine Belichtung. Bei einem weiten Landschaftsüberblick wie in diesem Bild muss man dennoch die Grundregeln für sorgfältige Gestaltung beachten. Man verdrängt das bei derart begeisternden Bedingungen schnell. Zwar mag das Licht als stärkstes Element den Blick des Betrachters anziehen, aber das gestalterische Fundament muss trotzdem das Bild tragen, damit es den Betrachter länger als nur für diesen ersten Augenblick zu fesseln vermag.

In diesem Foto sind zum Beispiel die Bäume im Vordergrund wichtig als grafische Komponente, aber auch vom Tonwert her. Die dunklen Umrisse heben sich klar von den helleren Tönen des Sees ab, und auch die Tatsache, dass sie schwarz sind, trägt zur Bildgestaltung bei. Verglichen mit dem Rest des Bildes sind sie klein, konkurrieren also nicht mit den Wolken. Zur Bildgestaltung gehört unter anderem, die relative Bedeutung der einzelnen Bildbestandteile festzulegen, und in diesem Fall muss man auch die ganz unterschiedlichen Lichtverhältnisse auf diesen Objekten berücksichtigen.

Aufgrund der dramatischen Lichtsituation nehmen die Wolken die Hälfte der Bildfläche ein. Die Horizontlinie in der Aufnahme, der See, liegt weit unten im Bildausschnitt, um das Leuchten im Himmel zu betonen.

Als ich das magische Licht fotografierte, wie es die Landschaft des Nationalparks vor meinen Augen veränderte, dachte ich nicht an die Malstunde zu Sonnenaufgang vor vielen Jahren, auch nicht an Joel Meyerowitz’ Unterricht. Aber ich weiß, dass ich all diese frühen Offenbarungen in mir trage. Ab und an vergisst jeder von uns Dinge, die er oder sie gelernt hat. Wie Bill Murray im Film Groundhog Day [5] so schön zeigt, müssen wir manche Lektionen immer und immer wieder lernen, bevor wir Erfolg haben. Wenn wir Schüler des Lichts bleiben, liegt unser größter Erfolg vielleicht darin, dass wir nie aufhören werden, die Lektionen des Lichts zu lernen.

Die Essenz der Landschaftsfotografie

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