Читать книгу Das Wunder von Errikousa - Yvette Manessis Corporon - Страница 11
DIE JUDEN VON KORFU Verfolgt, verraten, gerettet
ОглавлениеDie Juden lebten seit 800 Jahren auf Korfu und waren genauso griechisch wie meine eigene Familie, aber natürlich sahen die Nazis das anders. Die Nazis sahen, dass auf der malerischen Ionischen Insel noch 2000 Juden lebten und dass die Alliierten näher rückten. Ihnen blieb nicht mehr viel Zeit.
Die Insel Korfu, die auf Griechisch Kerkyra heißt, ist wie eine lange, schmale Sichel geformt und liegt zwischen Italien und Albanien an Griechenlands Nordwestspitze im Ionischen Meer. Im Gegensatz zu anderen griechischen Inseln, deren trockene Erde und weiß getünchte kykladische Architektur eine kontrastreiche, aber faszinierende Kulisse bilden, wachsen auf Korfu Blumen und Obstbäume. Farbenprächtige Blumen bestimmen das Landschaftsbild. Olivenwälder überziehen die Insel und majestätische Zypressen stehen auf zerklüfteten Meeresklippen über dem unvorstellbar blauen Wasser Wache.
Durch die ganzen Jahrhunderte hindurch haben sich sterbliche Menschen und Helden der Mythologie in diese unbeschreiblich schöne Insel verliebt. Korfu galt allgemein als die Heimat der Phaiaken in Homers Odyssee, wo Odysseus ans Ufer gespült wird und ihn das Lachen von Prinzessin Nausikaa und ihren Freundinnen weckt.
Trotz ihrer friedlichen natürlichen Schönheit ist Korfus Geschichte alles andere als friedlich. Die Insel, die 1864 von Griechenland annektiert wurde, litt jahrhundertelang unter verschiedenen Fremdmächten, die die Insel für sich beanspruchten. Jedes Regime brachte den Bewohnern von Korfu neue Probleme. Jede Besatzungsmacht, von den Venezianern über die Franzosen bis zu den Briten, hinterließ ihre eigenen, unverwechselbaren Spuren. Davon zeugt ein reiches, vielfältiges Vermächtnis an Architektur, Kultur und Kunst.
Als Nazitruppen 1943 Korfu eroberten, hinterließen sie ein Vermächtnis aus Vernichtung, Verwüstung und Tod.
Auf dem Land und in den Dörfern überwiegen auf Korfu die intensiven Grün- und Blautöne der Pflanzen und des Meeres, aber im Zentrum von Korfu-Stadt scheint die ganze Stadt in einem goldenen, rostroten Licht zu strahlen. Korfus enge, verwinkelte Kopfsteinpflasterstraßen, Gassen und Höfe sind von einem bunt gemischten Sammelsurium aus Häusern, Geschäften und Kirchen gesäumt. Zahlreiche Glockentürme überragen die Ziegeldächer. Die roten, beigebraunen und rotbraunen Stuckfassaden sind durch die jahrelangen Witterungseinflüsse ausgebleicht und der Putz blättert ab. Das Licht auf Korfu fängt jede dieser Unvollkommenheiten ein und verwandelt sie in etwas Lyrisches und Schönes.
Hinter den breiten Kopfsteinpflasterstraßen und Torbögen auf Korfus großer Liston-Promenade mit langen Reihen von Toren, die an die Rue de Rivoli in Paris erinnern, und hinter dem großen Platz Spianada mit Blick über die Garitsa-Bucht befindet sich ein Labyrinth aus engen, verwinkelten Gassen. Dieses Labyrinth aus winzigen Straßen, Höfen und Gebäuden ist auch heute noch als Evraiki bekannt, das jüdische Viertel beziehungsweise Getto. Hier, in diesem unscheinbaren, verwinkelten Teil der Stadt, lebte und arbeitete jahrhundertelang Korfus jüdische Bevölkerung. Die Männer waren hauptsächlich Handwerker, Künstler und Ladenbesitzer, die mit dem Verkauf ihrer Waren den Lebensunterhalt ihrer Familien bestritten, während sich ihre Frauen um die Kinder kümmerten und jüdische Traditionen pflegten.
Als die Italiener im April 1941 Korfu eroberten, ging das Leben im jüdischen Viertel wie auch auf der übrigen Insel anfangs fast normal weiter. Als die Bedrohung durch die Wehrmacht immer näher rückte, warnten italienische Soldaten die Juden vor der bevorstehenden Gefahr. Aber die Juden auf Korfu konnten sich nicht vorstellen, dass die Geschichten von Massentötungen und Gräueltaten wahr sein konnten. Dieses gottesfürchtige Volk konnte nicht glauben, dass das Böse tatsächlich solche Formen annehmen konnte. Trotz aller Warnungen blieben die meisten Juden auf Korfu in ihrem Wohnviertel und in ihren Häusern, als die Deutschen anrückten. Diese Entscheidung sollte verheerende Folgen haben.
Als die Nazis die Insel besetzten, verhängten sie sofort strenge Ausgangssperren, und alle Juden wurden gezwungen, sich regelmäßig bei der deutschen Besatzungsmacht zu melden. Von April bis Juni mussten sie sich zweimal in der Woche zählen lassen. Nach dem Zwangszensus kehrten sie in ihr Leben im Getto zurück, wo sie unter sich blieben, ihren Glauben praktizierten und sich von den deutschen Truppen fernhielten.
Doch im Juni 1944 änderte sich alles.
Am Morgen tauchten die ersten Plakate auf, und bis zum Abend waren sie auf der ganzen Insel verteilt.
ALLE JUDEN HABEN AM MORGEN DES 9. JUNI AUF DER UNTEREN PLATIA ZU ERSCHEINEN.
Während an diesem warmen Freitagmorgen die Sonne über dem kobaltblauen Wasser der Garitsa-Bucht aufging, begannen sie, sich auf dem Platz zu versammeln. Männer, Frauen, Kinder, Säuglinge, Alte, Kranke, alle begaben sich aus dem jüdischen Viertel zur unteren Platia, dem weiten, offenen Platz zwischen den Cafés und der alten Festung. Wer nicht freiwillig antrat, wurde mit Waffengewalt aus seinem Geschäft oder seiner Wohnung gezerrt. Wer sich weigerte oder auch nur zögerte, wurde gnadenlos erschossen.
Die Nazis trieben alle Juden zusammen, die sie finden konnten, und machten auch vor Gefängnissen, Psychiatrien und Krankenhäusern nicht halt. Selbst schwangere Frauen, die kurz vor der Entbindung standen, wurden auf den Platz geschleppt. Während Bomben der Alliierten auf die Insel niedergingen, stand die jüdische Gemeinde von Korfu den ganzen Tag ohne Wasser oder etwas zu essen in der heißen Sonne und wurde von deutschen Truppen und griechischen Polizisten mit angelegten Waffen bewacht. Die meisten hatten keine Ahnung, was hier passierte, und versicherten ihren Kindern, dass sie am Abend wieder zu Hause sein würden. Aber die Nazis hatten andere Pläne. Die Warnungen der italienischen Soldaten, die man für albtraumartige Übertreibungen gehalten hatte, erwiesen sich bald als prophetisch und auf tragische Weise wahr.
Langsam wurde den Menschen der Ernst der Situation bewusst, als die Grausamkeit und die Motive der Nazisoldaten mit jeder Minute deutlicher wurden.
Das griechische Rote Kreuz verteilte Brot und Wasser, aber die meisten Griechen hielten sich fern. Selbst diejenigen, die ihren jüdischen Freunden helfen wollten, erkannten schnell, dass sie nur wenig oder überhaupt nichts tun konnten. Die Nazis machten keinen Unterschied, ob man selbst Jude war oder ob man einem Juden half. Juden in irgendeiner Weise zu helfen, war ein genauso schwerwiegender Verstoß, wie jüdisches Blut in den Adern zu haben. In den Augen der Nazis war beides ein Grund, um eliminiert zu werden.
Der 9. Juni war ein Freitag, an dessen Abend der Sabbat begann. Aber als die Sonne über den Hügeln im Westen von Korfu unterging, konnte niemand nach Hause gehen, um den Tisch für den Sabbat zu decken, Kerzen anzuzünden, zu beten oder jahrhundertealte Traditionen zu pflegen. Vielmehr standen die Juden der Insel zusammengepfercht auf der Platia und wurden mit entsicherten Schusswaffen bedroht, während die Sonne am Vorabend des Sabbats unterging – ein schmerzliches Bild für das, was dieser jahrhundertealten Gemeinde auf der schönen Insel Korfu bevorstand.
»Du heißt ab sofort Nikos.«
»Aber ich bin Daniel.«
Errikos kniete sich vor dem Jungen hin, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Seine Stimme war sanft, aber bestimmt. Er musste Ruhe bewahren und seine Gefühle beherrschen. Er durfte dem kleinen Daniel nicht noch mehr Angst einjagen, als der Junge ohnehin schon hatte. Sie alle hatten Angst.
»Hör zu.« Errikos nahm Daniels Hände und zog ihn an sich heran. »Ab jetzt heißt du Nikos. Verstehst du? Wenn die Soldaten den Namen Daniel hören, wissen sie, dass du Jude bist, und nehmen dich uns weg. Und sie nehmen dich deiner Familie weg. Das ist sehr wichtig. Verstehst du?« Er musste sichergehen, dass der Junge begriff, wie ernst die Lage war.
Daniel war erst drei Jahre alt. Aber auch in diesem zarten Alter verstand er ganz genau, worum es ging. Daniel wusste, dass das kein Spiel war. Errikos war der Freund seines Vaters, ein griechisch-orthodoxer Christ. Errikos hatte die Gerüchte von jüdischen Massendeportationen gehört und wusste, dass er nicht tatenlos dabei zusehen konnte. Im Laufe mehrerer Tage hatte Errikos immer wieder das jüdische Viertel aufgesucht und Freunden und ihren Familien geholfen zu entkommen. Diese Besuche hatte er so gelegt, dass er keine Aufmerksamkeit erregte. Errikos hatte Daniel und seine Schwester Roza zu seiner eigenen Familie geholt, in ihren schönen Küstenort, nur fünf Kilometer entfernt von Korfu-Stadt.
Der Plan war, dass Errikos und seine Familie die Kinder vor aller Augen versteckten. Sie würden Nachbarn und Freunden erzählen, dass die Kinder Verwandte waren, orthodoxe Christen wie sie selbst, die aus einem Nachbardorf zu Besuch bei ihnen waren. Einige Tage später wollte Errikos in die Stadt zurückkehren, um Daniels Mutter und seine kleine Schwester zu holen und sie ebenfalls in der Villa zu verstecken. Der Tag und die Uhrzeit waren im Voraus vereinbart worden. Sie brauchten nur noch einige Tage zu warten.
Nur noch ein paar Tage.
Die Villa war der ideale Ort, um ihre jüdischen Freunde zu verstecken. Sie war groß, hatte viele Zimmer, in denen kleine Kinder ungehindert spielen oder sich, wenn nötig, verstecken konnten. In der Mitte befand sich ein großes Zimmer mit einem großen Tisch aus einem Eisengestell und einer schönen, glatten Marmorplatte, die selbst an den heißen Sommernachmittagen auf Korfu kühl war. Die Küche, in der Errikos’ Mutter die Mahlzeiten zubereitete und es immer irgendwie schaffte, für Daniel besondere Leckereien wie süße Kumquat-Marmelade aus dem Ärmel zu zaubern, befand sich auf der einen Seite des Hauses. Auf der anderen Seite waren mehrere Schlafzimmer, ein Abstellraum und ein großes, schönes Esszimmer. Die Villa war rundherum von üppigen, atemberaubenden Gärten umgeben. Unzählige Maulbeer-, Oliven- und Obstbäume wuchsen auf dem Grundstück. Dort, in den Gärten, konnte Daniel ungestört herumlaufen. Im Schatten dieser schönen Bäume war er vor der Mittagssonne geschützt, während er die Tage zählte, bis er seiner Mutter wieder in die Arme fallen konnte.
Daniel war gerade vor dem Haus und spielte in der Nähe des Gartens, als er jemanden kommen hörte und sich umdrehte. Als er den fremden Mann entdeckte, erstarrte er. Der Soldat war stämmig und kräftig gebaut. Er marschierte von den Gärten aus auf das Haus zu. Dann erblickte er den Jungen und rief ihn.
»Nikos!«, rief der Soldat und winkte ihn zu sich. »Nikos. Komm her.«
Daniel und Errikos hatten das viele Male eingeübt. Daniel wusste, was er tun musste. Er wusste, dass er auf den Namen Nikos reagieren und lächeln und so tun musste, als sei er einfach ein kleiner, sorgloser Junge, der nichts zu verbergen hatte. Aber das konnte er nicht. Daniel erstarrte. Er wollte nicht zu diesem Mann gehen. Er war nur ein kleiner Junge, und er hatte Angst.
In diesem Moment trat Errikos’ Mutter aus dem Haus. Sie ging zu Daniel, beugte sich zu ihm hinunter und drückte ihn an sich. »Bitte geh zu ihm«, flüsterte sie Daniel ins Ohr, während sie ihm über die Haare strich und das zitternde Kind tröstete. »Bitte geh! Wenn du das nicht tust, kann es sein, dass sie uns alle töten.«
Daniel tat, was sie sagte. Langsam ging er auf den deutschen Soldaten zu.
»Nikos«, lächelte der Mann und sagte seinen Namen noch einmal. Dann zog er ein Stück Schokolade aus der Tasche und hielt es Daniel hin. Er streichelte dem Jungen über den Kopf und ging weiter.
Er hatte es getan! Mama wäre so stolz auf ihn. Daniel konnte es nicht erwarten, ihr zu erzählen, wie tapfer er gewesen war. Es würde nicht mehr lang dauern, dann würde sie bei ihnen sein.
Nach einer Zeit, die Daniel wie eine Ewigkeit erschien, kam endlich der vereinbarte Tag und die vereinbarte Uhrzeit. Errikos brach früh am Morgen auf, um Daniels Mutter, Evthimia, und seine kleine Schwester in Sicherheit zu bringen. Doch als er sich der Wohnung näherte und die breiten Straßen der Stadt von den schmalen Gassen des Gettos abgelöst wurden, konnte Errikos den Lärm hören, noch bevor er um die Ecke bog.
»Was ist hier los?«, fragte er und schob sich durch die Menge. Überall waren Leute.
»Sie treiben die Juden zusammen«, antwortete jemand.
Errikos blieb abrupt stehen. Er wusste, dass er nicht weitergehen konnte, ohne sie alle in Gefahr zu bringen. An diesem Tag konnte er Daniels Mutter unmöglich aus dem jüdischen Viertel wegbringen. Er drehte sich um und trat den Heimweg an, nahm sich aber fest vor, in einigen Tagen, wenn es sicherer war, wiederzukommen. Er wusste, dass der Eingang zur Wohnung der Familie mit Brettern zugenagelt und so getarnt war, dass es aussah, als sei die Wohnung unbewohnt. Das tröstete Errikos und er betete, dass sich die Deutschen von den Brettern täuschen ließen und Evthimia und ihr Baby noch ein paar Tage länger unentdeckt blieben.
Während Errikos wieder nach Hause ging, marschierten die Nazis Straße für Straße durch das jüdische Viertel. Mit Fäusten hämmerten sie an die Türen und forderten Einlass. Die Türen, die ihnen nicht sofort geöffnet wurden, brachen sie gewaltsam auf. Sie waren fest entschlossen, die Insel von jedem einzelnen Juden, den sie finden konnten, zu säubern. Sie wollten keinen einzigen Juden entkommen lassen.
Evthimia kauerte mit ihrer kleinen Tochter in ihrer Wohnung. Die Soldaten hämmerten an die verrammelte Tür, aber sie verhielt sich ganz still. Die Nazis zogen weiter. Sie war verschont geblieben.
Als die Soldaten auf der Straße ihren Weg fortsetzten, steckte eine griechische Christin den Kopf aus dem Fenster ihrer Wohnung. »Was ist hier los?«, fragte sie.
»Wir suchen nach Juden«, antworteten die Nazis, die schon ein Stück weitergegangen waren.
»Haben Sie welche gefunden?«
»Nein.«
»Was soll das heißen? Dort drüben versteckt sich eine Jüdin, gleich auf der anderen Straßenseite.«
Daraufhin kehrten die Soldaten zur Wohnung von Daniels Familie zurück. Dieses Mal brachen sie die zugenagelte Tür auf, stürmten hinein und zerrten seine Mutter und seine kleine Schwester auf die Straße.
Daniel sollte seine Mutter und seine kleine Schwester nie wiedersehen.
Genau wie die übrigen fast 1800 korfiotischen Juden wurden sie an diesem Tag mit entsicherten Schusswaffen auf der Platia festgehalten, wo sie stundenlang in der heißen Sonne warteten und immer noch nicht genau wussten, was hier geschah. Viele hatten am Morgen nichts mitgenommen, da sie damit gerechnet hatten, zum Mittagessen wieder zu Hause zu sein. Aber der Vormittag ging in den Nachmittag über und sie mussten viele Stunden ohne Essen und Trinken aushalten. Viele dachten immer noch, dass den Deutschen diese neue Stufe der Demütigung und Entwürdigung bis zum Abend genügen würde und sie dann nach Hause zurückkehren dürften.
Aber genau wie Daniel Soussis’ Mutter und seine kleine Schwester würden die meisten Juden von Korfu nie wieder nach Hause zurückkommen.
Von der Platia aus wurden sie wie Vieh zu der alten Festung der Insel getrieben, die sich auf einer zerklüfteten Halbinsel befindet, die ins Meer hinausragt. Die Festung, die zum Schutz der Stadtbewohner errichtet worden war, wurde zu ihrem Gefängnis. Männer und Frauen wurden getrennt, sie wurden gezwungen, alle Wertsachen abzugeben, und in die feuchten Verliese der Festung gesperrt, während die Nazis letzte Vorkehrungen trafen.
Eigentlich hätte es nie so weit kommen dürfen. Es widersprach jeder Vernunft. Aber man kann den Nazis nicht vorwerfen, dass sie sich von Vernunft hätten leiten lassen. Das Ende des Krieges war absehbar. Drei Tage zuvor waren die Alliierten in der Normandie gelandet. Die Rettung war nahe, aber nicht nahe genug. Die Gestapo war nach Korfu gekommen und das Oberkommando der Wehrmacht riet von der Deportation der Juden ab und warnte, dass dadurch deutsche Schiffe und Soldaten gefährdet würden, da die Alliierten näher rückten und die Ionischen Inseln bombardierten. Der befehlshabende Oberst der Wehrmacht auf Korfu verwies auf die Anwesenheit des Roten Kreuzes auf der Insel und legte dringend nahe, die Deportation zu verschieben. Er wusste, dass die Wahrheit vor dieser internationalen Organisation unmöglich geheim gehalten werden konnte und dass das Rote Kreuz Zeuge der deutschen Endlösung auf der Insel werden würde. Aber trotz alledem ließ sich die Gestapo nicht aufhalten und setzte mit kleinen, schrottreifen Booten, deren Seetüchtigkeit sehr fraglich war, ihren Plan in die Tat um.
Der Abtransport begann am 10. Juni 1944. Die Juden wurden aus der alten Festung in Korfu geholt und in die morschen Boote und auf die notdürftigen Flöße gepfercht und brachen in Richtung Auschwitz-Birkenau auf.
Als sie aus der alten Festung geholt wurden, drängten sich viele Gefangene vor, um zu den Ersten zu gehören, die in die Boote steigen und dem Verlies entkommen konnten. Sie ahnten nicht, dass es kein Entkommen gab. So seeuntauglich sie auch aussahen, hielten sich die morschen Holzboote mit der abgeblätterten Farbe und die schrottreifen Flöße über Wasser und brachten ihre menschliche Fracht ans Festland. Nach dem Krieg sagten viele der Überlebenden, sie wünschten, die Boote wären gesunken und alle an Bord wären einfach ertrunken. Der Tod auf dem Meer wäre, verglichen mit dem, was sie erwartete, angenehmer gewesen.
Einigen gelang es tatsächlich zu entkommen. Darunter war David Balestra, ein junger korfiotischer Jude, der über Bord sprang und sich ans Ufer von Lefkada retten konnte. Nach dem Krieg ließ er sich in Israel nieder und wurde Schwimmlehrer für Kinder.
Aber für Nino Nachschon kam eine Flucht nicht infrage. Mit seinen 19 Jahren war Nino ein geselliger junger Mann, dessen Lachen die Wohnung seiner Familie erfüllte, auch wenn sie oft nichts zu essen hatten. Ninos Vater war gestorben, als Nino noch klein gewesen war, und seine Mutter musste ihn und seine drei Geschwister allein aufziehen. Seine Familie war arm und das Leben im jüdischen Viertel war schwer. Aber für Nino hatte das Leben auf Korfu, selbst im Getto, seine Vorteile. Nino verbrachte unzählige Stunden mit seinen Freunden im Meer und war ein guter Schwimmer. Er schwamm so gut, dass er von dem schrottreifen Boot ins Meer hätte springen und an Land schwimmen können.
Während sein schwer beladenes Floß tief im Wasser lag, wanderte Ninos Blick zum Horizont, wo der Himmel das Wasser berührte. Er wusste, dass er es schaffen konnte. Tief in seinem Inneren wusste er, dass er mit Leichtigkeit ins Meer springen und sich ans Ufer retten und in Sicherheit bringen konnte. Das wusste nicht nur er; seine Mutter wusste es auch.
»Rette dich!«, flüsterte Ninos Mutter, die sich zu ihm hinüberbeugte. Während sie ihre Tochter und ihren jüngsten Sohn an sich drückte, flehte Ninos Mutter ihr ältestes Kind an. »Rette dich!«, forderte sie ihn noch einmal auf.
Nino saß schweigend neben ihr. Während sie sich immer weiter vom Ufer entfernten, nahm die Stimme seiner Mutter einen Befehlston an. »Ich weiß, dass du das kannst«, beharrte sie. »Ich weiß, dass du es schaffst. Rette dich! Lass uns hier zurück! Tu es!«
Aber noch während seine Mutter ihn anflehte, sich zu retten, klammerte sich Ninos jüngerer Bruder an ihn. »Bitte lass uns nicht allein«, bettelte er. »Bitte! Lass uns nicht allein.«
Während sich an diesem Tag das schrottreife Boot immer weiter von Korfu entfernte und er auf eine ungewisse Zukunft zusteuerte, tat der 19-jährige Nino etwas, das er nie zuvor getan hatte: Zum ersten Mal in seinem Leben widersetzte sich Nino Nachschon den Wünschen seiner Mutter. Nino schaute zu, wie andere ins Wasser glitten und davonschwammen, um sich zu retten, während er, von Angst und Hunger gequält, regungslos zwischen seiner Mutter und seinen Geschwistern in dem morschen Todesboot sitzen blieb.
An Land wurde Nino und seine Familie nach Patras gebracht, wo man sie in Züge mit Ziel Athen steckte. Mehrere Tage blieben sie im Haidari-Lager, einem KZ gleich außerhalb von Athen, bevor sie, einer über dem anderen, in Viehwaggons gepfercht wurden, ohne Wasser, mit wenig Luft und mit so gut wie keiner Überlebenschance. Während Nino und seine Mutter und Geschwister den Transport überlebten, kamen die meisten Juden von Korfu nie in Auschwitz-Birkenau an.
Als Ninos Zug dort ankam, wurden er, seine Brüder und seine Schwester in die Baracken geschickt. Ninos Mutter wurde noch in der ersten Nacht in die Gaskammer gebracht.
Genau wie Nino überlebte auch die 17-jährige Rebecca Aaron die Fahrt nach Auschwitz. Aber sie wünschte sich oft, sie hätte sie nicht überlebt. Rebecca und ihre Familie waren aus dem Getto geflohen und hatten in dem kleinen Dorf Kouramades, nur zehn Kilometer von Korfu-Stadt entfernt, Unterschlupf gefunden. Dann wurden die Plakate aufgehängt, die die Christen darauf hinwiesen, welche Strafe darauf stand, Juden zu verstecken und ihnen zu helfen. Diese Plakate waren das Todesurteil für Rebeccas Familie. Ein Beamter des Ortes, der sich wahrscheinlich bei den deutschen Soldaten Vorteile erhoffte, machte die Nazis darauf aufmerksam, dass sich die Familie Aaron in einer kleinen Berghütte gleich außerhalb des Dorfes versteckte. Rebecca und ihre Familie wurden sofort gefangen genommen und waren die letzten Juden von Korfu, die in die Boote gepfercht wurden.
Als die Türen ihres Waggons bei der Ankunft in Auschwitz geöffnet wurden, musste Rebecca hilflos zusehen, wie ihre Familie getrennt wurde. Bevor an diesem ersten Tag in Auschwitz die Sonne unterging, wurden 40 Mitglieder von Rebeccas Familie ermordet, darunter ihre Mutter und ihre Geschwister.
Das Auswahlverfahren im Todeslager der Nazis war denkbar einfach: Wer arbeiten konnte, wurde in die Baracken geschickt und zur Arbeit eingeteilt. Alle, die krank, schwach oder gebrechlich waren, wurden sofort nach ihrer Ankunft entsorgt.
Die Fahrt von Korfu bis zu den Toren von Auschwitz dauerte fast einen ganzen Monat und gehörte zu den längsten und beschwerlichsten Fahrten, die Gefangene der Nazis ertragen mussten. Dazu kam, dass die korfiotischen Juden das milde griechische Klima gewohnt und schlecht ausgerüstet und unzureichend vorbereitet waren. Sie hatten kaum eine Chance, den Transport zu überleben. Wenn die SS-Soldaten die Türen zu den griechischen Waggons öffneten, wurden sie oft von einer Todesstille begrüßt.
Manchmal zogen selbst diejenigen, die den Transport überlebten, den Tod dem vor, was die SS-Soldaten mit ihnen vorhatten. 435 Männer aus Korfu überlebten die Fahrt, entschieden sich aber freiwillig für den Tod, um nicht zum Sonderkommando eingeteilt zu werden, einer jüdischen Einheit, die von den Nazis eingesetzt wurde, um die Leichen zu entsorgen.
Insgesamt wurden 1795 Juden von Korfu deportiert. Von ihnen überlebten nur 121 den Krieg.
Natürlich gelang es einigen, die sich wie Daniel Soussis versteckten, der Deportation zu entkommen. Geschichten von Verrat, wie das Schicksal von Rebecca Aarons Familie und Daniel Soussis’ Mutter, gab es viele. Während die Mehrheit der Juden und Christen auf Korfu harmonisch zusammenlebte, gab es auf der Insel auch einen unterschwelligen Antisemitismus. Schon im 15. Jahrhundert stellten die venezianischen Herrscher dafür die Weichen, als sie die Juden der Insel von ihren griechischen christlichen Nachbarn trennten und das Getto errichteten, in dem die Juden leben mussten. In einer unheimlichen Vorschau auf das, was Jahrhunderte später während der deutschen Besatzung geschehen würde, wurden kleine, gelbe Knöpfe gefertigt und an die Gemeinde verteilt. Die gelben Knöpfe mussten alle Juden, die 13 Jahre oder älter waren, an der Jacke tragen, wenn sie sich außerhalb des Gettos bewegten.
1891 spaltete eine Blutanklage die Inselbewohner noch mehr, als der Mord an einem achtjährigen Mädchen fälschlicherweise Mitgliedern der jüdischen Gemeinde angelastet wurde. Auf der Insel wurde das Gerücht verbreitet, dass ihr Blut bei einem rituellen Passahopfer vergossen worden sei, da christliches Blut angeblich eine geweihte und makabre Zutat für ungesäuertes Matzenbrot sei. Eine Untersuchung stellte fest, dass diese Geschichte und die Gerüchte von einem rituellen Opfer völlig aus der Luft gegriffen waren und dass das ermordete Mädchen in Wirklichkeit eine Jüdin und keine Christin gewesen war. Aber die Wahrheit kam zu spät ans Licht, und der Schaden ließ sich nicht mehr gutmachen. Obwohl Jahrzehnte vergingen, konnten das Misstrauen und der Verdacht nie ganz ausgelöscht werden. Durch die deutsche Besatzung hatten die Griechen, die ihren Hass auf Juden vorher nur flüsternd verbreitet hatten, endlich eine Plattform und ein Ventil, um ihren Hass auszuleben.
Und dann gab es Menschen, die ihre jüdischen Nachbarn aus keinem anderen Motiv als aus purer Habgier auslieferten. Eine Geschichte wird in den Straßencafés und an den Küchentischen auf Korfu seit Langem flüsternd weitererzählt. Es ist die Geschichte von zwei Freunden. Einer war Jude und einer war Christ. In einem verzweifelten letzten Versuch, seine Tochter zu retten, schmuggelte ein Jude sie zu einem christlichen Bekannten. Der Jude flehte ihn an, seine Tochter zu retten, und gab ihm das ganze Geld, das er hatte, damit seine Tochter gerettet und gut versorgt würde. Er flehte den griechischen Christen an, seine Tochter bei sich aufzunehmen, sie als sein Kind auszugeben und als Dank für die Rettung seines Kindes das Geld zu nehmen. Der Christ nahm das Kind und das Geld – und lieferte das Kind prompt den Nazis aus. Das Geld behielt er für sich. Damit besiegelte er sein eigenes Schicksal und das Schicksal seiner Familie. Denn auch wenn der Anstand und die Moral sich von Habgier blenden ließen, war das Schicksal nicht blind. Seit diesem Tag wurde die Familie dieses Mannes vom Unglück verfolgt. Seine eigenen Kinder starben sehr jung.
Die Geschichtsbücher sind voll von solchen tragischen, düsteren Geschichten aus dem Holocaust, aber es gibt auch wenig bekannte Geschichten von Aufopferung und Rettung. Schätzungsweise konnten 200 korfiotische Juden der Deportation und dem Tod entkommen. Die meisten verdanken ihre Rettung griechischen Christen. Trotz der Gefahren, trotz der Todesdrohung durch die Nazis setzten diese Christen alles aufs Spiel, um sich moralisch richtig zu verhalten. Sie riskierten ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Familien, um ihre jüdischen Freunde zu retten.
Meine Yiayia Avgerini war eine von ihnen.