Читать книгу Der Olymp - Achim Lichtenberger - Страница 6
1 Annäherung: Der präsente Unbekannte
ОглавлениеFür wohl keinen Ort der Antike klaffen die tatsächliche Kenntnis von dem Ort und die Präsenz des Ortes in der Vorstellung der Menschen so weit auseinander wie beim Olymp, dem Sitz der griechischen Götter. Das begann bereits in der Antike, und auch heute weckt der Olymp Assoziationen, die nicht mit der Realität übereinstimmen. Am ehesten vergleichbar mit dem Olymp ist noch der Hades, die Unterwelt, die für die Menschen der Antike in der Vorstellung präsent und selbstverständlich ein realer Ort war, doch von der niemand wirklich wusste, wie sie aussah.1 Außer wenigen Heroen wie Herakles hat niemand den Hades besucht und ist wieder auf die Erde zurückgekehrt.2
Anders müsste es sich eigentlich mit dem Olymp verhalten, einem Gebirgszug an der Grenze von Makedonien und Thessalien gelegen; sein höchster Gipfel ist mit 2 918 m über dem Meeresspiegel der höchste Ort Griechenlands ( Abb. 1).3 Man kann zu ihm hingehen und ihn sehen, auch wenn seine Gipfel häufig von Wolken verhangen sind. Der Olymp ist eine sehr reale Gegebenheit, eine wichtige Landmarke der Topographie Nordgriechenlands, er ist die Grenze zwischen Thessalien und Makedonien in der antiken Landschaft Pieria ( Abb. 2). Das Olymp-Massiv war und ist für Reisende physisch erfahrbar und ein reales Hindernis, welches umgangen werden muss. Insofern war es geostrategisch präsent und stellte für Heere und Reisende eine wichtige, topographische Gegebenheit dar. 168 v. Chr. wurde hier das Ende des makedonischen Königreichs besiegelt, als die Römer unter dem Feldherren und Politiker Aemilius Paullus in der »Schlacht von Pydna« in der Enge der Küstenebene die Makedonen vernichtend schlugen. Geographische Kenntnisse waren dabei entscheidend. Dennoch bleibt die antike Vorstellung von dem Götterberg Olymp diffus, und es stellt sich
Abb. 1: Ansicht des Olympmassivs von Osten.
die Frage, ob der Olymp nicht ebenso wie der Hades ein irrealer Ort gewesen ist.
In der religiös-mythologischen Aufladung ist er dem Hades vergleichbar. Der Olymp war Sitz und Wohnort der Götter. Hier hatten die Unsterblichen ihre Paläste, hier hielten sie die Götterversammlung, von hier beobachteten sie das Tun und Treiben auf der Erde, und immer wieder verließen sie den Olymp, um mit Menschen auf der Erde in Interaktion zu treten. Der Olymp ist dabei ein exklusiver göttlicher Ort, den Menschen nicht zugänglich – Götter und Menschen treffen nur auf der Erde aufeinander.
Die literarischen Zeugnisse, die sich auf den Olymp beziehen, werden im zweiten Kapitel diskutiert; gleich zu Beginn seien zwei Stellen aus der Ilias, dem großen Epos des Homer, zitiert, aus denen deutlich wird, dass der Olymp der Sitz des Zeus und weiterer Götter ist. Die Lebenszeit Homers kann gegen 700 v. Chr. angesetzt werden, und seine Epen kondensieren und prägen die Vorstellungen der Griechen von ihren Göttern.4
Abb. 2: Siedlungen und Landschaften am Olymp.
Die erste Beschreibung des Olymps in der antiken Literatur findet sich gleich im ersten Buch der Ilias.5 Da heißt es über Thetis, die zu Zeus ging:
»Und stieg in der Frühe hinauf zum großen Himmel und zum Olympos und fand den weitumblickenden Kroniden, wie er entfernt von den anderen saß auf der höchsten Kuppe des vielgipfligen Olympos.« (Hom. Il. 1,497–499)
In diesem Text wird der Olymp als der Sitz des Zeus auf einem Berg mit vielen Gipfeln beschrieben, zugleich wird deutlich, dass er gedanklich dem Himmel angenähert ist. Diese Idealisierung und Distanzierung des Olymps findet sich auch in anderen Zeugnissen Homers. So heißt es in Homers Ilias als Hera in den Himmel fährt:
»Von selber dröhnten auf die Tore des Himmels, die die Horen hüten, Denen anvertraut ist der große Himmel und der Olympos, Bald zurückzuschieben die dichte Wolke, bald vorzulegen.« (Hom. Il. 5,749–751)
Hier sehen wir, dass der Olymp nicht als Berg vorgestellt ist, sondern dem Himmel gleichgestellt wird, seine Tore werden von den Horen, also den Göttinnen der Jahreszeiten, bewacht, welche die Wolken als Tore schieben. In den beiden Texten aus der Ilias wird der Olymp also unterschiedlich akzentuiert, einmal als Berg, einmal als himmlischer Göttersitz.
Zeus hielt auf dem Olymp Hof, und entsprechend ist der Olymp auch Namensgeber des wichtigsten Beinamens des Zeus, der Olympios war. Der Beiname Olympios im Singular ist fast nur für Zeus belegt.6 Gelegentlich konnte auch Herakles diesen Beinamen tragen (nach seiner Aufnahme in den Olymp),7 und es gibt wenige Belege für Göttinnen wie Hera in Olympia, Aphrodite in Sparta, die Erdgöttin Gaia in Athen, Demeter, Artemis in Eretria (abgeleitet von einem dortigen Olymp), die Geburtsgöttin Eileithyia in Olympia und Nike in Athen.8 Im Vergleich zu den hunderten Belegen für Zeus Olympios ist das wenig, und man kann die Belege als Ausnahmen werten, welche die Regel bestätigen, dass Zeus und der Olymp auf das engste miteinander verbunden waren. So überrascht es auch nicht, dass eines seiner wichtigsten Heiligtümer, das auf der mehrere hundert Kilometer entfernten Peloponnes gelegene Olympia, sich aus demselben Wortstamm ableitet. Die Götter insgesamt wurden auch als Olympische – nach ihrem Wohnsitz – bezeichnet.9
Dennoch, und das sei vorweggenommen, war die räumliche Inbesitznahme des Berges Olymp – sei es durch Besuche, sei es durch Bauwerke – in der Antike und in der gesamten Vormoderne unterentwickelt. Insofern ist er tatsächlich dem Hades vergleichbar als ein präsenter, aber eben doch auch unbekannter Ort.
Im Folgenden sollen Grundzüge der Geschichte des Bergs Olymp in der Antike behandelt werden. Dabei wird einerseits betrachtet, welche Vorstellung die Antike von dem Olymp als Sitz der Götter hatte, andererseits wird untersucht, wie der tatsächliche Ort in der Antike aussah und durch menschliche Aktivitäten gefasst war. Es geht also um ein zentrales Thema der Klassischen Archäologie, nämlich um das Verhältnis von Texten zu Monumenten. Zur Einführung in das Thema seien eine Photographie des Berges Olymps und ein Ausschnitt aus der Götterversammlung im Ostfries des Parthenon von Athen nebeneinandergestellt ( Abb. 3 und Abb. 4).
Abb. 3: Die Gipfelregion des Olymps.
Das Bild zeigt ein Gebirge mit zahlreichen, dicht beieinanderliegenden Gipfeln. Dieses ist das Olympgebirge, mit dessen Topographie wir uns noch genauer beschäftigen werden. Bereits auf den ersten Blick wird deutlich, dass es in seiner schroffen Morphologie durchaus charakteristische Züge aufweist, die – auch das sei vorweggenommen – nie in einer bildlichen Darstellung der Antike erscheinen. Wir besitzen keine antike Darstellung des Berges, welche die geographischen Charakteristika
Abb. 4: Ausschnitt aus dem Bild der Götterversammlung im Ostfries des Parthenon von Athen: Hermes, Dionysos, Demeter und Ares. Die Pfeile bezeichnen Steine, Mitte 5. Jh. v. Chr., London, British Museum.
prägnant in Szene setzt, doch gibt es einige Bilder, die durchaus die Vorstellung vom Olymp als eines Berges mitberücksichtigen. Das ist bemerkenswert, denn von einigen anderen Bergen, wie etwa dem Ararat in Armenien ( Abb. 5), dem Vesuv in Italien oder dem Mons Argaios in der heutigen Türkei ( Abb. 60–62) besitzen wir antike Darstellungen, die recht genau die morphologischen Charakteristika des jeweiligen Berges ins Bild setzen.10 Die frühesten dieser realistischen Bergdarstellungen, die wir kennen, stammen allerdings erst aus dem Späthellenismus (1. Jh. v. Chr.).11
Obschon auf dem Berg Olymp kaum archäologische Spuren zu finden sind und es kaum Darstellungen des Olymps in der Bildkunst gibt, kann die Archäologie dennoch dazu beitragen, die antike Vorstellung von dem Göttersitz besser zu verstehen. Es zeigt sich, dass er auf vielfältige Weise in archäologischen Zeugnissen präsent ist.
Schauen wir auf den Ausschnitt des Parthenonfrieses mit der Götterversammlung, die auf dem Olymp stattfindet, so sehen wir, dass dieser nicht zu den Bildern gehört, welche an die konkrete Topographie des Berges anknüpfen; allerdings können wir Aspekte sehen, die uns über die grundsätzliche Vorstellung vom Olymp Auskunft geben.
Abb. 5: Bronzemünze von Königin Erato und König Tigranes IV. von Armenien mir Ansicht des großen und des kleinen Ararat auf der Rückseite, ca. 2 v. Chr.–1 n. Chr.
Der Parthenon, eines der wichtigsten Denkmäler des klassischen Athens, wurde 447–438 v. Chr. gebaut und ist als Tempel der Athena Parthenos ein Monument der Bürgerschaft von Athen.12 Auf dem Parthenonfries konstituiert sich die Polis, also die Stadt Athen. Dargestellt ist der alle vier Jahre stattfindende Panathenäenzug, ein Festzug zu Ehren der Stadtgöttin Athena. Der Fries läuft oben an der Cella entlang. Der Panathenäenzug wird zweizügig – das heißt von zwei Seiten startend und gegenläufig – dargestellt. Auf der Ostseite, der als Eingang des Tempels wichtigsten Seite eines griechischen Tempels, gipfelt das Geschehen im Zielpunkt des Festzuges, nämlich der Übergabe eines neuen Gewands für die Stadtgöttin Athena an einen hohen Kultbeamten der Stadt, oder nach einer neuen Deutung in der Vorbereitung eines mythologischen Menschenopfers.13 In unserem Zusammenhang ist die genaue Bedeutung der Szene zweitrangig. Wichtiger ist das, wovon die Versammlung eingefasst wird. Denn umgeben ist diese Szene von einer Götterversammlung. Diese ist dem Geschehen vollkommen enthoben, und die thronenden Götter sind alle deutlich größer als die Sterblichen und die Heroen des Zuges. Untersuchungen zur Raum- und Zeitauffassung des Parthenonfrieses haben deutlich gemacht, dass es ein Hin und Her der Bewegungen gibt und auch Brüche. Insgesamt ist aber eine zeitliche und räumliche Einheitlichkeit zu beobachten, die durch den Auftritt der Götter durchbrochen wird.
Die Götter sind auf Sitzmöbeln in der Götterversammlung gezeigt, welche nur im Olymp gedacht sein kann. Sie sind dem Geschehen vollständig enthoben und scheinen nicht darauf zu reagieren, insbesondere nicht auf die Mittelszene, von der sie abgewandt sind. Ihre Anordnung erfolgt paarweise: von links nach rechts Hermes und Dionysos, Demeter und Ares ( Abb. 4), Hera (mit Iris) und Zeus. Dann folgen Athena und Hephaistos, Poseidon und Apollon sowie Artemis und Aphrodite (mit Eros). Die Götter sind durch Attribute behutsam gekennzeichnet, sitzen auf Hockern bzw. Zeus auf einem Thron. Bemerkenswerterweise fehlt bei dieser Götterversammlung eine Ortsangabe. Der Olymp ist hier nicht als Berg visualisiert bzw. konkretisiert – lediglich ein paar umherliegende Steine kann man vorsichtig auf den felsigen Olymp beziehen.14 Im Bild überwiegt, dass die Götter über allem und dem Menschlichen stehen; das Menschliche ist wiederum auf die Götter bezogen, die sich aber selbst genug sind.15
Stellt man die Photographie des Berges Olymp und die Darstellung der Götterversammlung im Olymp nebeneinander, so muss man feststellen, dass der Kontrast zwischen dem realen und dem vorgestellten Raum nicht größer sein könnte. Es ist eine banale Beobachtung, die aber formuliert werden muss: Ein Versuch, die tatsächliche Topographie des Olymps in das Bild der Götterversammlung zu integrieren, ist kaum unternommen worden. Der einzige, aber eben entscheidende Vergleichspunkt besteht in dem Charakteristikum des allem Menschlichen enthoben Seins.