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Erstes bis drittes Bändchen
V

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Hätte der Blitz zu den Füßen von Nanon eingeschlagen, so würde es sein größeres Erstaunen hervorgebracht haben, als diese unerwartete Erscheinung verursachte, und es hätte ihr keinen schmerzlicheren Ausruf entrissen, als der war, welcher unwillkürlich ihrem Munde entfuhr.

»Er!« rief sie.

»Allerdings, meine gute kleine Schwester,« antwortete eine freundliche Stimme. »Doch um Vergebung,« fuhr der Eigenthümer dieser Stimme fort, als er den Herrn Herzog von Epernon erblickte, »um, Vergebung, ich belästige Euch vielleicht?«

Und er verbeugte sich bis auf den Boden vor dem Gouverneur von Guienne, der ihn mit einer wohlwollenden Geberde empfing.

»Cauvignac,« murmelte Nanon, aber so leise, daß dieser Name eher mit dem Herzen, als mit den Lippen ausgesprochen wurde.

»Seid willkommen, Herr von Canolles,« sagte der Herzog mit der freundlichsten Miene. »Eure Schwester und ich haben seit gestern Abend nur von Euch gesprochen, und seit gestern Abend verlangen wir nach Euch.«

»Ah, Ihr verlangt nach mir! in der That?« sagte Cauvignac, und warf einen Blick auf Nanon, in welchem ein unbeschreiblicher Ausdruck von Ironie und Zweifel lag.

»Ja,« sagte Nanon, »der Herr Herzog hat die Güte gehabt, zu wünschen, daß Ihr ihm vorgestellt würdet.«

»Nur die Furcht, lästig zu sein,« sprach Cauvignac, abermals sich vorbeugend, »hat mich abgehalten, früher um diese Ehre zu bitten.«

»In der That, Baron,« erwiederte der Herzog, »ich habe Euer Zartgefühl bewundert, muß Euch aber einen Vorwurf darüber machen.«

»Mir, Monseigneur, einen Vorwurf über mein Zartgefühl? Ah! Ah!«

»Ja, und wenn Eure gute Schwester nicht für Eure Angelegenheiten gesorgt hätte . . .«

»Ah!« sprach Cauvignac, einen Blick beredten Vorwurfes auf Nanon werfend; »ah, meine gute Schwester hat für die Angelegenheiten . . .«

»Ihres Bruders gesorgt,« versetzte Nanon lebhaft. »Was ist natürlicher?«

»Und heute noch, wem verdanke ich das Vergnügen, Euch zu sehen?«

»Ja,« sprach Cauvignac, »wem verdankt Ihr das Vergnügen, mich zu sehen, Monseigneur?«

»Wohl dem Zufall, einzig und allein dem Zufall, welcher Eure Rückkehr bewirkte.«

»Ah!« sagte Cauvignac zu sich selbst, »es scheint, ich war abgereist.«

»Ja, Ihr waret abgereist, schlechter Bruder, und zwar, ohne mich durch mehr als zwei Worte, welche meine Unruhe noch verdoppelten, davon in Kenntniß zu setzen.«

»Was wollt Ihr, meine liebe Nanon, man muß den Verliebten wohl etwas hingehen lassen,« erwiederte der Herzog lächelnd.

»Oh! Oh! die Sache wird verwickelt,« sprach Cauvignac zu sich selbst. »Ich bin verliebt, wie es scheint.«

»Gesteht, daß Ihr es seid,« sagte Nanon.

»Ich werde es nicht leugnen,« versetzte Cauvignac mit einem siegreichen Lächeln und suchte aus allen Augen irgend einen kleinen Brocken Wahrheit zu ziehen, mit dessen Hilfe er eine gute, große Lüge zusammensetzen könnte.

»Ja, ja,« sagte der Herzog, »aber wir wollen frühstücken, wenn es Euch gefällig ist. Ihr erzählt uns Eure Liebschaft während des Frühstücks. Francinette, ein Gedeck für Herrn von Canolles. Ihr habt hoffentlich noch nicht gefrühstückt Kapitän?«

»Nein, Monseigneur, und ich gestehe sogar, daß die frische Morgenluft meinen Appetit wunderbar geschärft hat.«

»Sagt die Nachtlust, schlimmer Mann,« versetzte der Herzog; »denn seit gestern lauft Ihr auf der Landstraße umher.«

»Meiner Treu,« sprach Cauvignac ganz leise, »der Schwager hat es richtig errathen. Nun, es sei, ich gestehe, die Nachtluft.«

»Wohl,« sagte der Herzog, reichte Nanon den Arm und ging von Cauvignac gefolgt, in den Speisesaal. »Hier findet Ihr hoffentlich hinreichend Stoff, um Euren Appetit zu befriedigen, so gut er auch beschaffen sein mag.«

Biscarros hatte sich wirklich selbst übertroffen. Die Gerichte waren nicht zahlreich, aber ausgesucht. Der gelber-Wein von Guienne und der rothe Wein von Burgund fielen wie Perlen von Gold und Cascaden von Rubinen aus der Flasche.

Cauvignac schlang.

»Dieser Junge arbeitet auf das Anmuthigste,« sagte der Herzog. »Aber Ihr, Nanon, eßt Ihr nicht?«

»Monseigneur, ich habe seinen Hunger.«

»Die liebe Schwester,« rief Cauvignac. »Und wenn ich bedenke, daß das Vergnügen, mich zu sehen, ihr den Appetit benommen hat! In der That, ich bin ihr böse, daß sie mich in diesem Grade liebt.«

»Dieses Hühnerflügelchen,« sagte der Herzog.

»Für meinen Bruder, Monseigneur,« erwiederte die junge Frau, welche sah, wie sich der Teller von Cauvignac mit einer furchtbaren Geschwindigkeit leerte, und die Wiederkehr seiner Spöttereien nach dem Verschwinden der Speisen befürchtete.

Cauvignac bot seinen Teller mit dem dankbarsten Lächeln. Der Herzog legte den Flügel auf den Teller, und Cauvignac setzte seinen Teller vor sich.

»Was macht Ihr Gutes, Canolles?« sprach der Herzog mit einer Vertraulichkeit, welche Cauvignac als ein bezauberndes Vorzeichen erschien. »Wohl verstanden, ich spreche nicht von der Liebe.«

»Sprecht im Gegentheil davon, Monseigneur, thut Euch keinen Zwang auf,« sagte der junge Mann, welchem der Medoc und der Chambertin, durch auf einander folgende und gleiche Dosen zusammengefügt, die Zunge zu lösen anfingen.

»Oh! Monseigneur, er versteht sehr gut einen Spaß,« sagte Nanon.

»Wir können ihn also auf das Kapitel von dem kleinen Edelmann bringen?« fragte der Herzog.

»Ja;« sagte Nanon, »von dem kleinen Edelmann, den Ihr gestern Abend getroffen habt.«

»Ah! ja, auf meinem Wege,« sprach Cauvignac.

»Und dann im Gasthause von Meister Biscarros,« fügte der Herzog bei.

»Und dann in dem Gasthause von Meister Biscarros,« versetzte Cauvignac. »Das ist meiner Treue wahr!«

»Ihr seid ihm also wirklich begegnet?« fragte Nanon.

»Diesem kleinen Edelmann? Ja.«

»Wie sah er aus? Laßt hören, sagt es mir offenherzig.«

»Meiner Treue,« versetzte Cauvignac, »es war ein reizendes Männchen, blond, schlank, zierliche.«

»So ist es,« sprach Nanon, sich in die Lippen beißend.

»Und Ihr seid verliebt in ihn?«

»In wen?«

»In den blonden, kleinen, schlanken, zierlichen Edelmann.«

»Oho! Monseigneur! Was wollt Ihr damit sagen?« rief Cauvignac.

»Tragt Ihr immer noch den kleinen perlgrauen Handschuh an Eurem Herzen?« fuhr der Herzog lachend fort.

»Den kleinen perlgrauen Handschuh?«

»Ja, den welchen Ihr gestern Abend so leidenschaftlich berochet und küßtet.«

Cauvignac verstand nichts von Allem dem.

»Den Handschuh, der Euch den Betrug, die Me-ta-mor-pho-se (der Herzog legte auf jede Sylbe einen Nachdruck) errathen ließ.«

Cauvignac begriff aus diesem einzigen Worte Alles.

»Ah!« rief er, »der Edelmann war also eine Frau? Bei meinem Ehrenworte! ich vermuthete es.«

»Es unterliegt keinem Zweifel mehr,« murmelte Nanon.

»Gebt mir doch zu trinken,« meine Schwester,« sagte Cauvignac. »Ich weiß nicht, wer die Flasche geleert hat, welche vor mir steht, er es ist nichts mehr darin.«

»Nun, nun,« rief der Herzog, »da gibt es Mittel; denn seine Liebe hindert ihn nicht zu essen und zu trinken, und die Angelegenheiten des Königs werden nicht darunter leiden.«

»Die Angelegenheiten des Königs darunter leiden! Nie! Die Angelegenheiten des Königs vor allen Dingen. Die Angelegenheiten des Königs, das ist heilig! Aus die Gesundheit Seiner Majestät, Monseigneur!«

»Man kann also auf Eure Ergebenheit zählen, Baron?«

»Auf meine Ergebenheit für den König!«

»Ja.«

»Ich glaube wohl, daß man darauf zählen kann. Ich würde mich für ihn in Stücke hauen lassen.«

»Und das ist ganz einfach,« sprach Nanon, welche befürchtete, Cauvignac könnte in seiner Begeisterung für den Medoc und den Chambertin die Person vergessen, deren Rolle er spielte, um in seine eigene Individualität zurückzufallen, »und das ist ganz einfach, Seid Ihr nicht durch die Güte des Herrn Herzogs Kapitän im Dienste Seiner Majestät?«

»Ich werde es nie vergessen,« sprach Cauvignac mit einer thränenreichen Rührung, während er die Hand auf sein Herz legte.

»Wir werden es noch besser machen, Baron, wir werden es in der Zukunft besser machen.«

»Ich danke, Monseigneur, ich danke.«

»Und wir haben bereits angefangen.«

»Wirklich!«

»Ja, Ihr seid zu schüchtern, mein junger Freund,« versetzte der Herzog von Epernon. »Wenn Ihr einer Protection bedürft, wendet Euch an mich; nun, da es unnöthig ist, Umwege zu machen, nun, da Ihr Euch nicht mehr zu verbergen braucht, nun, da ich weiß, daß Ihr der Bruder von Nanon seid . . .«

»Monseigneur,« rief Cauvignac, »ich werde mich fortan unmittelbar an Euch wenden.«

»Ihr versprecht es mir?«

»Ich gelobe es.«

»Ihr werdet wohl daran thun. Indessen soll Euch Eure Schwester erklären, um was es sich handelt. Sie hat Euch einen Brief von mir zu übergeben. Vielleicht liegt Euer Glück in der Botschaft, die ich Euch auf ihre Empfehlung anvertraue. Nehmt den Rath Eurer Schwester, nehmt ihn, junger Mann, nehmt ihren Rath, es ist ein guter Kopf, ein ausgezeichneter Geist, ein edles Herz; liebt Eure Schwester, Baron, und Ihr könnt meiner Gunst versichert sein.«

»Monseigneur,«« rief Cauvignac, »meine Schwester weiß, wie sehr ich sie liebe, und daß ich nichts Anderes wünsche, als sie glücklich, mächtig und reich zu sehen . . .«

»Diese Wärme gefällt,mir,« sagte der Herzog. »Bleibt also bei Nanon, während ich mich mit einem gewissen Burschen beschäftigte. Doch bei dieser Gelegenheit Baron,« fuhr der Herzog fort, »Ihr könntet mir vielleicht Auskunft über diesen Banditen geben?«

»Gern,« antwortete Cauvignac, »nur muß ich wissen, von welchem Banditen Monseigneur spricht; es gibt viele und aller Art zur Zeit.«

»Ihr habt Recht; aber dieser ist einer von den Unverschämtesten, welche mir je vorgekommen sind.«

»Wirklich!« rief Cauvignac.

»Denkt Euch, daß mir dieser Elende für den Brief, den Eure Schwester gestern an Euch schrieb und den er sich durch eine schändliche Gewaltthat verschafft hatte, ein Blanquett auspreßte.«

»Ein Blanquett wirklich? Aber welches Interesse habt Ihr denn, diesen Brief einer Schwester an ihren Bruder zu besitzen?« rief Cauvignac mit naiver Miene.

»Vergeßt Ihr, daß ich nichts von dieser Verwandtschaft wußte?«

»Ah, das ist wahr.«

»Und daß ich so albern war, Ihr vergeht mir Nanon? fuhr der Herzog, der jungen Frau die Hand reichend, fort, »und daß ich so albern war, eifersüchtig auf Euch zu sein?«

»Wirklich? eifersüchtig auf mich! Ah, Monseigneur, Ihr hattet sehr Unrecht.«

»Ich wollte Euch also fragen, ob Ihr nicht irgend einen Verdacht in Beziehung auf den Menschen hättet, welcher die Rolle des Angebers bei mir spielte?«

»In der That, nein . . . Aber Ihr begreift, Monseigneur, solche Handlungen bleiben nicht unbestraft, und Ihr werdet eines Tage erfahren, wer diese begangen hat.«

»Ja, gewiß, ich werde es eines Tage erfahren,« erwiederte der Herzog, »und ich habe zu diesem Behufe – meine Maßregeln getroffen. Doch es wäre mir lieber, ich wüßte es sogleich.«

»Ah!« versetzte Cauvignac, die Ohren spitzend, »ah, Ihr habt zu diesem Behufe Eure Maßregeln getroffen?«

»Ja, ja,« fuhr der Herzog fort, »und der Barsche müßte viel Glück haben, wenn ihn sein Blanquett nicht an den Galgen brächte.«

»Und wie wollt Ihr dieses Blanquett von den andern Befehlen, welche Ihr gebt, unterscheiden, Monseigneur?« fragte Cauvignac.

»Ich habe ein Zeichen daran gemacht.«

»Ein Zeichen?«

»Ja, unsichtbar für Jedermann, aber ich, werde es mit Hilfe eines chemischen Verfahrens erkennen.«

»Halt, halt, halt!« sprach Cauvignac; »das ist sehr geistreich, Monseigneur. Aber man muß nur aus der Hut sein, daß er die Falle nicht vermuthet.«

»Oh! es ist keine Gefahr. Wer soll es ihm sagen?«

»Ah! Das ist wahr,« versetzte Cauvignac, »nicht Nanon, nicht ich . . .«

»Ich auch nicht,« sprach der Herzog.

»Ihr auch nicht! Ihr habt also Recht, Monseigneur, Ihr müßt unfehlbar eines Tagen erfahren, wer dieser Mensch ist und dann . . .«

»Und dann, da ich meinen Wortes quitt gegen ihn bin, denn man wird ihm für das Blanquett das, was er wünschte, gegeben haben, lasse ich ihn hängen.«

»Amen!« sprach Cauvignac.

»Und nun fuhr der Herzog fort, »da Ihr mir keine Auskunft über diesen Burschen geben könnt . . .«

»Nein, in der That, Monseigneur, ich kann es nicht«

»Wohl, ich lasse Euch, wie ich vorhin sagte, mit Eurer Schwester. Nanon,« fuhr der Herzog fort, gebt diesem jungen Manne genaue Instructionen, und er soll besonders keine Zeit verlieren.«

»Seid ruhig, Monseigneur.«

»Also Gott befohlen.«

Und der Herzog machte mit der Hand einen anmuthigen Gruß gegen Nanon, eine freundschaftliche Geberde gegen ihren Bruder, und stieg mit dem Versprechen, wahrscheinlich noch an demselben Tage zurückzukehren, die Treppe hinab.

Nanon begleitete den Herzog auf den Vorplatz.

»Pest!« sprach Cauvignac, »der würdige Herr hat wohl daran gethan, mich in Kenntniß davon zu setzen. Er ist nicht so dumm, als er aussieht! Aber was soll ich mit dem Blanquett machen? Verdammt! was man mit einem Wechsel machte ich werde es discontiren.«

»Nun, mein Herr,« sprach Nanon zurückkehrend, und die Thüre schließend, »nun kommt es an uns Beide.«

»Ja, liebes Schwesterchen,« antwortete Cauvignac, »denn ich bin nur gekommen, um mit Euch zu plaudern. Aber um gut zu plaudern, muß man sitzen. Setzt Euch doch, ich bitte.«

Und Cauvignac zog einen Stuhl zu sich, und bedeutete Nanon durch ein Zeichen dieser Stuhl sei für, sie bestimmt.

Nanon setzte sich mit einem Stirnefalten, das nichts Gutes ankündigte.

»Vor Allem,« sprach Nanon, »warum seid Ihr nicht da, wo Ihr sein solltet.«

»Ah! liebes Schwesterchen, das ist nicht höflich. Wenn ich da wäre, wo ich sein soll, so wäre ich nicht hier, und Ihr hättet folglich nicht das Vergnügen, mich zu sehen.«

»Habt Ihr nicht in den geistlichen Stand einzutreten gewünscht?«

»Ich nicht; sagt, die Personen, welche sich für mich interessieren, Ihr besonders wünschtet mich eintreten zu sehen. Persönlich hatte ich nie einen inneren Beruf für die Kirche.«

»Eure Erziehung ist doch eine völlig religiöse gewesen.«

»Ja, meine Schwester, und ich glaube sie auch benützt zu haben.«

»Keine Lästerung, mein Herr, wir wollen nicht über heilige Dinge spotten.«

»Ich spotte nicht, mein Schwesterchen, ich erzähle nur. Hört: Ihr habt mich zu den Minimen von Angoulême geschickt, wo ich meine Studien machen sollte.«

»Nun?«

»Nun, ich habe sie gemacht. Ich verstehe Griechisch wie Homer, Lateinisch wie Cicero und die Theologie wie Johannes Huß. Da ich bei diesen würdigen Brüdern nichts mehr zu lernen hatte, so ging ich von ihnen, immer Eurem Wunsche gemäß zu den Carmelitern von Rouon über, um das Gelübde abzulegen.«

»Ihr vergeßt, daß ich Euch eine jährliche Rente den hundert Pistolen versprach, und daß ich mein Versprechen gehalten habe. Hundert Pistolen für einen Carmeliter war, wie es mir scheint, mehr als hinreichend.«

»Ich leugne es nicht, meine liebe Schwester, aber unter dem Vorwande, ich wäre noch nicht Carmeliter, hat das Kloster beständig diese Rente eingezogen.«

»Und wenn es sich auch so verhielte, habt Ihr nicht, indem Ihr Euch der Kirche weihtet, das Gelübde der Armuth abgelegt?«

»Meine Schwester, wenn ich das Gelübde der Armuth ablegte, so habe ich auch, ich schwäre es Euch, dasselbe streng erfüllt; denn Niemand war ärmer als ich.«

»Aber wie seid Ihr aus dem Kloster gekommen?«

»Ah! Gerade wie Adam aus dem irdischen Paradiese: das Wissen hat mich zu Grund gerichtet, meine Schwester, ich war zu gelehrt.«

»Wie, Ihr waret zu gelehrt?«

»Ja, denkt Euch, daß ich unter den Carmelitern, welche sich durchaus nicht des Rufes erfreuen, als stünden sie auf der Stufe von Pico de Mirandola, von Erasmus und Descartes, für ein Wunder galt, wohl verstanden für ein Wunder der Wissenschaft. Dadurch erfolgte, daß man, als der Herr Herzog von Longueville durch Rouen kam, um diese Stadt aufzufordern, sich zu Gunsten des Parlaments zu erklären, mich zu Herrn von Longueville absandte, um eine Zwiesprache mit ihm zu pflegen, was ich in so zierlichen, gewählten Worten that, daß Herr von Longueville nicht nur mit meiner Beredsamkeit sehr zufrieden war, sondern auch fragte, ob ich nicht sein Secretär werden wollte. Es war gerade zur Zeit, als ich Profeß thun sollte.«

»Ja, ich er erinnere mich, und Ihr batet mich sogar unter dem Vorwande, von der Welt Abschied zu nehmen, um hundert Pistolen, die ich Euch eigenhändig zukommen ließ.«

»Das sind die einzigen, welche ich erhalten habe, so wahr ich ein Edelmann bin.«

»Aber Ihr solltet auf die Welt Verzicht leisten?«

»Ja, das war meine Absicht, doch es war nicht die der Vorsehung, welche ohne Zweifel Pläne mit mir hegt. Sie hat durch das Organ des Herrn von Longueville anders über mich verfügt; ich sollte nach ihrem Willen nicht Mönch bleiben. Ich fügte mich also in den Willen dieser guten Vorsehung, und ich muß sagen, ich bereue es nicht.«

»Ihr seid also nicht mehr beim geistlichen Stande?«

»Nein, wenigstens nicht für den Augenblick, liebe Schwester. Ich wage nicht zu behaupten, ich werde nie mehr zu demselben zurückkehren; denn welcher Mensch kann am Abend sagen, was er am Morgen thun wird? Hat nicht Herr von Rancé den Brappisten-Orden gestiftet? Vielleicht mache ich es wie Herr von Rancé und erfinde irgend einen neuen Orden. Aber ich habe nun den Krieg gekostet, und das hat mich für einige Zeit profan und unrein gemacht. Bei der nächsten Gelegenheit werde ich mich reinigen«

»Ihr, ein Kriegsmann!« sprach Nanon die Achseln zuckend.

»Warum nicht? Ich sage Euch nicht, ich sei ein Duguesclin, ein Dunois, ein Bayard, ein Ritter ohne Furcht und Tadel. Nein ich bin nicht so stolz, zu behaupten, ich habe mir nicht einige leichte Vorwürfe zu machen, und ich werde nicht wie der erhabene Condottiere Sforza fragen, was Furcht sei. Ich bin ein Mensch, und wie Plautus sagt: homo sum et nihil humani a me alienum puto; was bedeutete ich bin ein Mensch und nichts Menschlichen ist mir fremd. Ich habe Furcht, wie es einem Menschen Furcht, zu haben erlaubt ist, was mich jedoch nicht abhält, bei Gelegenheit brav zu sein. Ich spiele sogar, wenn ich dazu genöthigt werde, ganz angenehm mit dem Degen und mit der Pistole. Aber meine wahre Neigung, mein entschiedener Beruf, seht Ihr, das ist die Diplomatie. Wenn ich mich nicht sehr täusche, meine liebe Nanon, werde ich ein großer Politiker. Die Politik ist eine schöne Laufbahn, denkt an Mazarin, wenn er nicht gehängt wird, muß er es weit bringen. Nun, ich bin wie Herr von Mazarin. Eine von meinen Befürchtungen, die größte sogar, ist auch die, gehängt zu werden.«

»Ihr seid also Kriegsmann?«

»Und Hofmann nöthigen Falles. Ah! mein Aufenthalt bei Herrn von Longueville hat mir viel genützt.«

»Und was habt Ihr bei ihm gelernt?«

»Was man bei den Prinzen lernt: Krieg führen, intrigieren, verrathen.«

»Und das brachte Euch?«

»Zu der höchsten Stellung.«

»Die Ihr wieder verloren hab?«

»Herr von Condé hat die seinige auch verloren. Man ist nicht Herr der Ereignisse. Liebe Schwester, so wie Ihr mich hier seht, habe ich Paris regiert.«

»Ihr!«

»Ja, ich!«

»Wie lange?«

»Sieben Viertelstunden, die Uhr in der Hand.«

»Ihr habt Paris regiert?«

»Als Kaiser.«

»Wie dies«

»Auf eine ganz einfache Weise. Ihr wißt, daß der Herr Coadjutor, Herr von Gondy, der Abbé von Gondy . . .«

»Sehr wohl.«

»Unumschränkter Herr der Stadt war. Nun in diesem Augenblicke gehörte ich dem Herrn Herzog den Elboeuf. Er ist ein lothringischer Prinz, man braucht sich nicht zu schämen, Herr von Elboeuf zu gehören. Herr von Elboeuf wer aber für den Augenblick der Feind des Coadjutors. Ich zettelte also einen Aufruhr zu Gunsten von Herrn von Elboeuf an und fing . . .«

»Wen? den Coadjutor?«

»Nein, ich hätte nichts mit ihm anzufangen gewußt, und wäre nur dadurch in Verlegenheit gerathen. Ich fing seine Geliebte, Fräulein von Chevreuse.«

»Aber das ist abscheulich,« rief Nanon.

»Nicht wahr, es ist abscheulich, daß ein Priester eine Geliebte hat? Gerade das ist es, was ich mir auch sagte. Es war nur meine Absicht, sie zu entführen und sie so weit wegzubringen, daß er sie nie mehr sehen würde. Ich ließ ihm also meine Absicht mittheilen; aber dieser Teufel von einem Menschen hat Gründe, denen man nicht widerstehen kann. Er bot mir tausend Pistolen.«

»Arme Frau, sich so verhandelt zu sehen!«

»Wie! sie mußte im Gegentheil entzückt darüber sein, denn das bewies ihr, wie sehr Herr von Gondy sie liebte! Nur die Männer der Kirche haben eine solche Ergebenheit für ihre Geliebte. Ich glaube, das rührt davon her, daß ihnen diese Sache verboten ist.«

»Ihr seid also reich?«

»Ich?« rief Cauvignac.

»Allerdings, mittelst dieser Räubereien.«

»Sprecht mir nicht hiervon. Hört, Nanon, ich habe Unglück gehabt: die Kammerjungfer von Fräulein von Chevreuse, welche mir Niemand abkaufen wollte, und die folglich bei mir blieb, stahl mir das Geld.«

»Es bleibt Euch doch hoffentlich die Freundschaft von denjenigen, welchen Ihr, den Coadjutor verletzend, diente.«

»Ah, Nanon, man sieht wohl, daß Ihr die Prinzen nicht kennt! Herr von Elboeuf hat sich mit dem Coadjutor ausgesöhnt. In dem Vertrag, welchen sie mit einander abschlossen, wurde ich aufgeopfert. Ich sah mich also genöthigt, in den Sold von Herrn von Mazarin zu treten, Herr von Mazarin aber ist ein Knauser. Da er die Belohnung nicht in das Gleichgewicht mit dem Dienste setzte, so willigte ich in ein Anerbieten, das man mir machte, und unternahm eine neue Meuterei zu Ehren des Rathes Broussel, welche zum Zwecke hatte, den Kanzler Seguier todtzuschlagen; aber meine ungeschickten Leute schlugen ihn nur halb todt. Mitten unter diesem Streite lief ich die größte Gefahr, die mich je bedroht hatte. Herr von Meilleraye drückte eine Pistole, wenige Schritte von mir entfernt, auf mich ab. Zum Glücke bückte ich mich, die Kugel flog über meinem Kopfe hin, und der berühmte Marschall tödtete nur ein altes Weib.«

»Welch ein Gewebe von Abscheulichkeiten!« rief Nanon.

»Nein, meine liebe Schwester, das sind die Nothwendigkeiten des Bürgerkrieges.«

»Ich begreife jetzt, wie ein Mensch, der zu solchen Dingen fähig ist, wagen konnte, was Ihr gestern gewagt habt.«

»Was habe ich denn gethan?« fragte Cauvignac mit der unschuldigsten Miene der Welt, »was habe ich gewagt?«

»Ihr habt es gewagt, eine so angesehene Person wie Herrn von Epernon in das Gesicht zu betrügen. Aber das begreife ich nicht, das habe ich, ich gestehe es, nie gedacht, daß ein von meinen Wohlthaten überhäufter Bruder kalt den Plan fassen könnte, seine Schwester zu Grunde zu richten.«

»Meine Schwester zu Grunde richten. . . ich?« sagte Cauvignac.

»Ja, Ihr!« versetzte Nanon; »ich brauchte nicht Eure Erzählung abzuwarten, welche mir beweist, daß Ihr zu Allem fähig seid, um die Handschrift des Billets zu erkennen. Seht! Wollt Ihr leugnen, das dieser anonyme Brief von Eurer Hand ist?«

Entrüstet legte Nanon den verrätherischen Brief, welchen ihr der Herzog am Abend vorher zugestellt hatte, ihrem Bruder vor die Augen.

Cauvignac las ihn, ohne ans der Fassung zu kommen-.

»Nun,« sagte er, »was habt Ihr gegen diesen Brief? Findet Ihr ihn etwa schlecht abgefaßt? Es würde mir sehr leid für Euch thun, denn es bewiese, daß Ihr keine Literatur besitzt.«

»Es handelt sich nicht um die Abfassung, mein Herr, sondern um die Sache selbst. Seid Ihr es oder seid Ihr es nicht, der diesen Brief geschrieben hat?«

»Ich hin es allerdings. Hätte ich die Sache leugnen wollen, so würde ich weine Handschrift verstellt haben; aber das war unnötig. Es lag nie in meiner Absicht, mich vor Euren Augen zu verbergen. Ich wünschte sogar, daß Ihr erkennen würdet, der Brief käme von mir.«

»Ihr gesteht es!« rief Nanon mit einer Geberde des Abscheus.

»Das ist ein Rest von Demuth, liebe Schwester. Ja, ich muß Euch sagen, ich wurde von einer Art von Rache angetrieben.«

»Von Rache?«

»Ja, von einer sehr natürlichen.«

»Rache gegen mich, Unglücklicher! Bedenkt Ihr auch, was Ihr sagt? Was habe ich Euch Böses zugefügt, daß Euch der Gedanke kommt, sich an mir zu rächen?«

»Was Ihr mir gethan habt? Ah! Nanon, versetzt – Euch an meine Stelle. Ich verlasse Paris, weil ich dort zu viel Feinde hatte; das ist des Unglück von allen Politikern. Ich wende mich an Euch, ich flehe Eure Hilfe an. Erinnert Ihr Euch? Ihr habt drei Briefe erhalten. Ihr werdet wohl nicht sagen, Ihr habet meine Handschrift nicht erkannt. Es war ganz die des anonymen Billets, und überdies hatte ich die Briefe unterzeichnet. Ich schrieb drei Briefe an Euch, um Euch um hundert armselige Pistolen zu bitten. Hundert Pistolen von Euch, die Ihr Millionen besitzt! Das war eine Erbärmlichkeit, aber Ihr wißt, hundert Pistolen sind meine Zahl. Nun wohl, meine Schwester stößt mich zurück. Ich zeige mich bei meiner Schwester: meine Schwester läßt mich abweisen. Natürlich erkundige ich mich. Vielleicht ist sie im Unglück, denke ich; das ist der Augenblick, um ihr zu beweisen, daß ihre Wohlthaten nicht auf ein undankbares Land gefallen sind. Vielleicht ist sie nicht mehr frei. Dann muß man ihr vergeben. Ihr seht, mein Herz suchte Entschuldigungen für Euch. Da erfahre ich, meine Schwester sei frei, glücklich, reich, sehr reich, und ein Fremder, ein Baron von Canolles, maße sich meine Rechte an und lasse sich von ihr an meiner Stelle protegieren. Nun verdrehte mir die Eifersucht den Kopf.«

»Sagt die Habgier. Ihr habt mich an den Herrn, von Epernon verkauft, wie Ihr Fräulein von Chevreuse an den Coadjutor verkauftet. Ich frage Euch, was ging es Euch an, daß ich mit Herrn von Canolles in Verbindung stand?«

»Nicht nichts, und ich hätte nicht daran gedacht, mich darüber zu beunruhigen, würdet Ihr Eure Verbindung mit mir fortgesetzt haben.«

»Wisst Ihr wohl, daß Ihr, wenn ich ein einziges Wort zu dem Herrn Herzog von Epernon sagte, wenn ich ihm ein unumwundenes Geständnis machte, verloren wäret? Ihr habt selbst so eben und aus seinem eigenen Munde gehört, was für ein Schicksal er demjenigen bestimmt, der ihm sein Blanquett gestohlen hat.«

»Sprecht nicht mehr davon; ich schauerte bis in das Mark meiner Knochen, und ich bedurfte meiner ganzen Selbstbeherrschung, um mich nicht zu verrathen.«

»Und Ihr zittert nicht, Ihr, der Ihr doch zugesteht, daß Ihr die Furcht kennt?«

»Nein; denn dieses unumwundene Bekenntniß würde beweisen, daß Herr von Canolles nicht Euer Bruder ist. Die Worte Eures Briefes nähmen, an einen Fremden gerichtet, eine ärgerliche Bedeutung an. Glaubt mir, ein Geständniß mit Umwegen, wie das, welches Ihr vorhin machtet, ist mehr werth. Undankbare, ich will nicht sagen Blinde, bedenkt doch, wie viele von mir vorhergesehene Vortheile aus der kleinen durch meine Sorge vorbereiteten Komödie entspringen. Erstens waret Ihr sehr verlegen und zittertet vor Angst, Herrn von Canolles kommen zu sehen, der, nicht in Kenntniß gesetzt, bei Eurem kleinen Familienromane furchtbar im Nebel herumgetappt wäre. Meine Erscheinung hat im Gegentheil Alles gerettet. Euer Bruder ist kein Geheimniß mehr. Herr von Epernon nahm ihn an und zwar, ich muß es sagen, auf eine sehr artige Weise. Nun braucht der Bruder sich nicht mehr zu verbergen, er ist vom Hause; folglich Briefwechsel, äußere und innere Rendezvous, vorausgesetzt, daß der Bruder mit den schwarzen Haaren und Augen die Unschicklichkeit nicht so weit treibt, daß er dem Herrn Herzog von Epernon gerade in das Gesicht schaut. Ein Mantel gleicht ungeheuer einem andern Mantel, und sieht Herr von Epernon einen Mantel von Euch gehen, wer wird ihm sagen, ob es der eines Bruders ist oder nicht? Ihr seid also frei wie der Wind. Nur habe ich mich um Euch zu dienen, umgetauft und nenne mich Canolles; das ist unbequem. Ihr solltet mir für dieses Opfer Dank wissen.«

Diesem Redestrom, einem Resultat einer unglaublichen Unverschämtheit, wußte Nanon ganz versteinert keine Gründe mehr entgegenzusetzen. Den Sieg, den er im Sturme davon getragen, benützend, fuhr Cauvignac fort:

»Und nun, liebe Schwester, da wir nach einer so langen Abwesenheit wieder vereinigt sind, da Ihr nach so vielen Kreuz- und Querzügen einen wahren Bruder wieder gefunden habt, gesteht, daß Ihr fortan, Dank sei es dein Schilde, den die brüderliche Liebe über Euch ausbreitet, auf beiden Ohren schlafen werdet. Ihr werdet so ruhig leben, als ob ganz Guienne Euch anbetete, was, wie Ihr wißt, nicht der Fall ist; aber Guienne muß nach unserer Pfeife tanzen. In der That, ich quartiere mich auf Eurer Schwelle ein; Herr von Epernon macht mich zum Obersten; statt sechs Mann habe ich zweitausend. Mit diesen zweitausend Mann erneute ich die Arbeiten des Hercules. Man ernennt mich zum Herzog; zum Pair; Frau von Epernon stirbt, Herr von Epernon heirathet Euch . . .«

»Vor Allem dem hört zweierlei,« sagte Nanon mit kurzem Tone.

»Was, liebe Schwester? Sprecht, ich bitte Euch.«

»Erstens werdet Ihr dem Herzog das Blanquett zurückgeben, sonst hängt man Euch. Ihr habt den Spruch aus seinem eigenen Munde gehört. Sodann entfernt Ihr Euch sogleich von hier, oder ich bin verloren, was für Euch zwar nichts ist, aber Ihr stürzt Euch mit mir ins Verderben, ein Grund, der Euch vielleicht bewegen wird, meinen Untergang in Betracht zu ziehen.«

»Zwei Antworten, liebe Dame: dieses Blanquett ist mein Eigenthum, und Ihr könnt mich nicht abhalten, mich hängen zu lassen, wenn es mir gefällt.«

»Immerhin!«

»Ich danke! aber seid unbesorgt, es wird dem nicht so sein. Ich habe Euch so eben meinen Widerwillen gegen diese Todesart ausgedrückt. Ich behalte also das Blanquett, wenn Ihr nicht etwa Lust habt, es mir abzukaufen, in welchem Falle wir mit einander handeln können.«

»Ich brauche es nicht, ich ertheile selbst Blanquette.«

»Glückliche Nanon!«

»Ihr behaltet es also?«

»Ja.«

»Auf die Gefahr, was auch daraus entstehen mag?

»Seid unbesorgt, ich weiß, wo ich es anbringe. In Euren Verlangen, Euch meiner zu entledigen, vergeßt Ihr Eines.«

»Was?«

»Den wichtigen Auftrag, von dem der Herzog gesprochen hat und der mein Glück machen soll.«

Nanon erbleichte.

»Aber, Unglücklicher,« sprach sie, »Ihr wißt wohl, daß dieser Auftrag nicht für Euch bestimmt ist. Ihr wißt wohl, daß die Lage der Dinge mißbrauchen ein Verbrechen wäre, das früher oder später seine Strafe nach sich ziehen müßte.«

»Ich will auch keinen Mißbrauch, sondern einen Gebrauch davon machen.«

»Überdies ist Herr von Canolles in dem Auftrage genannt.«

»Heiße ich nicht Baron von Canolles?«

»Ja, aber man kennt dort nicht allein seinen Namen, sondern auch sein Aeußeres. Herr von Canolles ist wiederholt bei Hofe gewesen.«

»Das lasse ich mir gefallen, daß ist ein guter Grund, und zwar der erste, den Ihr nur angebt; Ihr seht auch, ich füge mich darein.«

»Ueberdies würdet Ihr dort Eure politischen Feinde finden,« sprach Nanon, »und Euer Gesicht ist vielleicht, obgleich Ihr unter einer andern Gestalt erscheint, nicht minder bekannt, als das von Herrn von Canolles.«

»Oh! das würde nichts zu der Sache thun, wenn es, wie der Herzog gesagt hat, Zweck der Sendung ist, Frankreich einen großen Dienst zu leisten. Die Botschaft wird dem Boten durchhelfen. Ein Dienst von dieser Wichtigkeit schließt Begnadigung in sich, und die Amnestie des Vergangenen ist stets die erste Bedingung politischer Bekehrung. Glaubt mir also, liebe Schwester, es ist nicht an Euch, mir Bedingungen zu machen, sondern an mir, Euch die meinigen vorzuschlagen.«

»Laßt hören, worin bestehen sie?«

»Vor Allem, wie ich Euch so eben sagte, die erste Bedingung jedes Vertrages, das heißt allgemeine, Amnestie.«

»Ist das Alles?«

»Dann die Bezahlung unserer Rechnungen.«

»Ich bin Euch etwas schuldig, wie es mir scheint?«

»Ihr seid mir die hundert Pistolen schuldig, um die ich Euch bat, und die Ihr mir verweigertet.«

»Hier sind zweihundert.«

»Gut, daran erkenne ich Euch, Nanon.«

»Aber unter einer Bedingung.«

»Unter welcher?«

»Daß Ihr das Schlimme, was Ihr angerichtet, wieder gut macht.«

»Das ist nur zu billig. Was soll ich zu diesem Behufe thun?«

»Ihr steigt zu Pferde und jagt aus der Straße zog Paris fort, bis Ihr Herrn von Canolles gefunden habt.«

»Dann verliere ich seinen Namen?«

»Ihr gebt ihm denselben zurück.«

»Und was soll ich ihm sagen?«

»Ihr stellt ihm diesen Befehl zu und versichert Euch, daß er auf der Stelle zu Vollstreckung desselben abreist.«

»Ist das Alles?«

»Ist es nothwendig, daß er erfährt, wer ich bin?«

»Im Gegentheil, es ist von größter Wichtigkeit, daß er es nicht weiß.«

»Ah! Nanon, solltet Ihr Euch Eures Bruders schämen?«

Nanon antwortete nichts sie dachte nach.

»Aber wie bin ich sicher,« sprach sie nach einem Augenblick, »daß Ihr meinen Auftrag getreulich erfüllen werdet? Wenn es etwas Heiliges für Euch gäbe, würde ich einen Eid von Euch Verlangen.«

»Thut etwas Besseres.«

»Was?«

»Versprecht mir hundert weitere Pistolen, wenn ich Euren Auftrag vollzogen habe.«

Nanon zuckte die Achseln und erwiederte: »Es ist abgemacht.«

»Nun, seht, ich fordere keinen Eid von Euch und Euer Wort genügt mir. Wir sagen also hundert Pistolen für die Person, die Euch in meinem Namen den Empfangsschein von Herrn von Canolles zustellt.«

»Ja; aber Ihr sprecht von einem Dritten: gedenkt Ihr nicht zufällig selbst zurückzukommen?«

»Wer weiß? Ein Geschäft ruft mich selbst in die Gegend von Paris.«

Nanon entschlüpfte unwillkürlich eine Bewegung der Freude.

»Oh! das ist nicht freundlich,« sprach Cauvignac lachend. »Doch gleichviel, liebe Schwester, ohne Groll.«

»Ohne Groll; aber zu Pferde.«

»So-gleich zu Pferde: laßt mir nur Zeit zum Steigbügeltrunke.«

Cauvignac goß in sein Glas den Rest der Flasche Chambertin, begrüßte seine Schwester mit einer Geberde voll Achtung, sprang zu Pferde und verschwand in einem Augenblick in einer Staubwolke.

Der Frauenkrieg

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