Читать книгу Matisse / Матисс. Книга для чтения на немецком языке - Александр Иличевский - Страница 29

Zoologischer Garten
XXX

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Seit Nadja die Rohrdommel hergebracht hatte, war der Zoo ihr Reich.

Der Veterinär Matwejew hatte sie bei den Raubtieren herzlich willkommen geheißen. Ein grimmiger, dicker Trinker, der seinen Hass auf die Menschen durch die Liebe zu den Tieren wettmachte. Von allen Tierpflegern konnte nur er sich im Beisein der Mutter dem Nashornjungen nähern, um es zu untersuchen. Nur er konnte rund um die Uhr bei der Schimpansin wachen, die eine schwierige Schwangerschaft durchmachte. Nadja war er aus irgendeinem Grund zugetan[46].

Im Zoo zog sie orange Arbeitskleidung an und brachte Futterrüben zu den Gehegen. Sie schob einen kleinen Wagen von Futtertrog zu Futtertrog, packte das lange, kräftige Grünzeug und schleuderte die knorrigen rosa Köpfe hinüber. Gnus, Bisons, Yaks, Wisente, langschnauzige Kulane trotteten verschlafen zu den Trögen, schubsten sich gegenseitig mit ihren grässlichen Mäulern, knirschten und knarzten das saftige Grünzeug. Für die Kropfgazellen musste man die Rüben mit einem Handbeil zerteilen. Nadja schaffte das nicht. Sie konnte sich einfach nicht entscheiden, in welcher Hand sie das Beil halten sollte, und wurde starr vor Anspannung.

Wenn sie mit der Fütterung der Paarhufer fertig war, eilte Nadja zur Bärin. Die lief durch die graue Ödnis des leeren, weiten Geheges und zog die linke Hintertatze nach. Die Bärin war vollkommen kahl und sah aus wie eine nackte alte Frau. Sie war grau wie ein Stein. In der glatten Betonebene sah man sie nicht sofort. Auf Anweisung der Direktion wurde dem Publikum der Blick auf das Gehege durch Sperrholzplatten verwehrt. Das abstoßende, armselige Bild der Bärin war nicht für die Besucher bestimmt. Aus irgendeinem Grund hatte Matwejew verboten, sie einzuschläfern. Dem Direktor gesagt, eher würde er eigenhändig das gesamte Personal einschläfern.

Jeden zweiten Tag gab der Doktor Nadja für die Bärin eine Handvoll Undevit und Vitamin C. Sie zählte die Tabletten sorgfältig nach und notierte sich die Zahl auf der Handfläche.

Nadja hatte von sich aus begonnen, zu der Bärin zu gehen, niemand hatte sie darum gebeten. Es waren hungrige Zeiten, und die Raubtiere im Zoo wurden mit eingeweichtem Soja gefüttert; es gab die Idee, zur Fütterung mit Hundekadavern überzugehen. Streunende Hunde gab es – wegen des Hungers – in rauen Mengen. Die Obdachlosen scheuten sie wie das Feuer. Die herrenlosen Hunde wüteten, da die Müllplätze in der Stadt leer waren. Es gab Gerüchte von Rudeln, die in verfallenen Lagerhallen im Südhafen hausten. Diese Meuten umringten Menschen auf der Straße, drängten sie in die Ecke. Einige Besitzer hatten sich von ihren Rassezöglingen losgesagt. Zuweilen konnte man in den Rudeln bis zur Unkenntlichkeit abgemagerte Rottweiler, Moskauer Wachhunde, sogar Bernhardiner entdecken. Die Abdeckerei auf der Junnatow-Straße, aus der es nach giftigem Chlor roch, hatte dem Zoo angeboten, Hundefleisch zu liefern. Matwejew hatte das Angebot abgelehnt.

Die Bärin aß kein Fleisch. Ohne Schmeicheleien trottete sie auf Nadja zu und schaute ihr in die Augen. Sie hatte keine Zähne, schlürfte und leckte mit vorgestreckten Lippen lustlos das Soja-Gemisch, das Nadja ihr mit einem Holzklötzchen zermalmte.

Wegen des Geldmangels war der Zoo verwaist. Einen Großteil der Tiere hatte man auf Tierzuchtfarmen im Moskauer Umland untergebracht und auf Grasfutter gesetzt. Besucher gab es fast keine – der Anblick leerer Gehege machte keinen Spaß. Nur am Wochenende trafen sich Jugendliche vom Stadtrand im Zoo, setzten sich auf die Bänke und tranken Bier.

Die kahle Bärin streifte durch das Betonbecken. Die herabhängenden Falten, die runzelige Haut, der schmale Kopf, die runden, ledernen Ohren weckten Mitleid, doch der Ekel überwog. Als die Bärin vollends geschwächt war, scheuchte Nadja sie nachts in den hinteren Teil des Geheges, auf einen Zwischenboden, der mit Heu ausgelegt war. Warf ihren Mantel über sie und legte sich daneben. Die Bärin ruckelte herum, näher zu ihr hin. So wärmten sie einander.

Morgens schob Nadja ein Brett zur Seite und schaute nach ihren Ersparnissen. Zählte sie nach, steckte sie wieder zurück und saß dann noch lange verlegen mit rotem Kopf da.

Nachts war es im Zoo unheimlich. Die Bärin schnarchte immer wieder laut auf, wälzte ihren großen schlaffen Körper von einer Seite auf die andere, ihr stinkender Atem streifte über Nadjas Hals. Es war, als würden überall Amphibien aus den Terrarien herumkriechen. Nadja hatte gesehen, wie eng zusammengedrängt die Schlangen lebten – in Pappkartons mit Glühbirnen. Klar, dass sie ins Freie krochen, wenn es dunkel war. Schakale heulten, Yaks keuchten und stießen Dampfwolken aus, die den Nebel, der ihnen bis zu den Knien stand, in Wallung brachten. Zebras rannten trappelnd von einer Ecke in die andere und donnerten gegen die Stangen der Einzäunung. Enten rackerten wie bekloppt am Wasser. Otter spritzten herum. Walrosse schnauften. In den Futtertrögen raschelten und schmatzten Hamster – Hamster gab es im Zoo überall, Ratten gar nicht.

Bei ihrer letzten Übernachtung im Zoo überfiel Nadja in der Morgendämmerung Schüttelfrost. Sie öffnete die Augen. Es war still. Durch die Ritzen glomm dämmernd der graue Himmel.

Sie schlug den Mantel zurück und schaute sich um. Den ganzen ungestalten kahlen Körper entblößt, lag die Bärin mit starren feuchten Äuglein ausgestreckt auf dem Rücken.

Die Lippen waren nach oben gereckt, als suchten sie den Futternapf. Mit der Zeit erschlafften sie und öffneten sich zu einem Lächeln.

Matwejew zerlegte die Bärin als Futter für die Wölfe und Hyänen.

Der Tierpfleger Poliwanow – der Mann mit der kaputten Brille – verteilte das Bärenfleisch.

Nadja lief von Gehege zu Gehege. Sie schwenkte irgendwie seltsam den Arm, wiegte sich vor und zurück, und ihre Lippen tanzten, geräuschlos, als würde sie von etwas kosten – nicht die Luft, aber irgendetwas darin, weit weg.

Der Asiatische Wildhund rührte das Bärenfleisch nicht an.

Also warf Poliwanow die Portion zu den Geiern rüber.

Als Nadja sich daranmachte, die Knochen aufzulesen, gingen die Hyänen auf sie los.

Matwejew verband ihr den Knöchel und sammelte die restlichen Knochen selbst auf.

Den stinkenden Sack mit den Knochen schleppte sie auf den Dachboden im Strelbischtschenski Pereulok. Wadja sprang auf, wirbelte herum, stieß den Sack durch die Luke, so dass er auf den obersten Treppenabsatz polterte. Nadja stand verheult da, packte ihn an der Schulter, zog ihn runter und stampfte mit dem Fuß auf.

»Biste jetzt völlig übergeschnappt oder was?« Wadja versetzte ihr einen Hieb gegen die Brust.

Nadja schlug kraftlos zurück, blökte los.

Wadja schubste sie vom Dachboden hinunter. Stieg selbst hinterher. Zündete sich eine Zigarette an, lud sich den polternden Sack auf den Rücken und schleppte ihn, Rauch durch die Nase ausatmend, schnell zur Mantulinskaja, in den Park. Nadja lief ihm schaukelnd hinterher. Dann ging sie schneller, holte ihn ein und berührte den Sack.

Im Park wartete Wadja, bis ein paar Spaziergänger vorbeigegangen waren, dann warf er den Sack in den Teich.

Das Geld, das im Gehege versteckt war, hatte Nadja vergessen. Aber Matisse hatte sie noch.

46

j-m zugetan sein (высок.) — быть расположенным к кому-либо, быть преданным кому-либо

Matisse / Матисс. Книга для чтения на немецком языке

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