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Kapitel 1: Figuren Der Ritter

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Es war ein schöner, aber extrem heißer Nachmittag. Der Himmel war blau und wolkenlos. Der warme Sommerwind ließ die grünen Blätter an den Ästen der Bäume wild herumwirbeln.

Wären die Umstände anders gewesen, so hätte dies ein gemütlicher und erholsamer Tag sein können. Leider war die derzeitige Situation alles andere als gemütlich und schon gar nicht erholsam. Adam war sich dessen auch bewusst, als er an dem alten Eichenbaum vorbeiging und das Tor der Schule passierte.

Es musste mindestens siebzehn Jahre her sein, seitdem er das letzte Mal eine Schule besucht hatte, wenn man die Polizeiakademie nicht mitzählte. Aber selbst die lag schon einige Jahre zurück.

Adam überquerte den Schulhof, ein großer, gepflasterter Platz, der durch zwei Eingänge mit dem Schulgebäude verbunden war.

Wo sonst immer die Schüler ihre Pausenbrote aßen oder spielend herumliefen, standen heute um die dreißig erwachsene Personen verteilt im Hof herum. Alles Polizisten.

Adam betrachtete seine Kollegen genauer. Es war eine gemischte Gruppe. Alte und Junge. Frauen und Männer. Sie alle kamen in ziviler Kleidung, so wie es ihnen in der Versetzungsmeldung befohlen wurde. Einige waren in Gespräche verwickelt, aßen oder tippten in ihren Handys. Keiner von ihnen schien von den Ausschreitungen der gestrigen Nacht beunruhigt zu sein. Zumindest zeigte es niemand.

Abgesehen von den Polizisten wirkte die Schule verlassen. Nachdem die Regierung eine Ausgangssperre über die ganze Hauptstadt verhängt hatte, wurden bestimmte Areale der Stadt als strategisch wichtige Punkte klassifiziert. Diese Privatschule gehörte zu solch einem Punkt. Ihre zentrale Lage erlaubte es, jeden Teil der Stadt schnell zu erreichen. Ideale Voraussetzung also, um eine Kommandozentrale einzurichten.

Während die Schüler wahrscheinlich zu Hause ihre unterrichtsfreie Zeit genossen, musste Adam seiner Pflicht nachgehen.

Er wollte gerade ins Gebäude gehen, um eine Toilette aufzusuchen, als er lautes Gelächter vernahm. Eine Gruppe von etwa sechs Männern bildete einen Halbkreis um einen dürren, jungen Mann, der, wie Adam vermutete, frisch von der Akademie kam. Der junge Kollege trug eine dicke Hornbrille, weiße Socken mit Sandalen und ein T-Shirt, auf dem das Motiv einer halbnackten Zeichentrickfigur zu sehen war. Anscheinend nahm er den Befehl, in Freizeitkleidung zu kommen, etwas zu wörtlich.

Anfängerfehler, dachte Adam.

Die Männer, die den schmächtigen Jungen umzingelten, trugen eng anliegende Hemden, wodurch ihre durchtrainierten und muskulösen Oberkörper besser zur Geltung kamen.

»Ich kann nicht glauben, dass du zu unserer Truppe gehören sollst«, sagte einer der Kerle herablassend zu dem jungen Mann mit der Brille.

»Heute vergeben sie ja den Polizeischein an jeden Clown. Echt traurig. Die Lage muss wirklich schlimm sein, wenn wir so jemanden wie dich brauchen«, fügte ein Zweiter hinzu.

Adam konnte kaum glauben, was sich da vor seinen eigenen Augen abspielte. Man hätte meinen können, bei diesen Typen handelte es sich um irgendwelche pubertierenden Jugendlichen und nicht um erwachsene, ausgebildete Polizisten. Er hätte dieses Verhalten gerne mit der schulischen Umgebung entschuldigt, die längst vergangene Gewohnheiten wieder hervorrief. Schließlich hatte er sich selbst schon dabei ertappt, wie er ein paar Mal an Hausübungen und Tests dachte. Aber Schule hin oder her, diese unhöfliche Art entsprach nicht dem Benehmen der Polizei.

Einer der Männer, mit markant hellblonden Haaren, zupfte an der Kleidung des schmächtigen Kollegen. Mit einer schnellen Bewegung zog der blonde Mann seinen Arm um den Jungen und erfasste ihn in einem Unterarmwürgegriff.

Mit drohender Stimme sagte der blonde Angreifer zum Jungen: »Wegen solchen Grünschnäbeln glaubt der kriminelle Abschaum, sie könnten mit uns machen, was sie wollen. Vor Witzfiguren wie dir haben die Leute keinen Respekt. Weißt du, wie vielen Junkies und Möchtegern-Gangstern ich schon zeigen musste, wer das Sagen hat?« Mit diesen Worten zog der Blonde seinen Arm dichter an seinen Körper, wodurch der Junge noch fester gewürgt wurde. Der Kopf des jungen Polizisten lief rot an, und er rang nach Luft.

»Ich glaube, das reicht jetzt«, sagte Adam mit ruhiger Stimme.

Der Blonde sah verärgert zu ihm hinüber und befreite den Jungen aus dem Würgegriff, woraufhin dieser schwer atmend und leicht benommen einen Schritt zurücktaumelte.

Adam und der Blonde standen sich nun direkt gegenüber. Beide Männer warfen sich herausfordernde Blicke zu.

»Wer hat dich nach deiner Meinung gefragt?«, schnaubte der Blonde mit einem herablassenden Tonfall.

»Was ist dein Problem? Hat der Junge dir dein Pausenbrot gestohlen?«, erwiderte Adam sarkastisch.

Es gab ein kurzes Gelächter von den Kollegen, was den Blonden noch wütender machte. Er näherte sich Adam ein paar Schritte, um seine Drohgebärde zu verstärken. »Ich habe dir eine Frage gestellt.«

»Und ich habe sie erfolgreich ignoriert«, entgegnete Adam gelassen. »Glaubst du nicht, dass wir für so etwas ein wenig zu alt sind, Herr Kollege?«

»Ich weiß nicht, wie du darüber denkst, Kollege«, sagte der Blonde, »aber ich denke, man ist nie zu alt, um seinen Mitmenschen Respekt und Demut zu lehren. Manche Leute brauchen so eine Lektion hin und wieder einmal, ansonsten vergessen sie, wer das Sagen hat. Du gehörst wohl auch zu ihnen.«

Kaum hatte der Blonde die letzten Worte ausgesprochen, da sprang er schon auf Adam zu. Er versuchte, seinen Arm um dessen Hals zu schlingen, um ihn zu würgen, doch Adam war auf diese Attacke vorbereitet. Er zog seine rechte Hand nach oben und blockte dadurch den angreifenden Arm des Blonden. Mit einer schnellen Bewegung rammte Adam seinen linken Ellbogen gegen den Unterleib seines Angreifers. Der Blonde keuchte auf und schnappte nach Luft. Adam drehte sich um, wobei er noch immer den Arm des Blonden festhielt. Bevor sein Gegenüber irgendetwas machen konnte, drückte Adam auf dessen Armgelenk. Der blonde Polizist ging mit einem schmerzverzogenen Gesicht in die Knie.

»Apropos Demut«, sagte Adam in einem ironischen Tonfall. »Ich weiß zwar nicht, was man dir in der Polizeischule beigebracht hat, aber Respekt ist etwas, das man sich erst verdienen muss.« Adam hatte den Arm des Blonden weiterhin fest im Griff. »Als Polizist ist es nicht unsere Aufgabe, Schwächere zu unterdrücken. Viel mehr ist es unsere Pflicht, sie zu beschützen.«

Ein schrilles Pfeifen unterbrach Adams Belehrung.

»Alle Beamten sollen sich umgehend im Klassenzimmer 8B melden!«, rief eine Stimme aus dem Lautsprecher der Schule.

»Genug gespielt. Jetzt wird es ernst«, sagte Adam und löste seinen Griff.

Der Blonde sprang sofort auf und wollte wieder angreifen, doch er wurde von seinen Freunden zurückgehalten. Widerwillig gab er nach und sagte drohend: »Wir sehen uns wieder.« Daraufhin folgte er den anderen Polizisten in das Schulgebäude.

Adam blieb alleine im Schulhof zurück. Er blickte zur Sonne, die gerade dabei war, am Horizont zu verschwinden. Der Tag ging zu Ende, und er hatte das Gefühl, dass es noch eine lange Nacht werden würde.

Endgame

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