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Die Matriarchin

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Kleine grüne Punkte wirbelten durch die Luft, wie Glühwürmchen, die im tiefschwarzen Himmel herumschwirrten. Die fliegenden Lichtpunkte ließen die Umrisse von etwas Großem und Bedrohlichem erkennen. Die Scheinwerfer des Parlaments strahlten mit ihrem hellweißen Licht auf das unbekannte Objekt im Himmel. Allmählich wurde der Flugkörper sichtbar. Es war ein schwarzer Helikopter.

Der Hubschrauber setzte zur Landung auf dem Dach des Parlaments an. Gleich wie ein Raubtier, das auf seine Beute sprang.

Ein Mann und eine Frau stiegen mit eingezogenen Köpfen aus dem Helikopter. Mehrere Leibwächter eskortierten die beiden.

Der Mann, um die fünfzig, mit randloser Brille, blauer Krawatte und silbernem Haar, war Richard Pollux, der Präsident des Landes. Die Frau, die ihn begleitete, hieß Eva Scheppert. Sie hatte lange, schwarze Haare, eine schlanke Figur und eine dunkle Hautfarbe.

Eva war die erste Frau in der Geschichte des Landes, die zur Kanzlerin gewählt wurde. Ein Posten, der bisher immer nur von Männern besetzt worden war.

»Was wissen die Medien über den Zwischenfall von gestern Nacht, Frau Scheppert?«, rief der Präsident mit aller Kraft, damit seine Stimme nicht unter dem Motorenlärm des Hubschraubers unterging.

»Nicht viel«, erwiderte Eva in einer genauso hohen Lautstärke. »Sie wissen nur, dass ein Polizeitransporter angegriffen wurde und es Tote gab. Aber sie haben weder konkrete Zahlen, noch können sie etwas über den Vorgang sagen, Herr Präsident.«

»Gut, gut«, sagte Pollux. »Lassen Sie uns hoffen, dass das auch so bleibt. Ich rate Ihnen, ein Flugverbot auf alle Privatflieger und Nachrichtenhubschrauber zu verhängen. Die Medien sollten so wenig wie möglich mitbekommen. Was schreiben die Zeitungen über die derzeitige Situation?«

Beide gingen durch eine Tür, die ins Innere des Parlaments führte, und stiegen die Treppen hinunter.

»Das TÄGLICHE BLATT lobt den Abbruch Ihres Urlaubes als ein Zeichen für Ihre Sorge um das Volk. Außerdem sind sie der Ansicht, dass ich als Frau den Anforderungen des Kanzlerpostens nicht gewachsen bin. Die XRF bleibt bei den Fakten. Sie meint jedoch, dass die Ausschreitungen ein weiterer Beweis dafür wären, dass das Amt des Präsidenten überflüssig geworden ist und endgültig abgeschafft werden sollte. DIE NORM nennt die letzte Nacht eine ›verheerende Katastrophe‹ und beschwört eine ›Revolution des Volkes‹.«

»Revolution?«, entfuhr es dem Präsidenten. »Diese Medienclowns haben keine Ahnung, was eine Revolution ist! Es geht hier doch nicht um den Sturm auf die Bastille! Nur weil einige Arbeitslose den Weg zum Arbeitsamt nicht mehr finden, sondern auf den Straßen umherirren, denkt jeder gleich, das sei das Ende der Welt.«

»Ich befürchte, unser Problem ist etwas schwerwiegender«, meinte Eva. »Deswegen habe ich auch für heute Nacht diese Krisensitzung einberufen lassen.«

Der Präsident blieb abrupt stehen. »Wer wird kommen?«

»Alle«, sagte Eva nüchtern. »Sie alle werden kommen.«

Pollux wischte sich mit einem Seidentuch die Schweißperlen von der Stirn. »Was hat DAS ZEPTER geschrieben?«

DAS ZEPTER war die meistgelesene Tageszeitung des Landes und dementsprechend ein wichtiges Werkzeug, um die Meinung der Bevölkerung zu beeinflussen. Der Politiker, der diese Zeitung für sich gewinnen konnte, hatte das Volk so gut wie in der Tasche. Der Eigentümer, Roland Sprizzer, wurde aufgrund dieser mangelnden Objektivität von vielen kritisiert.

»Sie haben uns ihre volle Unterstützung versprochen. Sie werden das schreiben, was wir ihnen vorgeben, solange wir die üblichen Gegenleistungen einhalten.« Eva musste sich bei diesen Worten auf die Lippen beißen. Sie empfand die enge Beziehung zwischen den Medien und der Politik als anstößig. Die fehlende Moral und Ethik dahinter gefiel ihr nicht, und als neu gewählte Kanzlerin plante sie, diese verlogene Synergie möglichst bald zu unterbinden.

»Ich werde Roland unsere Dankbarkeit ausrichten, wenn ich ihn beim nächsten Golfturnier treffe«, sagte Präsident Pollux und ging mit Eva einen schmalen Korridor entlang. Sie befanden sich in einem Teil des Parlaments, in dem es größtenteils nur Büros und Konferenzzimmer gab.

»Sind schon alle versammelt, oder sind wir die Ersten?«, fragte der Präsident.

»Ich habe mit dem Vorsitzenden des Gewerkschaftsrates telefoniert. Aufgrund der Unruhen und der Ausgangssperre werden sich die Ratsmitglieder etwas verspäten. Viele Abgeordnete sind ebenfalls noch nicht eingetroffen. Einige haben das Land fluchtartig verlassen.«

Pollux schnaufte verächtlich und dachte dabei an Stronz. Stronz war der Bürgermeister dieser Stadt. Nachdem die Situation in der gestrigen Nacht außer Kontrolle geriet, packte er seine Sachen und machte sich aus dem Staub. Den letzten Berichten zufolge wurde er am Flughafen gesichtet, als er gerade in sein Privatflugzeug stieg. Wohin seine überstürzte Reise gehen sollte, wusste niemand.

Der Präsident und die Kanzlerin eilten zum Lift, als ihnen ein Mann mit aufgeregter Stimme zurief: »Wartet auf mich!« Bei dem Mann handelte es sich um den Obersten Richter Simon Stauff.

»Hallo Simon«, sagte der Präsident.

»Was machst du denn hier, Richard?«, fragte der Richter. »Solltest du nicht am Strand liegen, Cocktails schlürfen und deine Frühpension genießen, während wir die wichtigen Entscheidungen treffen? Du weißt schon, die Leute, die in diesem Land noch etwas zu sagen haben.«

Pollux ignorierte seine abfällige Bemerkung und sagte: »Wahrscheinlich kennst du bereits unsere neue Kanzlerin, Eva Scheppert.«

Der Präsident machte einen Schritt zur Seite, und Eva reichte dem Mann die Hand.

»Natürlich kenne ich die Dame! Ich war doch bei ihrer Vereidigung dabei. Die erste weibliche Kanzlerin des Landes. Hervorragende Rednerin. Eine geborene Politikerin. Eigentlich hatte ich gehofft, Sie würden für mich beim Obersten Gerichtshof arbeiten, Frau Scheppert.«

»Ich habe mich über Ihr Angebot gefreut, aber …«

»Ist schon gut«, unterbrach der Richter sie. »Ich hätte mich wahrscheinlich auch für die Königsklasse entschieden. Man sollte immer die Gelegenheit am Schopf packen, schließlich kann man nie genug Macht haben. Nicht wahr?«

»Ich bin schon froh, wenn wir diese Nacht heil überstehen«, erwiderte Eva.

»Die Krisensitzung scheint spannend zu werden. Ihr wisst doch, was man sagt, wenn sich Legislative, Exekutive und Judikative treffen?« Nach einer Pause beantwortete der Richter seine Frage selbst. »Es wird ein Gemetzel!« Sein Lachen war nur von kurzer Dauer, als er bemerkte, dass er der Einzige war, der über seinen Witz lachte.

»Wir müssen gehen, man wartet bereits auf uns«, sagte Präsident Pollux ungeduldig und setzte mit Eva den Weg fort, der sie tiefer ins Parlament führte.

Endgame

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