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Kapitel 3: Aufstellung

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Der Zoo befand sich auf einer Anhöhe östlich der Stadtmitte. Mit seinen Wiesen, Bäumen und Tiergärten wirkte er wie eine grüne Insel inmitten von grauem Beton. Eine Insel, deren Einwohner aus einheimischen, aber auch exotischen Tieren bestand, die aus allen Teilen der Welt importiert wurden. Mit seinen fast achttausend verschiedenen Tierarten und einer Fläche von etwa zweihundert Hektar gehörte diese Einrichtung zum ambitioniertesten Bauprojekt des Landes.

Der Zoo selbst wurde in zwei Bereiche unterteilt, dem Tiergarten und dem Aquarium. In beiden Arealen lebten unzählige Tiere – von Pandabären, Giraffen, Schimpansen, bis hin zu Nashörnern, Zebras und Kängurus.

Der Tiergarten und das Aquarium boten genügend Freiraum und Auslaufmöglichkeiten, um die Bedürfnisse der unterschiedlichen Gattungen zu decken. Die Tiere wurden entweder in Käfige oder in spezielle Gehege untergebracht. So hatten etwa die Pinguine ihr eigenes Terrain, das der antarktischen Umwelt entsprach, inklusive Eiswasser und Eisschollen. Die Elefanten konnten sich in einem weitläufigen Naturgebiet bewegen, und Haifische trieben sich in ihren eigenen Schwimmbecken herum.

Letztes Jahr hatte die Regierung beschlossen, ein spezielles Biotop – den Biodom – hinzu zu bauen, und bereicherte damit den Zoo um eine weitere Attraktion. Der Biodom war eine gewaltige Kuppel aus Glas, unter der eine Umwelt reproduziert wurde, die es ermöglichte, den exotischen Lebensformen aus den tropischen Gebieten ein artgerechtes Zuhause zu bieten.

Obwohl der Biodom eine architektonische Meisterleistung darstellte, stieß das Bauprojekt aufgrund der exorbitanten Kosten, die für die Errichtung und Instandhaltung nötig waren, auf heftigen Widerstand. Für lange Zeit galt das Vorhaben als unfinanzierbar. Präsident Pollux gelang es jedoch, das Parlament und das Finanzministerium davon zu überzeugen, dass der Biodom eine zusätzliche Aufwertung für die Stadt und das Land bedeuten würde. Viele Kritiker bezeichneten den Biodom als ein Mahnmal menschlicher Dekadenz. Sie warfen dem Präsidenten vor, er hätte das Projekt nur aus Eitelkeit unterstützt. Später stellte sich heraus, dass die Baufirma, die mit der Errichtung des Biodoms beauftragt wurde, in engem privatem Verhältnis mit dem Präsidenten stand.

Obgleich der Zoo mit seinem Tierpark, dem Aquarium und dem Biodom zum beeindruckendsten Wahrzeichen der Stadt gehörte, blieb selbst die Natur nicht vom großen Wirtschaftskollaps verschont. Und so hatte die Regierung keine andere Wahl, als auch beim Zoo den Rotstift anzusetzen. Während Noah seine Arche mit jeder Tierspezies auffüllte, um sie vor dem Ertrinken zu bewahren, so musste die Stadt die Tiere loswerden, um nicht selbst in Schulden zu ertrinken.

Die ersten Einsparungen trafen das Aquarium. Ein Großteil der Unterwasserwelt musste geschlossen werden. Die Wale brachte man ins Meer zurück. Kurze Zeit später wurden sie von Walfängern gejagt, getötet, ausgeschlachtet und verkauft. Nach diesem Vorfall entschied die Regierung, den Tieren nicht einfach so die Freiheit zu schenken. Freiheit machte nämlich keinen Profit. Man beschloss daher, einige Tiere zu verkaufen. Es gab eine große Auktion, bei der die Tiere an den Meistbietenden versteigert wurden. Immerhin konnte man dadurch die Staatskassen wieder einigermaßen auffüllen.

Natürlich protestierten die Tierschützer dagegen, aber ohne Erfolg. Das meiste Geld verdiente die Stadt durch den Verkauf der vierköpfigen Löwenfamilie. Eigentlich wollte man sie einzeln versteigern, jedoch verkauften sie sich als Familienset zu einem weitaus besseren Preis. Der Privatbesitzer, der die Löwen ersteigert hatte, versprach, sie gut zu behandeln, und nur die Hälfte von ihnen bei der Jagd zu erschießen und auszustopfen.

Aber nicht nur die Tiere litten unter den Einsparungen, auch das Zoopersonal bekam die Geldnot des Staates zu spüren. Dem Großteil des Personals wurde gekündigt, und so führte es dazu, dass die Einrichtung stark unterbesetzt war. Für ein Areal dieser Größe standen lediglich eine Handvoll Wachmänner zur Verfügung. Der Zoo selbst war aufgrund der Ausgangssperre geschlossen.

****

Der Transporter brachte Adam, Lukas und den Blonden sowie die restlichen Männer und Frauen der Polizei zum Parkplatz des Zoos. Als sie ankamen, arbeiteten bereits einige Demonstranten fleißig an den Vorbereitungen für den Protestmarsch, der ein Mal um den Zoo gehen sollte. Nicht weit von den Demonstranten entfernt standen die Nachrichtenteams und berichteten live vor Ort.

Einige Demonstranten trugen Tiermasken oder imitierten Tierlaute. Eine Frau entledigte sich sogar all ihrer Kleider, mit der Absicht, sich nackt in einen Käfig einsperren zu lassen. Unter anderen Umständen wäre die Frau wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet worden, aber in dieser chaotischen Nacht fiel eine derartige Aktion kaum noch auf. Manche der Teilnehmer hielten Protestschilder in die Höhe, auf denen Sprüche geschrieben standen wie etwa: WIR SIND KEINE TIERE, ALSO BEHANDELT UNS AUCH NICHT SO! – oder – DIE WAHREN AFFEN SITZEN IM PARLAMENT!

Adam empfand letzteren Spruch als besonders beleidigend und musste dabei an Eva denken, die ehrlich darum bemüht war, die missliche Lage zu entschärfen. Er wollte Lukas abermals um das Telefon bitten und versuchen, sie anzurufen, entschied sich jedoch dagegen. Dies war weder der richtige Ort noch der geeignete Zeitpunkt für ein Privatgespräch mit seiner Verlobten.

Die Polizeitruppe, die aus insgesamt 13 Personen bestand, teilte sich nach der Ankunft in Zweiergruppen auf. Die Beamten versuchten, so gut es ging, die Demonstranten zu überwachen. Mittels Walkie-Talkie blieben sie über Funk in Kontakt. Adam hielt mit Lukas vor dem geschlossenen Eingang des Zoos Wache, während der Blonde sich mit seinem Partner am Rande des Parkplatzes positioniert hatte.

Lukas wirkte sichtlich nervös. Sein Helm rutschte ihm ständig nach vorne ins Gesicht, sodass er ihn jedes Mal aufs Neue nachjustieren musste.

»Bleib ruhig«, sagte Adam zum jungen Mann. »Lass dir nichts anmerken, und lass dich von niemandem provozieren. Wahre stets einen Sicherheitsabstand, und behalte immer deinen Helm auf und das Schutzvisier unten. Verstanden?«

Lukas nickte.

Die Zahl der Demonstranten wurde von Minute zu Minute größer. Entweder kamen sie zu Fuß, oder sie wurden mit Bussen hergeführt. Die Polizisten waren eindeutig in der Unterzahl. Adam schätzte das Verhältnis auf eins zu zwanzig. Auf jeden Polizisten kamen etwa zwanzig Demonstranten. Zwanzig potentielle Angreifer.

Aber die Demonstranten waren nicht Adams einzige Sorge. Der blonde Kollege, der am anderen Ende des Parkplatzes Wache stand, spielte vergnügt mit seinem Schlagstock und schien sich mit seinem Kollegen köstlich zu amüsieren. Er zeigte keinerlei Anspannung, ganz im Gegenteil, der Blonde grinste mit freudiger Erwartung in Richtung der Demonstranten.

Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Kerl, stellte Adam fest.

Aufgrund des nicht enden wollenden Zustroms von Menschen vergrößerte sich die Gruppe der Demonstranten um ein Vielfaches. Je größer die Menge wurde, umso lauter und energischer grölten die Leute. Das schrille Pfeifen und die wilden Freudenschreie der Protestierenden wurden von den Tieren im Zoo mit Gebrüll und Heulen beantwortet. Tiere und Menschen feuerten sich gegenseitig an, und es entstand eine fast zirkusähnliche Stimmung.

Langsam aber sicher verloren Adam und Lukas ihre Kollegen aus den Augen. Nur die Kontrollrufe über das Walkie-Talkie bezeugten, dass sie sich noch vor Ort aufhielten. Ungeduldig warteten die Polizisten auf die versprochene Verstärkung aus dem Hauptquartier.

Wo bleiben sie so lange? Sie hätten schon längst hier sein müssen, dachte Adam. Im Falle einer Ausschreitung wäre es für sie unmöglich gewesen, mit nur 13 Polizeibeamten die Kontrolle zu bewahren. Zwar trug jeder von ihnen Schutzbekleidung, Einsatzschild, Pfefferspray und einen Schlagstock, aber bei dieser Anzahl an Demonstranten würde ihnen auch die beste Ausrüstung nicht mehr viel helfen können.

Adam hörte, wie sich ein Fahrzeug dem Parkplatz näherte. Er drehte sich um, in der Hoffnung endlich die Verstärkung begrüßen zu können. Diese Hoffnung wurde schnell zu Nichte gemacht, als er erkannte, dass es sich bei dem herankommenden Fahrzeug um einen weiteren Bus voll mit Demonstranten handelte.

****

Alice atmete erleichtert auf, als der Gemeinschaftsbus den Parkplatz erreicht hatte, und sie den Zoo vor sich sehen konnte. Damals in der Schule hatte sie schon so einige schlimme Busausflüge erlebt, aber dieser übertraf sie alle.

Eigentlich wollte sie die Gelegenheit dazu nützen, mit Albert endlich ein wenig intim zu werden. Außerdem wollte sie ihn über den purpurnen Vorhang im Zelt befragen. Doch die Fahrt entpuppte sich als eine anstrengende Lärmorgie, bestehend aus singenden und schreienden Aktivisten sowie dem Schnarchen ihres fettleibigen Sitznachbars. Albert selbst saß zwei Reihen vor ihr, gleich neben Lydia. Beide schienen sich gut zu unterhalten. Etwas zu gut für ihren Geschmack. Je öfters sie miteinander lachten, umso tiefer sank die Laune von Alice. Der Gestank von verschwitzten, ungewaschenen Männern und der beißende Geruch von irgendetwas Undefinierbarem halfen auch nicht besonders dabei, ihre Stimmung zu heben. Wäre es ihr möglich gewesen, aus dem fahrenden Bus zu springen, sie hätte es getan. Der dicke, schnarchende Mann neben ihr versperrte Alice jedoch den Weg. Der Ekel überkam sie, und sie wurde ihn nicht mehr los.

Als der Bus vor dem Zoo stehen blieb, hatte ihre Pein endlich ein Ende. Auf dem Parkplatz dehnte und streckte sie Beine und Arme und genoss die frische, schwüle Nachtluft. Sie wollte sich noch ein wenig umsehen, bevor sie sich zu Albert gesellte, aber vor allem brauchte sie vorher noch dringend eine Zigarette. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Albert sie nicht beobachten konnte, holte sie einen Glimmstängel aus der Packung, steckte ihn gierig in den Mund und zündete ihn mit ihrem rosa Feuerzeug an. Sie nahm einen tiefen, kräftigen Zug und verspürte ein angenehmes Kribbeln in den Fingerspitzen. In ihrem Mund spielte sie mit dem Rauch, bis sie den Qualm mit einem erleichterten Seufzer ausstieß. Ihr ganzer Körper entspannte sich von all den Strapazen, und sie fühlte, wie sich ihre Nerven wieder beruhigten.

Sie wunderte sich über die große Beteiligung der Leute an den Protestmarsch. Ihre Verwunderung schlug in leichtes Entsetzen um, als sie zusah, wie eine Frau nackt in einen Käfig stieg. Von der Neugierde getrieben, ging sie zu der Frau hinüber. Der Mann, der an ihrer Seite stand, war gerade dabei, die Käfigtür von außen mit einem Schloss zu verriegeln.

»Entschuldigen Sie bitte?«, sagte Alice höflich. Der Mann und die nackte Frau, die nun im Käfig hockte, wandten sich zu ihr. »Darf man fragen, warum Sie das machen?«

»Es ist ein symbolischer Akt«, antwortete die Frau im Käfig.

»Ein symbolischer Akt? Was soll er symbolisieren?«

»Wir wollen damit ausdrücken, dass wir Gefangene des korrupten Systems sind«, meinte der Mann.

Alice deutete auf seine entblößte Partnerin. »Muss sie dabei nackt sein?«

Die Frau kicherte. »Müssen tue ich es natürlich nicht, aber ich möchte es. Es soll zeigen, dass wir nichts mehr besitzen. Kein Geld, kein Auto, kein Haus und keine Arbeit. Wir besitzen nur noch unseren Körper. Das Fleisch, die Haut, die Knochen, das Blut und die Haare.«

»Ich glaube, ich verstehe«, sagte Alice, die es jedoch immer noch nicht verstand. Die ganze Aktion empfand sie für recht dumm, aber das behielt sie für sich. Mit einer höflichen Geste verabschiedete sie sich von dem Paar, wünschte ihnen viel Glück und spazierte weiter.

Ein anderer Demonstrant zog sich ein großes, weißes Hasenkostüm an. Alice hatte eine derartige Verkleidung schon einmal in einem Vergnügungspark gesehen, wo Angestellte diese Tierkostüme trugen, um Kinder zu unterhalten.

Was für ein seltsames Volk, diese Demonstranten doch sind, dachte Alice kopfschüttelnd und ging weiter.

Am Eingang des Zoos sah sie zwei Polizisten stehen, von denen einer gutaussehend war und der andere leider nicht. Als sie den sexy Polizisten genauer betrachtete, bemerkte sie seine himmelblauen Augen, sein männliches Kinn und seinen sehr muskulösen Körper. Bei seinem Anblick musste sie ein schmutziges Grinsen unterdrücken. Sofort fühlte sie sich schuldig, denn eigentlich war sie mit Albert hier, und sie wollte ihm nicht untreu sein. Der Gedanke an ihren Schatz veranlasste sie dazu, zurück zum Bus zu gehen. Sie rauchte ihre Zigarette fertig und sah dabei Albert, wie er mit Lydia quatschte. Sie verstanden sich gut miteinander. Etwas zu gut.

Nein!, dachte Alice. Sie flirten miteinander!

Wie konnte Lydia ihr das nur antun? Ihre Freundin wusste von ihren Gefühlen zu Albert. Er war der Grund, warum sie sich diesen Stress überhaupt antat. Sie interessierte sich nicht für diese dämliche Demonstration oder dieses eklige Zeltlager. Einzig Albert war ihr wichtig, und Lydia war drauf und dran, ihr den Geliebten unter der Nase wegzuschnappen. Sie musste das Flirten unterbinden.

Mit entschlossenen Schritten stampfte Alice in ihren weißen Stiefeln zu ihrer Freundin. »Also geht’s jetzt los?«, fragte sie mit einem geheuchelten Lächeln auf ihren Lippen.

Albert und Lydia blickten zu ihr und fingen an, laut zu lachen.

Alice sah die beiden verblüfft an. »Was ist so witzig?«

»Wir …«, lachte Lydia und holte tief Luft, »… wir haben gerade über dich gesprochen.«

»Du meinst wohl gelästert«, sagte Alice wütend.

»Wir haben nicht gelästert«, meinte Lydia. »Albert hat mit mir gewettet, ob du aus dem Bus aussteigen wirst oder nicht.«

»Und wer hat die Wette gewonnen?«, fragte Alice verärgert.

»Keiner von uns. Wir beide haben darauf gesetzt, dass du im Bus bleiben wirst und zurück nach Hause fährst. Also haben wir beide die Wette verloren. Das macht die ganze Sache so witzig«, antwortete Lydia amüsiert.

Alice war kurz davor, ihre Geduld zu verlieren, doch Albert bemerkte ihren Unmut und umarmte sie. »Ich spüre deine negativen Schwingungen, Alice. Sei bitte nicht wütend auf uns, wir haben es nicht böse gemeint«, flüsterte er ihr zärtlich ins Ohr. »Du musst deinen Geist öffnen und die neue spirituelle Wahrheit in dich aufnehmen. Wir sind hier, um den Politikern die Transformation unserer Gesellschaft zu offenbaren.«

Alice verstand zwar kein Wort von dem, was er sagte, aber seine Umarmung half dabei, sie zu besänftigen. Er drückte sie fest an sich und lächelte sie mit seiner typisch charmanten Art an. Ihre Knie wurden weich. Albert wirkte auf sie wie einer dieser in Marmor gemeißelten Götterstatuen. Perfekt geformt und atemberaubend anzusehen. Hinzu kam noch, dass er verführerisch gut nach Vanille roch. Ihr verkrampftes Gesicht lockerte sich auf. Dieses Mal schenkte sie ihm ein ehrliches Lächeln. Trotzdem konnte sie ihrer Freundin diesen Verrat nicht verzeihen.

»Lasst uns zu unseren Brüdern und Schwestern gehen.« Albert schwang seine Arme um die beiden Frauen und führte sie zu der Menge auf dem Parkplatz.

Die Stimmung unter den Demonstranten erreichte ihren Siedepunkt. Die Teilnehmer waren kurz davor loszumarschieren.

»Wartet hier. Ich besorge uns Masken«, sagte Albert und lief zu einer Frau, die Tiermasken an die Leute verteilte.

Alice nahm die Gelegenheit wahr, um Lydia bezüglich ihres Verrates zu konfrontieren. »Wie konntest du mir nur so etwas antun?«, zischte sie hervor.

»Wie konnte ich dir nur was antun?«, erwiderte Lydia mit überraschter Miene.

»Wie konntest du mich nur so dermaßen hintergehen? Du weißt ganz genau, wie sehr ich Albert liebe.«

»Hintergehen? Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Alice.«

»Leugne es nicht, du Verräterin. Ich habe euch beobachtet, wie ihr miteinander geflirtet habt. Mit meinen eigenen Augen habe ich gesehen, wie du dich an ihn rangeschmissen hast.«

»Wie bitte? Alice, du phantasierst.«

»Und was war im Bus? Da hast du bereits heftig mit ihm geflirtet. Davon weißt du wahrscheinlich auch nichts mehr, oder?« Sie kämpfte mit den Tränen. Sie war kurz davor die Freundschaft mit ihr zu beenden. Zwar kannte sie Lydia erst seit einem Semester, aber sie hätte es schade gefunden, wenn ihre Beziehung so enden würde.

Lydia verschränkte die Arme und konzentrierte nachdenklich ihren Blick. »Ich soll was im Bus getan haben? Ich habe nicht mit ihm geflirtet! Wir haben über seine letzte Demo gegen illegale Tierhaltung geredet, sonst ist nichts passiert.«

»Und das soll ich dir glauben?«, stieß Alice trotzig hervor.

»Glaub, was du willst, aber ich versichere dir, du hast keinen Grund eifersüchtig zu sein. Albert interessiert mich nicht. Ist dir vielleicht schon einmal in den Sinn gekommen, dass ich meine eigenen Beweggründe habe, warum ich bei dieser Demonstration mitmache?«

»Und die wären?«, fragte Alice gleichgültig.

Lydia fuhr fort: »Ich muss dir gestehen, ich habe Angst vor der Zukunft. Wie du weißt, studiere ich Biologie, und die Zustände auf den Universitäten sind unerträglich. Aber das hast du bereits selbst bemerkt, schließlich studierst du Medizin, und dort ist es auch nicht viel besser. Im ersten Semester sind wir ungefähr 800 Studenten, aber die Laborplätze reichen nur für etwa 40 Personen. Kannst du dir das vorstellen? 800 Studenten und nur 40 freie Plätze! Wenn ich nicht zu den besten 40 gehöre, kann ich ein weiteres Jahr auf einen freien Platz warten, vorausgesetzt natürlich ich kann mir weiterhin die Studiengebühren leisten. Und selbst wenn ich einen Laborplatz ergattern sollte, was erwartet mich danach? Was mache ich nach dem Abschluss? Ich werde zum Arbeitsamt gehen müssen und mich arbeitslos melden. Beim derzeitigen Arbeitsmarkt nützt dir nämlich auch kein abgeschlossenes Studium. Hinzu kommen die Unterhaltskosten wie Miete, Strom- und Heizkosten. Selbst mit meinem Nebenjob kann ich das Geld für das Zimmer im Studentenheim kaum noch aufbringen.«

»Dann hau doch ab! Verzieh dich ins Ausland!«, sagte Alice wie ein eingeschnapptes Kleinkind.

»Ich bitte dich! Warum glaubst du, kommen die Studenten aus dem Ausland zu uns? Die haben selbst nicht genug Platz in ihren Heimatländern! Für die Politiker sind wir Studenten nur eine unbedeutende Wählergruppe, deshalb nehmen sie uns nicht ernst und ignorieren unsere Probleme. Wie Albert richtig gesagt hat, wir brauchen eine Revolution, eine Veränderung. Deswegen bin ich hier. Ich möchte etwas verändern.«

»Ja, ja, was auch immer …«, brummte Alice, die sich noch nie viele Sorgen um ihre Zukunft machen musste. Schließlich war ihre Familie reich, und ihr Vater hatte ausreichend Geld. Er kam für ihre Wohnung auf und finanzierte ihr das Studium.

»Ich gebe dir einen Tipp für die Zukunft«, sagte Lydia sichtlich verärgert über das ignorante Verhalten ihrer Freundin. »Es gibt bessere Orte und Gelegenheiten einen Typen aufzureißen als eine Demo wie diese.«

Bevor Alice ihrer Freundin antworten konnte, kam Albert zurück und winkte mit drei Tiermasken. »Ich denke, ich habe die passenden Masken für uns gefunden.« Er überreichte den beiden Frauen je eine Katzenmaske und sagte: »Für meine sexy Kätzchen.« Für sich selbst hatte er eine Hahnenmaske besorgt.

Nachdem alle drei ihre Masken aufgesetzt hatten, nahm Albert Alice an der Hand und ging mit ihr voraus. Sie drehte sich schnell um und zeigte Lydia die Zunge, danach wandte sie sich wieder zu Albert. Lydia schüttelte genervt den Kopf und blieb alleine zurück.

****

»Sieht doch alles gut aus«, sagte Präsident Pollux und nippte an seinem Scotch. Er und Eva saßen im Parlamentsbüro und sahen sich die Liveübertragung der Zoodemonstration im Fernsehen an.

»Fragt sich nur, ob es so friedlich bleibt«, meinte Eva skeptisch.

»Seien Sie nicht so pessimistisch, Frau Scheppert«, sagte der Präsident und ging zur Scotchflasche, um sein Glas wieder aufzufüllen. »Bei diesen Demonstranten handelt es sich lediglich um einige übereifrige Studenten und Naturliebhaber. Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte? Jemand wird von einem entflohenen Affen gebissen.« Pollux musste über seine letzte Bemerkung schmunzeln.

Die Bilder der Liveübertragung zeigten Aktivisten, die Tiermasken trugen und laute Parolen gegen die Regierung in die Kamera grölten. Ein Reporter befragte eine Frau, die sich nackt in einen Käfig eingesperrt hatte.

»Man kann es auch übertreiben«, sagte der Präsident und verdrehte beim Anblick der nackten Frau seine Augen.

»Zumindest kämpft sie für ihre Überzeugung«, erwiderte Eva.

»Da! Haben Sie es gesehen, Frau Scheppert?« Aufgeregt deutete Pollux mit seinem Finger auf die große Glaskuppel, die hinter dem Reporter zu sehen war. »Der Biodom! Ich kann ihn gar nicht oft genug sehen. Was für ein fantastisches Bauwerk! Ein wunderschönes Meisterwerk. Er wird Generationen hinweg überdauern. Während wir schon längst unter der Erde liegen und nur noch Futter für die Würmer sind, wird der Biodom in die Geschichte eingehen. Wie die Pyramiden!«

Eva sagte nichts dazu, sie konzentrierte sich auf die Menschen. Die Anzahl der Demonstranten überraschte sie. Laut den Berichten wurden weit weniger Teilnehmer erwartet.

»Kommt es nur mir so vor, oder sind da kaum Polizisten vor Ort? Ich glaube, ich habe erst zwei oder drei gesehen.«

Nachdem der Präsident es aussprach, musste Eva zugeben, dass eine relativ geringe Polizeipräsenz vorhanden war. Aber vielleicht wollten die Kameramänner einfach nur keine Polizisten zeigen.

»Ich denke, das wird ein Spaziergang«, sagte Pollux und schlürfte zufrieden seinen Scotch. »Sie werden sehen, Frau Scheppert, die werden ein Mal um den Zoo watscheln und dann müde nach Hause gehen.«

»Ich hoffe, Sie haben recht, Herr Präsident«, sagte Eva. »Ich hoffe es inständig.«

****

Der schwarze Lastwagen hatte keine Probleme, mit den gefälschten Zugangspapieren das hintere Eingangstor des Zoos zu passieren. Für den Kontrollposten war der LKW nur ein weiterer Lieferant mit Trockenfutter für die Tiere. Dieser Lastwagen war jedoch kein gewöhnlicher Futtertransporter.

Als die Anhängertür des Fahrzeugs aufging, sprangen Peter, sein Kamerad A2013 sowie um die vierzig Männer des Sirius-Kollektivs heraus. A1 verließ als Letzter das Gefährt.

Mittels Elektroschockpistolen wurden zwei Wachposten außer Gefecht gesetzt.

Die Mitglieder des Sirius-Kollektivs verhüllten ihre Gesichter mit einem schwarzen Tuch, auf dem ein grinsender Totenkopf abgebildet war. Vier starke Männer schleppten eine schwere Kiste mit sich. Sie stellten die Kiste auf den Boden, öffneten sie, und entnahmen aus ihr eine pyramidenförmige Maschine. Auf der Spitze des Geräts steckte eine schwarze, undurchsichtige Glaskugel. Einer der Männer drückte auf die Knöpfe der Maschine, wodurch sie aktiviert wurde. Die Glaskugel begann, sich mit einem hohen Summgeräusch zu drehen.

A2013 blickte zu seinem Kameraden und flüsterte: »Was ist das für ein Ding?«

Peter zuckte ahnungslos mit den Schultern, er hatte selbst keine Ahnung, worum es sich bei dieser Vorrichtung handelte.

»Das ist ein Störsender«, antwortete A1, der die Frage gehört hatte. »Er sendet Störsignale aus, mit denen wir jedes Radio-, Funk-, Internet- und Telefonsignal im Umkreis von zwei Kilometern blockieren können. Damit sollte es uns möglich sein, unsere Operation ohne Schwierigkeiten durchzuführen.«

»Cool!«, stieß Peter hervor und sah zu, wie sich die schwarze Glaskugel immer schneller drehte und das Summen kontinuierlich lauter wurde.

Die Mitglieder des Sirius-Kollektivs sammelten sich um ihren Anführer und warteten auf seine Befehle.

»Wir halten uns an den Plan.« A1 deutete auf drei seiner Anhänger und befahl ihnen vorzutreten, was sie auch taten. »Ihr drei werdet euch zu den Demonstranten begeben. Wenn ihr das vereinbarte Signal hört, beginnt ihr mit eurem Angriff. Aber seid wachsam. Es werden Polizisten dabei sein. Lasst euch nicht fangen! Nehmt diese Masken.« Er gab den Männern drei Hundemasken. »Damit könnt ihr euch unbemerkt unter die Menge mischen.« Die drei Männer nickten gehorsam, dann verließen sie den Zoo, um sich an der Demonstration zu beteiligen. »Alle anderen folgen mir!«

A1 lief mit seinen Kameraden in die Versorgungshalle, die mit Tonnen von Trockenfutter gefüllt war. Offensichtlich hatte der Zoo Hamstereinkäufe betätigt, für den Fall, dass es zu Nahrungsengpässen kommen würde.

Sie eilten durch einen engen Korridor, der sie zu einer Abzweigung führte. A1 teilte die Gruppe auf. Die eine Hälfte ging nach links, die andere nach rechts. Peter wollte gerade mit A2013 den linken Weg nehmen, als A1 ihn an der Schulter festhielt. »Du kommst mit mir, A76667.«

Peter verstand und nickte A2013 zum Abschied zu. Kurz danach verschwand sein Kamerad in den dunklen Korridorgängen.

A1, Peter und noch etwa zwanzig weitere Mitglieder schlichen den rechten Gang entlang. Sie kamen zügig voran, und alles verlief nach Plan, bis das fröhliche Pfeifen eines Wachmannes an den Korridorwänden widerhallte. Zwar waren sie in der Überzahl, aber es bestand die Gefahr, dass die Wache eine Schusswaffe mit sich trug oder den Alarm auslösen würde.

A1 blickte zu Peter. »Hast du schon einmal, eine von diesen benützt?« Er zeigte ihm eine Elektroschockpistole.

Peter schüttelte den Kopf.

»Dann ist es jetzt an der Zeit. Hier, nimm!« Er überreichte dem Jungen die Pistole, die er mit zittriger Hand entgegennahm. A1 verließ die Schusslinie und stellte sich hinter Peter auf. »Ruhig bleiben. Tief einatmen und vor dem Abdrücken die Luft anhalten«, flüsterte er dem Jungen ins Ohr.

Peter tat, wie befohlen und zielte auf die Tür am Ende des Korridors. Das Pfeifen und die Schritte wurden immer lauter. Jeden Moment musste die Wache durch die Tür kommen. Peter hörte sein Herz pochen, oder zumindest bildete er sich das ein. Der Türknopf wurde nach unten gezogen, ein Mann mittleren Alters mit Schnurrbart und Brille öffnete die Tür. Der Junge hielt die Luft an, umfasste die Elektroschockpistole mit beiden Händen und drückte den Abzug. Zwei dünne Drahtfäden schossen aus der Pistolenmündung heraus. An beiden Fäden waren spitze Haken befestigt, die sich in die Brust des Wachmannes bohrten. Durch die Fäden strömten fünfzigtausend Volt direkt in den Körper des Mannes, der innerhalb von Sekunden verkrampft zusammenbrach. Der Junge ließ den Abzug los, und der Stromfluss wurde unterbrochen. Der Mann verlor das Bewusstsein. Peter, der bis jetzt die Luft angehalten hatte, atmete entspannt aus. Seine Knie fühlten sich so weich wie Wackelpudding an. Während dem Wachmann Strom durch die Adern floss, spürte er, wie Adrenalin durch seine Venen gepumpt wurde.

A1 nahm die Waffe wieder an sich. »Gut gemacht, A76667.« Er winkte seinen Kameraden zu und sagte: »Lasst uns weiter gehen.«

Als die Gruppe an dem bewusstlosen Wachmann vorbei rannte, zuckten dessen Muskeln noch immer unkontrolliert. Peter konnte es nicht erwarten, A2013 von dem kleinen Abenteuer zu erzählen. Unterdessen drang das Sirius-Kollektiv tiefer ins Innere des Zoos vor.

****

»Da ist nichts mehr zu machen. Das Funkgerät ist tot«, stellte Adam fest und steckte das Gerät frustriert in seine Gürteltasche. Das Walkie-Talkie hatte plötzlich ohne ersichtlichen Grund den Geist aufgegeben. Das rote Lämpchen auf dem Funkgerät leuchtete auf, dementsprechend mussten die Batterien in Ordnung sein, sobald er jedoch auf den Sendeknopf drückte, gab das Gerät nur ein lautes, klackendes Geräusch von sich. Selbst das Wechseln auf eine andere Frequenz zeigte keinerlei Wirkung. Nach mehreren Versuchen bekam er noch immer keine Antwort.

Adam schätzte, dass so um die tausend Demonstranten auf dem Parkplatz versammelt waren, wenn nicht sogar mehr. Den Sichtkontakt zu seinen Kollegen hatte er schon seit längerem verloren, und vom Blonden fehlte auch jede Spur.

Wahrscheinlich suchen sie uns genauso wie wir sie, dachte er frustriert. Ohne funktionierenden Funk waren sie auf sich selbst gestellt. »Wir müssen irgendwie Kontakt herstellen«, sagte er und schlug verärgert mit dem Fuß gegen die verschlossene Eingangstür des Zoos.

»Lass mich einmal versuchen«, sagte Lukas und nahm sein Handy aus der Tasche.

Adam bemerkte wieder das ungewöhnliche Design des Telefons, er dachte sich aber nichts weiter dabei und behielt die Demonstranten im Auge. Die Polizisten waren hoffnungslos in der Unterzahl, und aus dem Polizeihauptquartier kam auch keine Verstärkung. Wo waren die anderen Transporter? Warum kam niemand? Mit nur 13 Mann eine Menge von über Tausend zu kontrollieren, war nicht nur unmöglich, es war Wahnsinn.

Adam studierte eine Karte des Areals, die hinter einer Glasvitrine neben dem Zooeingang aufgehängt war. Das Gebiet mit dem Tiergarten, dem Biodom und dem Aquarium war größer, als er gedacht hätte. Da die Demonstranten eine Runde um den Zoo marschieren wollten, würde es eine entsprechend lange Wanderung werden. Adam fragte sich, wie sein viel zu junger und dürrer Kollege den Protestmarsch überstehen sollte. Lukas schien nicht gerade jemand zu sein, der in seiner Freizeit Marathonläufe absolvierte, und ohne Training würde er früher oder später schlappmachen.

Die letzten paar Tage gehörten zu den heißesten des Sommers, und besonders bei hohen Temperaturen konnte die Schutzausrüstung zu einem Hitzeschlag führen und eine Dehydrierung verursachen. Glücklicherweise fand die Demo nicht am helllichten Tag statt, sondern in einer schwülen Sommernacht. Selbst Adam begann, unter dem Schutzhelm und der Ausrüstung zu schwitzen. Der durchsichtige Schild bestand zwar aus Polycarbonat, einem leichten und widerstandsfähigen Kunststoff, aber das änderte nichts daran, dass er mit jeder Minute schwerer wurde. Da sie noch einen langen Fußmarsch vor sich hatten, entschied er sich dafür, es Lukas gleich zu tun und den Schild an die Wand anzulehnen. Die Demonstranten schienen in eher friedvoller Stimmung zu sein – jedenfalls jetzt noch.

»Ich hab’s!«, rief Lukas.

»Was? Was hast du?«, fragte er seinen jungen Kollegen, der das Handy triumphierend in die Höhe hielt.

»Das Störsignal!«

»Welches Störsignal?«, fragte Adam verwundert.

»Das Störsignal, das unseren Funk blockiert«, antwortete Lukas, der eifrig an den Tasten seines Telefons herumdrückte.

»Warum sollte jemand unser Signal blockieren?«, fragte Adam.

»Keine Ahnung«, erwiderte Lukas, »aber wir sind nicht die Einzigen, deren Signal gestört wird. Die da …«, Lukas zeigte auf die Demonstranten, »… können auch nicht mit ihren Handys telefonieren. Sie befinden sich noch im Einflussbereich des Störsignals. So eine große Reichweite haben eigentlich nur die Geräte vom Militär.«

»Kannst du den Ursprung des Signals lokalisieren?«, wollte Adam wissen, dem die ganze Sache merkwürdig erschien.

»Es müsste mir möglich sein«, sagte Lukas und tippte weiter auf die Tastatur des Handys.

»Einen Moment!«, stieß Adam misstrauisch hervor, der nach kurzer Überlegung seinen jungen Kollegen streng anstarrte. »Woher weißt du von diesem Störsender? Und dem Militär?« Adam bemerkte, wie Lukas unruhig auf das Display seines Handys blickte. »Und wieso ist dein Telefon nicht vom Störsender betroffen?«

»Weil die meisten Telefone ihre Signale über Zivilsatelliten senden«, murmelte Lukas mit gesenkter Stimme.

»Was meinst du damit?« Adam musste einige Sekunden nachdenken, bis er selbst auf die Antwort kam. »Ist das …? Ist das etwa … ein Militärsatellit, über dem du dein Telefon benützt?«

Lukas hob seine Schultern und sagte: »Zivile Satelliten haben eine zu schwache Signalcodierung. Sie sind zwar einfacher zu hacken, aber dafür empfindlicher für Störungen. Das Militär ist in dieser Hinsicht besser ausgestattet, obwohl nicht alle ihre Satelliten gegenüber Störungen unempfindlich sind. Deswegen dachte ich, es wäre eine gute Idee, einen Militärsatelliten anzuzapfen, der nicht betroffen ist. Außerdem hat es den Vorteil, dass meine Telefonrechnung sehr niedrig sein wird.«

»Du willst mir also weismachen, dass du dich in einen Militärsatelliten gehackt hast? Mit diesem gewöhnlichen Handy?« Adam musterte ungläubig das kleine, flache Gerät.

»Das ist kein gewöhnliches Handy. Ich habe dir doch gesagt, dass ich gerne bastle, und dieses Telefon gehört zu meinen Basteleien. Das Gerät ist mit ein paar … Extras ausgestattet.«

»Mit was für Extras?« Adam war sich nicht sicher, ob er die Antwort überhaupt hören wollte.

»Siehst du das?« Lukas zeigte auf einen kleinen Anschluss am unteren Ende des Telefons. »Damit kann ich das Gerät an einen Computer anschließen, und mit dem von mir entwickelten Dechiffrierprogramm ist es mir möglich, so gut wie jedes Passwort und jede verschlüsselte Nachricht auf dem Computer zu knacken.«

»Du entwickelst so etwas? Du schreibst solche Programme selbst?«

»Ja, das ist auch einer der Gründe, warum ich von der Polizei rekrutiert wurde.«

»Und seit wann hast du dieses … Talent?«

»Das beherrsche ich bereits seit meiner Kindheit. Damals habe ich mich in den Computer meines Vaters gehackt und seine geheimen Pornofilme gelöscht. Er war nicht gerade glücklich darüber, das kann ich dir sagen.«

»Und wann hast du gelernt, dich in einen Militärsatelliten zu hacken? Im Kindergarten?« Adam blickte skeptisch auf seinen Kollegen.

»Nein, das kann ich erst seit einem Jahr. Aber es ist einfacher, als man denkt.«

»Du weißt, dass wir Polizisten sind, oder? Unsere Aufgabe ist es, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten und das Gesetz zu wahren.« Adam betonte besonders die letzten Worte. »Es ist nicht unser Job, irgendwo unerlaubt einzudringen und private Informationen zu stehlen.«

»Ja, schon klar, aber nur, damit du Bescheid weißt, den Auftrag für diese Modifikationen am Telefon erhielt ich direkt von meinem Vorgesetzten. Also ganz so illegal ist es auch nicht. Zumindest nicht für uns bei der Polizei.«

Eigentlich lehnte Adam diese Art von Doppelmoral kategorisch ab, und ihm war bewusst, Polizist hin oder her, dafür konnten sie eine Menge Ärger bekommen. Doch die Situation entsprach nicht der Norm, und es sah momentan nicht gut für sie aus, dementsprechend mussten sie das nehmen, was sie kriegen konnten. Außerdem würde ein derartiges Telefon wahrscheinlich bald zur Standardausrüstung für jeden Polizeibeamten gehören, dann würde er selbst mit so einem Gerät herumlaufen.

»Ich habe den Ursprung des Störsignals gefunden«, sagte Lukas und drehte sich zur Eingangstür. »Das Signal kommt aus dem Zoo.«

Warum sollte jemand ein Störsignal aussenden? Und für wen war dieses Störsignal gedacht? Für die Polizei? Die Demonstranten? Oder für jemand ganz anderen? Wer auch immer dafür verantwortlich war, musste sich im Zoo herumtreiben.

»Sollen wir das Störsignal suchen gehen?«, fragte Lukas.

»Nein, unser Auftrag lautet, die Menschen hier zu begleiten und für Ruhe zu sorgen.« Adam gefiel die Sache nicht, und er hätte nur zu gerne herausgefunden, wer hinter all dem steckte, doch seine Befehle waren eindeutig.

Die Demonstranten setzten sich in Bewegung. Der Protestmarsch begann.

Adam und Lukas nahmen Schild und Schlagstock in die Hände und begleiteten die Menschenmasse, dabei hielten sie einen Sicherheitsabstand von mindestens drei Metern ein. Adam hätte sich gewünscht, dass auch die Vertreter der Medien eine gewisse Distanz wahren würden, dem war aber leider nicht so. Fotografen und Kameraleute tänzelten direkt vor ihren Nasen herum oder rannten durch die Menge, als wären sie auf einem Kindergeburtstag. Die meisten Demonstranten ignorierten die Polizisten, nur ein paar Mal kamen Buhrufe aus der Menge, die eindeutig gegen sie gerichtet waren.

Weil der Protest unüberschaubar wurde, wandte Adam einen Trick an, der bei der Orientierung helfen sollte. Er fixierte seinen Blick auf eine bestimmte Person. Diese Person sollte ihm als Orientierungspunkt dienen, für den Fall, dass es später chaotisch werden würde. Adam wählte eine Frau, die passend zu ihrem tigergestreiften Kleid eine Katzenmaske trug. Mit ihren blond gefärbten Haaren und den weißen Stiefeln stach sie aus der Menge hervor.

Bis jetzt hielt sich Lukas recht gut, dennoch waren dem jungen Polizisten bereits die ersten Ermüdungserscheinungen anzusehen. Er ließ den Schild am Asphalt entlang schleifen, und seine Wangen liefen vor Anstrengung rot an.

Ein männlicher Demonstrant kam ihnen gefährlich nahe, Lukas wollte auf ihn zu gehen, doch Adam hielt seinen Kollegen zurück. Der Mann suchte nur jemanden und verschwand gleich wieder in der Menge, ohne die Polizisten zu belästigen.

Nach einigen hundert Metern vernahm Adam einen Schmerzensschrei, der vom äußeren Ende des Protestmarsches kam. Er winkte seinem Kollegen zu, stehen zu bleiben. Die Menschenmasse setzte unbeirrt ihren Weg fort und ließ die Polizisten hinter sich. Adam sah eine kleine Gruppe, bestehend aus zwei Zivilisten und zwei Polizisten, die sich von den anderen abgespalten hatte.

Eine Frau mittleren Alters kniete auf der Straße, neben ihr wurde ein Mann von einem der Polizisten mit dem Schlagstock gewürgt. Adam und Lukas verließen ihre Position und liefen zu der Gruppe hinüber. Als sie näher herankamen, sah Adam, wie die Frau ihre Hände schützend vor das Gesicht hielt und weinte. Leider musste er auch feststellen, dass es sich bei einem der beiden Polizisten um den Blonden handelte.

»Was geht hier vor?«, rief Adam dem Kollegen zu.

»Nichts! Wir haben alles unter Kontrolle«, erwiderte der Blonde, während er den Mann mit dem Schlagstock würgte. »Das sind nur ein paar Aufrührer, die eine Lektion in Respekt und Demut brauchen.«

»Stimmt doch gar nicht, ihr habt uns ohne Grund angegriffen!«, schrie die Frau. Sie wurde jedoch von dem anderen Polizisten durch eine einschüchternde Geste mit dem Schlagstock schnell zum Schweigen gebracht.

Adam stellte sich schützend zwischen den Demonstranten und den Kollegen. »Lass ihn los!«, forderte er den Blonden auf, der sein Opfer weiterhin strangulierte, bis das Gesicht des Mannes blaurot anlief und Speichel aus den Mundwinkeln herunterrann. »Ich sagte, du sollst ihn loslassen!«, rief Adam energischer und machte einen drohenden Schritt auf den Blonden zu. »Oder hat dir die Abreibung im Schulhof nicht gereicht?«

Der Blonde erlöste den Demonstranten von seinem Würgegriff. Der Mann stürzte schwer keuchend zu Boden und rang nach Luft. Die Frau eilte sogleich zu ihm. Erst jetzt erkannte Adam, dass die Frau nicht um den Mann weinte, wie er anfangs vermutet hatte. Sie weinte, weil sie mit Pfefferspray besprüht wurde. Die stark aufgequollenen, roten Augen und der rote Ausschlag auf ihrem Gesicht waren eindeutige Indizien dafür.

»Geht jetzt wieder nach Hause!«, befahl Adam den Demonstranten. »Und spülen Sie das Gesicht der Frau mit viel Wasser aus. Sie sollte in den nächsten Tagen ihre Augen schonen.«

Die Gruppe verließ die Straße und ging zurück in Richtung Parkplatz.

»Vielleicht sollte ich dich warnen. Ich bin mit dem Schlagstock besser als mit den Fäusten«, schnaubte der Blonde verächtlich.

»Warum überrascht mich das bloß nicht?«, entgegnete Adam gleichgültig. Das Letzte, was er jetzt brauchte, war eine Schlägerei mit seinen eigenen Leuten. Lukas blickte unsicher zu Adam hinüber, wobei er den Schild und den Schlagstock fest umklammerte.

Plötzlich donnerte ein ohrenbetäubender Knall, gefolgt von zwei weiteren, aus dem Inneren des Zoos. Die Polizisten schreckten auf und unterbrachen ihre Drohgebärden. Für einen Moment herrschte Totenstille, bis die Tiere aufgeregt zu brüllen und zu schreien begannen. Adam hatte bei der Sache ein ganz mieses Gefühl.

Endgame

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