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Der Krieger

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Peter Pollux schlug mit aller Kraft gegen das Gesicht des Ladenbesitzers. Der alte Mann hatte kaum Widerstand geleistet und ging bereits nach dem ersten Treffer zu Boden.

Eigentlich hätte der Besitzer des Eisenwarenladens nicht mehr im Geschäft sein sollen.

Wäre er bloß nicht zurückgekommen, dachte Peter und sah auf den bewusstlosen Körper des Ladenbesitzers.

»Wo bleibst du?«, rief sein Kamerad, A2013, ungeduldig. »Wir müssen von hier verschwinden, bevor die Bullen auftauchen!«

»Nimm die Tasche! Ich komme gleich nach!«, antwortete Peter und deutete auf die schwarze Sporttasche, die mit allerlei gestohlenem Werkzeug gefüllt war.

A2013 hatte Mühe die schwere Tasche aufzuheben. Er packte sie mit beiden Händen und zerrte sie die Straße entlang.

Ein zweiter Mann, der sich hinter dem Laden versteckt gehalten hatte, stürmte mit einer Brechstange bewaffnet nach vorne. Peter konnte gerade noch rechtzeitig dem Hieb ausweichen und konterte sogleich mit einem Ellbogenschlag auf die Nase. Blut spritzte aus den Nasenlöchern des Mannes, und wenige Sekunden später brach er völlig zusammen.

Beide Männer lagen nun bewusstlos vor dem Eisenwarengeschäft.

Peter dachte nicht lange nach und lief so schnell er konnte davon. Als er sich nach einigen Metern umdrehte, lagen die beiden Männer noch immer regungslos auf der Straße. Seine Schläge waren hart und wirkungsvoll gewesen. Vielleicht zu hart und wirkungsvoll. »Mist!«, fluchte er leise.

»Peter, ich kann nicht mehr. Die Tasche ist zu schwer!«, stöhnte sein Kamerad und blieb stehen. Die prall gefüllte Sporttasche sank zu Boden.

»Was machst du, A2013? Wir müssen von hier verschwinden! Komm, ich nehme sie von der anderen Seite.« Zu zweit trug sich die Tasche zwar etwas leichter, aber sie kamen dafür auch langsamer voran. »Und sprich mich nicht mit meinem Namen an«, fügte Peter verärgert hinzu.

»Entschuldige, Peter, … ich meine … A76667.«

Sie durchquerten das Armenviertel der Stadt. Die Gegend war heruntergekommen, und die Häuser sahen erbärmlich aus. Die Gärten waren ungepflegt und von Unkraut überwuchert. In der Ferne hörte man eine Gruppe von Hunden bellen und jaulen.

»Was machst du?«, fragte Peter seinen Kameraden, der das schwarze Halstuch von seinem Mund nahm und es in die Hosentasche steckte.

Beide Jungs trugen ein schwarzes Tuch vor dem Mund, um ihre Gesichter zu verbergen. Auf den Tüchern war ein grinsender Totenkopf abgebildet, das Symbol des Sirius-Kollektivs.

»Unter dem Tuch ersticke ich«, meinte A2013.

Peter tat es seinem Kameraden gleich und riss sich das Tuch vom Mund. Er atmete die frische Nachtluft ein. Eigentlich wollte er auch sein Kopftuch ablegen, entschied sich aber dann doch dagegen. Peter hatte feuerrotes Haar, und um nicht wiedererkannt zu werden, musste er es verstecken.

»Glaubst du, sie sind tot?«, fragte A2013.

»Wer?«

»Der Ladenbesitzer und sein Freund.«

»Keine Ahnung«, antwortete Peter.

»Ja, aber was ist, wenn sie tot sind?«

Peter verlor die Geduld und begann zu schreien: »Wenn dir an den beiden so viel liegt, dann lauf doch zu ihnen zurück!«

Sein Kamerad schwieg.

Peter war wütend. Alles lief schief. Zuerst kam er mehr als zwanzig Minuten zu spät zum vereinbarten Treffpunkt, was nicht seine Schuld war, sondern die seiner Schwester Alice. Danach hatten sie sich in der Stadt verlaufen, und zu guter Letzt kam der Ladenbesitzer mit einem Freund zurück. Es war ihr erster Auftrag, und fast hätten sie ihn vermasselt. Dabei handelte es sich um einen einfachen Einbruch, bei dem sie nur Werkzeug klauen sollten.

Wenigstens habe ich die Axt, dachte Peter und sah in die Sporttasche. Sie erinnerte ihn an eine Axt, die er in einem Horrorfilm gesehen hatte. Eigentlich wollte er die Kettensäge nehmen, doch das Gerät war viel zu schwer. Die Axt genügte ihm.

Die beiden Jungs verließen das Armenviertel und betraten das Industrieviertel. Selbst an normalen Tagen war hier nichts mehr los. Seit dem großen Wirtschaftskollaps bestand das Areal nur noch aus verlassenen Fabriken und Lagerhallen.

Peter blieb abrupt stehen und zupfte am Ärmel seines Kameraden, um ihn auf seine Entdeckung aufmerksam zu machen. Neben ihnen auf der Straße lag ein schwarzer Hund regungslos am Boden.

Die Burschen gingen auf das tote Tier zu, oder zumindest auf das, was noch davon übrig war. Die Bauchdecke des Hundes war aufgerissen, und es fehlten die Gedärme. Die Rippen des Tieres wirkten abgenagt. Große Bissspuren von anderen Hunden waren deutlich zu erkennen. Die ersten Ratten hatten sich bereits über die Überreste des Kadavers hergemacht.

»Ist wohl von seinen Kameraden getötet und dann gefressen worden«, stellte Peter fasziniert fest.

Sie ließen den toten Hund auf der Straße liegen und setzten ihren Weg fort.

»Glaubst du, es wird zu einem Bürgerkrieg kommen?«, fragte A2013. »Ich meine, was A1 alles gesagt hat, klang es fast so danach.«

»Wie soll ich das wissen?«, erwiderte Peter und zerrte an der Sporttasche, die ihm ständig zu entgleiten versuchte. »Aber schlecht wäre es nicht. Die Regierung ist so verlogen, da hilft nichts anderes mehr als ein totaler Krieg.«

Die Jungs überquerten einen verwilderten Parkplatz, hinter dem sich das Geheimversteck des Sirius-Kollektivs befand – die ehemalige Autofabrik der Stadt.

Die Autofabrik war einst das Wirtschaftswunder des Landes und international anerkannt. Vor einigen Jahren wurde sie jedoch geschlossen, und Tausende Arbeiter verloren dabei ihre Jobs. Es war der Anfang vom Ende für das Land. Heute war die Fabrik ein beliebter Ort, um Dinge loszuwerden, für die man normalerweise Entsorgungsgeld hätte zahlen müssen – alte Kühlschränke, defekte Waschmaschinen, beschädigte Möbel, kaputte Fahrräder und kleine Elektrogeräte wie Kaffeemaschinen und Toaster. Das Gebäude selbst sah aus, als hätte es einen Bombenangriff überstanden. Die großen Fenster waren eingeschlagen, Teile der Wände bröckelten oder waren mit Graffitis besprüht, und überall roch es stark nach altem Öl und rostigem Metall.

Zwei in Schwarz gekleidete Männer hielten vor dem Eingangstor der Fabrik Wache.

»Wie lauten eure Identifikationsnummern?«, fragte einer der Männer.

»A76667«, antwortete Peter gehorsam.

»A2013«, sagte sein Kamerad.

Der zweite Mann blickte auf eine Liste und nickte den Neuankömmlingen zu. »Ihr dürft passieren.«

Das große Eingangstor war einen Spalt weit geöffnet, sodass die beiden Jungs hindurchschlüpfen konnten.

»A76667, weißt du eigentlich, was das ›A‹ vor unserer Identifikationsnummer bedeutet?«

»Ich glaube, es steht für Anarchist«, antwortete Peter.

»Bist du dir sicher?«, hakte A2013 nach.

»Nein, sicher bin ich mir nicht, aber in deinem Fall könnte das ›A‹ auch für Ahnungsloser oder Armleuchter stehen.«

A2013 schnaufte verärgert und wollte gerade antworten, als er sah, wie A1 auf sie zukam.

A1 war der Gründer und Anführer des Sirius-Kollektivs. Peter schätzte den Mann um die fünfzig herum. A1 trug, wie alle Mitglieder des Kollektivs, schwarze Armeebekleidung. Die Narbe, die über seinen ganzen Kopf verlief, gehörte zum hervorstechendsten Merkmal ihres Anführers. Den Gerüchten zufolge hatte ihm ein Hund die gesamte Kopfhaut abgebissen. Nachdem ihm die Haut wieder angenäht worden war, hatte A1 das Tier aufgesucht, es kastriert und dem Vierbeiner seine eigenen Hoden zu fressen gegeben. Danach hatte er das Vieh getötet. Peter zweifelte jedoch am Wahrheitsgehalt der Geschichte.

A1 begutachtete die gestohlenen Werkzeuge, die sich in der Sporttasche befanden. »Das habt ihr gut gemacht, Kameraden. Mit dem Equipment können wir in die nächste Phase übergehen. Wie lauten eure Identifikationsnummern?«

»Mein Name ist Peter«, antwortete Peter reflexartig und bereute es sofort.

»Ich habe dich nicht nach deinem Namen gefragt, sondern nach deiner Nummer! Eure Namen interessieren mich nicht!«, stieß A1 wütend hervor. »Wir sind ein Kollektiv! Keine Individuen. Hättest du den Überfall alleine geschafft?«

»Nein«, sagte Peter. »Alleine hätte ich es nicht geschafft.«

»Du siehst also, im Kollektiv sind wir stark. Wer braucht da noch Namen? Also, wie lauten eure Nummern?«

»A76667«, sagte Peter.

»A2013«, sagte sein Kamerad.

A1 nickte zustimmend.

Hunderte Mitglieder des Sirius-Kollektivs hatten sich in der großen Halle versammelt und warteten ungeduldig auf ihren Anführer. An den Wänden der Fabrik wurden schwarze Fahnen, auf denen grinsende Totenköpfe zu sehen waren, aufgehängt.

A1 kletterte auf das Dach eines demolierten Autos und rief mit seiner rauen Stimme in die Menge: »Das Kollektiv bedeutet Ordnung. Das Individuum bedeutet Chaos.«

Die Anhänger des Sirius-Kollektivs, einschließlich Peter und A2013, wiederholten gehorsam seine Worte: »Das Kollektiv bedeutet Ordnung. Das Individuum bedeutet Chaos.«

»Gemeinsam sind wir stark. Alleine sind wir schwach«, ergänzte A1.

»Gemeinsam sind wir stark. Alleine sind wir schwach«, brüllten seine Anhänger fanatisch durch die Halle der Fabrik.

A1 grinste zufrieden. »Jetzt können wir beginnen!«

Endgame

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